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Full text of "Neue Heidelberger Jahrbücher"

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Neue Heidelberger 
Jahrbücher 



Historische-Philosophischer Verein 
(Heidelberg, Germany) 



le 




CHARLES MINOT 

RcccivetI 



BEÜE 

HEUEIBERGEE JAHBBÜCIEE 



HERAUSGEGEBEN 

VOM 

HlSTORlSCH-PHILOSüFIliSCHEN VEREINE 

zu 

HEIDELBERG 
JAHRGANG VI 



HEIDELBERG 
VERLAG VON G. KOESTER 

im 



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DEC 13 1896 j 



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INHALT. 



Sello 

Snrte ItoMtt» Orpheus 1 

F. TOB DoliB» über die archSologiBelie Durdifimcliaiig Italieu Innerhalb der 

letsten tdit Jalire 19 

Ch. HlUwn, CeeeDla MeteUa 50 

9. 8ixt, Zn den Votivalelnen dar equltei «iDgultffs 59 

BetBlwli HMs, Ytau Angmte Pattberg f)? 

B. Erdiuannsdörffer, Hduard Wiokelraann f 123 

Hpnry Thnde, Eine Ifalicnischo Fürstin ans der Zeit der ReaafaMPce . . 129 

Alexauflcr Riosp. Der Feldzng dt s Caligula an den Rhein 152 

A. H.iiiHrath, I utbcrs Bekehrung 163 

il. ErdnuinnHU(»rffer, Kleine R'ilräge zur Gwtbc- Biographie .... 137 

0. KarloHHf i'hcr die in Briefform ergangenen Krlasse römischer Kaiser . 211 

E. Kraepelin, /nr Hygiene der Arbeit 223 



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HEDE 

MlDELBEßGEI JAIBBÜCHEIl 

HEUAÜSGKÖKUKN 
VOM 

HISTORISCH-PHlLOSüPillSCHEN VEREINE 

zr 

HEIDELliKRG 
JAHRGANG VI HEFT 1 

— • 

HBIDBIiBBRa 

VERLAG VON G. KOESTER 

im 

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fTolTfnltliUi-Bncbrtiuclmwi von J. Mfiralwr. HHnMIwrir. 



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Orpheus. 

Von 

Erwiu llolide. 



Oipheos ist in Mode. Man ireias nieht rechte ob man ihm dazu 
Qlfick wfinaehen soll. Gcfwiss wird diireh die gesteigerte Aufmerksam- 
keit an TbatBaehen und Zusammenhängen manches ans Licht gefördert, 
was bis dahin im Dunkel lag; so haben Arbeiten der letzten Zeit unsere 
Kenntnis des Orphischen Wesens an einigen Punkten zurerlfissig erweitert 
und Tertiefb. Aber, wenn nun die Grenze dee uns noch Erkennbaren er- 
rdcbt ist, so steht zu förcfaten, dasB der lebhafte Wunsch, noch weiter 
ins Dunkle vorzudringen und womöglich mit recht Neuem und Unor** 
hörtem zu Tage zu kommen, sich der trfigerischen Leuchte jener wilden 
und schnellfertigen Eombinationsweise bedienen werde, an deren übler 
Einwirkung diese Philologie fin de $Uich in mehr als einem ihrer Ver- 
treter erkrankt ist. Die aus solcher Kombination gewonnenen fictiven 
Werte, behend in Umlauf gesetzt^ machen dann dem echten Qold der 
Oberliefemng bedenkliche Konkurrenz; nicht Jeder hat gleich den Prüf- 
stein zur Hand, zu erproben xp^a^ »aöapqt. ßaadsM^ — 

Das Buch^), das unsere Aufhierksamkeit auf sich zieht als die 
jüngste Leistung auf diesem viel durchfhrcbten Boden, enthält eine An- 
zahl selbständig neben einander stehender Abhandlungen über Gegenstände 
des Orphischen Rdigionskreises. Es liest sich nicht ohne Beschwerde. 
Aus mancherlei Gründen; Tomehmlich aber infolge einer sozns. stag- 
nierenden Darstellungsweise, die den fliessendeo Fortgang der Haupt- 
Untersuchung in kurzen Abständen immer wieder zu hemmen und zu 
breit ergossenen Teichen abschweifender Betrachtungen und Auseinander^ 
Setzungen über fernabliegende Dinge auseinanderhinfen zu lassen liebt. 

1) Orpheus. Untersuchungen zur griechischen, rümischen, altchiiallichen 
Jenseltsilichtung iintl Religion von Krnst Maass. MUiirbcn WM>. 

K£DS UKIOELB. JAUaBUKCUliR VL 1 



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2 



Erwin Hohdc 



Auf diese Weise kommi freilich vieles und vielerlei zur Sprache, wovon 
man nur gerade an dieser Stolle niebts zu hOren wfiDScht; hier and da 
wird der ermattende Leser durch eine aus emsiger und ausgedehnter 
Lektfire gewonnene sehfttzhare Notiz ermuntert; aber die Aafinerksam- 
keit wild tou der Hauptsache abgelenkt; die Teilnahme des Lesers er* 
mfidet, die Verfolgung des logischen Fadens, an dem die Untersuchung 
Iftuft oder laufen sollte, wird ihm ohne Not erschwert. Unsere Betrachtung 
soll sich einzig auf die Behandlung des, unter wucherndem Beiwerk bis- 
weilen kaum noch sichtbaren eigentlichen Themas des Buches richten. 

Die Arbeit eröffnet sich mit einem Abdruck und uoBStftndlioher Er> 
Orterung der aus Wideys Veröffentlichung in den Athen. Mitteilungen von 
1894 bekannt gewordenen athenischen lobakcbeninschrift (etwa aus dem 
Anfang des dritten Jahrhunderts nach Chr., nach Maass etwas älter). 
Nicht vor S. 62 gelangt der Verfiisser dazu, merken zu lassen, welchen 
Qrund er zu haben meine, diese Inschrift in einem Bache Uber Orpheus 
und Orphik zu behandeln. Es heisst in der Inschrift: wenn Verteilungen 
(wohl von Opferfleisch) stattfinden, sollen sich (ihren Teil) nehmen: 
UpeOi und vier weitere Priester und Beamte des Kollegiums, zwei Götter- 
paare (d. h. Hitglieder, o8g Set itaaxtoäZsadat slg ^t&v ätdßtatv* wie es 
in der Mysterieninschrift von Andania heisst), zuletzt i:p<uTe6p»HnnQ. 
Dieser Ausdruck lässt an einen i&ipjp»v^ einen pmesul bei Prozessionen 
und Tftnzen denken, der als Erster die rhythmischen Bewegungen ausfuhrt 
und die andern zu solchen anldtot, oder, wenn z 'jo-jUfwi einen Meister 
im /hffftfis bezeichnet (dergleichen das Kollegium mehrere haben konnte 
[gleichwie z. B. ein Pergamenisches Kollegium auf 17 ßomrnXot zwei 
üfütoäidäaxalot hat: Hermes 7, 40], ohne darum, wie Maass s[)ottet, ganz 
aus Tanzmeistem %a bestehn), der oberste dieser Meister. Hinter den 
vier Oöttom, als den Hauptfiguranten, mag dieser Mann, als der Anführer 
der dann noch folgenden Schaaren der Tanzenden passend seine Stelle 
finden. Maass denkt auf eine andere Auslegung; er rilt auf eine um- 
schreibende Bezeichnung des Orpheus, der als „erster Dichter, Musiker 
und Tfinzer* und als Vater des RhyAmwiuB (Anon. de mus., Oramm* 
laL VI 609, 10), oder, wie Maass ,mit Zuversicht* (aber ganz willkiirlicb) 
ändert, des Shythmua bonm, zfuozs'jp'jti/wg genannt werden könne. Nur 
auf Qrund dieser kaum auch nnr möglichen, durch keinen Schimmo' von 
Wahrscheinlichkeit empfohlenen, ratenden Deutung gilt es dem Ver&wer 
als völlig gewiss, dass die athenischen lobakchen einen orphischen 
Thiasoe bildeten. Sonst lassen ihre Steinten nichte dergleichen erkennen 
oder vermuten : es Iftsst sich vielmehr nidit verkennen, dass das eine der 



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Orpbeni 



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auf der Inschrift genannten zwei Güttpr]i;iar('. i'alaotniMi uii>l AplMtMÜto, 
nicht eben wie Gottheiten eines speziell oiiiliisclieii KiiUos aussieht; Ha 
hilft die Auskunft, dass diese zwei eben naclitiäglich zu den echt oiphi- 
schen Göttern des ersten Paares (Jto'^'jnn^, Küprj) hinzuffekommen seien. 

Weiterhin wünstlit ilor Verfasser glaublich zu iriachan, dass orphi- 
scher Kult in Athon von Staatsweeren betriehon worden sei. Plato, 
Rep. 2, 364 B— 385 A redet von uiuwanderiideii ÜY'jpxai, xai fuluzect;, 
die U. a. ßißMov ofiao"'^ iraoi/ouTat Mimoa'nt'j xai 'fl/tififog. xaiY ^'»j- 
izolo^m. 'tiHovTtQ »f) itn'^u'k louüTfii; aXka xai 7:''t?.sic, foi; dpa ?.'jiTeiQ ts 
xai xaiianiuH äHirr^nä-oy^ — iini xrh Als die Handelnden und Thüti^'im 
weiden deutlich nhorall die p. 364 H genannten dj"jpTat xai /täuTst^ be- 
zeichnet. Bezeugt ist nicht im mindesten „ein staatlicher Betrieb orplii- 
schen Kultes" (M. p. 76), sondern lediglich, wie verstflndii^e Beurteiler 
es von jeher aufgefasst haben, eine ^(dei^entliehe Zulas,-,uiii:( und Ver- 
wendung von Orpheotelesten und ihren, von ihneji scllist. nii ht von irgend 
welchen Priestein oder Beamten des Staates zu exekiitieicndt'ii Siihnungen 
und Weihen auch im Staatsauftrag (etwa zur Siihnung hesondeier öüeut- 
lieher f/jr;, wo sonst die Staaten, Athen u. a. berühmte fcJiUinepriester, 
wie den Kpiuiunides, heranzogen; in Sagen den Melampus. oder einen 
Bakis [Psi/rhe 388 1., 357, 2]). — Die Worte des Aiibtophauos, Ran. 
1032; des Pseudodemosth. 25, U (auch Plat. l luad. 690) deuten wohl 
auf das Anselien. eine gewisse Popularität der orpliisdien Weiiiekulte in 
Athen, aber diirdiaiis gar nicht darauf, dass der athenisclie Staat diesen 
Kultus ausgeübt habe (vgl. ijobeck, Äff/. 239). Maa.ss iVcilich behauptet 
friäscliweg, ,wir wissen", dass an den kleinen Mysterien in .\gra der 
orphische Zapreus, seine Leiden, seine Zerreissung durrli die Titanen, 
dramatisch vorgefiilirt worden seien (p. 81). Haiipt/eugo ist ihm Nonniis, 
der, />io»y.s'. 4ö, 9f)J> }»erichtet : die Atiiener verehren einen dreifachen 
DionysofJ, Z^ypia txpu Hnnfiuf) xai l<i'^/f;>- Nun ja. wird man denken, den 
lakchos in Eieusis, den lifii'-nuic an den Dionysien, Leniien, Anti 
den Zagreus in den Kulten orp)ii>clier Genosbenischaften. Nein, auch den 
Zagreiis an einem Staatsle^te, fordert Maas». Aber da^ behauptet Nonnus 
gar nicht; und dass überhaupt der l'oet in seiner vorüberrauschenden 
Phrase eine sorgfältige, antiquarisch genaue Sclieidung zwischen Staats- 
kult und Orgeonenkult machen wolle (und seinen Kenntnissen nach — 
die sit h nur auf das poetisch-mythologische Gebiet erstrecken — habe 
machen können) — wer soll denn das glauben? Diese von ihm zu 
seinen Zwecken ungebillirlicli gejuesste Phrase eines ägyptisciien Chri.sten 
aus dem fünften Jahriiundcrt giebt dem Verfasser da» einzige Zeugnis 



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Enrii B«lide 



für das Besteh«! eines staatliclieD Zogrenskultes nach orphiecber Obsemnz 
in dem Athen der Uasuschen Zeit Er vereicbert freilich (p. 81 Anin.): 
.Aman bezeugt dasselbe, ebenso Steph. Qyz.*. Mit Verlaub! Aman. 
oNoft. 2, 16,8 spricht ansdracklich von lakchos, der ?on den orphi- 
schen Zagreus völlig Tersebieden ist, und dessen Verehrung in Agra und 
Eleusis noch niemand bezweifelt hat St^banus Byz. s. "Ajrpa giebt als 
Inhalt der kleinen, in Agra gefeierten Hysterien an: pl^fn^ räi/ m/A r»M 
4ttmat»v, Von Zagreus kein Wort, noch weniger von ^seinen Leiden, 
seiner Zerreissung durch die Titanen*, die Maass kurzweg hier sub- 
stituiert. Gemeint ist zweifellos, an dieser Vorfeier der elensinisclien 
Weihen, derselbe Gott, dessen Bild spiter nach Bleusis feierlieh getragen 
und der dort gefeiert wurde, lakchos (s. Weicker, Omtrl. % 546; 
Aydle 262). 

Mit dem „Zeugnis* des Arrian und des Stephanus (Qr die neue 
Lehre ist es nichts. Auch Pbilostratus (M. p. 84) kann das rermisste 
Zeugnis nicht liefern. Wenn bei ihm (r. Äpdh 4, 21) Apollonins ron 
Tyana im Antbesterion an den Stamota in das Theater geht, erwartend, 
dort lyrisch-dramatischen AuilQhrungen anwohnen zu kennen, so ist es 
rein unmöglich, hierbei (mit Haass) an die Festfeier der kleinen Mysterien 
(die kurzweg Jtwöma nie genannt werden konnten) zu denken. Öffent- 
lich, im ungedeckten Theater, in das jedermann beliebig eintritt, soihm 
die Mysterien agiert worden sein? Und der alles Mysterienwesens fiber> 
kundige Apollonlus soll erwartet haben, an den Mysterien funt^ioQ xoi 
/ttXtutndttQ Ttapaßdaeatt t« xüUt pu^ft&v on/imt xtufo^dlaQ n xak tfmif^h 
aufgeführt zu sehen? Wenn nun statt des Erwarteten die 
entartete Ennstfibung der Zeit ihm pszal^ rigfc 'OpfiutQ inomtias rs xat 
UsüXnYuts bakebische Tänze TorfAbrte, so kann sich auch das nicht auf 
die Mysterien zu Agra — von denen eben gar nicht die Rede ist — be- 
ziehen; und wäre in der That, wie Maass wünscht, ron diesen die Bede, 
so wftren ihnen ja Vorfahrungen orpbisch-bakcbisehen Charakters, die 
Maass ihnen als altes und legitimes Besitztum zuzuweisen wfinscht, 
nur als spftte Entartung zugesprochen, die neue Lehre wftre also auch 
dann gar nicht unterstfitzt. In Wirklichkeit kann nur an die (entartete) 
Anthesterienfeier gedacht werden, wie das auch Ton jeher geschehen ist. 

Unter dem, was Maass p. 87 ff. sonst noch vorbringt, um staatliche 
Feiern orphischen Charakters in Athen zu erbftrten, gehört Eurip. H^. 
25 ff. überhaupt nicht hierher; die Phrasen des Himerius, er. 8 p. 482 W., 
beziehen sich auf die Dionysosfeier in Agra, die ja niemand ÜLugnet, 
aber doch nicht im mindesten auf den orphischen Zagrens; wenn Clemens 



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Orphfloi 



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Alex, firoir, p. 21 D. (Sylb.) ta h ^Aj^ piHn^fna nak tk ^AXt/uKfvrt 
t^g 'Arta^g flüchtig erwSliDt^ als Beispiele ganz aaf ein enges und 
obBcares Lokal liescbrftniiter Mjsterienfeiern, so ist es eine ganz unzn- 
lilssige Willkür, diesen Hysterien in Agra als Inhalt (mit Maass) KUtu* 
weisen das, was Clemens in dem losen Agglomerat von Excerpten nnd 
homiletisehen Betracbtongsn, aus denen er sdne Schrift anfschichtet, 
viele Seiten frfiher berichtet bat, an einer Stelle, die mit p. 21 D in gar 
keinem Zusammenhang steht noch stehen soll, p. 11D~12B; wo in der 
Reihe der mit Mysterien gefeierten Götter auch Dionysos vorkommt, 
und nun die orphiscbe Fonn der Brzählnng von seinen mUhj skizziert 
wird. » Die Ohrysost 12 p. 387. 388 R. redet von den Bindrficken bei 
einer groesartigen Mysterienfeier (wahrscheinlich der Eleusinischen), von 
der er das iv rtff nahupiv^ i^p&utofm Oeechehende ausdrflcklicb unter- 
scheidet (dass der äptmüftng den .Akt der ersten Weihe'' bezeichne, 
wie Maass angiebt, p. 93, ist nur eine seiner Deutung der Stelle dienende 
Fictiott : überliefert ist nichts deigleicfaen. rtäpfm^avog uf&t [toiq ßimg] 
— TeveJiei^iivog, Pap^. AegypQ, Der Einzuweihende werde, meint Dio, 
in den seltsamen Vorgängen der Weihen Sinn und wohlbedachte Absicht 
empfinden ; und ebenso der Mensch bei Betrachtung der Voigftnge in 
Gottes Welt. Da nun Origenes e. Cd$, 2, 10 von r«»?c iv vug Bax^tx^g 
ttlmu/t tä fdofiata xak dt^mra npoetväjf*^»^ rede, Proclus (M. p. 95 
Anm.) von xttraKhjHtg und dpprjTmv fa^tArm dei^ an Weibefesten 
3t pb xijg rati dtm itupouam/t, so habe Dio, der freilich gar nicht von 
einem «pottadftu redet, dionysische Weihen im Sinn, und zwar 
entweder in Agra oder in Blensis begangene. Wenn auch die Konklu- 
sionen einer so wundersamen Logik ebenso giltig wftren, wie sie ver- 
blüffend sind: was ergftbe sich denn seibat dann aus ihnen für das, 
worauf es hier allein ankommt, für orphiscbe Staatsfeiern in Agra? 
Diese, immer noob mit nichts nachgewiesen, liegen dem Verfasser nun 
schon so schwer in Gedanken, dass, wie Proclus (in Tim. 330 B) nur 
den Vers: KuxXatf n J(^$at — als Gebet der imp* *Opf€t Auimo^ lutk 

KAp^ nkoüptMK erw&lint, er alsbald von den Mysterien su Agra 
redet, wo doch Proclua ganz nnfntglich an die Weihen orphiscber 9iaam 
denkt, deren p&<nat bekanntlich, so gut wie dem Dionysos, seiner Mutter^ 
der )flwAmv ßaaihta, geweiht wurden. 

So viel, oder so wenig, von den orphischen Mysterien, die der Ver- 
fasser vom athenischen Staate in Agra möchte gefeiert wissen. Es fehlt 
jeder, auch nur ii^ndwie von ferne scheinbare Beweis für diese Be- 
hauptung. Und wenn man von verblassten Worten zu deutlichen Vor- 



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Erwin Robde 



stelluDgen vordriiit^t. bo iM^iibt sich vollends «las rnd» nkbure dieser An- 
nahme. Wer sich Inlialt. Tinfang und Ziele der reeliten Orpliik, ilire 
durchaus auf allegurisi hes Verstäudnis angeleimten Mythen, ihiü Lehren 
und Satzuii;;en. ihre Weisungen für die Askese in einem völligen ßtog 
Vft^txöc, ihre Verheissuneen. die his zu endlicher Vergoltuiig der 
Menschensoele hinautfiihrt'ii, — wer bich dies alles anschaulich vor Augen 
stellt, dem mnss der Gedanke wahrhaft monströs erscheinen, dass all 
dieses, in den ^fv.sterien zu Agra aller Welt eingeflosöL, nur eine Vor- 
stute zu der groaseu Weihe in Kleusis, deren viel bescheideneren Sinn 
und Inhalt wir ja auch geniii^end kennen. h;il»e bilden können, »md die 
Vorstellung, dass die orpliischen und die eleiisinischen Weihen, die ein- 
ander nicht ergänzen sondern aussch Hessen, im athenischen Staatscult 
auf- und übereinander getürmt worden seien, als ein ungeheuerlieher 
Unsinn gelten. Ks ist nirlit uuwahrseheinlieh (aus (iründen, die hier 
nicht entwickelt werden sullrn). dass die Staatsmysterien und die My- 
sterien der orpliiseheii ( '.uiventikel einige Fühlung miteinander (wahr- 
scheinlich erst in spätiier Zeit) gewniineü haben: um die Aut'nahmo des 
eigentlichen Inhalts 'ler oridiischen Heilslehre (etwa auch nur des alle- 
gorischen Mythu-« von der /erreissuug des Zagreus. der alles übrige 
naeh sieh ziehen ]iHi«8te) in die Staatsmysterien kann es sich daliei 
nicht gehandelt haben. Das wäre einer Zersjirengung des achten und 
wesentlichen (iehaltes der eleiisinischen Mysterien gleichgekommen; auch 
L'iebt nie und iiir^eniis ein antiker Zeuge Nachricht oder eine Andeutung 
davon, dass von den spezitisch orphischen Mythen und den Lehren 
orphischer 'Iheobigie irgend etwas in Eleusis Fuss gefasst habe. Die 
Entlehnungen, so weit sie stattfanden, können nicht über Äusserlichcs 
und Nel>enwerk hinausgegangen >eiii. I)a>s aber nun gar. zu irgend 
einer Zeit, die unerme»slichen Schaaren der im Laule der Zeit in Agra 
in die kleinen Mysterien des Staates Einge\\ eihten sich mit den Lehren 
und Weisungen der orphischen Erlösungsreligion dtirchdnmgen hätten, 
die orpbische Lehre also ein Stück des ( /»</<> unget'aiir aller Athener, 
und wie virler Griechen (und Ixönier) sonst, geldldet habe — man 
braucht 'l;is nur auszusj. rechen, mit dem vollen Itewusstsein dessen, 
was es zu bedeuten hat, um zu scnn, liass es niemals war, niemals 
bat i^ein können Es fehlen denn auch — zum Glück — in dem 

1) Um nur eine sdiirartie Probe der UmnO^ebkeiten, die dieie neue Lehre 
bervomift, tn geben: soll man denn glauben, dan alle in die atheiiieclien Staats- 

inysterien Kin^'evveihfpn n.ich orphisrher Ueligionsvorschrift sich aller Fleiscliti.ahrung 
itir L«beu laug euiliallcn bubeu / Aliiass, dem bei dieser VorateUuog doch wohl 



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QrphMB 



7 



geistigen Nachlass des Griechentums alle Spuren einer solcheD Ana* 
breitiiiig und Popalarisierung diaser myatiachen SekteDlehre. 

«Orpheus ein griechischer Gott" überschreibt sich das zweite Kapitel 
(p. 129 ff.). Hier ist nun die Rede von den Sagen, die Oipheus am 
thrakischen FtongaioD, sein Orab in Leibethra lokalisieren. Der Ver&sser 
sucht dieses Leibethra auch am P&ngaion, in einzelnen Fftllen vielleicht 
mit Becht*). Dann von den Sagen, die von der Zerreissang des Orpheus 
durch Thrakerinnen am Hebros erzählen, uod wie darnach sein Haupt und 
seine Leyer nach Lesbos geschwommen sei, oder (das Haupt) nach der 
Mändung des Meies, wo Orpheus erst mit heroiseheo, -später mit gött- 
lichen Ehren verehrt worden sei. Diese Oeschtcbten ktonen doch nicht 
zur Erhärtung eines anderen als thrakischen Ursprungs des Orpheus 
dienen. Andere Sagen lassen ihn stammen aus oder sich aufhalten in 
Dion, genauer io der benachbarten xmfoi Fimpleia, unterhalb des Olymp, 
dicht hei der Meereekfiste in Pierien. In Dion war des Orpheus Grab, 
in Leibethra sein hOlzemea Bild, das vor Aleianders des Grossen Auf- 
bruch nach Asien schwitxte. (Plut. Akx, 14. Dass nicht das pangäische 
L. genaeint ist, wie Haass p. 147 annimmt, sondern das berühmte 
pierische L., leigt der Parallelbericht des Airian 1, 11, 2. S. Knapp 
p. 6, 1 [vmerrt Pseudocallistb. 1, 42]). Auch diese Lokalisierung will 
jedenfidls 0. zum Thraker machen, /fte^ea xuk'tfhtfxmiQ mt nfyatlu 
xak JUiß^ptfU th istthuhv Sp^xui j^/na mt opi^. Strab* 10, 471. (S. 
Knapp, Orphiutdanidl, p. 6. AusdrficUich /%tn., fab, 14 init: Orpheus 
Tkrax ex urbe Pknplea [? fieoia ist überliefert] quae ett in (Hjfa^nMmte 
ad ftumm Empeum»). Maass (p. 146) macht aus diesem Bricht Fol- 
gendes; ,nach einer verbreiteten Ueberlieferung wird Orpheus der Olymp, 
der thesaalische GQtterberg, als Aufenthalt angewiesen — ; so erfreut 
er wie Apollon die olympischen Götter.* Das Letste ist 

migemntllc h zu Sinn werden mochte, bescbrilnkt die «""/^ iffxl>''r/oyy für Orphiker 
nar auf deo »beiligen Mooat" (p. 87 u. ö.). Aber zu dieser Einscbränkuug hat uur 
er sdber stdi di« YollmMlit ertdlt; dte antiken Beriebt« besdirtnken die Fleisch* 
enthaltang der Orpbiker zeitlich dorcbaus nicht; die <)ri)hikcr waren vülh'gc Vege- 
tariancr (aus religiösen Gründen), ganz wie Empfdoklii?, wie die meisten Pythagorecr 
(wahrscheinlich schon Pythagoras selbst), wie später Apollonias von Tyana u. A. 

1) S. 136 Anro. hat M. darin liecht, dass bei Macrob. Sat. 1, 18, 1 meine Ver- 
motong; dan itatt TAgpreoi wa «chieibeD sei Liffyriseoe /Ftff^ 314, 3) unhaltbar 
ist. Sein: Lileihrios könnte leidlicher scheinen; doch wäre es nicht wohlgcthau, 
so beiläufig ihirch eine niiriistationänderuni: fin Dionysos o r a k p 1 in I-r-ibotlirn 
in die Welt zu setzen, von dem man sonst nichts hurt. Das pierische iicihvibra hatte 
j«denb11s kein eigenes Orakel: es besog Orakel nnderswober ix ff/taxi^g: Pens. 9, 
30, 9. 



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8 



Enda Rohde 



seine «'igune freie Krliiidung: kein antiker Zou^e sagt dies oih^r otwa 
üluiliclies. Cä hätte Orpheus, der gar nicht auf dem Uiyiiil), sondern 
tief unten an dessen unterstem Fuss sich authält, auch schwer werden 
sollen, die auf den unsichtbaren hAchsten nij»feln des Berges thron« inion 
Götter durch sein Sjdel zu , erfreuen wie ApoUon". Aber diese seine eigene 
freie Phantasie genügt dem Verfasser, um fortzufahren: ,giebt es einen 
schlagenderen Beweis, dass ( )r{diens grieL-hiseher Nationalitiit nieht mir, 
dass er in gewi<^eni Sinne ein apollinisches Wesen war?** Ja, wenn es 
dafür keine schlagenderen Beweise giebt als diese , verbreitete Ueber- 
lietening". die den Orpheus zum Tiuaker. in altthrakisohem Lande 
wohnhaft, mit Apollo ganz ausser aller Verbindung stehend, macht, 
und durch eine einfaelie rlieturisdie Frage nieht in ilir eigenes Gegen- 
teil umgestülpt werden kann. — dann steht es freilieh schlimm mit der 
Theorie von Orpheus, dem griechischen, apolloartigen (lott. Dies ist 
in der That eine charakteristische Probe der Art, in der der Verfasser 
für seine Thesen .Hcwei-e" findet oder macht. Mit diesem ^schlagenden 
Beweise" gilt ihm die iiier aufgestellte These als vollkommen gesichert. 
In Wahrheit fehlt ihr jedes Fundament, (iricchisehem Ursprung kommt 
jedenfalls 0. nicht näher, wenn in dem Stammbaum des Homer und 
Hesiod, den Hellanicus (tmd l'herekydcs) anfertigten (s. Khein. }fm. 36, 
386 f., 395) als sein Vater Uiagros (stets als Thraker gedacht), als 
seine Grosseltern Pieros und v'v«c-)j J/e^Vwi/j; (Kponyme der Gegend 
von Metiione an der Grenze von Pierien) genannt werden (M. p. 153 ff.). 
Eher könnte verweiulliar -.ciieinen die (möglicherweise auf riianodemos 
zurückgehende) Angabe, dass Leos von Hagnus in Attika. der seine 
Töchter für das Vaterland sieh opfern liess, 8ohn des Orpheus gewesen 
sei (M. 129). Für gewrdiuiich haben freilich die Kechenpfennige der 
Genealogen keinen ernsthaften Kurs; diesesmal muss — car fei ettf Nottr 
j)lawr — eine d(*rtlier stammende Angabe achtes Gold der Überlieferung 
sein. Orpheus ist also in Attika ,7u Hause". Es steht aber nirgends 
gesehriehen, dass jener Orpheu.s. Vater des Leos, nicht einfach der be- 
rühmte Htufz',: i> f'/'o'^ war und sein sollte. Den 'l'hraker zum \ater 
eines attischen Heros zu aiaciien, konnte den Genealogen wenig Hedenkon 
erregen; so nennen sie die auch für Athen sich opfernden attischen 
' l'uxtufiios; Töchter des Hyakinthos. und zwar ausdrücklich ' ?6(r;'>rV'/7 
zo'j Auy.zdatffu)/!,- (Har]»oerat. s. ' YaxMhoe,;; Apollodor. III 212 Wagn.). 
Gerade die atti.schcn Schnllsteller. Aeschylus, Euripides, der Verfasser 
des für Athen bestimmten '/'t^u»^; de.«!gleiclii ii Plato, auch die attische 
Kunst, kennen Orpheuü nicht als einheiiiiischeu Heros, soudern diuchauä 



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Orpheus 



9 



nur als Thraker. — Es bleibt f&r deo Qriechen Orpbeus kein Zeug- 
nis fibrig als das — des liber montlrontm. Dieser (Haupt. Opunc 2, 229) 
bericbtet: Orpheus cithari^ erat Amta$ d quintus cithamta in Graeeia, 
Der wackere Mönch, der (etwa im 8. Jahrhundert) das Büchleia zu- 
sammenschrieb, dachte hierbei ohne Zweifel an den j)lu^ Aenms; der 
Verdacht liegt sehr nahe, dass der Name des Virgilischeu Helden sich 
ihm untergeschoben habe, statt desjenigen der Stadt Ainos: d ut, am 
Ausfluss des Hebros, in altthrakischer Gegnid {ffft7fXto\^ uyog, ?fg d/i 
Alvnffev eiATjAooäei II. J. 520 '/*r^nog, AtvsuT» zdkfvjQ Hipponax, fr. 42) war 
ja ein Hauptsitz des Oi ])lieus. Maa^s (142 fl.) denkt an die Stadt Aineia 
auf der nordvrestlicben Ecke der Chalkidike, und nimmt diese Nachricht 
ungemein wichtig; aus ihr allein eruiert er seinen .mioyschen Gott" 
Orpheus, mit dem er fortan hantiert. (Die Bewohner von Aineia seien 
Dach ^einor Vermuthung, einer sehr ansprechenden** eine Art Arkader 
gewesen; Arkader oder, so «dGrfen wir ruhig sagen*^, Minyer. Den 
«Qott" giebt unser Verfasser aus eigenen Mitteln zu; der Uhtr numStronm 
ist hieran noch unschuldiger als an dem Übrigen '). 

Dieser ^Minyergott Orpheus", der auf den doch wirklich uoerhiubt 
dflnnen und kränklichen Kombinationsbeinchen, auf denen er steht, nicht 
weit kommen wird, ist, nach p. 147, apollinischer Art, dabei aber den- 
noch (p. 150) „ein echt chthonischer Qott"; zu Dionj^ hat er von 
Hause aus keine Beziehung. In der That heisst ja Orpheus der Kitharode 
(und eben als Kitbarode) bisweilen ein Sohn nicht des Oiagros, sondern 
des Apollo (a. Klausen, Orj^eus [E. und Qmber] p. 11; Haass 148). 
Damit ist ihm Beziehung zu dionysischen Orgien noch keineswegs abge- 
sprochen (so wenig wie etwa dm Melampua, dem ^AmtUam ^tkuxog. 
S. Ps!fdie 389 f.) in einer Zeit die von einem Widentrat des Apollo 
und Dicoysoa nichts mehr weiss, den Apollo (besonders den delphischen) 
vielmehr als Patron des (ekstatischen) Dionysoskuttes kennt Insbesondere 
orphische Poesie und Theologie weiss nur von inniger Eintracht des Apoll 
und Dionys. Dagegen wirklich in einen Gegensatz zu dionysischem 
Orgiasmas setzte den Apollo-Helios-Diener Orpheus (fibrigena den tbra- 
ki sehen Orpheus, nicht einen „griechischen Oott* Orpheus, den ee nie 
gegeben hat) Aeschylus in den Baowpiäsq* Ob das eine Konstniktion 
des Dichters war, durch die das in ftlterer Sage überlieferte Schicksal 
des 0., seine Zerreissung durch die dionysischen Maenaden, erklftrt werden 
sollte (nach Analogie der Zerreissung dos Lykurg, des Pentheus)? Oder 

1) Binrarfns «r. 5 p. 482 t (i. U 143) will nichts mit« aageo «ta: Orplieat 
hatte von ReehUwegMi in Thessalonike sti Ilaiue «dB tollen. 



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10 



Erwin Kohde 



ob wirklich alte, vielleicht älteste Gestaltung (1er Orj)heussage den 
Orpheut^ nur als ifnftfnxzdq, ainow/ zarijt, ganz apollinisclien, antidiony- 
sisehen Oliarakters kannte, den erst spätere Sagen mit seinem Gegen- 
lussler, einem hieratischen 0., Stifter dionysischer Orgien, vertauschte 
(man sieht freilich nicht, wodurch bewogen) oder verschmolz ? (So un- 
gefähr denkt sich Klausen p. 21 die Sache.) Eine £^nz reinliche Scheidung 
zwischen den beiden Orjihei ist schon darum nicht möglich, weil die 
Sagra von der Hadesfahrt, von der Zerreissung des 0^ die, aU Parallelen 
zu bekannten dionysischen Sagen, deutlich auf Zusammenhang mit diony- 
sischem Kult hinweisen, sich geradn an den nicht-hieratischen, den apol- 
linischen Kitharoden Orpheus geheftet haben. Lassen wir*s also bei 
der Frage. Es scheint allori]inc:s Leute zu geben, bei denen Solche, 
die in tenehrae dieser Art, in denen (wenn wir einmal die Wahrheit 
irestehen wollen) kein Mensch irgend etwas deutlich sehen kann, den 
Lyokeus spielen, und den Naiven zuversichtlich und bestimmt ersähleUf 
was sich da alles im Dunkeln rege, howurniernde Hochachtung geniessen. 

Bei Maass giebt es also in uralter Zeit — nicht einen apollinischen 
Kitharoden Orpheus (auf den doch höchstens irgend eine Art von Über- 
lieferung führen könnte) sondern einen „minyschen Gott* Orpheus. Dieser 
genoss in ältester Zeit einen Kult, der mit Dionysischem noch gani 
unverbunden war. Spunm solcher ältesten Orphik ohne Dionysos-Zagreus 
findet er (p. 162 tf.) — man sollte 's nicht denken — bei dem Scribenteu, 
der, etwa im ersten Jahrb. vor Chr., der Phintys eine Schrift Txpt 
Xmwxbq amfpoüwaq unterschoh: denn dort (Stob. Ftot\ 74, 61) werden 
py t h a g 0 r 0 1* s ♦ ]! e n Frauen f^ftpaofun xdt fiaxoMaanm verboten. 
Was in aller Welt soll daraus für Orphik, und gar für eine urälteste 
Orphik folgen? Hat es denn wirklich schon BO unkundige oder un- 
klare Leute gegeben, die das Pythagoreerthum auch in orgiastischm 
Kult den orphischen biaam nacheifernd sich gedacht haben, oder ge- 
meint haben, alles was jtvtlm ' reisch (und pseudopythagoreisch) sei, 
mässe auch orphiscb sein, und umgekehrt? — Herodot soll (M. 164 ff.) von 
einer Orphik ohne Dionysos wissen, 2, 81, wo er nach M.'s (leicht als un- 
richtig zn erweisender) Auslegung die '0(nfty.a xm Üaxj[t»d nicht ver- 
binde, sondern untersclioi lc Das Argument hätte nur dann einen Sinn, 
wenn angenommen wird, dass noch zu der Zeit, als Herodot schrieb, in 
den Anfängen des peloponnesischen Krieges, die Verbindung der Orphik 
mit „dionysischer Religion" nicht vollzogen war. Immer noch nicht, 
nachdem doch ein Jahrhundert vorher Orininakritos, der 1 l uet der 
athenischen Orphik, Jt»vOa^ amti&i^x^v ofipa (Paus. 8, 37, «>) und von 



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n 



dor Zerreisaung des Dionys durch die Titanen gedichtet hatte. Herodot 
erlftutert (nach der richtigen Erklärung) den Inhalt der ' Of^ftKa durch 
den Zusats xak Baxxtxd% unterschiede er aber aach V/. von Ii., was hätte 
denn das veitor zu hesagen, ab was kein Kundiger je geleugnet hat : dass 
ausser und neben dem orpbisch-dionysiseheii Kult es auch anderen und 
sehr mannichfaeh gestalteten Bakchoskult und dionysische Orgien gab, die 
als Bttxjpxd (in genere) aeben den *Opftxd genannt werden konnten? — So 
wenig Dionysoekult beschrftnkt war auf die Orphiker, ebensowenig waren 
die Ocphiker in ihrem Kult beschrftnkt auf Dionysos (ich weiss Ton nie- 
manden, der sich das eingebildet h&tte). Maass (166) schliesst, in der 
Art zu argumentieren, gegen deren Überraschungen wir nun schon ab- 
gehärtet sind: weil 0. auch Stifter von Kulten der Kore^ der Demeter, 
der Hekate heisse, so habe er ursprflnglich mit Dionysos nichts zu thun. 

Schliesslich macht sich der Verfasser daran, den Entwicklungsgang 
der orphischen Religion, den er mit voller Qewissheit ,zu erkennen im 
Stande ist,* absumalen (p. 168 ff.) Erst gab es einen idnen Kult des 
griechischen, minyschen Gottes (.and Propheten* 168) Orpheus; schon 
neben ihm die Lehre von dem Göttlichen im Menschen, der Unsterblichkeit 
der Seele, die Sage von der Zerreissung des Gottes durch ,hrgend welche 
böse Feinde*, welche die Zerteilung des einen Gotteswesens durch die 
Welt der Erscheinungen bedeuten sollte. Also diese theologische, speku- 
lative Dichtung der Orphik (s. 412) bestand, lange vor aller 
Theologie, in rein griechischer Yolkssage. Und die greuliche, kanni- 
balisch« Symbolik von der Zerreissung des lebendigen Leibes begegnet 
uns nicht, wie sonst immer, im Sagenkreis des thrakiscben, ekstatischen 
Dionysos (bei Lykurg, Fentheus, dem thrakiscben Orpheus, dem Zagreus 
selbst), in der Kultpraxis thrakischer Dionysosorj^en (bei der Zerreissung 
des Stieres; jBi^e 803; 807; 411), sondern in ungemischt griechischer, 
nicht dionysischer Religion urältester Zeit! — Diese uralte, mit dio- 
nysischem noch unvermischte, griechisch-orphische Unsterblichkeitslebre 
(?on deren Dasein vor der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts nirgends das 
geringste su spfiren ist) übernahm Pythagoras und seine Schule; sie fSgten 
abw selbständig die Seelenwanderungsl^re hinzu (man erwarte keinen 
Beweis für diese grundfalsche Behauptung). Mittlerweile waren, und seit 
langem, die Minyer mit ihrem Gotte Orpheus an die thrakische Käste 
gelangt (p. 157 ff.) Dort trafen sie eine der ihrigen unglaublich ähn- 
liche Religion an. Zuvörderst die Geschichte von dem Gott-heros Zalmoxis, 
welche ein&ch ^^ie Orpheusgescbichte* ist (p. 158. In Wahrheit ist frei- 
lich alles hier und dort verschieden. S. ttber Zalmoxis JRt^fte 319 ff,) Dann 



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12 



Enm fUM» 



aber Kult und Kultsage des thrakischen Dionysos. Auch hier Zer- 
reiBsang des Gottes, hier durch die bösen Titanen (also auch die sind 
spezifiscli thrakisch), die den Leib des Gottes fressen, dann durcii deD 
Blitz des Zeus verbrannt, aus ihrer Asche das Menschengeschlecht hervor- 
gehen lassen. Diese Irakischen Dionysossagen sind der tirgriechischeo 
Orpheussage „vollkommen gleichartig" (y. 170): heide sind :uis , iden- 
tischen Elementen* zusammengesetzt (p. l.')7). In l'hrakien verschmolzen 
nun die niinysche Orphik und die dionysische Religion der Thraker. 
Der n)iny»cho Gott ^Orpheus ward zum Propheten des thrakischen Dio- 
nysos, aber widerwillig (!)" (p. 158); und von da an gab es eine dio- 
nysisch-orphische Ueligion. (In der praestabilierten Havn)onie zwischen 
der neiierl'tindenon orphischen Minyerreligion und der thrakischen Dio- 
nysosreligioii tiiulct P. Knapp, l'ther OrpheusdnrMflhuKjen [Proi,n . Gymn. 
TGbingen 1895], in welcher Schrift eine Ueihe. durchweg treffender Ein- 
wendungen gegen diese neuen Konstruktionen der Orphik vorgebracht 
werden, mit Kecht , einen der schwächsten Punkte der neuen Auffassung* 
(p. 9). Eh kann freilich auf einen schwachen Punkt mehr oder weniger 
nicht ankommen, wo alle l'unkte von gleicher Schwache sind). Nachher, 
heisst es weiter, habe sich orphisch-pythagoreisches und orphisch-dio- 
nysischeä vermii^cht; zuletzt sei Phito darQber zugekommen. 

Es kann Niemanden angeraten werden, för diesen Human (den man 
wohl kaum auch nur »gut erfunden" nennen kann) die einfache, mit 
einfachen Mitteln zu gewinnende Wahrheit preis zu geben: dass die 
orphische Keligionsbewegung eine rein griechische ist, von Griechen, für 
Griechen, nach griechischen Seelenbedürfnissen durchgeführt, aber durch- 
geführt auf dem Boden des thrakischen Dionysoskultes und seiner Mythen, 
seiner Impulse, SMner Ahnungen und fast schon Lehren. Dass es thra- 
kischer Kult war, dessen bewegende Gedanken hier, in Verflechtung 
mit acht griechischer Sage und griechischen Beligionsstrebungen, zu einer 
aus Symbolen und unverhüllten Lehren gemischten Theosophie ausge- 
bildet wurden, kündigt sich noch in der FiL'iir des Trägers aller hier 
gespendeten Offenbarung, des Orpheus, an, den diese theologische Poesie 
durchaus als thrakischen Sänger, Propheten und Hiorophantcn fasst, mag 
im übrigen seine Gestalt und sein Wesen in älterer Sage welches Ans- 
selien immer gehabt, welche Wandlungen immer durchgemacht haben (das 
ist fär diesm Zusammenhang eine durchaus untergeordnete Frage). Vor 
dieser Vefehtigung griechischer Theologie mit thrakischem Dionysoskult, 
und ohne sie, (und also auch vor der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts) 
hat es eine Orphik nie g^eben. Das Werden und Hervorspringen and 



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OrphniB 



13 



die ersten Schritte dieses Religionsn^ehiMes sind mit;, anders als bei an- 
deren, gleich dieser nicht gewoideiiün, sondom gestifteten Religionen' 
tnicrkeanbar; es würde aber unsere Erkenntnis nicht fördern, wenn wir, 
wo das Brot ächter Cebeiiieieriin*^ fthlt, ilir die Steine selbstersonnener 
Konstniktionen und Fabeln autdräugen wollten. 

Cap. TIT (]). 173 li.i ,Aüs dem orpliiscben Hymnenbnch". Cber den 
synkretiytisclien Charakter der iu den „orphischen'* Hymnen an«:en!fenen 
Göttergesellschaft (die doch noch Niemand verkannt hati mr i, nicht 
sonderlich aufklärend, geredet; auch über die hohe Altertünilichkeit der 
in diesen lljuiiien nachgebildeten Weise der v/zv^^t xh^z'.xai. Den iu dem 
achulmeistemden Tone, in dein zu reden der Verfasser hier und anderswo 
fBr geziemend und gesehniackvoll hält, hart angelassenen , Philologen" 
war die Art dieser v/iw« nicht so unbekannt und unverständlich wie hier 
vorausgesetzt wird. Einige gute Iknierkungen, von denen der Verfasser 
hätte lernen können, giebt z. B., auch die orphischen Hymnen niclit ver- 
gessend, Hergk, Gr. Litt. 1.326 11.— In hymn. 24, 12; 76, 10 weisen, 
meint M. 184/5, die Worte: KuXhu-rr^ nhv firjTtn darauf hin, das.s Orpheus 
selbst als Sprecher dieser Hymnen gedacht sei. Unbedingt sicher ist das 
nicht: warum soll nicht der orjdiische /t'jarrji oder ßii'jxö/.a^., der hier 
redet, sagen können: „mit Kalliope der Mutter", seil. uns'Mcs Orpheus? 
Keinenfalls folgt aber, dass h. 1,9 (wo xo-jor^'^ gewiss ;inf lli-kat*?, nicht, 
wie M. "<vill. auf Persephone geht) 10; 31, r» f.. der redende ßofjxt'doi; 
Orpheus Min idh-m', der (anders als Dionysos .^elbst) nie /?"'jr''^."v heisst, 
obwohl Maa.^s wieder und wieder versichert. Wäre die Deutung 
richtig, so müssle in allen Hymnen der für sich selbst (z. B. 41, 10: 
ikbiiv iudvrr^ro'j ir' hniptp aen /torrrr;) oder für die Gemeinde der 
/warat, vtüfx>j<nu.i Betende Orpheus sein: was ganz, undenkliar ist. 

Cap. TV (p. 205 tr.) „Die Niederfahrt der Vibia*. Mit der Orpiiik 
haben die hier weitläuftig erörterten Darstellungen und Beischriften 
des Grabmals des Sabaziuspriesters Vincentins und der Vihia (in Rom) 
nichts zu thun; wifwi },] p. 224 ein Zusainmenhang der Sabaziiismy- 
sti'rieii mit der Orjdiik l)eiiauptet wird. Dieser soll aus einer Betrachtung 
des Virgilischen Culex (p. 224 tt.) erhellen. Der Culex hat darum mit 
orpius.cher Poesie und Lehre noch nichts 7\\ thun, weil in der Nekyia 
dieses Gedichtes unter vielen anderen Gestalten und Gesehuhten auch 
(rein dichteris<di und nii ht im mindesten theologisch aufgefasst) die 
Sage von Orjdieus und Kurydiee erwiibiit wird (V. 268 ff.) Aber der 
Verfasser wittert auch hier Orphisches. Der (nicht einmal irgend 
wahrscheinlich) von ihm auf lieinigungen der Seele im Had^ bezogene 



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u 



Elfirin Rohde 



Ve» 376 r. giebt ihm Veranlassung, von antiksn Berichten ron einem 
Fegefeuer la reden; auch diese Vorstellung soll aus «orphischer lieber- 
lieferung'' stammen. JH» beweist das gewich<»ge Zeugnis des 
Plutarch {de ser. tum. vind. &64 B ff.)* heisst es p. 232. Wieso denn 
Zeugnis ? Plutarch deutet mit keinem Worte an, dass in seiner eseha- 
tologiscben Schilderung am Schluss jener Schrift irgend etwas aus 
orp bischer Quelle stamme (auch da nicht, wo er wenigstens von 
Orpheus und seiner xarußam; ein Wort sagt, p. 566 c.^. Vollends den 
Klearch Ton Soli wegen eines Wortes in dem Überrest seiner Enftbinng 
von der ekstatischen Vision des Kleonymos (bei Procl. in Plat. Bemp. 
p. 17 Pitr.) zu „einem der Mhesten Gtowabrsmftnner des orphischen 
Fegefeuers* zu machw, mit dem Vevfiisaer, dazu gehOrt schon ein 
hoher Grad von Hellsichtigkeit — oder Verblendung. Nicht die eitt> 
fernteste Hiodeutung auf orphische Quellen findet sich in dem Bericht 
des Proclus aus Klearch. Beide, Klearch und Plntarcli, gehen ja offen- 
bar in den Bahnen des Plato und dessen eschatologischer Erdichtungen 
weiter. Wenn also in Zukunil jede der ans den verschiedensten (zum 
Teil auch wirklich orphischen) Elementen gemischten, in der Hauptsache 
doch aus eigener Phantasie der Dichtenden geflossenen eschatologischen 
Schilderungen philosophisch-theologischer Art bei griechischen Autoren 
ohne alles Weitere, ohne Begründung, Rechtfertigung. Einschränkung 
als orphisch angeisprochen werden darf, so rauss das vor Allem von 
Piatos drei Darstellungen des Jenseits gelten. Da wäre ja Stoff genug, 
um, vermittelst der „vorsichtigen geschichtlichen Analyse** (in deren 
Ausübung Maass [p. 189] sich selbst den Kranz zuerkennt) ganz nach 
Wunsch die widersprechendsten Bestandteile für den wüsten Hexen- 
kessel zu gewinnen in dem sich, bald siebzig Jahre nach Lobecks luft- 
reinigender Kritik, ein gräuliches Gemisch aufs Neue als der x'jxea» 
der wahren Orphik zusammensudeln zu wollen scheint. Es liat freilich 
auch nach Lobeck nie ganz an sinnigen Gemütern gefehlt, die es sich, 
zur eigenen Erbauung, nicht rauben lassen wollten, dass alles OrplusL lie 
konfus und so ziemlich alles Konfuse orphisch sein müsse. — Dass min 
im Culex, in dem kein Wort und kein Gedanke aus orphischen Kreisen 
stammt, die so natürliche Erwähnung der Alcestis unter den treuen 
Frauen (V. 262) aus orphischer Dichtung übernoninien. und also auch 
die Abbildung der treuen Alcestis neben der Vibia auf deren Monument 
einer von der Orphik beeiiiüiissten Kunst entlehnt sei — dies und 
alles was daran sich von homilelisehen Ausführungen anschlie88t(p.-;42 11.) 
— in vetito et rapida scrilmr oportet (njua. 



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Orpfaeaa 



Cap. V (p. 249 ff.). Es wird, in Nachalimung bekannter Vorgänger, 
die A})ocah/j>.<is Pauli, eines der lilödesten Trodukte der apokalyptischen 
Litteratiir der Christen (veriasst am Ende des vierten oder am Anfang 
des fünften Jahrhunderts) auf angebliche orphische Bestandteile in 
ihrer Schilderung der Höllenstrafen angesehen, ohne dass etwas Glaub- 
liches oder der Kede Wertes sich ergäbe. — Die Aufzählung grässlicher 
Strafen und Verstümmelungen , zu deren (ienuss Apollo bei Acsch. 
Ijoh. 185 die blutgierigen KiinuMi von seinem reinen Tempel fort- 
zueili'ii iicisst, sollen nicht, wie bislier noch jeder Leser verstanden hat, 
aiu Hochgericht und bei Folterstätten vor sich gehend zu denken sein, 
sondern in der Unterwelt und dann natürlich von dem Dichter abermals 
— orphi scher Poesie entlehnt sein (Zeugnis müssen wieder die viel- 
gequälten christlichen Apokalypsen geben, denen, wer will. Orydiisches 
überall auilumgen darf). Hätte Aeschylus an den Hades gedacht als 
die Stätte, o>j xapaviarfffitz iKf^uXfUüit'jytn mxat atfUf-ai tz, 07:ipfiaToQ 
r' u7:o(fHnftä Tta'uuii'^ xuxo'jtui /Xoitvn; u. s. w., SO hätte er dies mit 
deutlichen Worten hinzugesetzt; ohne solchen Zusatz konnte jeder Hörer 
(wie bisher auch jeder Leser) gar nicht anders, als bei diesen (von dem 
Verfasser übrigens an drei Stellen durch willkürliche Änderungen erst 
für seine Zwecke brauchbar gemachten) Versen an die Orte auf der Erde 
zu denken, an denen solche Dinge eben wirklich vor sich zu gehen pflegten. 
Und an niclits anderes hat der Dichter selbst gedacht; von der wider- 
lichen Vorstellung, dass er sich, gleich irgend einem orphischen Huss- 
pfaffeo, an der Ausmakuig grauslicher .Sündenstrafen im Jenseits habe 
delectieren wollen, soll sein Andenken rein bleiben. 

Nach einiL: n Hcmerkungen zu Pindar Ol. II folgt ein letzter Ab- 
schnitt, übcrsclii ii I ( n „Philetas" fp. 278 ft.). Für die anmutige Erzählung 
von Aristaeus iiii l einen Bienen, mit der Virgil die Gcorgica abschliesst, 
soll Philetas die Quelle sein. Antigonus, mimh. 19 sagt, nacb-icm er 
von (lern Tandon^ov der Entstehung von Bienen aus in die Erde ein- 
gegrabenen Ochsenleichen erzählt hat: w rat faivtzai (PtXr^Täq TzpoQ- 

ßouYtvioi ^dfMvoi Tzpoasßr^ffao fuixpa /uXiaaai^)* Uätte auch JPhiletas 

1) Die f'bprlieferung scheint nirht ganz in Orflnnng zu sein. (pufUvttQ auf 
dieselbe Person wie zpoat^^auo zu beziehen, mit Moass (p. 295), ist kaum recht 
mfil^di. Es mflnte dann sein Otjdit im Torh«fge1iend«n Satebsll (nnd Yent) gshaJit 

haben und konnte, von diesem abgerissen, zwischen zwei Worte des Kwettfln SMMdls 
nicht so sinnlf^s hincingpsprerifjt worden, wie xwxw W\ diosiT ErklüniTi!» annehmen 
mOsste. ^c^£><>w kann, wenn es richtig überliefert ist, nur auf einen dritten bezogen 



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16 



Erwin Robde 



jeiifii niirakulösen Vorgang erzählend auseinandergesetzt, so wäre noch 
keiu ünmd /.u glauben, dass Virgil seinen Bericht von dem im Altertum 
sehr bekannten und setir liiiuHg erzählten Ereignis gerade aus Philetas 
entlehnt hahe. Au deu Wortlaut jenes Verses des Philetas klingt nicht« 
bei Virgil an; und die Situation ist eine gan/, aüd.re bei Philetas. wo 
Jemand kurzweg den stiergeborenen Bienen" tritt als bei Virgil, 
wo Ai i^laeus {Geoiy. 4, 558 iY.) die im Haine liegen gelassenen Stier- 
leichen wieder aufsucht, und nun erst — wovon er bis dahin keine 
Ahnung hatte — verwundert \siiijiiiimmt, das8 aus ihnen Bienen hervor- 
scbwärmen. Der Unterschied ist sehr begreitlieh: Philetas hatte über- 
haupt gar nicht gleich Virgil — was der Verfasser ohne weiteres 
annimmt — erzählt von dem Vorgang oder einem einxelnen Beispiel 
dieser Bienenentstehung. Antigonus redet ja ganz deutlich; er schliesst 
auf Ph.'s Kenntnis von jenem Paradoxon daraus, dass dieser die Bienen 
ßo-jyvAa; Iteiieniie ('otiauyapz'kc). Das i>t seine Oewohnheit, Dichter- 
wortf aii/jttuhren. in denen das von ihm eben berichtete zu/)äoo$ou nicht 
er/.iildt. sondern als bekannt vorausgesetzt und, anspielelend, nur kurz 
berührt wurde: s. cap. 7 (Homer) 8 (Philetas) 45 ( kailnnachus) 127 
(Philoxenus). Es ist durch Antigonus' Redeweise geradezu ausgeschlossen 
Ml glauhen. dass Philetas jenes Mirakel ei/ahlend berichtet liabe. Gar 
nichts anderes liegt also vor, als dass Philetas irgendwo in gelehrter 
Anspielung die Bienen tift'jysviag genannt hatte. Hieraus, und hieraus ganz 
allein folgt, wenn wir den Verfasser hören, dass das Gedicht des Phi- 
letas lür Virgil die Quelle seiner ganzen langen, reich geschmückten 
Erzählung von Aristaeus war, von seinem Bienenverhist, meinem Hinab- 
steigen zu seiner jMutter Oyrene in deren Wellenschloss, der Fesselung 
des Proteus, dessen Ei/.ahhmg von Orpheus und Kurvdice, dem aui 
Anraten der Mutttr tlargehrachten Opfer für die Nymphen und Orpheus, 
der Wiederentstellung der verlorenen Bienen aus den Ochsenleibern. 
Flotter kann freilirli, auf weniger als gar keinem Fundament, eine 
„Quellenforschung- iiiclit durchgeführt werden. Der Verfasser fordert 
denn auch den Leser auf, seine gros&e Freude über diesen seineu »Fund" 
zu teilen (p. 294). — Weil nun bei Virgil von Orpheus und Eurydice 
erzählt wird, so »wird", decrctiert Maass ji. 296, „Philetas in Zukunft 
unter die orphischon Dichter zählen \ Philetuä gewiss) uicbt, von 

werdea : •indem er sagte: ,0a Met in den ß» fi* seechrittcn"*. Dae hit«twM AHMffnee. 
Ee wird woW nreprOnglich gebieesen haben: ßi^jy. (f tidneutn; tz. /t. ft.: (den 
andern) ziivorkomtiieDd ginj^est du mit langen Scbritten au den Bienen. Homerisch t 

oji r^Xäsv <ft^(^uit^ II. (Igl. 



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Oiphdoi 



17 



dem vils der Quelle des Virgil gar nicht die Rede sein kann; aber an Virgil 
selbst würde das hängen bleiben, wenn anders die Verkehrtheit, einen 
Dichter, der irg'pnd etwas, ohne jeden Antlug orphischen Glaubens und 
oridiisciier Gesinnung, von Oridiens berichtet, unter die , orphischen 
Dichter" zu zahlen, Mode worden sollte. Das wollen wir uns aber doch 
nachdrücklich verbitten. 

Im Anhang- werden ausser einer Stelle des Tibull (1. 10, 37 f., die 
M. ganz unwahrscheinlii'h auf l\einit,Min(,'en im Hades deutet) uud einer nun 
vielleicht richtiger verstandenen Stellf in dem Hheaepiuramm aus Phaestos 
(Athen. Mittheil. 1893, 272) zwei Plutarchea behandelt. Plutarch hei 
Hippolyt, ref. Iiacirs. p. 1 14 Mill. erzählt von einem .seltsamen Bildwerk 
in der Vorhalle eines 'lemiiels der Mspl/r^, d. i. der Ge, zu Phlya in 
Attika: ein priapeisclier geflügelter Greis verfolgt eine pv^ xwnetdi^Q; 
jenem war l)ei«,'eseliriel)en : ^'«''s,' f/'^i^rr^c, dieser ztptrfff ixohi. Da die 
Lvkornid"!! iu i'lilya, bei irf^endwelchen Gentilsaera. anjjeblich Hymnen 
de:? „Oipheus" sangen, so pilt dem Verl'usser dieses Heiligtum der Go 
ohoe Weiteres als orphischem Kult geweiht, obwohl nirgends auch 
nur das überliefert ist. dass die Lykomiden in dem, an allerlei Gütter- 
külten besonders reichen Phlya (s. Paus. 1. 31, 4 ) gerade mit der Msyakrj 
irgend welchen Zusaumienhang gehabt hal)en. l'nter dem <fdoi frjhrfj^ 
vermutete (nur weil Phanes -- ati(n' docii nicht er allein! — auch ge- 
flügelt ist) schon Ten Hrink eine Bezeichnung des orphischen 0wjr^z\ 
Maass macht aus.serdem aus dem /y'>£yn^;: imf^Tr^g. '/^piiurrj^ \Ac>>n. 
^tTTjc szohtj/n>u, sagt Hesych. Obwohl er selber bezeugt, dass er den 
Sinn des Pioiwortes nicht deuten könne, hält M. dieses Beiwort der Aph- 
rodite für geeignet, auch als Heiwort des Phanes zu gelten. Den 
Phanes schildern uns die Grjiiiiker als ein mit vielen Tierhäupteru ver- 
sehenes, vieräugiges, geflügeltes, mannweiblicheg Wesen, alooto\^ t/oura 
uziff(f) reo} TTjU -'»jrv, dabei jugendlich schön, ''/.ino; "EinoQ zubetiannt. 
Diese komplicierte. gewiss nicht greisenhafte Krseheinnng sollen wir 
wiederkennen in dem simpeln geflügelten Greis auf dem Bilde zu Phlya: 
ein Greis müsse es sein, belehrt uns Maass. weil Phanes ^zuerst von allen 
Wesen entstanden* sei. W^er von alledem etwa.-- glauiien kann, dem mag 
wohl auch die Euiendationskunst mundi n, diireh die der Name der yivr^ 
xwoetorjQ (welches Nyi aei) aus Txper^^ixoÄa hergestellt wird zu ipiiumu 
xaprj (p. 303) ! 

Zuletzt soll das, seit Wyttenbach allgemein dem Plutarch zuge- 
schriebene (eine viel verwendete Äusserung über Mystorienvorgänge ent- 
haltende) Stück eines I>ialog:, zwischen dem Bruder de:j Plutarch, Timon, 

NBUE UEU>BLD. JAUaBCfiCIIER VI. 2 



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id 



ilrviiu Rohde, Orpheus 



and Patrokleas, Plutarefag Schwiegenohn (die beide, nicht nur, wie Masse 
angiebt, Patrokless, als Dialogfiguren auch aonet bei Plutarcb vorkominea: 
de sera num. etful. u. ö.), das bei Stobaeus, Ftor. 129, 28 als Btfitatwo 
ix Too ixpi ^uj^ überliefert ist^ dem Themtetios vindieiert werden 
(p. SOS IT.). Wer die Art sowohl des Plutarch als des Themistios kennte 
und daran jenes Bruchstack misstt wird das unglaublich finden und es 
bei Wyttenbacbs Entscheidung bewenden lassen — 

Von den neuen Entdeckungen auf dem Gebiete der Orphik hat keine 
sich bei näherer Betrachtung als ftcht bewfthrt; nicht eine. Wir werden 
uns ohne sie behelfen miissen. Bleibt gleich vieles dunkel in diesem 
Bereiche der Beligionsgeschichte^ so sollen uns wenigstens Irrlichter nicht 
foppßu und vom sicheren Wege seitwflrts locken. Das rerhQten zu 
helfen, sind diese kritischen Bemerkungen geschrieben. 

1) Stobaeus hat wirklich eine, nicht dialogisch gehaltene Schrift des Themistius 
ZSfn i}>'J/rji benutzt: denn Flor. 11, 43; 611, 22; 115, 28; 120, 2'> an r Pii htigkeit 
der Überiiefeniug des Lemma: (hfuaztoo ix r«y ne/^i ^''^x^^i zu zweifeln, ist 
kdn blnntehMider Onuid vorbanden. Aber dem Exetrp« jl90> 2ö bat der Schreiber 
— Tielleieht dnrdi das knn vorher itefaeade Lemma Hefxtatht» ix r. ar. ^. 120, 35, 
verfahrt eine vnriditige Uebenchrift gegeben. 



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Ober die arehäologiselie Barehfomhuiig Italiens 
isnerliallli der letzten acht Jahre. 

Von 

F. T«B DQbl. 

Vortrag, gehalten auf der l'bilologeQversammlang io Köln am 27. September 1895. 



Vor acht Jahren hatte ich die Ehre, auf der Philologenversamm- 
lung in Zürich über die Wege, Ziele und Faktoren der archäologischea 
Durchforschung Italiens zu sprechen >). Eine solche rück^ und vor* 
wArtsblickende Betrachtung schien mir damals angemessen, da wir an 
dnem Abschnitt standen, eine alte Epoche mit der Umwandlung des 
archäologischen Instituts, dem Tode üeazens, dem Rücktritt Helbigs, 
so Ende ging, eine neue Bpocbe begann, von der man voraussetzen 
musste, dass sie ein in mancher Hinsicht verändertes Antlitz zeigen 
würde. 

Vor der Einigung Italiens konnte von einer wirklichen, nach ein- 
heitlichen Gesichtspunkten durchgeführten wissenschaftlichen Durch- 
forschung des Landes ja nicht die Rede sein; auch das Institut für 
archäologische Korrespondenz, die einzige nicht an die inncrn Landes- 
grenzen gebundene wissenschaftliche Anstalt, konnte bei der Besehrftnkt- 
heit seiner eigenen Mittel und der Schwierigkeit der Verbindungen nur 
eme leidlidie Berichterstattung über das räumlich Naheliefi^.'iide ins Auge 
fassen: über Rom selbst, über Südetruricn, wo die päpstliche liegierung 
und Privatleute vielfach gruben, über Fompeii, wo die neapolitanische 
Regierung in langsamem Tempo arbeiten Hess. Anderswo wurde über- 
haupt kaum oder nur in Form heimlichen unkontrollierbaren Raubbaues 
gegraben. Bearbeitung des noch über dem Boden Vorhandenen warde, 
von Rom und Sicilien abgesehen, nur in v611ig principloser und ungleich- 
artiger Weise betrieben, was wur heute Statistik der Kunstdenkmtter 
nennen, war noch unbekannt 

2» 



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^ F. von Duho 

Es war eine naturgemässe Folge dieser Verhältnisse, dass das arcliäo- 
logische Institut neben jener sehr partiellon. wenn auch im Einzelnen 
vorzüglichen Berichterstattung, seine Haiiiitaut'gabe in VeruÜeiitlicliung 
und Besprechung von Kunstwerken sehen inusste, die in erreichbarer 
Nähe in öffentlichen oder privaten Sammlungen oder im l^imsthandel 
sich befanden. Die Signatur der iVichuologie ist bis iu die 7üer Jahre 
hinein durch diese Gestaltung der Dinge bestimmt gewesen. 

Die Einigung des Landes und der Ausbau der lusenbahnen eröffneten 
auch für die Archäologie eine neue Zeit. Den karlograjtliischen und 
physikallüchun Neuaufnahmen tolgte naturgemäss der Wnnscl). dem Lande 
abzufragen, was es selbst über seine Gesehiclite nueli mitzuteilen hat. 
Italien war wieder ein Clanzes geworden, zum erstenmal seit den Komer- 
zeiteii: in die.>er seiner wiedergewonnenen Totalität es geschiehtlich zu 
erfassen, dem Gefühl der Gemeinsamkeit aurh diin li gemeinsame Arbeit 
zu gemeinsauiem Ziele Ausdruck /u t^eiien. war ein begreiflicher Wunsch 
der geschichtlich denkenden Italiener. An zahlreichen Punkten setzte 
in den 7<ier Jahren die Arbeit ein. hier mit mehr, dort mit weniger 
Erfolg; und die Hauptstadt auch für diese Arbeit wurde Rom. Das 
erste publicistische Unternehmen, welches mit vollem JJewusstsein von 
der Bedeutung dieses Schrittes sieh in den Dienst einer das gan/.e Land 
umfassenden archäologischen Erforschung stallte, war das seit 1875 er- 
scheinende, von Cliierici und Strobel in Parma, von Pigorini in 
Rom gegründete und musterhaft fjtleitetti Bullettino di palotnologia 
italiana. Beschränkte und beschränkt sich diese Zeitschrift auf die Friih- 
zeit <les I^andes, vor 1875 ein unbekanntes, jetzt ein durch methodische 
Durcharbeitung und trefflich geordnete -Mu>een immer klarer vor uns 
sich ausbreitendes Gebiet, so umfasst die Berichterstattung der von der 
Accademia dei Lincei herausgegebenen Notizie degli scavi seit 187r> 
den ganzen Kähmen tles klassischen Altertums. Den mageren ersten 
Jahrgängen folgten immer reiciicie. bis um Mitte der soer Jahre einige 
mit Tafeln besonders reich ausgestattelc Ivuide umfassende Bearbeitungen 
besonderer Fundgebiete, meistens Nckinpolen. zu enthalten begannen. 
Ein gewisses Missverhältnis zwischen diesen .\bhandlungen und der ge- 
wöhnlichen daneben herlaufenden, mitunter etwas mageren ofticiellon 
Berichterstattung maehte sieb fühlbar. Für das Jahr lbb5 waren zum 
letztenmale die .Monumenti inediti und die .\[inali durdi unser Institut 
im Jahre ls.s7 ausgegelH.'n worden. Die Verlegung der Monumenti nach 
Berlin, die Versclimelzung von Annali und Archäologischer Zeitung zum 
Jahrbuch des archäologischen Instituts, ebenfalls unter Verlegung nach 



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über die «ixh&oL Durchforschung Italiens innerhalb der letzten acht Jahre 21 

Berlin, öfbeten ffir Italien eine gerade den Italienern empfindliche Lücke. 
Da eine homogene Ausgestaltung der Notisie schwierig erscheinen mochte, 
entschloss sich die Accademia dei Linod, ein neues Organ zu schaffen, 
das der wissenschaftlichen Veröffentlichung von Kunstdenhmftlem und 
umfassender Yerarbeitnog, sei es hesonderer Fundstficke, sei es ganzer 
Ausgrabungsgruppen, dienen sollte: die Monumenti antichi, in Klein- 
folioformat, gelegentlich auch von grossen Atlanten hegleitet. Seit that- 
s&chlichem Beginn ihres Erscheinens, von 1801 ab, folgen rieh rasch 
die ungemein inhaltsreichen Bünde. 

Ffinf Bände sind schon ausgegeben worden, VI ist xum Ende dieses 
Jahres zu erwarten, für VII imd VIII ist das Material in emsiger Vor- 
berdtuDg. 

Die Akademie hat das OlOck, in ihrer Mitte in der Fers9nlichkeit 
Helbigs einen in Bedaktionsgeschäften ausserordentlich erfithrenen Fach, 
naann zu besitzen: dass die kUostlerische und redaktionelle Ausgestaltung 
der Zeitschrift Italien in so hohem Masse zur Ehre gereicht, wird somit 
bis zu dnem gewissen Grade sogar in unmittelbarer Weise der früheren 
vielseitigen Thütigkeit unseres Instituts mitverdankt. Mit RScksicht 
auf die Monumenti antichi wurden die Notizie degU scavi zun&chst von 
1889 ab wieder auf den Massstab ihrer Anfhogsjahre herabgedrückt, 
die eingehender darstellende Berichterstattung und namentlich die Tafeln 
daraus verbannt. Aber die Monumenti allein konnten nicht ausreichen, 
um das wichtigere von Jahr zu Jahr zuströmende Material verarbeitet 
vorzulegen; ferner musste man die natnrgemfisse Wahrnehmung machen, 
dass die überall Idcht hinüiegeuden Notiziehefte zur Verbreitung ge- 
wisser Kenntnisse von den arehüologisdien Tagesinteresaen und zur Er- 
zielong möglichst gleicbmftssigcr Berichterstattung durch die lokalen 
Ausgrabangsinspektoren unendlich viel mehr beitragen können, als die 
kostspieligen und daher verhältnismässig wenig verbreiteten Bände der 
Monumenti; somit wurde es der seit 1876 in den bewahrten Händen 
F. Barnabei's liegenden Redaktion der Notizie ermöglicht, auch dieser 
Zeitschrift einen neuerdings von Jahr zu Jahr steigenden selbständigen 
wissenschaftlichen Wert in höherem Grade wieder zu verleihen, und 
durch die so ungemein wünschenswerte reichlichere Ausstattung mit 
Zinkdrucken für die nötige Anschaulichkeit zu sorgen. 

Die Notizie degli i>cu\ i, die Monumenti antichi pubbl. dall' Accad. 
dei Lincei und das Bullettino di paletnologia italiana sind somit jetzt 
die wichtigsten periodischen Organe geworden, in denen die Ergebnisse 
der arcbaologiachea Durchforschuug des Landes niedergelegt sind. Dazu 



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22 



F.TOii Diihn 



kommen dann in zweiter Linie natürlich aiicii zahlreiche lokale Zeit- 
schriften und Einzelveröfi'cntlichuiigen, sowie die Römischen Mitteilungen 
und sonstige Publikationen unseres Instituts und die M^langes d'archeo- 
iogie, sowie Einzolpubliicationen der Kiole fran^-aise in Korn, denen sich 
bald die Arbeiten des in diesem Herbst zu eröffnenden amerikanischen 
Instituts anreihen werden. In erster Linie der Staat sah und ^.ieht es 
in Italien als seine Pflielit an, die archäologische Erforschung des Landes 
zu betreiben. Hie und da, aber verhfiltnissmässig selten und meistens 
mehr von» Zufall als von festem Plan geleitet, beteiligen sich auch Ge- 
meinden und Privatleute, leider erst ganz vereinzelt auch Provinzen an 
dieser Arbeit. 

Es ist merkwürdig, wie rasch der politisch und wirtschaftlich noch 
so starke Regionalismus auf unserra Gebiet vor der bequemeren Centrali- 
sation durch den Staat die Flagge gestrichen hat Allerdings macht 
der Staat seine Sache auch vorzüglich! Geradezu staunenswert ist es, 
was mit geringen, aber planvoll verteilten Mitteln geleistet worden ist. 
Auch die zur Verfügung stehenden leitenden Kräfte sind nicht gerade 
zahlreich, und trotzdem hat, wer Ausgrabungs- oder Untersuch ungs- 
arbeiten beizuwohnen das Glück hatte, oder wer nur aufmerksam die 
Berichte durchgeht, die Empfindung, dass fast überall der rechte Mann 
am rechten Platze war und ist. Dass die Dinge sich so erfreulich ent- 
wickelt haben, teilweise erst in neuerer und neuester Zeit, wird zum 
guten Teil der klugen Zurückhaltung der He^ernng zuzuschreiben sein, 
die nicht bald hier, bald da „etwas macben'' will, aoodem, von einigen 
grossen und leitenden Gesichtspunkten abgesehen, in ihren Kntselilies- 
sungen sich durchaus bestimmen lässt durch die sachverständig begrün- 
deten Vorschläge der im Laude verteilten Archäologen und Ausgrabungs- 
inspektoren, welche ihr Terrain genau kennm und über das, waf^ im 
Augerblick gerade gethan werden kann, ein zuverlässiges Urteil haben. 

Als die italienische Verwaltung sich zuerst einrichtete, glaubte man, 
einen Facharchäologen als Generaldirektor der Altertümer haben zu 
müssen. Nach Fiorelli's Bücktritt half man sich einige Jahre mit in- 
terimistischen Einrichtungen sehr decentral isierender Tendenz, unter Auf- 
bebung der Stellung eines Generaldirektors, bis tuen jetzt eine Einrich- 
tung getroffen hat, von der man sich Gutes versprechen darf. Ausgehend 
von der Ansieht, dass die Objektivität der Entscheidung und die Willig- 
keit der Unterordnung leicht leide, wenn die letzte Entscheidung über 
Vorschläge wissenschaftlich gleichberechtigter Fachmftnnar wiederum in 
den Banden eines Fachmannee liegt, hat man die von neuem wieder 



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Ober die «rdiloL Durdifondmiig Italiens innerbelb der ktsten aeht Jahr» 28 

errichtete BttXi» eines Qenenldirekton einem YerwaltangsbeamteD Aber- 
fangen. Dieaein Qenenldirektor nntenteben jetzt die beiden AbteUungen 
— divigioni — för Mnseen, Gellerien und Ansgiabongen die eine, filr 
die Denfan&ler die andere, Abteiinngen, die früher Tellig selbetftndig leiebt 
in Kollision gerieten, während jetzt der Qeneraldirektor den Beruf bat^ 
die Wirkungskreise su teilen und etwaige Friktionen tu beseitigen. Die 
Abteilungen, ans Facbmftnnern susammengesetit, werden Torkommenden 
Falls noch dureb die Direktoren der banptBftcblicben Museen yerstärkt. 
Eine weitere Verstärkung konsultativer Art sollte die aus Vertretern der 
bauptsftcblichen Akademien des Landes gebildete Giunta per la storia 
e Tarcbeologia bilden — erst einmal zusammengerufen und wobl ein ' 
riemlich tetgeborenes Sind. Wftbrend so eine wirkungskiftftige Central- 
leituDg wieder hergestellt ist, welche selbst einen integrierenden Tdl 
des Unterricbtoministerinms bildet, besteht die äussere Organisation zu- 
nächst aus dem über das ganze Land ▼erteilton Netz lokaler Inspektoren, 
Männern, die ihre Stellung meistens als Ehrenamt inne haben. Diese 
Inspektoren haben über den Kunstbestand im weitesten Sinne des Wortes 
zu wachen, alle neuen Funde und Ausgrabungsergebnisse unmittelbar 
nach Born zu berichten behufs Veröffentlichung in den Notizie, während 
ihre Berichte Uber den Erhaltungszustand der Baudenkmäler an die 
sog. Uffid regional! per i monumenti, flber einzelne Kunstwerke oder 
solche in öffentlichen und privaten Sammlungen an die Direktoren der 
Begierungsmuseen in den betreffenden Landesteilen zu gehen haben. 
Diese Museumsdirektoren haben zugleich wieder die Oberleitung der Aus- 
grabungen in ihren Bezirken, wofern nicht ausnahmsweise die eine oder 
die andere Spezialität Entoendung eines dafBr besonders geeigneten Fach- 
mannes erfordert. Es liegt auf der Hand, wie sehr durch die Wahr- 
nehmung wichtigerer Ausgrabungsleitung durch die Muaeumsdirektoren 
wissenschaftliche und rationelle Ordnung der Museen selbst verbUrgt wird. 

Das wäre in den Hauptzügen die Organisation des praktischen 
archäologischen Dienstes im Lande, eine Einrichtung, die allerdings noch 
nicht überall gleichmässig ausgebaut ist, sich aber im allgemeinen, da 
wo sie wirklich funktioniert, vorzüglich bewährt, die im Interesse der 
Einheitlichkeit und wissenschaftlich gleichmässigen Sammlung und Ver- 
arbeitung des Mutorials notwendige Centralisation gewährleistet, und 
daneben in zicnilicli weitgehender Weise decentralisiert und sich schonsam 
den individuellen Ki>,'entüinlichkeiten der einzelnen Landesteile wie der 
einzelnen wissenschaitlichen Arbeiter anzupassen im Stando ut. 



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24 



F. VW Didiii 



Etwas ausführlicher, als es manchem der vorehrten Anwesenden 
vielleicht nötig erschien, liabe ich die Organisation der archäologischen 
Arbeit Tt ilien dargestellt, doch möchte ich glauben, dass dadurch 
•ach der Charakter der Arbeit, die Verteilung derselben im Lande, und 
mauches Besondere verständlicher wird. Auch kaoa man zweifellos in 
acderen Ländern Einiges daraus lernen. 

Nun 711 (Uli Arbeiten selbst! Dass unsere Kenntnisse vom Lande 
vielfach noch so lückenhaft und ungenau sind, ist eine Folge der früheren 
Btaatlichen Zersplitterung, der erschwerten Verbindung und vielfach 
mangelhafter Sicherheit, namentlich aber der Ablmngigkeit der archäo- 
logischen Erforschung yon der zufölligen Anwesenheit brauchbarer For- 
scher, auch diese Jllftnner von vielfach sehr engem Gesichtskreise, an 
diesem oder jraem Orte. Wir dürfen uns das zum weitaus giössten 
Teile ja Mommsen zu verdankende Verdienst zuschreiben, durch das 
Corpus inscriptionum Latinarum den Italienern an einem leuchtenden 
Beispiel gezeigt zu haben, was planmässige Durchforschang des ganzen 
T Hildes eigentlich heisst, und wie aus einer solchen wenigstens für ein 
beatimmtes Forschungsgebiet ein einheitliches Bild sich entwickelt. 
Namentlich wurde durcli das Corpus erziehlich auf die Kritik gewirkt: 
die Notwendigkeit, überall soweit irgend thunlicb, auf den vorhandenen 
Thatbestand, in diesem Falle auf dir Stt^ine zurückzugehen, und nur 
wo solche nicht mehr oder nur unvollständig da sind, sekundäre Hilfe, 
alte Abschriften und Lokalberichte mit vorsichtiger Kritik als (Quelle 
zu verwenden, — diese Nothwendigkeit erscheint uns jetzt selbstver- 
ständlich, war es aber vor Veröffentlichung des Corpus inser. regni Nea- 
politani in Italien keineswegs. Eine Folgeerscheinang dieser Erkenntnis 
ist der lüntschluss der italienischen Kegierung, eine archäologische Karte 
des ganzen Landes in Vorbereitung zu nehmen. Man hat dies Unter- 
nehmen ein titanisches genannt und Zweifel an der Ausführbarkeit ge- 
äussert:'') ich w^SS nicht, ob mit Keclit. Unser Institut hat für eine, 
allerdings die geschichtlich wichtigste Landschaft der griechischen 
Welt, für Attika, dies Werk nunmehr glücklich zu Ende geführt und 
stand dabei noch vor der Aufgabe, die Karte selbst auch kartographisch 
erst entwerfen zu müssen, da frühere Karten für diesen Zweck nicht 
brauchbar waren: ja die Karte war in erster Linie Selbstzweck. Für 
Italien liegt dagei}:eTi die treffliche Generalstabskarte nahezu abge- 
schlossen vor, und es handelt sich nur darum, die fertige Karte, allen- 
falls in vergrössertcr Gestalt, als Grundlage zu benutzen für den Eintrag 
des aus dem Altertum noch Vorhandenen. Dies mit möglichster YoU- 



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Ober dfo archllol. Durehfonehimg ItalieoB ianerlnlb der letsten acht Jahre 25 

st&ndigleit m ermitteln ist freilich eine Arbeit« die noch viel Zeit und 
Mflhe verlangen wird: aber die Aufjgabe ist gross und schOn und wahrlich 
wertvoll: ja, sie wird erst zu einer wirklichen Landeskuode des alten 
Italien, und damit ta einer wirklieh historischen Kenntnis auch des 
jetzigen Landes den Omnd legen. Die beiden wesentlichsten Aufgaben 
einer solchen Karte, die Ortlichkeiten alter Ansiedelungen und die 
Strassenzuge festzustellen, werden nur in engstem Zusammenhang geldst 
werden kOnnen; die Richtungen und Krenzungen ermittelter Strassen 
werden wieder zur Auffindung von örtlichkeiten und wiederum werden 
aufgefundene Beste von Ansiedelungen mit Notwendigkeit zur Au&pürung 
der Linien fahren, welche sie mit anderen Niederlassungen verbanden. 

VieUhch wird der Spaten dem Auge des Ingenieurs und Archäo- 
logen helfen mflssen, um auf die fiicbtigkdt von Vermutungen die Probe 
zu madien, um archllologische Anhaltspunkte zu gewinnen, Aufhellung 
zu bringen in die Geschichte einer Niederlassung, und soweit thunlich 
ihren Umfang festzustellen, und damit wenigstens eine ungeflLhre Idee 
von der Bevdlkemngsdichtigkeit zu geben: um diese letztere vielfach so 
dunkle und doch iftr eine korrekte Vorstellung vom Altertum so wichtige 
statistische Handhabe zu verstärken, wird Erforschung der Nekropolen, 
die sich rings um die Niederlassungen lagern, ebenfalls manches bei- 
tragen können; naturlich nur als Nebenergebnis, denn die Hauptzwecke, 
die die Wissenschaft bei Erforschung der Nekropolen verfolgt, sind Ja 
anderer, noch höherer Art: ohne genaue Kenntnis ihrer Gr&ber und des 
in ihnen niedergelegten Inhalts, auch des Begrftbnisritus, sowdt er noch 
erkennbar, kann ja überhaupt nicht die Rede sein von einer wissen- 
schaftlich begrfindeten Vorstellung über Geschichte und Kunst, Kultur 
und HandelsbeziebuDgen, ja vielfach über ethnologische Zugehörigkeit 
einer Ansiedelung. 

Dass alle diese Aufgaben ernst eriasst und thunlichst gelöst werden 
müssen bei Bearbeitung eines jeden Blattes der archftologischen Karte 
Italiens, das haben sieh die ausgezeichneten Männer, welche kühD genug 
waren, diesen grossartigen Plan zu fassen, völlig klar selber gesagt und 
ausgesprochen« 

In stiller Arbeit, namentlich der Herren Graf Oozza, Fasqui und 
G a m u r r i n i unter Leitung Barnabei's, sind eine grosse Anzahl vor- 
zuglicher Probeblfltter aus dem südlichen Etnirien und dem FVdisker- 
lande bereits fertig gestellt, allerdings noch nicht vervielfiltigt. Wie 
gewissenhaft die Vorbereitungen fAr diese Kartenblfttter betrieben worden 
sud, und wie überraschend zahlreiche und wichtige neue I^rgebnisse 



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26 



F. TOD Duhn 



selbst in solcher Nälio Roms sich bei diesen Vorarbeiten herausstellten, 
das lehrt das lum grfts&ten Teil aus dem Arbeitsgebiet dieser Karten« 
blätter zusannmen<rekornmen0 und durch Barnabei's Verdienst mustere 
haft geordnete Museo deir agro Romano in der Villa Papn Giulio, das 
lehrt der tob Baroabei unter Mithilfe von Qamurrini, Cozza nnd Fasqai 
heransgegebene ganze vierte Hand der Momimenti antichi, von einem 
trefflich ausgeführten Abliildiinj^sbeft in grossem Format begleitet; unter 
dem Titel Antichitä del Territorio Kiilisi o stellt dieser Band die Frühzeit 
dieses eigenartigen Ländchens dar, eines Ländchena, das auch unter etras- 
liiacber Fremdherrschaft^ geatfitzt auf die angrenzend frei gebliebenen 
oder wieder frei gewordenen Staromesverwandten in Latium und der 
Sabina, sein italisches Volkstum bewahrte, dessen die sonstige italische 
Ornndbevölkerong Etruriens nach der Überschwemmung des Landes 
dorcli die stammfremden Herren in höherem oder geringerem Grade ver- 
lustig ging. Wir wussten ja wohl schon im allgemeiDent dass im 
bergigen Mittel- und Süditalien die Entwickelung der geregelten An- 
siedelungen des auf die locker verteilte Urbewobnerscbicht folgenden 
eigentlich italischen Stammes von oben nach unten, von Berg zn Thal 
geht : die Höhe bot Sicherheit sowohl gegen Mensch und Tier, me gegen 
die Täcken der damals gewiss noch wasseneichen Tbftler, gegen Über- 
schwemmong und Fieber: gegenüber diesem Vorteil kam die Unbequem- 
lichkeit oder gar der Zeitaufwand in einer noch TerMndungs- und han- 
delsarmen £poche nicht in Betracht. So sind die einsamen Hüheo 
Süditilieoa noch Tielfiich Ton alten Steinringen umzogen*), die bd stei- 
gender Kultur der fiberall nahen Süstenebene früh Terlassen wurden. 
LfiDger hielten sich Weliach diese Hochburgen im mittleren Italien, 
namentlich in Etmrien und Umbrien, wo die heutigen StAdte in vieleo 
Fftlkn nodi die unmittelbare Fortsetzung der ftltesten Niederlassungen 
darstellen: der Gmnd zu diesem Festhalten lag mitunter gewiss in 
politischen Yerhflltnissen, häufiger aber in der unverbesserlichen Be- 
schaffenheit der Tbftler: man denke nur an die Volskerstftdte zwischen 
Saccothal und pontinisehen Sumpfen [ Liessen sich diese Schwierigkeiten 
überwinden, so war der Zug ins Thal oder wenigstens auf die TorhOheo 
die selbstverständliche Folge: manche Stadt z. B. Etruriens Iftsst uns 
ihre ursprüngliche Lage nur noch erschliessen aus der Lage alter Gr&her- 
plfttze auf dominierender Hohe, hoch über der späteren Ansiedelung: 
die sonderbare Thatsache, dass vielfach die ftltesten Griiber die höchsten, 
die jüngeren die tieferliegenden sind, erklftrt sich nur aus Annahme 
der zugehörigen ülteren Ansiedelung eben auf dem Gipfel jener Hohe. 



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Übw die «rcbiol. DorelifonGliiing ItaKens inoetliaUi der letston acht Jahre 27 

Nirgends jedoch tritt uns dies geschieht Ii hr> Bild anschaulicher ent- 
gegen, als in dem Dunmebr so sorgsam durchforschten und von ßarnabei 
und sanen Mitarbeitern Tor uns ausgebreiteten Faliskerländchen : der 
grösste Teil dieses Liindchens wird umfasst durch das zahlreich verästelte 
Flussgebiet des Treia, der mit seinen Zuflüssen in tief eingeschnittenen 
steilrandigen and langgestreckten Furchen das auf den vulkanischen 
Höhen des dminiscben Waldes und der südlieb von ilini gebildeten 
Krater und Kraterseen sieb Mmmelnde Wasser zum Tiber abführt. Die 
Ältesten Ansiedelungen, dabei auch die kleinsten, sind nun durchweg 
hoch oben, oberhalb des Tbalbeginns, auf Höhen Wiederau fgefunden, die 
tbnnüchst isoliert, viel&ch noch den Kamm des Gebirges überragen, 
das als alter Eraterrand die Seen ▼om Flussgebiet scheidet. Lange mögen 
diese gesehichtalesen Anriedeliingen eines Toretruskiscben, italischen Hir* 
tenatammea hier ungestört bestanden haben. Wir gewahren Erweite- 
rungen, Loslösungen Ton Sondeiansiedelungett, erkennbar an der jüngeren 
techniseh besseren Form ihrer Hauerringe; auch die durch jedenlkllB 
zahlreiche Qenerationen uns hier begleitenden Brandgrftber zeigen im 
Aufbau, Omamentierang, Fürbung ihrer Thongefltese, meistens QefiLsse 
der den Italikem von Haus aus eigenen sog. ViUanOTaform, leichte Fort- 
schritte; die allmablig auftretenden Begleityasen zeugen von Bekannt- 
werden neuer Formen u. dgl. Nichts jedoch hier oben, in Monte Sant- 
angelo, Monte lucchetti, BoecaBomana, Monte Galvi, das ruhige Fort- 
dauer bis in jüngere Zeit verriete, kein nach Fbönizien oder Griechenland 
hinweisendes Importstück. Schon im achten Jahrhundert spätestens muss 
die regelmftasige Besiedelung hier oben aufgehört haben: nur einige ganz 
vereinzelte Neubesiedelungen, in Gestalt offener Gehöfte mit Bestattungs- 
grftbem, deren Inhalt in das siebente und sechste Jahrhundert weist, 
ferner einige wenige Anzeichen römischer Kultur bezeichnen Versuche 
der bereits ackerbauenden Zeit, ihre lockere Siedlungsweise auch bis auf 
diese Höhen auszudehnen. Wo waren im achten Jahrhundert die Be- 
wohner dieser Höhen geblieben? Die Antwort geben uns zwd tbalwarts 
gelegene St&dte, die erste Narce, erst jetzt entdeckt, die zweite Falerii, 
oberhalb des Tiberthaies, das heutig» Civitä CasteUana, bis zur römischen 
Eroberung, im Anfhng des dritten Jahrhunderts t. Chr., Hauptstadt der 
Landschaft. Um dieselbe Zeit etwa, als die südlichen Nachbarn von 
ihren albanischen und sabinischen Höhen herabstiegen, um sich auf den 
weltgeschichtlichen Hügeln am Tiber niederzulassen, mögen die allm&hlig 
zu anderen Lebensformen übergehenden oder übergegangenen Falisker 
das Treiatbal abwärts gezogen sein, natürlich schwerlich von heute auf 
rooigen, sondern in langsamer Bewegung. 



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28 



F. von Duhn 



Vielleicht haben auch politische Verhältnisse mitgewirkt. Ich habe 
vor einigen Jahren nachzuweisen versucht, dass ungefiUir im achten 
Jahrhundert der etruskische Vorstoss nach Süden begonnen hat*). Da 
galt es för die Italiker, der stammfremden Eindringlinge sich nach 
Kräften zu erwehren. Latium konnte nur an der Tiberlinie verteidigt 
werden, daher die Orändaog Roms; die Hocbburs^en auf den ciminischeo 
Kraterkämmen lagen zwar hoch, aber weder central im Verhältnis zu 
ihrer bedrohten Landschaft, noi h gegen Berennung sicher, da die roh 
aufgetürmten Steinwälle mehr ein Hindernis als eine wirkliche Wehr- 
mauer darstellten, der nasse Graben aber, der den terreus mmm der 
italischen Flachansiedelnngpii erst vert^digungsf&big machte, auf den 
Bergkämmen natürlich fehlen musste. 

Es begann die Zeit, wo die Spitzen von Höhenzügen, welche durch 
zusammfiHnündende, tief eingeschnittene Wa.sserfiirchen wenigstens auf 
zwei Dreieckseiten vom Umland a)i<^'eschnitten sind oder allseitig isolierte 
Steiihöhen zur Ansiedelung aufgesucht wurden, Naturbildongen, an denen 
das westliche Mittelitalien in seinen Abdachungszonen bekanntlich be- 
sonders reich ist. Keine Gegend wieder reicher daran, als das Falisker- 
l&ndchen. In Bom geben uns neben der blos litterariscben Überliefe* 
rung nur kümmerliche, vielfach undeutbare Baureste und verhältniss- 
mfissig wenige, dabei vielfach ungenügend beobachtete Gräber Kenntnis 
von der Geschichte der Stadt in ihren ältesten Perioden, namentlich 
von ihrer atlmfthligen Ausdehnung. In Narce ist das anders. Naroe 
mag uns sehr wohl dienen, um durch Analogieschlüsse auch auf Bom 
helles Licht zu werfen. In demselben achten Jahrhundert, das in ur- 
sprünglich noch rohem (^iiiaderbau die ersten wirklichen Mauern um den 
Kern so unanchei Staat Latiums und Etrurieus sich erheben sah, wurde 
der Hauptbügel von Xarce in drei successiven Zonen ummauert, während 
im Innern die Wohnhütten der alten einfachsten Form, wie die Hfttten- 
Urnen oder die casa Bomuli sie uns vergegenwärtigen, sich whoben'). 
Das Topfgeschirr war noch das alte einfache, handgemacbte aus schwarz- 
grauem Thon. G^en Ende des Jahrhunderts ward eine Vergrösserung 
nötig: man zog den nächsten südlichen Hügel, Monte Ii Santi, in der 
Weise zur Stadt, dass man ihn durch eine Brücke mit dem Haupthngel 
verband und in schon vollendeterer Mauerteehnik ummauerte. 

Bereits zur Zeit dieses Mauerbaues war mit glänzend roter Decke 
überzogenes Thongeschirr im Gebrauch, das wir in Gräbern zusammen 
mit ph5nikiscben und griechischen Handelsartikeln des achten und 
siebenten Jahrhunderts zu finden pflegen. Noch drei andere üfigel und 



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Ober die arcbioL DnrchfoncIiUDg Italiens innerhalb der letstoi acht Jahre 29 



Felszungen wurden in der Folt^ezcit in das Stadtgebiet einbezoi^^on. Als 
die Stadt gegründet wurde, war sie noch rein italiscii, Zutiuchtsort und 
liuUvveik gegen die Etiuskor: deon alle älteren Gräber sind Brandgräber, 
angelegt nacii italischem Kitns. ebenso wie IVülier bei den llöhenansiede- 
luDgeu auf dem Bergkanim, in der Weise, dass die ürübergru]ipen ein 
Stadtbild im Kleineu geben, jede vom Wall umschlossen, von Karde 
und Documanus geteilt, die aussen) Grabeszeichen vielfach den Hütten- 
dächern im Kleinen vergleiclihar. 

Die Beigaben, namentlich das Aschengefass zeigen zu Anfang noch 
denselben rein italiacbeo Charakter der früheren Zeit, nur gegenüber 
Monte Sautangelo u. s. w. in Teclmik. l urm und Ornamentik etwas vor- 
gerückt. Später dringt dann auch grieciiischer und orieutalibcher Import, 
sei es in Gestalt von Metall oder Tbongefässen , sei es an kleinem 
Schmuckzeug u. dgl. ein. Frühestens um die VS'eiide vom achten zum 
siebenten Jahrhundert fällt auch Narce in die Hände derEtrusker: und 
nunmehr treten neben die zunächst noch zahlreich weitergehenden Brand- 
gräber die etruskiscben Hestattungsgräher a fos<ia und später a camera, 
ganz wie in Rom während der etruskisciien Herrschaft. Während aber 
iiom gegen Ende des sechsten Jahrhunderts das Kremdjoch abschiittelt, 
und daher der fremde Bestattungsritus dort wieder zurückweiclien muss, 
bleibt das Faliskerland unter etruskiscber flerrscbaft, eine Thatsaohe, 
die sich in Beschaffenheit der <iräfier treu wiederspiegelt. Bis zum Endo 
des fünften Jahrhunderts lässt sich der griechische Vasenimport dort ver- 
folgen — dann, zu Anfang des vierten Jahrhunderts, hört mit einem 
Ma!»^ alles nuf: die Zerstörung Veii's durch Camillus im Jahre 396 hat 
zw Ii [»'11 IIS auch diejenige Xarce's nach sich gezogen. Schon vorher war 
Narce durch das günstiger gelegene Falerii weit übertlügelt worden; 
auch Falerii's Stadtgeschichte und firrihergeschichte verläuft ähnlich; 
nur ist dort alles reicher und reichlieher, wie das Museum in der Villa 
Papa Giulio niinTnehr leuchtend zeigt, und dauert ein Jahrhundert länger. 

Ich will diesen Überblick über das Fali>kerl.uidchen nicht schliessen, 
ohne zu erwähnen, dass mit der Musterhaftigkeit der Durchforschung 
des Landes uud der Grabungsarbeiton auch die AufstelltinL' und Ver- 
arbeitung der Fundstücke gleichen Schritt gelialten hat. Jede wirklich 
sorgfältig und sachverständig geleitete Grabung ptlegt Licht nach allen 
Seiten zu geben : so verdanken wir denn der sorgsamen Erwägung der 
Fundumstände in Verbindung mit Barnabei's eigenem Scharfblick und 
keramischer Kennerschaft die erste wirkliche Geschichte der älteren ein- 
heimi^heu Keramik Mittclitaliens; sie ist seinem Fuliskorbando einverieibt. 



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30 



F. TOD Dahn 



Die Frülizeit dieser jfingoreii, bereits verbrennenden Italikergrupp^, 
die das Land zwischen Arno und VoUkerbergen besetzte, ist somit für 
das Faliskeiland schon pluuiiiäüäig durchforscht, an vielen anderen Orten 
aber durch monatlich kann man sagen sich mehrende Einzelfunde immer 
meiir erhellt. Greifbarer jedoch tritt uns derselbe Stamm in Oberitalien 
entgegen. Hier haben die langjährigen geduldigen Forschungen von 
Männern wie Ohierici, Pigorini, Brizio und vielen andern uns 
Blicke der merkwürdigsten Art thun lassen in die Vor/.eit des röniisclien 
Stammes. Die ersten Vüritalischeii Urbewohner des rolandes hielten sich 
von den Fliisslänfen, insbesondere vom Flussgebiet des Po selber, fern, 
den unwirschen und ungleichen Charakter des Flusses luichiend. Die 
ältere noch bestattende Italikergruppe fand keine Freude an dem noch 
unwirtlichen Lande, und wandte sich längs der Adria südwärts, um den 
Osten und Rüden der Haihinsel zu besetzen; erst die jüngere, verbrennende 
Gruiipe maclito da Halt, Sie brachte die Sitte des Pfahlbaues wahr- 
scheinlich schon mit sich, begann die kleineren Flnss- und liachläule 
zu regulieren, selbst in das Hau)>ttlial des Po vorzudringen, überall auf 
ihre Pföhle und Ablaut'gräben vertrauend. Fand nach T. Taranielli die 
erste Kindeichuug des Po aui Ii erst gegen die röniisclie Periode hin 
statt*'), so war doch schon durch das Pfahlbau>ysteni und die damit 
verbundenen Regulierungen der erste bedeutende Schritt zur kulturellen 
Ausnutzung des Stromgebietes gethan. Unweit Pavia's^) beginnend, 
erstrecken sich die Pfahlbauansicdelnngen, die soeen. Terremare der ver- 
breuueudeu Italiker, ostwärts Ins in die Kuganeen nördlicii des Po, südlich 
bis an den Panaro. los hoch in die Abdachungszonen enij)orsteigeiid. Ge- 
ringer werdende oder ganz zurücktretende T'berschweninningsgetahr, viel- 
leicht aucii steigendes Gefühl politischer Siclierheit führten schliesslich an 
einigen Punkten des Pogebiets, durchweg aber in der Komagna, bis 
herunter nach San Marino, wo der Apennin ans Meer tritt und eine 
alte Völkergrenze sich schon äusserlich markiert, zum Verlassen der 
Pfahlbausitte und Errichten der Ansiedelungen in Hüttenlurni auf festem 
Boden: in diesem Stadium wurde auch das südlich vorn Apennin bis 
zu den Volskerbergen sich ausbreitende Land besiedelt. Die Kenntnis 
der wirklichen Pt'ahlbauniederlassungen ist durch überaus geduldige und 
scharfsinnige Forschungen Pigorini 's und seines Schülers Scotti 
gf»rade in den letzten fünf Jahren wesentlich erweitert, ja zum erstenmal 
der Plan einer solchen Ansiedelung wirklich gewonnen*). Ein Rechteck 
ist zunächst ausgesteckt worden, mit Hilfe zweier gerader Linien, die sich 
in rechtem Winkel kreuzen, Linien, deren erste Festlegung vermutlich 



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über die ardiiel. Darcbfoncbniig Italiem lonerbelb der letsten acbt Jabn 31 



mit Hilfe einfacher astronomischer Jieobachtungen gefunden wurde. Auf 
der Querlinie, dein Kardo, wurden nocli in Cast^Uazzo je zwei recliteckige 
und in der Mitte zwischen ihnen eine quadratisch«' Vertiefung gefunden, 
1,50 m tief, die mit Holz eingedeckt, jeth^ch inwendig leer waren, bis 
auf einige „signa", Stücke primitiver Thonscherben, und, in ziemlich 
grosser Zahl, iMuschein. In der kleineren Ansiedelung von Rovere di 
Caorso, unweit Piacenza's, waren es nur drei solche Gruben. Ähnlich 
wie über 1000 Jahre später in den Limeskastellen wird man diesen 
regelmässigen, stets in der Linie des Kardo liegenden und von der An 
umschlossenen Löchern möglicherweise gromatischen Urs])rung zusprechen 
müssen ^). Das somit festgelegte und in der Gesamtlage orientierte 
liechteck wurde alsdann den örtlichen Verhältnissen angepasst: es lag 
z. B. auf einer zum Pothal sich unmerklich senkenden Abdachung: ein 
benachbarter Bach wurde hergeleitet und zur Fülhing eines Grabens 
benutzt, der die Ansiedelung rings umzog und an entgegengesetzter Seito 
einen Ausgang fand; dem besseren Wassergefälle zu liebe wurde auch wohl 
das ursprüngliche Kechteck in ein Trapez verwandelt. Die vom Graben 
ausgehobene und durch riaiiierung dos Inneren gewonnene Erde wurde 
benutzt, um den hohen und breiten Wall aufzuwerfen, dessen innere Seit« 
senkrecht abgeschnitten und durch starke Holzpalisaden gehalten wurde. 

Nur an der einen Schmalseile wurde ein Eingang geschalfon, genau 
in der Axe des Dpcinuanus, eine breite und feste Brücke aus massiven 
Balken über den Graben gelegt, der hier zu doii{)tdter Breite erweitert 
wurde, augenscheinlich um die Annäherung an die Brücke zu erschweren, 
die Verteidigung zu erleichtern. Im Innern wurde zunächst ein regel- 
mässiges Strassennetz angflcjt, in der Weise, dass die aus Erde auf- 
gehöhten Strassenkürper unmittelbar auf die Bodenfläche gelegt wurden, 
und zwar in regelroässigster Weise, Derumanus und Kardo als breitere 
Hauptstrassen in der Linie der beiden Mittelaxen, dazwischen ein System 
kleinerer, ebenso aufgehöliter Strassen, die teils dem Kardo, teils dem 
Decumanus parallel gehen. In joder insula zwischen diesen Strassen- 
linien wurde alsdann je ein solider IMahlrost errichtet, und auf dem von 
den Pfählen getragenen Verdeck die >Vohuhütten runder oder elliptischer 
Form in wahrscheinlicli ziemlich rcgelmftssiger Weise verteilt. Frei 
blieb von jeder Bebauung zwischen Decumanus und der einen Wallseite 
ein vom Kardo halbiertes Kechteck, das, ringsum festgehalten durch ein 
mäclitiges, aus Pfählen und Geflecht bestehendes Faschinenwerk, von 
breitem Graben umzogen, im stark aufgehöhten Innern eben jene oben 
erwähnten vielleicht gromatischen Gruben, aber keine Wohnhütten zeigte: 



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32 



F. TOD Duho 



Eiue in der Kardoaxe liegende Uokbrücke verband diese Arx mit dem 
Mittelpunkt der Ansiedelung. 

Ein Gegenbild der A\ oluistätte der Lebenden waren die Begräbniss- 
plätze"'). Ausserhalb, abei in iia< lister Nähe der Ansiedeluner, gewisser- 
massen unter dem Schutze ihrer Walle gelegen, wiederbolteu bie im 
Kleinen das Bild dtr liowolmten Ansiodeluogen, eine Erscheinung, der 
wir schon bei den P'aliskcrnitMleiiassnnuoü begegnet sind^'). Wall und 
Gruben umzieht die Nrkro|iolis, eine brücke führt in der Richtung des 
Decumanus in dieselbe hinein, im Innern ein Pfahlgerüst im Kleinen, 
und darauf in Reihen dicht nebeneinander und hernach übereinander die 
schmucklosen mit der Trinkschale abgedeckten riiien, welche ausiser 
den Resten der verbrannten Leiche nur ganz ausnabnisweise und zwar 
versehentlich Reste mitveibmnnter Gegenstände enthielten: ein starrer, 
strenger Ritus I Die Leiche wurde in ihren Kleidern verbrannt (auch 
die gemeinsame Brandstätte ist gefunden) und bernuch allfs lleterot^eno 
entfernt, nur die Asche aufgehoben. Auch keinerlei Merkmal au der 
Urne oder üher ihrem Standort ermöglichte spätere Feststellung des 
Individuums. Iiier wie in der ganzen Anlage überall starre Gcifet/.mässig- 
keit. gemeinsames Vorgehen. Unterordnung des Individuums unter da» 
Ganze: eine Vorahnung der Orundzügc des römischen Staats! Jede dieser 
Ansiedelungen hatte natürlich nur für eine bestimmte Zahl Insassen 
Platz: ging der Raum zu Ende, so mu>ste, wohl in Form des ,ver 
sacrum", ein Auszug junger Mannschall und Neugrüudung einer gleich- 
artigen Ansiedelung erfolgen: auf solche Weise bedeckte sich das Land 
zwischen Aljien und Apennin mit zahllosen italischen Niederlassungen, 
zum Teil Vorlaulern der späteren Städte, und wurde in langsamem Vor- 
scbreiten kultiviert. 

Aber auch von gewaltsamen Unterbrechungen des ruhigen Ganges 
und grösseren Wanderungen erzählt uns die sorgsame Bodent'örschung 
der letzten Zeit. Der fremdartige, vielleicht illvrisehe Veneterstamm 
brach von Nordo>t durch das allzeit oflene Thor herein und nuichte 
sich das noch heute als Venetien umfasst« Land /wischen Fitseli und 
Alpen zu Eigen: seine merkwürdige, auch für die AlpenUinder wichtigo 
Kunst, am reichsten im Museum von Este vorgeführt, wird «lurcli zahl- 
reiche verdienstliche Arfx iten, namentlich Prosdocimi's und Ghi- 
rardini's") von Jahr zu Jahr mehr aufgehellt. Die Italiker wichen 
vor den neuen venetischen Eindringlingen zurück: ob unter dem Einlluss 
dieses Schubes oder schon früher die Besetzung vnn Etrurien und Latium 
durch diese Italikergruppc emtrat, t^U^ht noch nicht fest. Später erfolgte 



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über im »rehlol. DuvehfondittnK TtalienB Innerhalb der letxten acht Jahre 33 

na. B. der Durehbruch und die Ausbreitiiiiy der eljentalls tVomdaiiigen 
Etrusker. Noch niclit völlig klar, trotz vielfacher Anstrengungen tüch- 
tiger Forscher — ich nenne namentlich Ca steif ran co — , ist die 
ethnologische Bestimmung einer westlichen Gruppe von Pfahlbauern, durch 
Pigorini von der grossen östlichen mit vollem Kecht getrennt '^). Dieser 
Stamm besetzte den grösseren Teil der Lombardei und Teile von Piemont, 
namentlieh die lombardischcn Seen und Flussläufe mit seinen Ansiede- 
lungen: auch hier scheinen, wenigstens hei den Seeansiedelungen, die 
Nekropolen kleine Sonderpfahlbauten gebildet zu haben '•). Diese west- 
lichen Pfahlbauer setzten ihre vom Knlturstrom der Mittelmeerküsten 
am meisten entfernte Existenz bedeutend länger als ihre östlichen ita- 
lischen Nachbarn ungestört fort. Sie scheinen ihre nächsten Verwandten 
in den Pfahlbauern der Schweiz zu besitzen, somit vielleicht einem kel- 
tischen oder ligurischen Stamm anzugelulrcn. 

Mit dem Namen »ligurisch* streifen wir ein neues Forschungs- 
gebiet, das des Interessanten sn viel bietet, dass ich zuerst die Absicht 
hatte, Ihnen nur über die Ligurerforscbungen der letzten Zeit eine Dar- 
legung zu geben. Die Höhlenwohnungen und ollencn Wohnstütten, 
oanMäitlich aber die Höhlengrüber Ligiiriens sind durch Morelli, Issel, 
Amersno, Colini u. a. '^') mit grosser Sorgfalt und schönen Erfolgen 
immer weiter durchforscht worden, und manches frühere Vorurteil und 
und unrichtige Synchronismen sind dadurch besoitii^t. Aber Thatsacho 
bleibt, dass bis an die römische Zeit hinan die Bewoliner der westli( lion 
Hälfte des ligurischen Apranin in jenem merkwiinlia:en, halbwilden Zu- 
stand verharrten, den uns noch Poseidonios schildert. Die östliche Hälfte 
dagegen, bis weit ins Arnothal hinein erscheint früher civilisiert, 
wie ihre Bewohner auch von den nördlich, östlich und südlich anstossen- 
den Stammen frfihzeitig") die Verbremiung annahmen, zu der ihre 
westlichen Slatnmesgenossen in Ligurien nnd dem südlichen Piemont 
erst in der römischen Zeit übergingen. 

Die Ligurer sind ein voritalischer Stamm, der in dem später Ligarien 
genannten Lande sich besonders zäh, in Folge der dafür günstigen geo- 
graphischen Verhältnisse erhielt, aber zweifellos bei seinem Eintritt in 
die Halbinsel sich nicht diese ungünstige Landschaft aosgesucht hat. 
Wir sind berechtigt, ihre Spuren, sei es vor, sei es neben den später 
eingerückton Ttalikein, aueh noch anderswo zu finden. Dass sie auch 
im südlichen Frankreich sassen, und erst im fünften Jalirliundert von 
den vorstossenden Kelten unterjocht nnd wohl allmählig mit ihnen amal- 
gamiert wurden, wimen wir zufällig, für Italien fohlt uns ein brauchbares 

NEUE JiBIDBLB. JAHRBUfiCIlBR VI. 3 



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34 



F. von Dahn 



litt< rarisc)jc.s Zeugois: du mm^ der S|iuteii l'ragen, uod mit gutem Ertulg 
hat i'T ^'elVagt. 

SoHt»lil in der Pocbent.'. w'w nii «l<'r nilriatisclioii Knstc und im söd- 
liclicn Mittelitalien hat man (Jiui>pen von (Jnibrni, aucii Hutten wohnimE^en 
aufgefunden, meist aus iler St<?inzeit odor der sfjrcii. aonoolithischen 
Periode, denen i^cw issc charakteristische Kigenscliattt'ii mit den Li^urern 
des \vt'<tli''lif'i! Ligurioiis ^remeinsam sind, 7. H. dio iVLudinassige Skelett- 
lagc auf der beite, die IJci-etzung in zusanirueiiut'/...uftier Kurperlafrc die 
Art der Ausstattung mit zahlreichen Stein- und Kuplcrdolchen, Mii<r}u'!- 
kt ttt'ii und Muschelschmuck auf den Kleidern, und andere besonders 
bezeichnende Beigaben. Es war die Ict/tc That Chierici's. da^^s er 
bei Kemcdello, unweit Brescia, eijie selir cliarakteristis^che Gruiipc .solcher 
Ii ruber aushob*"), zu denen auch entsprechende Wobnhütten gefunden 
sind '^). 

Sehr merkwürdig ist nun, dass in den let/ton Jahren Ans^rrabungen 
unweit Pesaro's, bei Novilara, die Brizio gleitet hat und in diesem 
Augenblick noch tortf;Uirt zu leiten, grosse Gruppen, solcher U rüber ge- 
liefert haben: und ähnliche kamen auch anderswo in Pieennni. zwischen 
Fojrlia und Chienti, zu Ta*(e. z. B. bei Xuniana (der Vorgiin<,'enn An- 
cona's), i>ei Ancona seihst, hei Monterot • 1 : , Osimo, Tolentino und 
anderswo. Auch von zu<,'(du»rigen Hutt> 1 u duiungen sind hier und da 
Spuren gefunden. Von kürzeren Mitteihintren abgesehen, liegt nunmehr 
im V. Band der Monuinenti antichi von Brizio 's Hand ein itnsserst 
genauer, ausliilirlicher und reich mit Abbilduntjen aufsgestattet^^r Iknicht 
vor. und zahlreiche (»raher seihst sind ausgehoben und in die Muse«! 
von Fesaro. Ancona und Koni verbracht. 

Was diese idcentische üruppe besonders interessant macht, ist 
zweierlei: erstens die lantre Dauer dieser bis ins fünfte, ja vierte Jahr- 
hundert fortgesetzten uralten und voritalischen W ohn- und Begräbniss- 
wei?e: so fand man z. H. Iiei Serrapetrona in derselhen (jriibersehicht 
Steinwerkzeuge. Muschelschmuck und Ei^:enwaffen : nur aus der etwas 
isolierten La^e dieser Herglandschal't ist das erklärlich ; alsdann sind 
hochmerkwürdig einige erhaltene Grabstelen, deren Spiralornamentik auf 
der einen Seite, eingeritzte Darstellungen, z. B. Schiffskrimpfe, aut der 
anderen*') lehrreiche Heispiele sind von der ungestörten Fortdauer 
mvkenischer Kunstprincipieu in diesen Gegenden"), eine kultur- und 
kunstgeschichtliche Thatsache, die übrigens auch durch zahlreiche Kunst- 
formen von Bologna, dem Veneterlande, den Alpenlaudcrn, ja auch dem 
Kaukasus anderweitig belegt werden kann. Zwei dieser Stelen'*) 



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tW die trehlel. Dnrehlbridmog Tteltan« hinerhAlb il«r tetxten adit Jahn 35 

tragen nur auf der einen Seite OrRamenttk, auf der andern Inschriften, 
darunter eine recht lange in einem auch frfiher selion an der Ostkflste 
vergefundenen Alphabet, das demjenigen Ten Kerkyra am meisten ent- 
spricht. Die Inschriften nun, die ja wohl geeignet wären, einen wich- 
tigen Schlfissel «im besseren Verständnis dieser Gruppe zu geben, sind 
leider bis jetzt noch völlig unverständlich. Nur negativ kann man sagen, 
dass sie keine Italikersprache wiedergeben, und auch, trots vereweifelter 
Versuche von Lattes, sie för etruskisch va erklären, nicht etruskiac h 
sind, schon dem Grabritus nach, wie JBrizjo mit Recht bemerkt*'), gar 
nicht sein kdnnen. Nach den vorher gegebenen Darlegungen werden die 
Sprachforscher vielleicht gut daran thun, das wenige, was wir vom Li- 
gurischen wissen können, heranzuziehen. 

Wenden wir die Blicke nunmehr zunächst nach dem Sfiden, so tritt 
uns in imponierender Fälle entg^en, was in Sieilien gelebtet wurde. 

Paolo Orsi hat hier seine nordische Energie* eingesetzt, nm 
lange vernachlässigtem Boden äberraschende Ergebnisse abzuringen. 

Seit 1889 folgen von seiner Hand Berichte auf Berichte über seine 
rastlose, entsagnngs- und mähevolle Au^ahnngathätigkeit im Sädosten 
Siciliens und ein Bild entrollt sich ims schon jetzt, so vollständig und 
farbenreich, wie wir es kaum von einer andern italischen Landschaft so 
besitzen ! Was dem Boden abgewonnen werden kann, wenn ein wirklich 
wissenschaftlich geschulter, mit strenger Methodik vorgehender und mit 
den Eigebnissen der neueren Forschungen allseitig vertrauter Archäologe 
seine Bearbeitung in die Hand nimmt, zeigt Orsi. Auf ihn, seine Ar- 
beiten, das von ihm m einer musterhaft geordneten Arbeitsanstalt er- 
hobene Museum von Syrakus kann Italien stolz sein ; uro so erfreulicher, 
als leider sonst das alte Königreich Neapel noch des weniger BriVeulichen 
auch auf unserm Felde genug bietet: darüber ziehe ich jedoch vor, zu 
schweigen, da Negatives ffir uns Deutsche irrelevant ist, und ich den 
einsichtigen italienischen Freunden nichts ihnen Neues zu sagen ver- 
möchte. Orsi^s bis jetzt siebenjährige Thätigkeit umfasst fest das ganze 
Altertum, von den Spuren der reinen Steinzeit, in der eine vorsikulische 
Urbevölkerung dahin lebte, bis zu den christlichen Katakomben; den 
Ghinzpunkt jedoch stellen ohne Zweifel dar: erstens die Erforschung der 
mit Troia, Hykene, schliesslich der wiedergewonnenen Herrschaft des 
geometrischen Stils und der ersten griechisclien Kolonisation parallel 
gehenden eigenartigen Kultur derSikuler**), zweitens die ersten 2Vt Jahr- 
hunderte griechischer Kultur, namentlich in Syrakus*') und Megara 
Byhlaea'*). Ich bedaure, dass die Zeit mir nicht erianbt, die Ergeh- 
st 



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36 



F. von Diihn 



n\<<c dieser Foi;-i liiiniicii IliiHii c'ii>j4eiieiidt'r vor/iiluhron ; es sind nuiiienl- 
lieli «üp tholosartig in den Fels getriebenen (jirablutlilen. in d^nen die 
Tott-n ziu'ist linckend. später liegend, mit Speisen versehen, siuressive 
bestattet >iiul. die uns ein trelrticbes Bild der Sikuler vorführen, inerii- 
würdit,' aii.>^elmnlicb gemacht durch Wandeluniren des KMtiis utid all- 
mnhÜL' unter dorn Kinfluss ö.stliciier Kulturen sich ändernden künst- 
lerischen ( liarnkter der beigaben, ein HiM. /.u 'lein die Ortlichkeit der 
Woluistiitten, ihre Auswahl, ihre Naturbdestiunnj,'. wertvolle Ergiinztingon 
geben: Ms in^^ fünfte .Irihrhundert hinab hat < »rsi die /alien S]»inen dieser 
eigenartigen iSikuierkultur vcrroliion können, welche vieiliuli an Stelle 
der uns am-h ans i,nieeliis(lier Zeit bekannten Städte ihren Sitz hatte: 
das Wenige, was die litterariselie Tradition uns erzählt, hat sich durchweg 
monumental belegen lassen*^): nur die tbukydeiscben Pbdnikeransiede- 
lungen wollen an der Ostküfte schlechterdings sieh nicht zeigen^"). 

Niclit iilos üul' das italiselic Festhuid. /. B. nach Fiieanien. wendet 
sicli der Verwandtes sut hende iiliek. >ondern nanienllich auch nach Sar- 
dinien, den südlichen (ieL^eiiden Siianiens und Nordafrika. Ganz kürzlieli 
erst hat Orsi mit bestem Krtol«: im Antrrag seiner Regierung da? einsam 
zwi.schen Sicilien und Afrika lieL'^niie i'antellaria , das alte Kossiira, 
untersiiclit ^'), wo die merkwürdigen Steinbaiiten der Sese schon lange 
die Aufmerksamkeit derer auf sicli «fczoiren hatten, die sich für die Nn- 
ragen Sardiniens, die Talajots der Haiearen, die Dolmens in Algier u. s. w. 
interessiert hatten. Ks scheint nicht. tirit7 der bekannten Glossen"), 
als wenn die. nath aussen allerdings sehr recejitiv sicli verlialtcnden 
Sikuler italischen Stammes gewesen seien; vor den Italikorn mögen sie 
langsam die Halbinsel heral>L;erüekt und seliliesslieii nach der Insel über- 
gesetzt sein — noch in der alten Litterat iir tretlen wir hekanntlich die 
Frinnerung an ursjirüngliche Sikulersitze auch auf dem Festlande '^). Ein 
Zusammenhang mit der Bevölkerung Sardiniens und Nordafrika's ist 
walirsclieinlieh, mit den sogen. Ligurern nicht unmöglich. Im achten 
.Jahrhundert kamen die Griechen zur definitiven Festsetzung: die 482 
v.Chr. zerstörte Stadt Megara bot schon «'avallari. dann Cavallari und 
Orsi, schliesslieii ()r>i allein reielieii Stolf zur Frmittelung der H andels- 
beziehimgen mit dem Osten: Stadt und Nekropole sind in einer schönen 
und gründlichen Arl;eit von Cava IIa ri und Orsi gemeinsam vor vier 
Jahren behandelt fAnm. 28); die seit der Zeit fortgesetzte Ausgrabung der 
Nekropole von Megara hat dem syrakusaner .Museum reiches Studien- 
material zngefühit und den Endpunkt der Stadt im .Jahre 482 durch die 
Vasenluade voUatif bestätigt; iiottigurlges ist kaum gefuDdeo. Vasea- 



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über di» «lehftol. DnrdifiDnehiiDg Ittitiaos ümerhatl» d«r latileo acht Jalm 37 

und Tenakottenkunde zogen und ziehen von diesen Forsclningen natürlich 
besonders nicben Gewinn, und die festen chronologisciien Handhaben ge- 
statten um, auch zifl'ernniüssig die Geschichte der Stadt und ihres Hundeis 
aus den Funden abzulesen. Kbenso in Syrakus, wo die Älteste und wicli- 
tigste griechische Nekropolc, del Fusco. früher nur angearbeitet, in den 
letzten Jahren mit musterhafter Genauigkeit weiter erforscht und ver- 
dffentlicbt worden ist (Anm. 27). Ich mn^^s "icr Zeit wegen mir leider 
versagen, auf K in /.ein es einzugehen, auch die vielfachen schönen Ent- 
deckungen und Beobachtungen Orsi's zur Topographie und Geschiebte 
von Syrakus, auch aus sjjätester Zeit, hier so vorzuführen, wie sie es 
vcnlit-titen. Kamarina. Gchi, Akragas, Heraklca sind leider in ähnlicher 
wissenschaftlicher Weise noch nicht angcfasst worden, obwohl es. des 
llaubbaues wegen, vielfach hohe Zeit wäre'*). Dagegen ist die Tochter- 
stadt Megara's, Selinus, Gegenstand fortf^csetzter Aufmerksamkeit ge- 
wesen: die Hegierung bat dort Jahr für Jahr dnrrh Patricolo und 
Salin as graben und den Kern der alten Stadt mit seinem überraschend 
regelmftsngen Strassenneta und den Befestigungen bioslegen lassen, Be- 
festigungen, die an Interesse mit den von Dionysios in Syrakus angelegten 
thatsäcblieh wohl wetteifern mögen, zumal neben den ursprünglichen 
Anlagen auch die merkwfirdigen Neubefestigungen durch Hermokrates 
mit ihren bastionartigen Vorwerken, verdeckten Gängen, Sperrgräben 
u. s. w. nunmehr voUstftndig au Tage liegen. Z» den alten Tempelu 
sind Beste vou neuen gekommen vier neue Metopenplatten**) aengen 
von untergegangenen Tempeln, die zwischen dem ftltesteo Bnrgtempel 
und den im fünften Jahrhundert auf der Ostterrasse errichteten ungefähr 
die Mitte halten, so dass auch unsere Kenntnis der seliuuntiner grossen 
Plastik nunmehr recht vollständig ist. In grossen Mengen sind aus den 
beiden Nekropolen der Stadt Qrftber ausgehoben und ihr Inhalt nach 
Palermo gebracht, Vasen und namentlich Terracotten, diese besonders 
bei einem den Unterirdischen geweihten Heiligtum vor der Westnekro- 
pole zu Tage getreten, auch eine leider wieder in Privatbesitz unter- 
getauchte, Machst merkwürdige Bronzestatuette Leider h&lt die Be- 
richterstattung nicht mit dieser ganzen emsigen und glücklichen Thätig- 
keit selbst gleichen Schritt***). Auch die gewaltigen karthagisaboi und 
die bescheiden renovierenden römischen^) Befestigungen des benaebbarten 
Lilybaion sind neuerdings Gegenstand eifrigen Studiums, z. T. Bloss- 
legung, durch die Regierung geworden. 

In den griechischen Gegenden dos italischen Festhindos ist in den 
letzten acht Jahren wenig geschehen; nur das Wichtigste sei erwähnt: in 



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88 



F. von Dubn 



Lukn sind diiruii tjrsi und Petersen ein älterer und ein ihn über- 
Ituuendei jüngerer ionischer Tempel aufgedeckt, bei deren Aufnahme 
Ddrpfeld erfreuliilierweise mit eintreten konnte: die ersten ionischen 
Tempel «^riechisclier Zeit a«if dem italischen Festbnde, reich an iuter- 
ressanten Einzelheiten. Auch bedeutende Stücke zweier im Abspringen be- 
grifl'ener reitender Jfinijliii?p. vielleirht der Dioskun-n, kamen dabei zu Tage 
möglicher Weise aus dem (iiebell'eld oder von der ( lielielkrnnnii)^'; ebenso 
zahlreiche Ternicotten und Vasen einheimischer griechischer Fabrik '"). 

Bei Kroton, einem aiis^irht>\nl](>n Platz, sind durch das amerika- 
nische archriolnj?isehe IiiötituL am iiukiiiiou im I)e/»'inber löÖÖ und 
Januar 18ö7 Grabungen leider nur be«(onnen; sie mua?>ten unvollendet 
wieder eingestellt werden^'). Sybaris wird immer noch gesucht, nach- 
dem sowohl die junpfeii Grabbauten des dritten Jahrhunderts wie eine 
ziemlich entfernte, wenn auch iuleiessante Italikernekroiiole bei Torre 
Mordilln^*"^ nur lalseiie Fahrte /eiLjten. In Tarent haben die Arsenal- 
bauten einige neue Geleirenheilsl'unde aus der Mekropole geliefert; ein 
capitales Stuck Bronzeinseiirilt ist von \'iola gefunden und für das Museum 
von Neapel gesichert, eine lex municipalis wahrscheiulicli au> vui- 
cäsarischer Zeit; einzelne Funde vou Interesse tauchen noch Imr iui«i 
da in der jetzigen Stadt aut. Von dem arg vernachlässigten Apnlieu 
ist jetzt, wo dem viclbeschüfligten Jatta ein deutscher Fachmann, 
M. Mayer, als Direktor des Provinzialnuiseums in Bari zur Seite ge- 
treten ist, hoffentlich bald ernste wissensehaftlii he Arbeit zu melden. 
Au der Westküste ist da» früher fast unbekannte und unzugängliche 
Velia durch W. Sehleuuing durchforscht und kartographisch aufge- 
nommen worden ^•'J. 

Was in l'ampanien gefunden wurde, ist von Pom|H |i und Neapel 
abgesehen, nicht unter Hegicrungscoatrolle zu Tage getreli n, luid im 
Allp'meinen iierzlich wenig: es scheint als ob die früher ausgiebigsten 
Nekropolen der Erschöpfung nahe sind**). Nur die für die Geschichte 
iüiüscher Kultur so wichtige Xekropolis von Kyme ist durch E. Stevens 
w^'iter ausgegraben, und die Ergebnisse seiner Sammlung einverleibt wor- 
den. Leider fehlen immer noch die gerade liier so wünsehcnswerteu 
Hericlite. Kaum ein Punkt Italiens würde so sehr wie Kyme eine karto- 
gra]diisclie und archäologische Bearbeitung im 8tii von Cavallari und 
Holm s Topografia ardicolopica di Siracusa oder Cavallah und Orsi^s 
Megara oder Brizio s .Marzabotlo \enlienenl 

Tn Neajiol haben die As.sariiriiiigsarbeiten maiu-beii Bausitcin zur 
Topographie und Geschichte der Stadt gcüelert, auch geiegeutUch Uraber, 



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Ober die afchiol. Durchforachaug Italiens iim«riialb der letiten adit Jahre 39 

darunter ein besonders interessantes ans frfih kaiserlicher Zeit mit reicher 
idastischer Ausstattung; in Pompeii sind zahlreiche Hfuiseraitfdeekiingen 
und EiD7,elfiinde gemacht, über die .Man in bekannter vor/iiglielier 
Weise Jahr aus Jahr ein in den römischen Mitt^jiluni^'en b<Mirbtet hat, 
aber, abgesehen von einer durch die badisclie Expedition von 1S89 aus- 
getührt^ii Autlfrabung de^ so^. ^crieehischen Tempels*-'), kein neues 
^öffentliches Gebiiude zu Ta^a- gefordert. Recht interessant war dagegen 
die Entdeckung einer vornebnien ViUa bei Boscoreale *•'), deren kost- 
barster Inhalt, eine am l;i April dieses Jahres gefundene Keihe son 
über 40 Gold- und Silbergeschirren, reich und höchst eigenartit: ver- 
ziert, diesmal 7.. T. ein wirklicher AljL,'la:iz Alexandria's. freilieli durch 
Kothschild's Liberalität den Weg in den Louvre gefunden liat ''). 

Über Horn, das unerschöpfliche, Hesse sich natürlich ein ganzes 
grosses Kapitel vortraj^'en : sind doch seit 1887 allein drei neue An- 
tikenmuseen dort erstanden ! Das bald schier unübersehlich werdende 
Cfebiet römischer Topographie wird jetzt, wo in der Neubauperiode ein 
Stillstand eingetreten scheint, durch den so sehnliehjät erwarteten, nun- 
mehr endiieii hn Erscheinen begriflenen Stadtplan Lanciani s fest- 
gelegt**). Der Palatin geht seiner vollständigen Erforscbung entgegen, 
nachdem die Villa Mills, welche das Haus de*? Augustus und den Apollo- 
tempel bedeckte, jetzt Staatseigentum geworden ist; das mit tliesem 
Palastbau bereits in Zusammenhang stehende sog. domitianische Stadium 
ist in der von Septijnius Severus ilini verliehenen Form aufgedeekt. durch 
Mariani und Uozza reconstruiert und verölientlicht •'•"), aucli andere 
wichtige Einzelfragen der Topographie von Palatin und Forum, auch 
(^uirinal sind neuerdings wesentlich gctordert, nameutlich durch die 
Arbeiten Gatti's, Lanciani's und Hälsen 's. 

Durch die richtige Datierung des Pantheon und genaue FeststeUung 
seiner Konstruktion sind überraschende und wesentlich neue Thatsachen 
gewonnen; einige durch ihren bildlichen Schmuck besonders wichtige 
Bauten, wie die Ära Pacis, den Constantinbogen — und auch der Traians- 
bogen in Benevent sei hier genannt — fruchtreich bearbeitet zu haben 
ist Petersen's Verdienst*'); in allerjüngster Zeit erst ist die Marcaurel- 
süule neuer ungemein ergiebiger l'ntersuchung rmd Reproduktion unter- 
worfen worden^*); auch die grosse Inschrift über die ludi saeeulares ist 
wohl wichtig genug, um ihrer Auftindung an dieser Stelle dankbare Er- 
wähnung zu thun*'). Zahlreiche topograjdiische und archäologische 
Eiozelfundc halten Vervollkommming un<l Berichtigung des Stadthildes 
in roicber Fülle gebracht: auf Einzelnes einzugeben fehlt hier die Zeit; 



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40 



F. von Duhn 



ddüü eiidlkb auch die Villu des Hadrian, so lauge ein etwas dunkler 
runkt der Arcliiiologie, durch Winne l e 1 d eine treftliche Durchforschung, 
Aufnalime und LJeschreibimg erfahren Imt, muss ich erwähnen"). Eben- 
falls dnrcl! ^Viunefeld und Oraf Cozza ist Alatri, die alte Herniker- 
stadt, hüljsrli bearbeitet worden**). Der ^s'einisee schenkte dem Lord 
Savilc im Jahn; 1885 wertvolle Erinnerungen aus dem Heilig^tiim der 
Diana Nemoreii.^is ■ '"), und gan?. neuerdings entstHgen seiner Tiefe ^'liln- 
zende lieste aus iler ersten r.lsiireii/.cit, Teile eines Prachtschills. da» 
kaiserlichem Luxus «^editMit haben luuss"''). Auch Terracina, lange 
isoliert und daher vernaclilassigt. jetzt durch die Bahn ziigruiglicher ge- 
worden, hat eine Ueberraschun^r Ljebraclit, indem die trüber für ost- 
gotiscb «rehaltenen Lnterbunten auf der stolzen Hohe uberhalb der Stadt, 
wo man hieb gern Theodoridi thronend vorstellte, sich als Terrassen 
herausstellten, von denen ein Tempel, in einzigartig schöner Lage, auf 
Land und Meer herabäcbaute : wem geweiht, steht oock uicht völlig 
fest*«). 

Auch im inneren Mittelitalien beginnt neuerdings, seit die Ver- 
hinduiigen besser werden, und damit dor Horizont für die Lokalforscher 
weiter, und seit das fortschreitende Corjjiis inseript. den Hoden immer 
mehr ebnet, auch der rniversitätsunterricht in alter Geschichte zu wirken 
anlangt, die Erforseliung der < »rtliehkeiten durch die dazu Berufenen 
erfreuliche Erscheinungen zu zciti«4en: treilich noch wenige, da der Tvpus 
des arheitetnlen (üvninasiallehrers in Italien noch immer so selten ist. 
Persichetti s Viaggio aiclieologico sulla via Salaria (Kom 1893) und 
üabrielle Grasso's Studi di storia antica e di topografia storica (Ariano 
1893) sind z. B. derartige Lichtiiunkte, neben tlenen es freilich auch 
manche recht schattige rarticen gii»l. Manner wie de Wno in Sol- 
mona, und A. Jatta, Michele Lacava sind eben. Dank dem Bourbonen- 
regiment, in der ganzen südlichen Haltte der Halbinsel Ausnahmen. 

Dass in Etrurien allerorten ßrand^'räber der voietruskischen Be- 
wohner italischen Stammes auftanchen, erwähnte ich schon : Veii, Bi- 
sentium und andere Orte am Ii l^ener See, Vulci, Volterru '). Florenz, 
inmitten der heutigen Stadt seien hier nur beispielsweise genannt. 
Für die elruskische Periode, jetzt durch Milan i im etruskischen Cen- 
tralmuseum in Florenz in musterhafter Ordnung vorgeführt, mehrt sich 
das Material andavieni l besonders reich und merkwürdig aus Vetulonia *"). 
Aber auch rorndo, Vulci, durch ein schiines Buch von St. Ose II über 
die VAH Ti rlunia dort veranstalteten Grabungen vor vier .lahren uns 
wieder naiier geführt (s. Aum. 4 j, und duä Bioucnland, machen sich her- 



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über die «rcbäol. Durcbforachuug Italiens Innerhalb der letcten acht Jabre 41 

vorragend in der Fundstatistik bemerkbar, ebenso wie die unter etrus- 
kiscbem Kulturell) tiuss jiteheudeii oatlich benachbarten Gegeiideii, z. B. 
Todi. Während die Sphinx der etruakischen Sjirache nocli immer iiireii 
Oedipus sucht, tritt das Verhältnis der altetruskisciieii Kunst zur alt- 
ionischen immer greifbarer hervor'^"), so sehr, dass wir bereits in eine 
antiphfinikische Keaktion einzutreten beginnen, in einer solclien vielleicht 
schon liier uod da zu weit gehen. Auch in Hologna und tiem Bolog- 
nesisclit n hat die etruskische Periode durch ialjUeiche neue Funde sich 
nälier bestiimiien und ihr Bild sicli ausgestalten lassen, wovon neu- 
geöffnete Säle im Museo civifo Zeugniss ablegen"*). 

Gau/, besonders erfreulich ist es, dass Marzabotto, jene Siierrfestung 
iui Kenotlial mit Recht ein etniskisches Pompeii genannt, durch gemein- 
same Action des Graten Aria und der Regierung nunmehr gründlich 
aufgenommen int. soweit »1er Renn es nicht weggerissen hat und es über- 
haupt aufgegraben hi'^). Die von Brizio geleistete und geleitete 
Arbeit zeugt wiederum von staunenswertem Fleiss und Scharfblick. Die 
Geschichte Marzabotto's, im Altertum wohl Misanum, steht iiinreichend 
fest: sie beginnt erst um die Mitte de^ sechsten Jahrhunderts — man 
hat noch Spuren der Hütten gefunden, in di i i] die Erbauer während 
der lierrichtung provisorisch hausten — und endet ziemlich früh in der 
keltischen Zeit, dauert also nur etwa 2 bis 2'^ Jahrhunderte. Da ist 
es nun von iiiieresse, ahnlich wie wir es schon, den jüngsten Ent- 
deckungen zufolge, in den altitalischen Pfahlbauniederlassuntren der Po- 
ebeno gewahrten, ebenso, wie es in Selinus und Solus, oder wie es im 
fünften Jahrliundert im Piracus, Thurii und sonst war, eine völlig regel- 
mässige Stadtanlaire vor sich zu sehen, mit gesetzmässigem Wechsel von 
Haupt- und Nelau.-irassen, scli<»n>ter Herriclitung von Abflusskaiiälen. 
Wassi rlritung. , römischen" Häuscrgrundrissen u. dgl. Nur weiter ver- 
vulikommnet, wie es der höheren Stufe von Griechenland übemiittelter 
Kultur- iiiul Steintechnik entspricht, zeigt uns Marzabotto das Bild jener 
alten italischen Ansiedlungen wieder, welche zuerst den Etruskern das 
Heispiel solch regelmiissigpr Anlage gegeben hatten. Das Rom des 
Gallierbrandes sah über 200 .Tahre später noch wesentlicli anders aus! 
Korn konnte eben nicht nach Ausfüllung eines gewissen gegebenen Raumes 
aufli^ren zu wachsen, und erweiterte sicli in willkürlicherer Form über 
den urs|»runglichen gewiss regelmässigen Kern der Koma quadrata hinaus 
8cli 11 in seiner voretruskischen Zeit, hn sonstigen I*oland hat, von der 
8« lioii i)es|»iocheiien I^rülizoit ahgesehfn, die keltische und römische Zeit 
uiaucherlei Förderung' erfahren, von denen ich hier nur erwähnen will 



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42 



F. TOD DullD 



die folgenreiche Fustbtülluug der keltijiehen (inilKTschiciitcn im Bo- 
lognesisclien '■'), eine Reibe glüi:kliclier Architekliii- und SculptuiiunUe 
in Verona""^) und eine betloulende Nekropolc im Piemontesischen : die 
vom verstorbenen Bianehetti bearbeitete gallische tnnl tjallo-ir.niisclic 
Nekropole von Ornava:ss() Der früher in Tii mnnt aiilgcdtickteu bar- 
hiirisclion, wolil langobardi^chen Nfkropulc von Testnii:i ^^). reiht sich 
iiniiiut'lir ein i,Mti.ssartiuer ähnlicher Fund von Castel Trusinu bei Ascoli 
iu Pict'iiiiiii an, Veiwandtcs aii« h \on Rom: eine von de Rossi's letzten 
Arbeiten galt einem solclion ' iJedachi wcidiiu niuss unch der durch 
vier Jahre hindiirrh tortge^et/.ten Au8grahun(rs-( '!impa<,Mu»n auf der schnee- 
umstürmten Höhe di's Grossen St. Beriilianl. des wiclitigsten Alpenpass 
es. von Ferreru. /.. I . auch ('nstelfrancu mit Glück geleitet, die 
uns /.ahlreiche Fassbaiiten. Einzelfunde von erossem Interesse und viele 
Münzen beacheerten, welche über die Gesdiii hiu und Uichiung der Han- 
deJswege nach dem Norden in rt^mischer und vorrömischer Zeit, und 
über die Beteilii^unir an dicsein Handel uns Licht brachten. Die Mähr 
vom etniskisilieii 'l'auschhandel nach dem Norden mochte durch diese 
Arbeiten und die Durchforsclmag aoderer Alpenpassstrasäen als be- 
seitigt fjelten 

Uli zwei Worten sei scliliesslieh iiuoh Sardiniens gedacht, wo ülbia. 
freilieli das röiuisehe, duieli Taiiipoiii seit vielen .iahren Hoissig be- 
arbeitet wird, und iieuerdiiij^s nanientlirli duieh t-inen merkwürdigen 
Friediiof. denijeuigcn der otlifiales praetorii liri Kailliago vergleichbar, 
die Aufmei ksaiiikeit erregt'"). Im Süden wird besonders die illtere, 
unter dem /eichen griei liisehen Importes stehende Zeit dureli Hegiernngs- 
grabungen in den sillier- und guidreichen NckruiKdeii von Nora un<l Suiei 
mehr und melir autgeliellt. während da< t:riis>artii:e '1 harros leider 
immer mehr der beutegierigen Fjivatindu>trie zu verfallen scheint''). 
Uagliari hat neuerdings vorwiegend durch Zufallafunde unsere Kenntnis 
der röniisehen und fnihi liii>lliilieii Zeit l>ereicliort. Die Erforschung 
der eigentlichen »Sarderzeit lulit jetzt mehr. M' clite Fi 1 i ppo Nissard i, 
jetzt wohl der erfahrenste Kenner Sardiniens, Zeit und die materielle 
Möglichkeit finden, um die reiche Fülle seiner Materialsammlungeu und 
Kenntnisse einmal vor un» au.s/.ui>rt'ilen I 

Langer sehen iC.h hillig habe ich Ihre iieduld in Aiispiueh ge- 
nommen. Mir aber war es eine Freuile darztilegen. wenn aueh vielfach 
nur in raschen Andeutungen, wie so Manches, was it Ii vor acht Jahren 
in Zürich noch als VVnn.^eh hey.t iehnen mu.sste. nmimehr ausgeführt oder 
doch bcgouuco iüt, wie mit entsclilossencm, zielbewusstem Vorgehen, 



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über die archAo). Durchfionchung lulicus innerhalb der leisten «cht Jahre 48 

das Hild immentlich der frülieren KulturperiodL'ii di.'b Lande.s wieder- 
gewonnen und vervollständigt wird, wie greifbare Hiii/clliiliii r von An- 
siedelungen und Städten, mit grösster GewisseiiijultiiTkiit vor uns auf- 
gebaut, erstehen. So bahnt sich allmählig der Weg zur Mfitrlichkpit 
einer historischen Landeskunde Italiens, allerdings noch ein zieiulich 
weiter Weg. Gewiss hat die natürliche Liehenswürdii,'keit iiiui die ge- 
sunde rationelle Denkweise der Italiener, alter ^utt-r Tradition treu, uns 
Deutschen und anderen erlaubt, an nianeheu Punkten mit Hand anzu- 
legen: aber das gute Beste haben doch sie selbst gethan und winden 
sie ferner thiin. Noch vor zwei bis drei Deeennicn warpn aut den 
mei.sten viebietcn wir die üeljenden, sie die Kuiidan^jeuden : die natinnalc 
W 1' lirrgebiirt des selinnen Landes hat auch hier Wandel geschafton und 
11 walirlieh nieiit zuui Xa( liteil der W isxenschaft ausgeschlagen, dass 
Uli. ri:ist?!ials Italiens Schuler. dann die Lehrmeister, nunmohr uns duu 
Lebreru Freunde, waimc dankbare l'reuudc geworden äiud. 



Anmerkiiiig«!!. 

1) Verliaudl. der rhilologcuvers. iu Zürich 1887, 191— 200 = Nuova Autol«>gia 
1867 (III, XII), 451—478. 

•2) IJ. V. W.-M, Litt. ( eiitrulblatt 1SH5, i:i4. 

<X Richter, in Banmcj<^tors l^enkni. d. du??«. Alfrit. 1(^91 M". • luoiiologio 
und Geschichte dieser allen Hochburgen im mittleren und namcntlicij üiiu südlichen 
Italien ist freilieh meistena noch viklllg dunkd. Dase hier nur umfasiende Nekre- 
polengrabuDßoit liolfen können, Ja bdfen mOwen, hat schon vor zwanzig Jahren 
Gamurriui bei der Altcrtumsverwaltmig klar und cnergi^rh lietont, freilich ohne 
damals N'erstäoduis für diese Auigabc zn tiadcn: s. seinen vortreftUcbcD Brief an 
Pigorini «her diese Angelegenheit: Bull, di paletnol. ital. XXI (1895), 86-88. 

4) Bonner Studien 88.35= Bull, di paletnol. ital. XVI (1890», 118. 13». lUe 
hier genannte Arbeit liemülite sicli. in iler CrsHiichte dor »iräberriton ein neues 
Kriterium tur Ueurteiluiii; tVuli;:es( liichtlii liei \ eili~iltni-^e in Italien zn gewinnen. 
Den Zweck, diese Frage in Muss zu bringen luid ii\ ächürferer Beobachtung der 
Fnndthataadicn ansnregen, hat sie erfreulicherweise erreicht Manche haben sugmtimmt, 
andere haben Bedenken ausgesprochen: mit dankenswerter .lusführlicher Begriuuiung 
thaten das namentlich Keisch, Bcrl. jihilol. Wochenschr. 18iM, 1574 77. St. nsell. 
Fooüies de Vulci (1S91), passiro, und Laites, di due nuove iscriz. preromane trov. 
pr. Psaam (Rendic. dei Uncei 1S9I), Appcndiee seconda (p. 9301). Gegen Gsell 
andile ick gerade am Beispiel von Vnid die Biditigkeit meiner Ani>icht darzuthun: 
Atti e mcm. d. 1?. Deput. di stor, patr. p. le prov. di Honmgna 18!)2, 'Jlü— 2:*.";, 
wogegen Gseil rcplicicrte: Mcl. d'archfol. et d'hist. XII (l8i»2), 42i — Iii, Vgl. Neue 
Heidelb. Jahrb. IV (181>1), 155, -. Nur in Italien und für Italien koim diese l'rage 
annidiat emstlich gelArdeit werden, da mir in Italien die inelhodisthe ürilber^ 
forsohung weit genug vorgeschriUen ist. Mit der Annloi-Ie des europiiisdien uml 
kleinasiaUscbett (iriccbeniands ist, so lange wir dort nicht iiot-li viel niciir Hrcitaisctic 



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44 



F. von Duba 



Nekropolcit keuuea, wcuig zu mache», und ta&tto E. Meyer, Gesdi. d. Altert. II, 50S 
tieMer getban, diese PeinUele gsiw wierwihmt ni lasseii. Übrigens ist gerade der ' 
Sitenwechsel ia Grieehenland für midi der eiste Ausgingspiiiikt fttr meine Untere 

8lichtin<;cn gewesen. 

5) i lier ilifse aUiJalisrhon Wnlinliiitton, ilire l oim und Konstruktion s. Laociaui, 
Athenacutn löSl», 424 (über liest« solclicr Hutten aus Strob und Geflecht aufHoIz- 
anteibaa, von aussen ditreli Steine gesicbert); Barnabei, Not. d. er, 1893, 196--2tQ. 
Ober die italischen Hausurnen gab die letzte sorgsame Zusammenstellant; und Ver- 
arbeitung A. Taramclli: Rendir. deH' Arrnd. dei Lincei 1«!»^^, i2:'< 150. 

6) T. Taramelli, La valle del Vo nell' epoca quaternaria (Attt del primo cou- 
gresso geogr. ital. tienova 18'.)-2>, 40, in Cbereinstiromung mit Krmittelnngea d«a 
Ingenieurs A. Stella, wie mir TarsroelK mitteilt. Lombardini batte (Notiz, oatar. 
c civili della Lomltardia cap, IV) die ersten Kindeichungen sogar schon den Etrus- 
kern zuschreiben wollen. Damals (1841) Jionxlur lii]<;itintlirh noch die Iber* 
Schätzung der Etrusker, von der wir erst jetzt uns ulimalilig erholen. 

7) Am Lambro, also weit in die Lombardei Torgescbolteo, sind neuerdings 
nodi Reste der Pfahlb uiansiedler gefunden, während bis vor Kurzem erst Oglio, 
dann Adda fdr ilire westlic lu' fircnzc ?Mfni: Xot. d U.:m. 1892, 437—440. 
ßull. stor. Favese II (1894): A. Taramelli, di aicuni oggetti prciatorici osisteati a 
Cbigoolo. 

8) In seiner teticten Gestalt veröffentlicht von Pigortni, Not d. se. 189B^ 10 

= Bull, di i.aletnol. ital. XXI (18!)5) Tav/v. Ebenda (Xot. a. a. 0. 9—17; Bull. 
TS— SO) ritjoriiü's letzte Berichte, lüne Znsammcnfassuiig der I is IS'.) l gewonnenen 
Ergebnisse gab ich Neue lleidelb. Jahrb. IV (lt>94), 143— 15ii, darnach Montelius, 
Civil prinnt. en Italfe I, I42~-!46. Bei Hövers di Caorso, unweit Piseenza's, ge- 
laug es L. Scotti, den in allem Wesentlichen gleichen Grundrias einer andern solchen 
Ansiedelung festzu>lel!en uml diuch iUtch VenVfiViitlirliiin;; Not. d. IS94, "74 
(= Montelius a. a. o. 14;'>) eine erfreuliche Probe auf die iüchtij^keit von Pigorini's 
Entdeckung zu geben. Ein weiterer Bericht Scotti's ist uoch in den Notixie fbr 
1896 ni erwarten, ein noeb wichtigerer Bericht Pigorini*s (ttber die im Innern eot» 
dedtten Strassen/Oge) wird in den Notizic ftlr I8i)() erscheinen. 
So Pi>orini Not. 181)5, !^^-17. BiiH. IS'.».', 79. 
10; Näheres darüber: Neue Heidoib. Jahrb. tV (18L>4; lü2folg. 

11) Mon. det Lincsi IV (1894), TS. 85-8ß. 159. 

12) Namentlich auf tiVs ausgeaeicbnete Bearbeitimg des im fondo Baratela 
gefundenen Heiligtums und seiner zahlreichen Weihegaben ( Xot. d. sr. 1888, 3—42; 
71- 1'27: 147 173; 201-214: 385 mit 1.'. Tafeln), und auf den, .illein bis 
jetzt eräcliieneuen, Anfang seiner (lesanitbearbcitung der Brun/esitulen von Este, 
Men. dei Lincei II (1K93), 161—^ sei hier hingewiesen. Kiclie aatb Montelius, 
Civilis, primit. I, Sit. B 27;5-."14 und |>l. Mi-GI. 

\:^) T?endi« <loi I.iiici'i iss*<, — .",(>:'.. l>ie letzte /usiimmensleHiiriK der 
Litteratur t^ber diese -Scheidung: Huil. di paletnol iud. XX (181)4), 12, Das wicli- 
tigsto ('<n)trum der West<;ru|)pe ist Oolasecca (mit dem gegenniier Übenden CastetletU» 
Ticinese*, wahrscheinlich die Nckro|iMlen zu einer einstmals im Ticino gestandenen 
bcdeiitoiuicn Ansiedelung. I>ie Litt, darttbor s, bei Aloateliiis, Uvilis. primitive en 
Italic 1, 2;n;-37. 

14) Costelfrauco, Bull, di i>alcto. ital. XX (1894), 81—90. 

15) föne, allerdings hAber gespannten Erwartungen nicht völlig entsprechende 
(iesiiujtltearlM'ilnnji ^h■ ri ihisrhen l.i^iirien <;ab Issel IH*)2 in Band 11 seines 
Werkes »La Liguria". Wichtig ist aiu;h «eine Bearbeitung der rarerna l'ollera in 



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über die arehiol. DarchfoToehang Italiens Innerhalb der leteten acht Jabrr 45 

dfij Atti iIlt Socio!;') Ii<zur. ili sc. HiiUir. e {^eogr. \' ((it'iiova 1SI>1). Rpitliliches 
andere» iieiies Maleriiil in dcu letzteu Jahrgängen di« Ihill. di itai. iL, itamcutlich 
XIX (1893), S27 folg. (Colini). Die frflher besweirellen WobnpMktee annerbalb der 
Hüblen Bind neuerdings zahlreich nachgewiesen : s. z. H. Castelftwioo, Boll, di pal. 
XVIII (1892). 148; Issel, HulI. di pal. XIX (lsii;S). .H7— 91. 

IG) l>ie bis jetzt östUchstea ligurischen Griiber am Lago di Bientiaa, am nörd- 
Uehen Amonfer gegenüber Pontedera, (totlich vom Monte Serra, beschr. von Gbüar 
dini, Rendic. dei Lincei 1894, 185— 18S. 

17) Die :ilte.-;t<'ii BraiulLMaluT T.fgnrions, ans der jücgcrpii Certosazeit, wurden 
1884 hoi .sa\ignone, nurdlidi von Genua, östlich von Monte de' Giovi, gefunden: 
Ghirardini, Rendic. dei Lincci 1894, 205—218. 

IB) Bnll. di pal. X <1884), Tar. VI. XI (1885), 138—146. XII (188G), 

134—140. Comm. dell' Ateo. di Brescia ISSC, 81 (Nadel aus Gnaasilber ans Bolchem 

Oral)p). Pigorini, Rendic. dei I.inrri 1:^S7 (III, 1). 39(^. Montplins. T>a riviiisation 
primit. cn Italie I pl. öf». 'M, 191 folg. Ähnliche (iräber bei Fontaueila di tasal 
roinano: Bull, di pal. XVI (ISOO), '}0. XVIII (1892), 55. XIX (1893), 17—30. 92 
— 103 Tar. IV. RiTBlta (bei Uantna): Bull, di pal- n(1876X 196; sfidKch des Po 
bei Caleno: Rull. I (1S7.'>) 104 vgl. XIX, 27: Collecchio (bei Parma): Bull. II (1876), 
77 vgl. Bull. XII. 82, 4. i:'.!'. « umarola: Rull. X (1884). 141 folg. Tav. VII vgl. 
Bull. XVIII, 218. SanUlario d Knza: Bull. V (1879), 133. 195. Gorzano: Bull. X 
(1884), 130. XII (1886), 158. JOnger, aber noch nir selben Familie gehftrig: Poregliano 
(worüber Litt, bei Montclius, Civilis, primit. I, 2(X) und pl. 37). Zur Skelettlage, 
die besonders typisili in Lcngyel, aber auch in znlilrrirhrn Gräbcm des mittleren 
und westlichen Mitteleuropa vorkommt, s. die tteHciiUea Ikmerkuogcn und Zusammen' 
Stellungen Brüio's, Mon. dei Liocei V (1S95), 105—111. 

19) Hierflber s. dl« AnfsAtse CnsteKnuMo^s, Bull, di pal. XIX (I89S) 17—30. 
92-102. 

20) Bull, di pal. ital. ri?<^^8l. 14- W. 

21) So die am frühesten, durch Undset, bekannt gewordenen Stocke dieser Art: 
Zeitschr. für Ethnol. 1883 Taf. V wozu S. 209—219 = Mon. dei l incei V (1895), 
91—98 (Flg. 8 nnd 3). Ahnlieb 171—178, Flg^ 25. 

22) Vgl. Schumacher, präncst. Ciste im Moseiim ZU Karlsruhe 47. 

2") ^lykcinseh ist z. R. die Randomamentik der von Virchow, über die ktiltur- 
geschichtliche Stellung des Kaukasus (Abb. der kgL preuss. Akad. der Wissenscb. 
phys. Kl. 1B95) Taf. I— IV TortlTentliehteo Bransebleche. 

24) Moo. dei Liocei V (1895), 177—178. 179—182. Die Stde mit der Baiipfc- 
inschrift auch bei Lattes, di due nuove focrizionl preromaos tror. pr. Peaan» (Bendlc; 
deir Acc. dei Lincei 1804) Tav. I. II. 

25) Mon. dei Lincei V, 178. Dass die Sprache der Inschrificn weder nitalisch" 
nodi etrasktseh sei, bestätigten mir auf meine Bitte F. Bneeheler nnd H. Osthoff'. 

2G) Die Berichte hierüber stehen meist im Rull, di {lalotnol. ital., einzelne auch 
in den Mon. dei Lincei II (1893) und dem Arcb, stor. Siciliano; kflrzcre Miftpilungen 
auch vereinzelt in den Not. d. scavi. Eine nützliche nach Perioden geteilte I bersicht 
Ober die Silralerarbeiten Oisi's gibt Tropea, RW. dl slor. aatica I, (1895) zu 8. 96. 
Seine Sikolarsrbeiten von 1889—1893 hat Orsi selbst »isammengefaaat In dem Bodi 
Qnattro anni di esplorazioni sicule. Parma 18^1 

27) Not. d. sc. 1S91, 404— 41fi, 1S93, 122-129. 445-486. 1895, 109—192. 

28) Mon. dei Lincei I (1892), GS9— 950 und 9 Tafeln (Cavallari und Orsi). 
Not. d. sc. 1892, 124—13-2. 172—183. 210-214. 243-252. 278-288 (CHruso, unter 
OiaTs Leitang). 



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46 



F.Ton Dnlm 



•il») Nur i'iii Üeispiel: Thult. VI, 4 lässt die MegartT sich auf ihrem Strt<l<i»lT«tz 
iiusiedelu TilMo'joi ^iamliwi }Lvi[t),m Ttpttdnvttn; rr/^ yotpa» tm xaihjr^au- 
fdvott: also war der PlaU nrnr unter Botmtasigk«it det eiDheimliclMa Htuptiiagi, 
aber nicht seihst Sikulcrort: denn nirgends htiiisen, nach trofTendcr Beobachtung 
Orsi's fMoti. L. I, iV?2} Sikulor und (irtcrhrn am sfllieii Horkp: dapofron können die, 
gerne £"f ~f>*> uy'tfut'ä-toj h'nfotv (Diod. V, 0) wohnenden sikuier fremde, meer- 
gewohnte Handelslente an der Knete natflrlich gnt branchen. («egen Pais (Stotia 
della Sicilia c Magna Greria I. 180— 8*i,ö!i2: Studi storici I, der trotzdem eine 

Sik!iliTnioilL'rl.T=;stitip auf ilt-Tii St.idtlKKlfn vnn Mcjzara festhalten wollio, ist es nnn 
Orsi gelungen, zu erweisen (Holl, di pal. ital. XX i (18t>5) 50), dass auf dem Stadt- 
boden wohl eine vorsikulisclic Niederlassuug sich befonden hat, mit Stein- und 
Thonsachen vom gleichen charakterittiadiett Sleinaeittyptii, wie diitjenigen der An- 
siedelung von Stcntinello (Bull, di pal. XVI (18i»0) Tav. VI-VIII, 177—200), aber 
kein Siknierstück, während nnisEekehrt das Megara dominierend«» Ilybla (vgl. den 
Künig ,IIyhloD''j, beute Melilli, sich als ein sehr bedeutendes sikuliscbcs Centrum 
erwieaen hat (Bnll. di pal. it XVII (1891) Tav. IV-VI, 53-76. XVIII (1882) Sl, 
34), wogegen dort nach Orsi Bull. XVII, 55 bisher kein einziges arcliaisch-griechiichea 
tirab gefunden ist. auch Hizzo, Riv. di stör. ant. 1, :?,77— 7S. 

:U)) Nur wer den Mut haben sollte, mit Heibig (Acad. d. inscr. et helles lettre« 
1895 Sita. 31. Mal) die mykeniache Kultar fQr eine phömkiach« an erklBren, kSnnte 
Thukydides (bis jetzt) Recht geben, denn OitT« awclte Sflnilerperiode ist allerdloge 
..mykcnisrh". Vgl. Neue HeidHV.. Jabrb. I Wl. Zu den dort S. in4 aufge- 

führten niykenischen Dingen vou den ionisrlu-n Inseln in Ncnrhatp] haben Wolters, 
Bulle und Noack inzwischen verwandle Gräber wcnigsteuä aut Ke|ihallenia wieder 
aofgefunden und beBcbrieben: Athen. Mitth. XIX (1894), 486--490. Herkwfiniiger- 
weisc scheint ihnen von dem Vorhandensein der Fimdatflcke in NeachAtri tntB meiner' 
Notiz nichts bekannt geworden 7.\\ sein. 

31) Not. d. sc 1895, 240 (vorliUitigc Notiz). 

33) Ztt denselben xnletit: Stndoiczka, Berl. philo!. Wochenschr. 1894, 1296. 
FVeaman, (jeseh. Sldl. deutsch von Lnpns I 1895, 431^434. 439. 

33) Znsammcn^tellnnij; drr Zeugnisse bei Holm, (ieech. Sie. I, 860!, 
:U) Ebenso Orsi. Btill. di i.al. itni. XXI fl8!>5), f^5. 

3ü) Vorzügliche Neuuuhialuneu der alten wie der sjiäter gefimdenen Tempel- 
reate sind von Koldewey und Pucbatein gemacht, und werden in ihrem aBmtlidie 
mcssbarcn Tempel und zahirtiehe andere grierbisrhe Bauten von lirossgriechenland 
und Sioilien umfassenden Werke vernmllich schon im Jahre I8MG ersrltpinrri l'i« 
1H^>2 habe leb die Selinus betretiende Litteratur iui Register zu Durm'ä liaukuuät 
dnr Griechen* S. 383 venteidinet. 

30) Mon. de! Unoel I, 2 (1891), an S. 218. I, 4 (1892) Tav. I— III au 
8. 958— li(>i. 

37) Arndt, Kinzeiverkaul .5C9 - 572. Vgl. i'unw.ingler. Mi'isterw. 77 Anm, Die 
Figur, die ich noch ISUi im Museum von Castelveirauu sab, ist, wie auch mir 
Anganseugen versicherten, in einem Kammergrabe der Merd-Nekropole (von Galera 
BagUaizo) gefunden; der Platz des Grabes selbst wurde mir gezeigt. Ebenso Arndt 
E. V. S. 5;». — Anlässlicli dieses Eiazelfundes eines alt^riechi^rhen Werkes sei auch 
eines andera kurz gcdactit, eines wie es scheint höchst merkwürdigen hoch archai- 
schen Reliefe, hflccbiscben Tana und darunter swel Sphinxe darstellend, das Paia 
kflndicb in C'altagirone wiedefigefundcn, verdtfeutlicht und mit interessanten Be- 
trarbtuit^en Uber die iiitAdte im HialerUncI von (jeia begleitet bat: lUtndic dei Lincei 
IG liiuguo li>U5. 



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filier die arehaol. Durobfonchung Italiens innerhalb der letxten «eht Jthre 47 

öS) Not. d. sc. 1834, '*'02-22U ist dor lel/.ie, <lie crgeli 11 ias reiche u Jabre 1887 
bis 1892 überknftpp zusammeDfasBende Bericht, der Qlier Vieles, wie x. B. die so 
aitsgiebige Kekropolenforechung, so gtit wie fOlltg schweigt, Ober anderes Hoch- 
wichtige, namentlich die UermolcratiscbeQ Befestigungen, etwas raschen Fiisses hin- 
weggeht. 

311) Diese z. T. (portum et turres) einer neugefundenen Inschrift zufolge von 
S. ronpeins angelegt oder wenigtens neu hergerichtet: Not. d. se. 1894, 383 -391. 

40) Not. d. sc. ISÜO, 21.S— 2(;2. Ant. Hcnkni. dos arch. In t 1 ; S[Mi) Taf. 51. 52. 
Buin. ^titili. y (mm rar. Vlli S. m^m. NeuTerftfleniUcbung durch Koldewejr 
und l'iuhsiein steht licvor. 

41) Ucrichtc: l'äghth aunual rciiort of the auioricau institiite ot'archaeui. (1887), 
43->46 und: Aner. jeum. of archatfol. III (18S7>, 181—182. An Ort und Stelle erhftit 
der Besucher d.is unerfreuliche UM einer verstAudit; hru'niini'nen, dann — durch etwas 
harto Anwendung der Jegpi' l'acca — plötzlich ah^t'lnoflionpn Urabung: was sich 
aus diesem Bilde über Gestalt und iiruudriss des leider im sechszehnlen Jahrhundert 
durch Bischof Ladfi»ro abgetragenen Tempels ennitteln liest, wird Koldewej's und 
l'uchstein's Aufnahme darlegen. Ks ist sehr bedauerlich, dass jene Grabungen von 
italienischer Seite nicht wenigstens fortgesetzt wurden, um so mehr, als u. a. bereits 
acht z. T. sehr schüne Stucke der rticbel3cul])turcn — filnftes Jahrhundert — , aus 
weissem Marmor, festgestellt waren. Leider erfreuen sich die Mehrzahl derselben, 
ebenso wie die «ahlrcidien bei der Grabung gefundenen aichitditonisiiben Zieisttteice, 
Bronzen und Terraeotten aar Zeit noch immer einer hfiehst onherechtigten Ver« 
iMrgenheit. 

42) IMgorini u. l'asqui, Not. d. sc. 1888, 239-268. 462-480. 575-592. 64S-G71. 

43) AtdOxl Jahrb. IV (I8S9), 164—195 nebst Karte. 

44) Kne, allerdings nnr In iproesen Zogen gehaltene, aber das Wcsentlidie au- 

sammenfassende Darstellung der (ieschichte Campnnier.f^ navh Massgabe der neueren 
archäologischen Kntdeckangen, die ich 1879 auf der Philologenrersammlung in Trier 
vortrug (Verbandl. S. 141 — 157^, erscheint nunmehr in italienischer Fassung in 
Trapea's RiTista di storia antlca I, 3,31—59. Durch Idchte Änderungen und Zasfttie 
im Text, namentlich aber durch reichlich hinzugefügte Anmerkungen und littemrische 
NarliweisL' habe ich mich 1 1 n -.1<f, diese Neunnsj^abe möglichst nützlich zu gestalten 
und sie tbuniiclist auf den SUmdpunkt unseres augenblicklichen Wissens zu bringen. 

45) V. Dnhn und Jacobi, der griechische Tempel in Pompeji. Heidelb. 1890. 
Vgl. Mau, Barn. Mitth. VI (1891), 958—366. 

46) Mau, Ilüm. Mitth. I.\' (1894), 349-3.'>8. Not. d. sr. 1895, 207—214. 

47) Vorl;\nt5ge Nachricht tind Veröffentlichung einiger der Hanptstückc: (Jnz. 
d. beaux arts 1895 (XIV, 3j, 89—104 (II. de ViHcfosse). Eine würdige Veridrent- 
liehnng des großartigen Fundes steht bevor in den Monuments et Mtooires der 
Fondation Piot. 

48) Statt aller bosonili-ren Hinweise mftge hier derjenige f?pniij»pn auf die in- 
haltsreichen Jahrgänge des Bull, communale, sowie auf die trefflichen, auch au 
Eigenem leiehen Jahresberidite Hlllsen's In den Römischen Mittbeilungen. Dor 
leiste, bis Kode im geführt: H. VIII (1893), 859-3iB. 

40) I>nnciLUii, Forma urb. Romac. Consilio et auctor. R. Acad. I.yncacorum 
ver«»tlejiUiclit. Ma^sstab: 1 : 1000. Mailand. Hoppli. Bis jetat (seit 1893) «wei 
Ucferungen. Vgl. lluisen, Hhcin. Mus. XLIX (l MM), 380— 381. 

QO) Mon. dei IJneei V (1895), 17-84 mit 4 Tafeln. Vgl. aneh F. Marx, 
Arrhilol. Jahrb. X (1895), 129— I4.V 

bl) K6m. Uittb. IX (1894>, 171—228; X (1895), 138-145 (an Facis). IV 



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48 



(itö'J), 3U -;mU (Coiis^tUuHbogeu). VII (1SU2), 231)-2(;4 C^'nüiUMl'Ogen in Hene- 
Tentom). 

52) Arcbäol. Anz. 1895, 91. Die VeröfTentlicliailg d«r pmen Säule in Bmdc- 
mann'Qr hrn I.ii litdrtirkcn nach trefHicben Anfnahmen Andcnons ist fttr 18S6 tn er- 
warten, mit Text von ( alderini, v. Doraaszewski und Petersen. 

53) Barnabei und Marchetti, Mon. dei Uncei I, 3 (1891), 601— GIG. Momm&en 
ebenda C17— 672 ond Epben. epigr. VIII, 925^30!«. Die Nation 1891 Dee. 12 » 114 
bli 122 des Wic.l. rabdnirks Herl. 1891. 

54) \\ iimefcld. Die Villa de« Uadrian t>ei TivoH, Berl. 1895 (Eiflnsnngeheft 
III zum an häol. Jahrb.) 

55) Rom. Mittb. IV (1889), 126-152 mit 2 Tafeln. VI (1891), 344-355. 

Jetst in ÄrtMoietin io NetUnibftD: WalUSf IHoitnted Catalogve of 
( 1 ISS. anliq. from tbe site of tbe lomple of Diane, Keni, Itai^t diteoT. hj Lord Savile. 
Nottingham 189.1 20 Tafeln. 

55 bj barnabei, delie 8coi»«rte di anticbitik ncl kgo ili Nemi. R«lazione a S. K. 
Ii Minittn» della pnbU. ietrai. Roma 1895. 98 8. (abgedrackl in den Kotide d. «c. 
1895 OttobreV 

56) Not. d. scavi 1894, 96—111. Rüm. Miltb. X (1895), 86-90. 

57) (ibirardini, Bendtc. dei lincel 1895, 176—181 (tOjHigiapbiicli besradcn 

wichtige Notiz). 

58) Not. d. le. 1899, 458. Bull, di pal. it XIX (I88S), 55. 114. .145-846. 

59) leidoro Falehi, Vetulonia e la sna necropoli aaticblninia. Florens 1891. 

Kl.-fol. mit 19'!'afeln. Sehr hratirhbare Zusammenfassung des Iis dahin, wesentHrh 
durch Kalrbi'8 \ (>rflton««t, (Jeleistefen. Seither: Not. t\. sr. 1893. 496—514. 18J4, 
;Ju5— 3iK). 1895, 22—27 und 272 317. Das Auftauclien eiut's zw»ten, noch 
Nechteren** Vetulonia gibt eeit fllnf Jabren .\nlasa an einer ganaan polemlidien Litte- 
ratur: s. nber diese Streitfrage die kurze Zusammenfassung Petersens: ROm. Mitth.X 
(1895), 79, 1. Die neueste Sfreitsrhrift (für Tolonna): Isid. Falcbi, La tradizione 
di Vetulonia e gli avanzi di Vetulonia c di Vitulonio, erschien September 1895 in 
Plorena. 

60) Ich verweise namentlich auf Petersen's An&ala Ober die Bronzen fOn 
Perugia: Ilöm. Mitth. IX (1>'<94), 25:{ -319. innl die neneren Behandlungen der sog. 
caeretaner und verwandten Vasengattungen, auf die von Körte, Archftol. Slud. iür 
Brunn (1893) Taf. I neuverüffentlicbte Statue einer „Aphrodite* aus Orvieto mit 
meinen Bemerkungen Beil. pbll. Wecbentchr. 1898, 1553 and denjenigen Fbrtwinglei'a 
ebenda 1894, 80 und Meisterw. (.33. 

61) ('hronologie : v. Duhn, .\tt! e mem. d. K. Dep. di sfor. p. le prov. di Rom, 
HI, VIII (1890). 1—18. Brizio, Mon. d. Lincel 1 (1890), 250. (ihirardini, Atti e meni. 
a. a. 0. X (1892), 227— S85. 

62) Mouteüiis, CiTÜU. primit. en Italie I, 459—494 pl. 10(»— 106 (letite Ober* 
eicht und nützliche Litteraturii^n^ammcnstcllung). 

63j Brizio, Mon. dei Lincei I (1890), 249—422 und 10 Tafeln. Vgl. auch Mon- 
telius, Civilia. primit. en ItaUe I, 495-520 pl. 107-110. 

G4) Brisio, Alti e me«. d. R. Depnt, di atw. patr. per k prav. dl Remagna III, 
V (1887), 457—532. Montflins, ririlis. primit. I. .521 pl. lU— 113. 

65) Milani, Le re* enti sdip. di aaiicb. in Verona (Vor, 1891) = R5m. Mittb. VI 
(1891;, 285—331). Uhirardini, Nuova Antol. 1891, 677—688. Orsi, Not. d. sc 1891, 
5-17. 

66) Bianchetti, I sepolcreti di Ornavasso (einer kellisch, der andere römisch). 
Xorino 1895, mit 26 Tafeln Atti d. Soc di anticb. e belle arti di Torino VI). 



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Dbtr £e anchlol. Dorclifiiinehaiig lUlieiu innerlialb 4«r letsten acht Jtbre 49 



fi7) Atti d. Soc. di antich. c belle arti di Torino IV (1883), 17—52 T»v. I— IV. 

68) Bull, comun. XXII (1894), 168—163. 

69) Not. d. sc. 1890, (Ferrero). 1891, 75-81 (Chstelfruico). 1892, 
63—77. I89S^ 33—47. 440—450 (Ferroro). v. Duhn und Ferrero, Le monete galliclie 
dcl mwlaffliere dell* Osjiizio liel Gran San Bernardo: Memorie della R. Accad. d. scienze 
dt Torino XLI (1891), 331—3^8, 2 Tafeln, v. Duhn, Die BeauUung der Alpeupässe 
im Altortom: Neue Heidelb. Jabrb. II (1892), 55— i*2. 

70) Jeder Band der NoÜae imtblit inheltreidie ^chte TMnponi's. Dar aaf 
den neuen Friedhof bezügliche: Not. d. sc. 1895, 47-66. Der Stoff fliesst ihm so 
reichlich zu, dass er bereits eine eigene Silloge epigrafica Olbleoee (Sassari 1895) 
herausgeben konnte. 

71) Um jedem MiMmstSsdnle Tonubeagen, mScbte ich jedoch herrorhaben, 
daaa die WlMenSCbaft dem trefflichen Dr. Pischedda in Oristano nur dankbar aaCa 
musa, wenn er fOr seine aufs lil)cralst(' gclinltetu' Privatsammlung rettet, was zu 
rettea iai Die Schuld für Tharros liegt an der (ileichgiltigkeit und Unfähigkeit 
derer, die innftcbsk beraffin «Iren, fiUr die nötige Aofiiidit nnd eTentoaUe wteen* 
eehaftKebe Aainutcnng Sorge an tragen. 



VEDB HBIDBLB. JAHIBOBCBBR TL 



4 



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Caecilia Metella. 

Ck^HUflen. 



Jeder Besucher Roms kennt das müchti^'t^ i{undt,n-ah an der Via 
Appia jenseit San Sebastiano mit der lakonischen Inschrift: rAK( n iae j 
Q • rnF.TTci • Fi'/föc MKTKLLAE • ( HAssi. Un/iihlige Mülo ist CS gemalt, 
f^estochen, von Ärcliitekton aut'genommön und von Archäologen beschrieben 
worden; seit dem Beginn der Forsehnng über römisches Altertum hat 
man sich dafür interessiert, wer die Frau gewesen, der dies grossartige 
Monument gewidmet ist. Die Archäologen des 15. Jahrhunderts waren 
schnell mit der Antwort bei der Hand: Metella musste die Gattin Crassus 
des Triumviin gewesen sein, dessen fabelhaftem Reichtum einzig ein 
solches Denkmal entsprechend schien. Diese Meinung hat sich Jahr- 
hunderte lang gehalten, sie findet sich in unzähligen populären und 
wissenschaftlichen Büchern ; erst in neuerer Zeit ist sie mit gewichtii^en 
Gründen bekämpft worden. Dniraann ') zuerst bat kurz und schlagend 
nachgewiesen, dass Metella unmöglich die Gattin des Triumvirn gewesen 
sein kunne: er lässt die Möglichkeit often, dass sie die Gemahlin des 
ältesten Sohnes des Crassus. Marcus*), gewesen sei, oder dass ihr Gatte 
überhaupt gar niciit der Gens Licinia angehört halte, da auch andere 
Geschlechter den Beinamen Crassus führten Drumanns AusetzuQg 

1) B6d. Oacb. 2, 55: nCCrasBiu, d«r Triomvir) war nur ftnmal Teriieintat, mit 

Tcrtulla, der Matter seiner Kinder. . . Sie lebt« noch, als er gegen die Partiher Mg; 
Seine 'i>i<hne waren schon ilaiii;i!ä env;irhscn; wSrc al«o Caecilia seine erste Ge- 
mahlin gewesen, so fiele ihre iieirat in Zeiten, wo eine i'ocbter des Metellus Creticus 
noch nicht mauubar sein konnte. Seine beiden Brüder verheirateten sich noch bei 
Lebzeiten der Eltwn: ane dcmeelben Grande darf man daber an sie nichl denken." 

2) Die Gemahlin des jüngeren Sohnes Fublius war Cornelia, Tochter des Q. 
Motellns Scipio, Consul 52, und nach dem Tode des Crasaua mit dem Tritunyir 
Pompeius verheiratet (Drumaua 4, 117). 

8) AllerdingB kamen In der Conwilarliate Crani tot anisw bei den Liciniem 
noch bei den Canidfi OandU OtacfUi PapirU Vetnrü (CIL. 1 > p. 8S4) ; aber die Mit- 



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Gh. Htllien, CMdUa Uetelb 



hatHenmi (CIL VI 1274) angenommen; zweifelnd verhalten sich Bttsebl 
(pijra KQ tab. LXXXIYD) und H. DesBaa in seiner trefflichen neuen 
Inaohrifteneammlnng (Inscriptiones latioae selectae, Berolini 1892), wo 
er zu dem Epitaph der MeteUa (n. 881) bemerkt: ßia CaeeilU UdM 
CreUd cansidit o. 685; marüw Crasaitt ignoiut «Ht, 

Die Inschrift mit ihren lakonischen drei Zeilen giebt allerdings 
keinen direkten Anhalt zu entscheiden, welcher von den lahbreieheo 
Cretici nnd Crassi aus dem ersten Jahrhundert vor oder nach unserer 
Z^trechnung gemeint sei, wohl aber hilft hier die Betrachtung des figur^ 
liehen Schmuckes des Grabmals weiter. So unghiublich es nftmlich 
klingen mag, der am meisten charakteristische und historisch interessan- 
teste Teil dieses Belie&chmucks, der seit undenklichen Zeiten vor den 
Augen aUer Beschauer lag, ist erst jftngst in getreuer Wiedergabe be- 
kannt gemacht worden. 

Der mit Bukranien und Feetons geschroflckte Fries (nahezu 20 m 
Aber dem jetzigen Fflsster), welchem der Bau seinen populären Namen 
Capo di Booe verdankt, ist in der Mitte der Front, oberhalb der In- 
sehrifttafel unterbrochmi, um Raum f&r einige figürliche Darstellungen 
zu geben. Von der Figurengruppe, die das Gentrum bildete, sind nur 
dfirftige Beste vorhanden, welche jede Deutung ausscbliesseo (s. Fig. 1 
auf S. 52); wohl erhalten dagegen ist, an der linken Seite derselbeUi ein 
Tropaenm, dem rechts ein gleiches entsprochen haben muss. Das Tropaeum 
zeigt die übliche Anordnung : an einem Baume mit Querholz ist zwischen 
zwei Schilden ein kurzes, am unteren Bande mit Fransen geschnAektos 
Eriegsgewand aufgeliängt. Die Spitze des Baumes trägt einen Helm, am 
Fasse desselben liegt, nach links gewendet, ein Gefangen« mit auf dem 
Bücken gefesselten fl&nden. Dass die Darstellung sich auf kriegerische 
Thaten eines Verwandten der Metella, wahrscheinlich ihres Gatten« bezieht« 
li^ auf der Hand, Aber die bisher beschriebenen Teile der Darstellnng 
sind zu wenig charakteristisch, um eine bestimmte historische Deutung zu 
ermöglichen. Das etttscheidende Detail, die Embleme der beiden Schilde 
war bisher nirgends richtig wieder gegeben. Selbst der scharfblickende 
G. B. Firanesi, dem wir die beste Abbildung des Denkmals verdanken 



nieder der letstoreB vl«r gentoi, die dienn Befnamen fahren, gehören alle in*B riflcte 
oder fünfte JahrlMitidert der Stadt, mit einziger Ausnahme des Consul (siiffectat) P, 
Canidiiiü Crassiis 42 v. Chr. Pass aber ein Aiigebnrigcr dieses obscuren Geschlechtes 
einfach als Crmsus bezeichnet sei, während in der Epoche, in die wir die Inschrift 
ohne Zweifel Mtsen rnttsMu, das Cognomea in dar Ariatokraiia nur bei dan Lldniarn 
(bei diesen aber aucli bSnfig) Torkommt, wird man sehr nnwahisdieinUeb ftaden. 

4* 



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53 



(Ant. di Roma tom. III tav. 50, nach dem unsere Fig. 1 verkleioert ist; 
Canina Via Appia Taf. 15 hat nur Pirane^ schlecht copiert), bedeckt 
die Fläche beider mit bedeutungslosen Ornamenten. 

Die erste wirUidi treue AbbildnDg Terdanken vir dem rOmischmi 
Architekten Fr. Azzurri. Schon vor langen Jaiiren war ihm, wie er in 
seinem jüngst erschienenen Aufsatze: Osserraziotii sul fregto mannorm 
del sepohro di CeciUa Metella (ßidfeffitio della commissiane archeologiea 
comunale di Roma^ 1895 Heft l S. 14—25) erzählt, Gelegenheit ge- 
boten, auch die höchst gelegenen Teile des Monuments genau in der 
Nähe zu studieren. Ausländische Architekten, deren Namen er nicht 
nennt, hatten in den fünfziger Jahren an dem Kundbau Gerfiste ange- 
bracht, auf denen auch Azzurri bis zur Höhe des Frieses gestiegen ist 
und denselben in allen seinen Details zum Teil in Originalgrösse ge- 
zeichnet hat. Nachdem diese Zeichnungen, ebenso wie die Studien jener 
ungenannten Auslander, lange Jahre hindurch in den Mappen der Archi*> 
tekten verborgen geblieben waren, giebt Azzurri jetzt, auf der jenem 
Au&atz beigefügten Tafel, stark verkleinerte, doch deutliche Reductionea 
seiner Zeichnungen. 

Der Erklärungsversuch, den der Verfasser im Texte aufstellt, geht 
freilich sehr in die Irre. P> hält die Metella für die Gattin des Tri- 
umvirn Craf^sus und sieht in den Keliefdarstellungcn eine Anspielung 
auf die Eroberung von Kreta, der der Vater der Bestatteten seinen 
Beinamen verdankt. Wir brauchen uns, nacli cK in oben Gesagten *) auf 
eine Widerlegung nicht einzulassen, da die Vergleichung der Reliefs mit 
einem anderen Monument, über dessen Deutung kein Zweifel obwalten 
kann, den richtigen Weg weist. 

Der länglich-sechseckige Schild, den wir beistehend nach dem Licht- 
druck im Bullettino comunale reproduzieren (s. Fig. 2), zeigt eine symme- 
trische Dekoration mit Waffen, oder Feldzeichen, die meistens scheinbar 
durch den länglich ninden S» hildbuckel festgehalten werden. Wagerecht 
gehen von der Mitte des Schildes nach rechts und links zwei Anker aus, 
nach oben und nach unten dagegen zwei Bündel, von dem jeder besteht 
aus einem Speereisen mit lanzettförmiger Spitze, sowie (rechts und links 
davon) zwei Trompeten, die in Drachenköpfe auslaufen. Von den vier durch 
die Anker und Bftndel entstehenden Feldern enthalten die beiden oberen 

1 ) Herrn Azzurri ist DntnKiiin's Ansicht üicht anbekannt geblieben; aber durch 
sein otfeu uusgesprucheuea Bekeuntnis: ndla discordama delk opinioni ho pre- 
ftrUo olfeiwnm « gwOa cl*i püt eomwte hat «r sieh sdbft das richtige Ventftndnis 
der DantdfaniK vondilwsea. 



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54 



Cb. Holten 



je ein Feldzeichen: einen Eber auf einer T-lurmigen Tragstange; die 
beiden unteren je zwei gewundene Halsringe {toyqut^)K 

Ein Blick auf die Tafeln 16—20 in Caristies Prachtwerk: Mmw 
ments antiques d' Orange, welche den Keliefschniuck des ans dci luiliesten 
Kaiüerzeit stammenden Triumphbogens von Orange wiedergeben, genügt, 
um AU erkennen, dass die auf unserem Schilde dargestellten Waffen 
gallische sind. Schon die ganze Form der länglich sechseckigen Schilde 
am Grabmal der Metella entspricht denen auf dem Bogen von Orange; 
in genau entsprecheuder Darstellung' sehen wir die Feldzeichen mit dem 
Kber*) und die in Tierkupfe au^laufeudeu Trompeten. Der torqtus als 
Abzeichen gallisclier Krieger ist allbekannt: ähnliche Schildornamente 
finden sich bei ("aristie auf Tafel 18 und auf der Kampfscene Tafel 21; 
iiaiiztnspitzen und Anker sind natürlich weniger charakteristisch, aber 
doch ganz ahnlieh auch auf dem Bogen von Orange zu finden. 

Die Emblcjne dieser Schilde (der zweite, Fig. 3. zeigt nur ein reiches, 
aber wenig cliarakteri.stisches ( »inaiuent ) müssen wir also l)eziehen auf 
einen Offizier, der sich in Kriegen gegen die Gallier, tmter anderem auch 
in Seekämpfen, ausgezeichnet hatte. Für solche Kriege kommen (in der 
Zeit, der unser Monument ohne Zweifel angehört, dem 1. Jahrb. v. Cbr.) 
nur zwei Eitociien in Betracht, die Cäsari&che und die Augustische. 

An den gallischen Kriegen Cilsars, auf die sich unser Blick zunächst 
lenkt, nahmen bekanntlich zwei Söhne des Triumvirn Crassus Teil 
(Drumann 4, 115—116): Marcus, der des Feldherrn QuSstor von 55—49 
und Südann Statthalter von Gallia cisalpina war {B. G. V 24. 46. 47. 
Vi 6; Appian. II 453; lu&lin. XLII 4). und dessen jüngerer Bruder 
Buldius. Letzterer hat sich als Legat in den ersten KiicL^sjahren (58 
bis 55) raehrlai h auj>gezeichnet unter Anderen L'^eLren die t/mnlüiKit^ cirifates 
der Nordküste. Veneter, Veneller, Osismer u. s. w. {}{. (}, II 34), und man 
würde deshalb zunächst geneigt sein, da.s Schildembleni der Anker auf ihn 
zu deuten. Aber dem steht entgegen, da^s wir seine Gattin Cornelia kennen 
(s. 0. S. 50 .4nm. 2). Publius selbst fipl, noch in jugendlichem .\lter, 
im Fartherkriege 53, so dass an eine zweite Ehe nicht zu denken ist. 

1) Kadi Annm wiran die FeMsdcb«! rOimicb, die twqiu» die beikrante 
römische nltttSrische Auszeichnung, die spitzen Füsen kreüiche Pfeilspitzeu. I..etz- 
teres ist wegen der Form unmöglich; eine Vermischung von römiicben und feind- 
lichen Emblemen wäre zudem äusserst befremdlich. 

2) Über diese Eberfeldzeicben e. bee. Sdirelber in den Hittb. des bistor. Vereins 
fDr Steiermark V (1854) S. 53 IT. Von später gefimdenen Denkmälern yerdienen 
namentlich die Reliefs auf dem IlLiiiiisch der AugastnssUttW von Frintt Port» Er> 
wäbnung (KoeMer Annali (UU' Ist, lä63 p. 443>. 



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CMdli* MeteUa 



55 



Es bleibt also der ältere Brutler Marcus; um jedoch zu erwägen, ob 
dR.<. was wir über s<nne Lebenszeit wie über die Altersverhältuisse der 
Metelia und ilues Vaters wissen, zu dieser Hypothese stimmt, ist es 
notwendig, den Stammbaum der gontes Caecilia und Licinia (s. S. 56), 
soweit er in Betracht koninit'), kurz, zu erörtern, zumal da Drumanna 
nahezu erschfipfendc Ausnutzung der Öchrit'tstellerzeugnisse durch neu 
gefundene oder richtiger erklärte Monumeote manche Bereicherungen und 
Berichtigungen erlab ren liat. 

lieber die einzelnen Personen ist tolgendes zu bemerken: 

A. Gaecilii Metelli. 

1) C CaecUiuB MeteUus CupniriuSf jüngster Sohn des Q. Metellus 
Macedonicus (i 115), Consul 113, Censor 102; geboreu demnach etwa 
uua 160 (Drumann 2, 23). 

2) Q. Caecilit« Mi fiUm Crffinis, über dessen Abstanimung noch Dru- 
mann (2, 50) nicbts sicheres zu ermitteln im Staude war, ist Söhu des 
Caprarius geweseu, wie Mommseu aus der Inschrift von Argos CIL. I 
595 = 111 531 erschlossen hat (vgl. noch CIA III 565). Er war im 
Jahre 72 Pmlur. 60 Consul. niuss also vor 112, eher wolil um 120 ge- 
boren sein. Im Jahre 54 war er noch aui Leben (Cic. Plaue. 27), starb 
aber bald darauf (Vell. 11 48, 6). 

3) Nach einer freilich nicht sicheren ( '»imbiuation Druuianns (2. 56) 
hatte er einen gleicluiaungen Sohn, Quästor 60, gestorben vor 56. Die Me- 
telli Cretici der Kaiserzeit leiten sich nicht von ihm ab, sondern von einem 

4) M. Caenlhis Meiellu^ Creficvs: wahrsclieinlicli, wie Mommsen 
(Ejyh, epigr. 3, 14) annimmt, einem Jüngern Bruder desselben. Dessen 
Sohn war dann 

5) Q. Caenlins MeteUm Creticm Piatur und Proconsul von Sardinien 
vor 6 D. Chr. (Muninisen. K}>h. fpi^/r. 1. c; CIL. X 7581); seiu Eükel 

6) (J. Caeciliiis Mrtelhix Creticm SilanuA (seine Vorfaliren sic-hert 
das ncugefundene Stück der Consularfasten CIL. 1 ^ p. 29 n. XLII) Consul 
760/7 n. Chr., Legat von Syrien 16 n. Chr. 

B. Iddsiii GrasBi. 

7) P. Ueimua Crassus IHveSt Consul 97, Gensor 89 (alao geboren 
vor 140), fiel in der marianischen Verfolgung 87 (Dmmann i. 70). 

1) Den Zweig der Licinü Crassi, zu welchem der Hedner gehörte, ziehen wir 
bier nicht hinein: der Bedaor lelhst hatte bdcftontlieh kdne mlonliebeii Nach* 
kommen, MMidetn adjptierta dm Sohn einer seiner Töchter, L. LfciDioB Cnuine 
Sdpio (Dmaanii 4, 69). 



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57 



8. und y.) die beiden filteren Brüder des Triumvirn wari'ii schon 
verheiratet, als letzterer noch iinvcrlieiratct im Uauso seiner Kitern 
lebte. Publius wurde im Jahre b7 in den iiiariiinischen Unruhen er- 
schlagen ; über das Schicksal des anderen wissen wir nichts, denn dass 
er dem Hliitbade von 87 entf^an^jen sei, wie Drumann (4, 71) mit 15e- 
rulung auf Plutarch cap, 1 und 4 behauptet, ist bei diesem nicht über- 
liefert. Kr scheint vielmehr älter als Publius gewesen und schon vor 
87 verstorben zu sein (daher auch Plutarch 4 djdävi^axoy xtu ö zur^p 
Kpdaau'j xai n adei^og), 

10) M. Licinins Grassus Dhes, der Triumvir, war über sechzig^ 
jfthrig, als er im Jahre 55 in den Partherkrieg zog (Fiat 17), miiss 
also vor 115 geboren sein*). Plutarch überliefert, dass er nacli dem 
Tode des einen Bruders dessen Gattin geheiratet habe: wahrscheinlich 
ist damit der filtere (d. 8) gemeint, da der jüngere im Jahre 87 starb, 
Crassus aber bald darauf flächteod nach Spaoien ging. Sein ältester 
Solln war, wie wir sogleich sehen werden, spätestens 85 geboren, schwer* 
lieh wird seine Verheiratung gerade in die Jahre des Exils 87—85 ge- 
fiülen sein. Das Gonsnlat bekleidete Crassns 70, ansnahmswdse sogleich 
im Jahre nach seiner Prfttur, aber gewiss nicht Yor dem gesetsltchen 
Minimalalter Ton 43 Jahren. 

11) Sein Älterer Sohn Harens war Casars Quftstor in Gallien seit 
55, mnss also spätestens 85 geboren seitt, wahrscheinlich aber schon 
einige Jahre frfiber, wenn sein Sohn (n. 18) der Gonsul Ton 80 ist 
(s. 0. S. 54). 

12) P. Limnius Crassm Dives, Cftsars Legat in Gallien 58—55, 
fiel 53 im Partherkriege (s. o. S. 54). 

13) M. Lkiniu^ ( 'imdu.'i, Cmt^id iui Jahre 30 v. Chr.. war nach 
dem Consularindex zu Dios 51. Buch Mdftxwt tj'ti'n;: danacii hat ihn 
Drumann (4, Uü) zum Sohne von No. 11 gemacht. Allerdings ist das 
nieht ganz sicher und t. B. die Mügliciikeit ollen zu halten, dass er ein 
Sohn desjenigen Licinius Crassus Dives gewesen sei, der im Jahre 59 
Prator war (Cic. «</ II 24. 2. 5; Drumann 4, 117). 

14) Auch der Consul des Jahres 14 v. Chr. M. Licinius Cm^^sH^ 
ffires war, wie ans dem Consularindex zu Dios 54. Buch, sowie ans den 
Fasti Coloiiani hervorgeht, Marci ßliva, Drumann (4, 116) macht ihn 

1) Dagegen kommt aicbt in Uetmcht, dasss ibn Plutarch c. 4 i. J. 87 viu^ 
marcdsrnm und im folgendra Kaidtsl, bä Ensahluog schier ronanliBdieD Abenteuer 
auf der Fhiebt in Spanien (84), xtatTäiam veauta^ nennt 



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58 



Ch. HttlMD, CiAdliA MeteUa 



7,11111 Sohne des Vori«r<»n. Ist diese Annahme richti[T, so mus-s, da die 
Geburt des Consuls 14 spätestens ins Jabr 47 fällt, der Vater vor 70 
geboren sein. 

An wclclier Stelle dieses Stammbaumes können wir nun die CueciUa 
Q. Crefia fi/i'i MeteUa Crasst eiiiöft/.en, <ler das Gral»inonument an der 
Via Appia Ljencilit i^t? Nicht wenii;er als vier Metelli Cretici sind 
vorhanden; und wem wir aiu li vnii dem jüngsten derselben, Q. Creticiis 
Siliiiiiis. au»? Kriek-^icbt auf den Xaiiien und das Alter absehen uiü:>jien, 
so konnte >it' docli dii' Tochter deü Consulf? von 69. oder des Quästors 
tiü, oder des i'rnronsuls von Sardinien gewesen sein, und in jeder üene- 
rdtion würde sirli ein C'rassns finden, den man als ihren Gemahl an- 
nelinuen könnte. Aber die einzigen Crassi, die gegen Gallier <^ekaMii»ft 
haben, sind die beiden Söhne des Triumvirn*, und die einfache Annal e 
Q. Crefiri fifin wird iimn am natürliehsten auf den ( 'onsul 69, den ersten 
und berühmtesten TrHefer jenes Beinamens beziehen, so dass Ürumanns 
Annahme immer noch die hftebste Wahrsebeiulichkeit bat. Man wende 
nicht ein, dass der Schriftebarakter de^; (niebt auf den Travertinquadem 
des Rundbans selbst, sondern auf einem miirhti<^en Marmorblocke ein- 
gehauenen) Epitaph- für die Zeit des Augufitiis besser passt als für die 
letzten Jahre der Kepiibük: denn Metella kann, wenn sie kurz vor 85 
f,'eiioren und vor Gö mit dem eini{?e Jahre älteren Marcus Crassus ver- 
heiratet war, sehr wohl Iiis in <lie früheren Jahre des Augustus gelebt 
haben. Die Reliefs aber auf dtiu Tropflum gewinnen, als einzige fast 
gleiehzeitifre Tllnstrntion zu Casars bellum Gallicum, ein lnteres^?e. welches 
ihre Mitteilung am.h an deutsebe Leser, denen das römische ßuUdtino 
comunale lueiät unzugänglich ücin dürfte, rechtfertigen wird. 



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Zu den Votivsteiuen der equite» singulares. 

C4. Hixi in Stuttgart. 



Durch K. Zangemeisters von den Votivsteioen der oqiiites singulares 
aiisgeheiidü Abhandlung „Zur germanischen Mythologie" (Jahrb. V, 
1895, S. 46 fr.) dürfte vielleicht ein Licht auf ein Denkraal des Stutt- 
garter Lapidariums fallen, über dessen Deutung im ganzen uie im 
einzelnen man seither im Dunkeln war. Es ist die umstellend abgebildete 
Reliefplattc, Breite 0,75, Höhe 0,55 m, die im Jahre 1583 aus Marbach 
(vicus Murrensis), wo sie „auf dem Markte in der Mauer beim Rathaus 
stand", nach Stuttgart gebracht wurde (Katalog no. 52). Dargestellt 
ist ein Verein von zwölf Qöttarn, als deren Mittelpunkt in doppelter 
Grösse der übrigen M er cur eneheint Er hat die gewöhnlichen Attri- 
bute: Schlangenstab, Beutel, Hahn und Bock, zu denen aber hier ein 
weiterer, unter dem Hahn befindlicher Gegenstand hinzukommt, der wohl 
als Sebildkrdte au fassen ist. Links und rechts (fär den Beschauer) 
TOD Mereiir stehen in der unteren Reihe: Mars und Hercules, 
ersterer in Mantel, mit Lanze in der Linken und wie es scheint einem 
Schwert in der Rechten, letzterer mit der Eeule in der Rechten und 
den Hesperidenäpfeln in der Linken ; wie gewöbalich ftllt an der Unken 
Seite die Löwenhaut herab. Wir haben also die von Zangemeister fest- 
gestellte germanische Trias (Mercur- Wodan, Mara-Tio, Hercnles- 
Thnnar), welche auf jenen VotiTSt^nen regelmSadg erscheint. Nur bildet 
auf unserem Denkmal die Hauptperson Mereur, welche Stelle sonst in 
jenen Denkm&lern meist Mars einnimmt; doch ist ancfa dort die Reihen- 
folge keine ganz konstante (s. Zwigemeiflter a. a. 0. S. 51). 

Suchen wir nun nach der auf den Yotivsteinen regelrnftssig wieder- 
kehrenden römischen Trias, so finden wir in der oberen Reihe ab 
zweite Gestalt (?on links) nnzweifelhaft Juppiter, bekleidet mit Mantel, 



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Q.8ixt 



in der Linken die ijutize. in (icr Hechten den Blitzstrahl baltcud. liecht^« 
von Jnppiter steht Juno in der charakteristischen matronalen Kleidung 
mit Stil hier; sie halt in der Hechten — freilich ziemlich unnatürlich — 
das SrejitiT, wie sie ein solches aucli auf zwei Viergötterst einen des 
Stuttgarter La]ii(laiiunis führt (no, 34 und 240). An Juno schliesst sich 
reeht.shin eine Uestalt. welche als Minerva zu fassen freilich seine 
Seliwieri^keiten liat. Mine weibliehe Owtalt ist es jedenfalls; aber sie 
trägt keines der .Minerva eigcntüiniieben Attribute. Ein solches ist aber 
überhaupt nicht, nicht einmal in Hesten, zu erkennen. Von den auf den 
Denkmälern der equites sin<,nilares sonst n^eh «genannten Gottheiten zeigt 
das Kelief: in der oberen Keiiie über Hercules stehend dessen Partnerin 
(s. Zangenieistpr S. 51) Fortuna mit Küllborn und Steuerruder, rechts 
von derselben Apollo (Sol) mit Strahlen am Kopte, in Mantel, die 
Hiinde auf die Biust t^eleirt, weiter reclits Sil van im kurzen Chiton, 
begleitet von seinem Hunde'). Es bleibt in der oberen Reihe die zu 
äusserst links befindliche Gestalt. Ihre sitzende Haltung, die auf den 
Schoss gelegten Hände, welche etwas halten, reihen sie in den Kreis der 
Matres ein; eigentümlicli sind nur die am Kojde hervorragenden Zacken, 
die wie Stralilen oder Horner ausgehen. Ist unsere Deutung richtif», so 
haben wir eine weitere derauf jenen Votivsteinen vorkommenden Gottheiten. 
Aber als das Merkwürdip:ste und für die Auflassung unseres Denkmals am 
meisten Ausschlag gebende ersclieinen die in der unteren Heihe — in 
der gewöhnlichen Darstelltmg — angebrachten Dioskuren. Die An- 
wesenheit dieser Patrone der Heiter erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass 
wir es mit einem Denkmal jener equites zu thun haben. ^Vie dieselben 
nach vollbrachter Dienstzeit zu Koni jene Inschriftsteine weihten, so 
konnten sie auch zu Hause nach glücklicher Heimkelir den gleichen 
Göttern eine Deiiikation darbringen. Dann würde sich auch der Vorzug, 
den Mercur in der Danjtellung geniesst, erklären; ist doch er e.<, der 
in dem Decumatlande, nach der Zahl seiner Denkmäler zu scliUessea, 
eine ganz besondere Verehrung genoss. 

1; Die beiden letztgenannten Gottheiten fasst Domaszcwski: ,Die Relig. des 
rOnt Heeres", Westd. Zeitschr. 1895, Heft 1 S. 53 aU die HaoptgOtter der WcBtthraker; 
ihre Anwesenbeit unter den (iötteni der e%MiteB «inguUres wOrde sieb datm danus 

erklären, (fa'^s letztere strli nicht nor aus G«maneD, tODdeu audi am Bevohoem 

der Balkaobalbimel rekruUerten. 



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Zn den ToUfstdiiett der eqoilea aingiil&nt 61 




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Frau Auguste Pattberg 

geb. ▼on Xettner. 
Ein Bntrag zur Geschichte der Heiiiul berger Uoiuautik. 

Bdnhold Steig In BerUn. 

Der Name der Frau Auguste Pattberg ist in der deutschen Litteratiir 
so gut wie unbekannt. Auch diejenig-en. die die Heidelberger liomantik 
lieben, werden sich ihrer schwerlicii aus dejs Knaben Wnnderhorn erinnern. 
Nur zweimal wird sie in dieser Sammlung deut-^cher l^ieder genannt, 
ohgleich ihr Anteil an dcrselhen ein viel grösserer war. 8ie ist. um 
bekannte Lieder anzulühren, die Eiusenderiu der Gedichte „Haid gras 
ich am Neckar, bald gras ich am Main" und ,Es steht ein Baum im 
Odenwald*, die von siogbarcn Weisen getragen, ohne dass man von der 
Frau Pattherg wüsste, in den idealen Besitzstand unseres Volkes auf- 
genommen worden sind. Dies Verdienst würde hinreichen, sie den 
Freunden deutscher Dichtung lieb und wert zu machen, auch wenn sich 
nicht noch andere Wirkungen und Fragen litterarischer Art an ihren 
Namen knüpften. Ks traf sich, dass ich eine beträchtliche Zahl hand- 
schriftlicher und anonym gedruckter Aufzeichnungen von ihr vereinigen 
konnte. Und so unternahm ich es, zumal gefördert durch Ireundhch mir 
gebotene Familienerinnerung und amtliche Vermittelung urkundlicher 
Zeugnisse, der lieben Frau ein Oedenkl)latt zu schreiben, litterarischen 
Beziehungen nachzugehen und alsdann, was ich vod ihrer Hand besitze, 
wie einen überkommetien Nachläse mitzuteilen*). 

1) Ich tumiie dankbar Frftnleln Aogust« Holftn«bter, die Enkelin der Fraa 

Auguste Pattberg, in Heidelberg ; Seine Excellenz den Herrn St^atsminister Dr. Nokk; 
<V\p. f iirstlich Leiningische Gencralvorwultuni!; in .VinorLucli ; die Herren Pfiurrer 
Klemeui in Neckarelz, Arckivdirektor von Weech in Karlsrulie, Professor Dr. Zange- 
meister in Heidelberg, Pfarrer Zimmermann in NemikfrelieD. Es sei auch auf 
T. Sellindde Denteche Schriftetailerinnen (1825. S, 81) liingewfeeen, vo aber die im 
Felgenden bebandelteii Dinge nfdit berahrt worden. 



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fiaiBli«]d Stttg, Ittm August« Fktlbecg 



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1. Biographisehes. 

Fnii Angngte Eüsabetli Pattbetg gehört mit ihrem ganzen Lehen 
mid DaseiD dem Odeowalde ao. Den 24. Februar 1769 wurde de ni 
NeuokirdieD bei A^aterbaneen geboren. In weiter Krammung um- 
spannt der Neckar dort den von der Neankircher Hohe beherrschten 
Gan mit seinen Bargen und Buinen, Flecken, Dörfern und Stidteo. 
Eine glflckliche Abgeschiedenheit hatte dem frftnkiscben Yolksstamme, 
der hin seit Vftteneiten seine Sitze hat, die alte deutsche Art mit ihrer 
sinnigen Freude an ebrwflrdig-hergebraehten Sitten und festliehen 6e- 
brftuchen vor dem zerstörenden Kindringen moderner Beglückungs-Ideen 
gerettei Die Tomehmen Familien, die zum Teil seit Jahrhunderten 
immer über dieselben Benrke ihren woUthätigen Einfluss breiteten, er- 
wiesen sich als ein fester, nllgemein verehrter Hort alter patriarohalischer 
Herzlichkeit. Sie gingen filhrend mit dem Volke und bewahrten sich in 
sclilicbter LeboishaltuDg das Verständnis seiner EigenarL Geist, Kunst- 
sinn nnd frohe Gastlichkeit war unter ihnen heimisch. Aus einem solchen 
Familien-Verbände ist Frau Auguste Pattbeig hervorgegangen. 

Ihr Geburtsort Neonkirchen mit Heidelberg als dem Sitze der Be- 
gierungagewalt unterstand damals dem Kurförsten Karl Theodor von 
der Pfidz und wurde erst Jahrzehnte sp&ter dem Badischen Staatswesen 
angegliedert. Der Vater, Engelhard Wilhelm Kettner, war Forstmeister 
zu Neunkirehen, Moehacfa nnd DUsbeig und bewohnte als solcher ein 
Karl Theodor gehöriges Jagdschlösschen bei Neunkurchen. Durch seine 
Gemahlin, Maria Magdalena Franziska geborene von Krone, ane Schwester 
des Hddelberger Oberpolizeimeisters Franz von Krone, war er mit 
anderen massgebenden Familien verachwftgert. Zu den Freunden des 
Hauses z&hlten viele kurpfiUziBChe Beamte, insbesondere auch der Ober- 
Jägermeister Friedrich Ferdinand Sittich von Hacke. Der Beamtenadel 
der Familie Kettner wurde 179S von Karl Theodor als Beichsadel 
anerkannt und bestfttigt Die Familie erwarb späterhin von Ludwig 
von Stockmar das Dorf Reichartsbausen, Amts Bisehofheim, als grund- 
herrlicbe Besitzung, wo sie weiter geblüht hat und noch blühen mag. 

Angehörige der Familien von Hacke und von Krone hoben das 
kleine Gustel, so hiess sie bei den Ibrigeo, aus der Taufe, die sie in 
der katholischen Pfarrkurche zu Neunkirchen empfing. Sie wuchs als 
der Liebling des Hauses heran. Ihre Mutter, eine gemütvolle, fein- 
gebildete Frau, wusste der Führung ihres Hauswesens einen höheren 
Zug zu geben. Den Wert des täglichen Brotes veredelte sie durch 



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Rsinliold 8t«g 



gaifitige Zukost In diesem Sinne suchte sie auch auf ihr« Kinder ein- 
suwirkcn, die sie mit rechter Liebe und Sorgfalt erzog. Sie hatte 
ausser der Tochter noch zwei ältere Knaben. Von diesen hat eioer, 
Johann Franz von Kettner (f 1839), der zunächst der Amtsnachfolger 
seines Vaters wurde, nachmals dem badischen Staate als oberster Chef 
des Forstwesens in einflussreicher Stelle gedient, and ist wie sein Sohn, 
der badische Oberjägermoister Fran?: Wilhelm von Kettner (f 1874), 
auf forst- und volkswirtschaftlichem Gebiete als Schriftsteller aufgetreten. 
Aucli Auguste von Kettner war Ilttt rarischer Sinn und poetische Be- 
gabung wie ein fn iiiidliches Muttcrerbo zugefallen. 

In dieser Sphäre also wuchs sie auf, umhegt von Iröliliclior, be- 
deutungsvoller Natur: sio selbst ein Hild jugendlicher Schönheit. Die 
Gesichtsfarbe zart und mit blähendem Kot geschmückt; blaue Augen 
und lange wcissblonde Locken. Ihre liebsten Kamcr:ir}pn waren die 
Brüder. Sie lernte von ihnen, wie der beste Schütze, die Büchse zu 
führen. Mit ihnen ritt sie bergauf, bergab, um die Wette, und die 
Freude war gross, wenn sie zuerst das Ziel erreichte. Alle Pfade des 
Odenwaldes, seine Burgen und Schlösser wurden ihr vertraut. Sie hiuschte 
den Sagen aus früherer goldner Zeit. Den Leuten des Volkes saog sie 
ihre schlichten, innigen Lieder nach. An Sonn- und Festtags-Abenden 
schaute sie den Jünglingen und Mädchen EU, die sich unter den laubigen 
Ästen der Dorf linde zu Spiel und Tanz versammelten. Sie selbst fing 
schon als Kind an Gedichte zu machen, mit denen sie die ihrigen an 
festlichen Tagen beschenkte, tmd die^e Gabe ist ihr ebenso wie die 
Frische ihrer Erscheinung bis in das hohe Alter treu geblieben. Während 
sich von ihren Schilderungen der Heimat, ihren Sagen und Volksliedern 
80 manches bei dem damals neu erw t« bten Streben der Zeit, zu retten 
und zu sammeln, erhaltcu hat, sind ihre Gelegenheitsgedichte aus der 
früheren Zeit, wie es scheint, fast alle verloren gegangen. Erst spftter 
hat sie einige liändchen drucken lassen, und manches Jägerliedchen von 
ihr ist in die damaligen Forst- und Jagdjournale aufgenommen worden. 

Ihre Liebe schenkte und bewahrte sie einem Gespielen der Kind- 
heit, welcher einst zu ihr gesagt hatte: ,Wenn wir gross geworden, 
wirst du meine Frau." Es war Arnold Heinrich Joseph Pattberg, aus 
dem nahen Xec karelz, der Sohn einer der ihrigen eng befreundeten Par 
milie, die gleichfalls dem alten kurpAl/ischen Beamtenstande angehörte. 
Sein Vater, Christian Pattberg, war seit 1762 Amtskeller, d. i. erster 
VerwaltuDgs- und Justizbeamter, in Neckarelz und erhielt 1778 den 
Titel eines kurpi&lzischen Hofgericfatsrates. Als Amohl Heinrich in 



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Fm Aogoate BatOnfg 



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Heidelberg die Rechte studiert und in die Dienstgeachftfte aich eioge- 
arbeitet hatte, wurde er im Mai 1788, siebenundzwaDsigjftbrig, xam 
Amtanacbfolger seines Vaters bestellt. Einen Monat später üfthrte er 
seine Braut mm Altäre; an der St&tta, wo sie die hdlige Taufe em- 
pfangen hatte, wurde sie am 16. Juni 1788 ihm aar Gattin angetraut 
Die Namen des knrpfölsdschen Eofgericbtsrats Stockmar und des Pro- 
fessors der Medizin Zuccarini aus Heidelberg, als Zeugen der Trauung, 
sind in das Kirchenbuch von Neunkirchen eingetragen. Und so sog die 
joDge nennzehnjabrige Frau ein in das freundliche Neckarelz, wo die 
liebliche £lzbach aus den Bergen dem Neckar dch vereinti wo alt- 
efarwördiges Bauwerk noch heute von den Tagen der Tempelherren redet 
und die Kulturerinnerung bia an den Zeiten der ÜAmer hinaufreicht. 
Auch Goethe hat einmal in Neckareh geweilt^ mit Sulpiz Boisseree, 
1815, auf der Heim&brt begriffen, und die Seele noch erfällt von der 
Schönheit der altdeutschen Bilder, die er in Heidelberg gesehen hatte. 

Das Amtdiaus in Neckarelz war reizend gelegen und gew&hrte die 
Aussicht auf den Lauf des Stromes. Ein grosser Garten umhegte es, 
in dem ¥nxL Pattberg nach ihrem Geschmacke die schönsten Anlagen 
einrichten lieas. Sie war eine Blumenfreuudin, namentlich die Rosen 
liebte sie, und Ober den ganzen Garten bin pflanzte sie Rosenlauhen 
an, die, wenn der Frühling kam, die duftende Fracht ihrer Blflte ent- 
fidteten. Wie weehseWoll dio Zeiten auch die äusseren Verhältnisse 
ihrer Hdmat gestalteten: drei Jahrzehnte hindurch hat sie ungestört 
hier walten kOnnen. Ffir das Wohl der Ihrigen in nie ermüdender 
Sorge tbätig an sein, sah sie als deutsche Frau ftr die hOchste ihrer 
Pflichten an. Allen geistigen Interessen ftihr sie fort ein offenes, em- 
pftnglichea Gemüt entgegenzubringen. Sie war freundlich und hilfreich 
gegen Jedermann, zumal den Armen und Kranken in Neckarelz ein 
wahrer Segen. Die ungesuchte Gastlichkeit, die sie gegen Freunde und 
Bekannte zu Oben wusate, war weit und breit bekannt, und manche 
bedeutende Männer sind im Laufe der Jahre zum Besuch in ihrem Hauso 
erschienen. 

Ihr Gatte schritt in seino* Laufbahn stetig vorwärts. Noch unter dem 
KurfOrsten Karl Theodor zum Keller und Zollscbreiber in Neckarelz 
ernannt, wurde er, als 1803 durch den Beichsdeputationshauptschlusa 
die knipftlzischen Ämter Mosbach und Bozberg an das FOrstentnm 
Ldningen kamen, in Leiningische Dienste fibernommen, als Justizbeamter 
und Amtskeller In Neckarelz bestätigt und vom Forsten Karl Friedrich 
Wilhelm au Leiningen mit dem Charakter und Bange eines wirklichen Hof- 

NBUS BBrniLB. JAHBaUBOHBR VL 0 



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66 



tWnliotd Steig 



gericlitsrats. unter dem 12. Juli 1^03, ausgezeichnet. Bei der Neuorgani- 
sation der Leiningischen LandesbchördeD stieg er zum ersten Rentamt- 
mann dos Fürstlichen Rentamtes Mosbach auf, mit dem Sitz in Neckareh. 
Siehen Kinder wurden ihnen geboren, von denen das jüncfste bald wieder 
starb. Der älteste Sohn Franz arbeitete zwei .Jahre unter seinem Vater 
am Hentaint in Neckarelz, trat dann aber in Königlich Bairische Mili- 
tärdienste ein. Ebenso ein zweiter Sohn, Beide machten glücklicli dio 
Freiheitskriege mit. Der jüngste widmete sich, gleichfalls in Baiern, 
der Forstkarriere. 

So war Frau Auguste Pattberg in ihrer Ehe ein reiches ^h^^ 
inneren und äusseren Glückes beschieden. Aber das Alter kam, und der 
Dienstaustritt ihres Gemahls, 1821, und ein Jahr darauf der bitterschwefe 
Abschied von Neckarelz. Mit ihrer jüngsten Tochter Auguste zogen 
sie nach Heidelberg hinüber, wo sie im alten Verkehr mit maoeben 
Freunden weiter leben konnten. Sie gingen viel spazieren: die einzige 
Art jetzt noch, wie sie ihre Liebe zur Natur bethätigen konnten. Und 
die unvermerkt anwachsende Vertrautheit mit der schönen Gegend stillte 
wohl die Sehnsucht, die sie oftmals nach der alten Heimat ergriff. Am 
27. November 1829 starb Pattberg, und nun blieb seine Gattin, gepflegt 
von ihrer treuen Tochter, allein zurück. Es traf sie 1842 ein Schlag- 
anfall, von dessen Nachwirkungen sie sich nicht mehr völlig erholte. Mit 
christlicher Ergebung trug sie das allmähliche Versiegen ihrer Kräfte, 
ebne anch nur einen Augenblick das Gefühl fortbestehenden inneren 
Glfieto zu verlieren. Ihre Gedanken weilten gern im lieben Neckarelz 
und im Eltemhause, wo sie, wie sie zu sagen pflegte, ihres Lebens 
schönsten Traum geträumt habe. Sie Hess sich oft aus Briefen und 
anderen Blättern, die sie aufbewahrt hatte, vorlesen, verfügte aber die 
Verniclitang derselben, da doch alles einer anderen Zeit, die nicht mehr 
▼erstanden werde, angehört habe. Bis zuletzt behielt sie ihr klares 
Qodftchtnis und kannte alle, die sie besuchten. Am 4. Juli 1850 ist die 
greiae Frau, sanft wie ein Kind, eingeschlafen in die ewige Heimat, auf 
die sie gläubigen Herzens gehofft hatte. Sie ruht mit ihrem Qatten auf 
dem Kirchhof zu Heidelberg. 

2. Litterarisches. 

Ich sagte, dass ans Frau l'attbergs früherer Zeit Schilderungen des 
Odenwaldes, Sagen und Lieder erhalten seien, und ieh \ ersuclie jetzt die 
Zusammenhänge darzustellen, die sich etwa zwischen ihnen und dem 



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Hauptgange nnscror Litteratur erkennen lassen. Sie fliessen alle mit 
in den bnnten Wechsel derjenigen Bestrebungen ein, aus denen als 
die Blfite der Heidelberger BonuDtik des Knaben Wunderhom hervor- 
gegangen ist. 

Der erste Teil erschien bekanntlich för das Jahr 1806, und Qoetbes 
schnell ausgefertigte Anzeige rom Januar 1806, zu der ihn persönliche 
Ndgang for Arnim wie gewohnte Schätzung der Volkspocsie bestimmt 
hatte, gab der Sammlung vor der Utterarischen Welt eine Stellung, der 
gegenüber der Tadel, welcher sich regte, nicht recht aufkommen konnte. 
Daa von der kritischen Erörterung des Tages unberfihrte Publikum nahm 
denn auch die Lieder mit reinem Enthusiasmus auf, und Arnim sowohl 
wie Brentano empfingen rührende Beweise der dankbarsten Gesinnung. 
Der henlicb biedere Anselm Elwert, zn Dornburg in Hessen-Darmstadt 
Amtsverweser, dessen vor mehr denn zwanzig Jahren erschienene Volks- 
lieder dem Wunderhom Namen » TitelbUd und Eingangsstrophen ge- 
schenkt hatten, fOhlte sich ihnen fortan in persönlicher Freundschaft 
zugethan. Ein Plhrrer Böther au Aglasterhansen, der seit Jahren Volks- 
lieder gesammelt hatte, betrachtete seltsam bewegt das Wunderhom 
bei dem Verleger Zimmer in Heidelberg und opferte der Freude, es zu 
besitzen, neidlos seine zierlich geordneten Manuskripte. Dieser Böther 
war, wie Elwert, in den neunziger Jahren Mitarbeiter an Gxftters Bragur 
(3, 478) gewesen, einer Zeitschrift, die nach dem Vorgange Herders auch 
das deutsche Volkslied pfl^e. Wenn man erwägt, wie nahe Aglaster- 
bansen zu Nennkirchen und Neckarelz gelegen ist, so darf man nach 
Massgabe gesellschaftlicher Verbältnisse wohl eine persönliche Be1caani> 
Schaft zwischtti dem Pfarrer Böther und Frau Auguste Pattberg an- 
nehmen. Es eröffiiete sich alsdann ung^ucht einer der vielen denkbaren 
Wege, auf denen auch die litterarische Beförderung des Volksliedes zu 
ihrer Kenntnis gekommen wftre. Jedenfalls war sie im Sinne der Ge- 
nannten eine Freundin des Wunderhoms, das gleich anfangs in ihre 
Hände gelangte; und es fand sich bald auch für sie «ne Qdegenheit, 
mit den Herausgebern in Verbindung zu treten. Einen gemeinsamen 
Bekannten hatten sie Übrigeos an Albert Ludwig Qrimm, damals Haus- 
lehrer beim Eirchenrat Schwarz in Heidelberg, der für daa Wunderhom 
(1, 83) sammelte, und an dessen Persephone auf das Jahr 1806 Frau 
Pftttberg beteiligt war. 

Wunderbar ist die anregende Eraft^ die gerade vom ersten Bande 
des Werkes ausging. Die Herausgeber liessen sich keine Mühe ver- 
driessen. Wie Arnim in dem Nachwort des wsten Bandes und in Beckers 

*♦ 



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Rdnbold Staig 



lieichsan/.eiger, Dezember 1805, so forderte Brentano in besonders gfl- 
dnickten (iürcularen die aller weitesten Schichten Volkes zur ferneren 
Mitarbeit an dem Wunderhorn auf. Denn eine schnelle Fortsetzung 
war ursprünglich in Aussicht genommen und nur der Ausbnirli des 
französisch-preussischen Krieges mit seiner unseli<rpn 55palti!ti(r Deutsch- 
lands verzögerte sie bis zum Jahre 1808. Brentanos Circular (Arnim 
und Brentano S. 177 abgedruckt) wurde im Juni 1806 versandt. Vor- 
/üglii h, besagt es, wäre auf Lieder zu acliten, welche die Kunstsprache 
mit dem Namen Romanze oder Ballade bezeichnet, d. i. in welchen irgend 
eine Begebenheit dargestellt wird, Lieboshandel, Mordgeschichte, Ritter- 
g^hichte, Wundel peschichte etc., je älter und einfacher, je grösser der 
Gewinn ; weiter scherzhafte und elegische Volkslieder, SpottUader, charek- 
twistischc Kindeilioder, Wiegenlieder etc.; und könne von manchen die 
TOrtreftliche Melodie mitgewonnen werden, so seien die Lieder doppelt 
wert. Die hier angegebenen Gesichtspunkte sind für die Sammelarbeit 
der Frau Pattberg die massgebenden geblieben. Sie richtete, ans An- 
lass des Oircnlares, folgenden Brief an Clemens Brentano: 

Neckarals den 5*m Jou 18O6L 

Ihre AufTodsinmg «n die Freunde der alten Vaterlindiscben Volksgetliige 
kam mir vor kiirzpin zu Gesichte. Ich würde mich freuen, wenn Sie unter dciien. die 
ich Ihnen hier beischliese, weuigsleug einig« für Ihr Unternebmea br*ochbar fänden, 
nnd mit YergnQgen wQide ich es mir zum Geschäft macfaan, Uwen noch mehrere 
sn Terschaffen. 

Mit Hodutchtomr 

Ihi» 

ganz ergebenste Dieotritt 
A. Pattberg geh. 
V. Kettner. 

Es lässt sichf worauf auch wenig ankommt, nicht feststellen, welche 
JJeder diesem ersten Briefe beigelegen haben. Die eigenhändigen Lieder- 
raanuskripte der Frau Pattberg, welche ich auf Grund ihrer durch die 
Bi-iefe gewährleisteten Handschrift aus den Urmaterialien des Wunder» 
homs herausfinden konnte, bieten bei der völligen Gleichheit ihrer äuss^ 
Ten Form kein unterscheidendes Merkmal 'Uir. GeiniLr. dass mit dem 
Briefe der erste Schritt zur Teilnahme an den Heidelberger Bestrebungen 
getbao war. Denn dass Brentano die Korrespondenz aufnahm und ein un- 
mittelbarer Verkehr sich knüpfte, ergiebt sich daraus, dass sie bald 
darauf auch Mitarbeiterin an der neugegrüudeten Badischen Wochen* 
Schrift wurde. Der Herausgeber derselben war Alois Schreiber, die eigent- 
liehe Seele des Unternebmens aber, wenigstens im Anfang, Clemens 
Brentano. 



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¥naä Angtnte Pattberg 



69 



Scliroiber, 1805 aus Baden nach Heidelberg ald Professor der Ästhetik 
berufen, trat bald mit Breutano und seinen damaligen Yertraaten, zu 
deDcn insbeaoDderc Creuzer gehörte, in freuodlielien Verkehr. Bs war 
eine ebenso schnell aufflackernde wie rasch Terlöfclieiide Leidenschaft 
Brentanos, Journale ins Leben zu rnfen, ohne als ihr Redakteur thätig 
za sein: in Berlin, Prag, Wien liat er es später nicht anders gehalten. 
Damals, in Heidelberg, mnssta ihm erwünscht sein, ein Blatt zur Yer- 
fSgung zu haben, dii^ den sich ansammelnden Vorrat von ^rrnchen, Sagen 
und ähnlichen Gebilden der Volksphantasie, die der Plan des Wunder- 
horns für jetzt noch ausschloss, ohne Zwang vorläufig aufnehmen konnte; 
deno auch Mftrchen und Sagen, die in der Folge den Brüdern Grimm 
als ihr eigner romantischer Arbeitsbezirk überlassen blieben, waren damals 
schon von Arnim im i Hrentano mit vollem Bewusstsein ihres Wertes 
in das Auge gel'asst \Yorilen. Die „Kurfürstlich (später: Gross-Herzoglich) 
privilegirte Wochenschrift für die Hadischen Lande", die vom 4. Jali 1806 
bis zum 1. Januar 1808 bei Mohr und Zimmer in Heidelberg erschien, 
hat in der Tiiat der volkstümlichen Litteratur einen Dienst geleistet, 
wie sie auch gegenüber der „Sucht zu modernisieren und der Aufhebung 
der Kloster** gleich von ihrer ersten Nummer an für die Erhaltung der 
älteren deutschen Kunstwerke mit Eifer eintrat. Von Achim von Arnim 
ist der Badiscben Wochenschrift in der Einsiedlerzeitung das rfibmliche 
Zeugnis ausgestellt worden, dass ihre bedeutenderen Aufsätze aus dem 
Untergänge errettet zu werden verdienten, in den sie leicht Mr die Nach- 
welt versinken kdnnten. Die Ii riider Grimm haben auch aus ihr für die 
deutschen Sagen geschöpft. Zu dem, was aus der Wochenschrift der 
Erhaltung wert sei, rechne ich den Anteil der Frau Auguste Pattherg. 

Ich gehe auf die wichtigeren, teils anonymen, teils mit den Ver> 
fassernamen gezeichneten Beiträge der Wochenschrift ein, um den 
Autorenkreis zu gewinnen, dem sich Frau Pattberg tugesellte. 

Zunächst von Schreiber selbst. Er hat auch anonyme StQcke ge- 
liefert, die er aber selbst durch Aufnahme in sp&tere Bftcher als sein 
Eigentum bekannt hat. Merkwdrdig war mir 



Ein altes Volkslied. 

Mit wenigen AbAnderuDgeo. 

Bort 0^1 rn auf dem Berge Ks kommt ein lUrteokiiabe 

Da ist eiu schwarzer See, Idit einem Hascistab: 

ünd anf dem See da flehwimmet Das ROaldn mms idi haben, 

Ein ROsleln, mdw wie Schnee. Das Rtoldn brech ich abl 



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IMnhold Staig 



Kr zieht es mit do!n Stabe 
Wohl an deu Binseoraud, 
Dodi US den Waiaer hebet 
Sich eine weiue Hand. 



Im See, am Hodei) wurzelt 
Das Rtoleio, da» du liebst. 
Da will Ich dir es hiechen, 
Weno dn dich mir erglebit* 



Sie steht das Rfielein nieder. 
Tief in den dunkeln Grund : 
.Komm, lieber Knab', ich nacbe 
Dir viel Geheiioes kuod. 



Den Knaben faast ein Grauen, 
Er eilt hinweg vom See, 
Doch imtnpr ist i-f^'m Sinnen 
Das Küsleln weiss wie Sehne«. 



Kr irret durch die Berge, 
Der Gram das Herz ihm frisst, 
Und niemand weiss an sagen, 
Wo m geblieben ist 



— (las trotz nielirtachüi' in da» Moderne fallender WondiiiiKtMi docli wirk- 
licli auf volk>iiia.ssiger Grundlafje ruht, und als üanzos mir f^eschlüsseu 
und wulil}j;elungen sclieiut. Dies, iu der Wochenschrift vom LS. Dezember 
1807 Sp. 815 anonym gedruckte Gedicht rührt nun von Schreiber her, 
wie daraus folgt, dass es sich später in seinen ^(^iedietiten und Krzfih- 
Inn^^en^ (I8l2, S. 41), in den „Poetischen Werken^ (1^17, Bd. 1) und 
i!i dt'ii ^Sagen aus den Rheingegenden, dem Schwarzwalde und den Vo- 
gesen" (1839. 2. Hiindehen 255) \viedertindet. Aber hier immer ohne 
den Hinweis auf volkstümlielic Herkunft und mit folgender Abweichung 
des Titels und der eräteu Strothe 



und wer je zum Mummelsee hinaufgestiegen ist und der Sagen über ihn 
sich erinnert, wird glauben, dass in Schreibers Gedicht von Anfang an 
keio anderer See als der Mummelspe gemeint gewesen sei. Indem ich 
mir aber vergegenwärtige — worüber ich aus Anlass des Goethe'schen 
Klageliedes in Sauers Kuphorion 2, 814 gesprochen habe — , welche Be- 
deutung gerade damals „Da droben auf jenem Bei^e* für Brentano 
erlangte, so denke ich, dass an dieser Stelle Brentanos persönlicher £io- 
flnss auf Schreiber auoli litterarisch zu erkennen sei. Er sammelte ja 
gleichfalls ßax das Wunderhorn, das er in Nr. 4 seines Blattes als eine 
Sammlung ,ächt teutscher Volkspoesieen" riihmte. 

Brentanos Mitarbeiterschaft kam der Wochenschrift von ihren An- 
fängen an 7,u Gute. Der bekannte „Brief an den Herausgeber über das 
Sprichwort: Dir geht ee wie dem Hündlein von Bretten** (18. Juli 1806). 



Der Mummelsee. 



Hoch auf dem Taunenbetge 

Da ist ein schwarzer See, 



Und auf dem See da schwimmet 
Ein Röslein, weiss wie Schnee — 



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Ftao Augittte Pattberg 



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Das prächtige ^Liod cinos Heidelberger Stiulenten** (1. August). Die ge- 
nn'itsreiclien Strophen „An die Nymphe der Heiltjutlle zu Baaden bei 
der Ankunft iinsers geliebten Landesherrn (Karl Friedrich)", 15. Au!jn st. 
Und wohl auch die ,Alte Prophezeihung eines nahen Krieges, der aber mit 
dem Frühling endet", die nur nach der Badischen Wochenschrift (1806, 
8|i. 25t>) citicrt, in das Wunderhorn (2. 65) aufgenommen worden ist. Dann 
aber verstummt auf längere Zeit Brentanos Stimme; der Grund war der 
am 31. Oktober 1806 erfolgte Tod seiner Gattin Sophie (^lereau), geborenen 
Schubart. und sein einstweiliger Fortgang von Heidelberg. Die Badische 
Wochenschrift vom 7. November 1806, Nr. 19. brachte — wahracheinlich 
aus Schreibers Feder, der sich in seinen thatsachlichen Angaben mit 
auf Creuzer und Görres stützen mochte einen Nacliruf auf Sophie 
Brentano, in welchem erwähnt war, dass .ilirc letzte .Vrbeit eine Über- 
setzung der Fiametta des Bocazz gewesen sei. die in Berlin gedruckt 
werde, und deren Erscheinung sie leider nicht mehr erlebt habe"": und 
woran anschliessend aus dem ersten Bändchen ihrer „Gedichte'* (1800, 
S. 40) die .Schwermuth'' mitgeteilt wurde, die auch Herder eiQst in 
einer Erfurter Kecension ausgezeichnet hatte. 

Seit seiner Rückkehr nach Heidelberg, Ende November 1806, ver- 
lieren Brentanos Beiträge ihren einfochen, absichtsfreien Charakter. Sie 
erhalten von jetzt ab eine polemische oder satirische Beimischung. 
Brentano sah sich gendtigt, eine Reise mit seiner Sophie nach Walldürn 
im Odenwald und seinen Schmerz über ihren Verlust vor öffentlicher 
MissdoutuDg zu scbQtoen (20. Febmar 1807), die der Kirchenrat Horstig 
anonym im Weimarer Journal des Luxus und der Moden hervorgerufen 
hatte. Mit Görres zusammen lieferte er der Wochenschrift als eine über 
ihre Ufer ausgetretene Beilage die „wun 1. ) t tre Geschichte von BOOS, 
dem Uhrmacher* (vgl. 8. Mai 1807, ^'r. liK Sp. 30), deren künftig za 
beachtende Vorgeschichte in den, wohl auf Brentano zurückgehenden, An- 
zeigen der Nrn. 12 und 13 (20. und 27. März 1807) enthalten ist. 

Von Sophie Brentano finde ich nur einen einzigen Beitrag in der 
Wochenschrift (23. Januar 1807, Nr. 4), nämlich anonym 

Die Wanderschaft 

Ein Wanderer mg int fmw Land. 

Wohlauf! 

Er führte sein Liebcboo ao treuer Hand. 
WoUanfl 

Er fahrt es sanft, M folgt ihm gern, 
Und firMindlidi grOnt li» dar Abandstant 



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BeiaLoM Steig 



• «Treu Lfobdioo, lolmi Idn und ftrelite Bichl 

Wohlauf! 

Dort drüben im Walde» dort glftost eia licht. 

WoUauf! 
Wir Mm «rin im kleine Hmn, 
Und rahen und acUAfen liia morgm «na.* 

«Geliebter, o lass out nicht gehn im Uaiis. 
Wohlauf! 

Noeh mi^; idi nidil ndim und tehlafen an«. 

Wohlauf! 
Die heilen Sternlein funkeln äcliu», 
Wir woHen wdter und w^r gehn.* 

«Wir dürfen nicht geben fitar and fOr. 

Wohlauf! 

Treu Liebchen, sey willig uud folge mir. 

Wohlanff 
Ich bin ja oiUd, verlang nach Ruh, 
Komm Liebchen, aiog mir die Augen xuT 

Er geht fonu Mf donkebn Weg. 
Wohlauf! 

Und made betritt er den idimalen Steg. 

Wohlauf! 

Er wankt und schirankt und sinkt hinab, 
Im Strom tief unten da ist idn Grab. 

Und Liebchen sitat still im Ufergraa. 

Wohlauf! 

Es treibet und jagt sie, de veiis nicht «na. 

Wohlauf! 

Sit' hört das Rauschen tief nnä hohl. 
Da wird ihr plötzlich so leicht, so wohl. 

Sie Mlilieeeet die schftnen Augen au. 

Wohlauf! 

Sie folget (lern Lieben hinab zur Kuh, 

Wühlauf 1 
Dl liegen eie im kahlen Hans 
Und mh'n und iddnfen bis mo^en ans. 

Von der Autorschaft Sophie Brentanos, als der sich nie verläugnenden 
Schülerin Schillers, uns zu (Iherzeugen, genüge der Hinweis auf ihre an 
Klang und Yersmass gldche »Klage' in Bernhard Verinehrens Musen- 
Almanach für 1803, S. 30, m der ich in dem Boche »Arnim und Bren- 
tano' S. 83 eine etwas abweichende Gestaltung mitteilen konnte; wie 
atteh ihre Schwester Henriette Schuhart in derselben Manier einen Sehen 
an den ans Jena scheidenden Zacharias Werner, den .Llebesgesellen*, 



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Firna AaguBte Fattbog 



73 



richtete, worüber n. n. die KrinnerinifT.sblätter ans dem Leben einer deut- 
8Chei] Frau, mitgeteilt von Bertlia Aiif^nsti (Köln und Leipziir lb^>7, 
S. 47) oder die Weimarer Ooetiie-Aust,'ahe IV 20, ö6 oder das Frojii- 
mannscbe Haus und seine Freunde^ S. 120 uachiiulesen sind. Wir dürfen 
annehmen, Clemens Brentano habe ,Die Wanderschaft* au^ Sopinens 
Nachlass, den er zu seiner schmerzliehon Rrinnerung damals in Heidel- 
berg ordnete, Alois Schreiber zum Aluhuck überlassen. 

Schon früher einmal hatten sich die hier vereinigten Autoren m 
litterarischer Arbeitsgemeinschaft zusammengefunden: zu dem der Liebe 
und Preuiinsi'haft ^j^ewidmeten Frankfurter Taschenbucli auf das Jahr 
Da sehen wir Sophie Brentano. Oorres, Schreiber mit Ikitrilgen vertreten, 
und neben ihnen Caroline Kudolplii aus Heidelbeig und die Günderode, 
die alle unter einander Bekannte oder Vertraute waren. Brentanos 
briefliche Berichte an Arnim aus jener Zeit lassen erkennen, wie gesellig 
diese Menschen alle, besonders auch die Frauen, mit einander lebten; 
wie man Ausliüge den Neckar aufwärts durch das ^überirdisch schöne'* 
Thal bis zu den Landschaden von Neekarsteinach unternahm und überall 
auf Volkslieder lausehte; wie Brentano, naeh einer Heise zu seinem 
phantastischen Herrn Schwab in Miltenberg, den Kirchenrat Hor»tig zum 
Ankauf des Schlosses daselbst bewog; wie Horstig dem Gesänge eines 
Bergknaben, auf welchen ihn Brentano aufmerksam gemacht hatte, das 
rührende Volkslied vom „Joseph, der die schöne Nanerl ins Unglück 
gebracht", nachschrieb und in Reichardts musikalischer Zeitung ver- 
öffentlichte. Während also bis dahin völliges Einvernehmen herrschte, 
gewahren wir in der Badischen Wochenschrift nur zu bald die ersten 
Spuren gegenseitiger Spannung und beginnenden Zwiespalts: je nachdem 
sich die Einzelnen zu der strengen Autorität Johann Heinrich Voss', der 
aus grundsätzlichen und persönlichen Motiven seine Gegnerschaft gegen 
die Romantik bald immer schärfer hervorkehrte, hiogesageo oder ron 
ihr abgestossen fühlten. 

Voss war im Juli 1805 in freier, die Regierung beratender Ge- 
lehrtenstellung nach Heidelberg berufen worden. Seine Mitwirkung an 
der ßadischen Wochenschrift ist, wie es scheint, weder für Wilhelm 
Herbsts Biographie noch für die neueren Arbeiten über ihn herangezogen. 
Der erste eigene Artikel Vossens erschien in Nr. 5, vom 1. August 1806. 
Hatte er sich 1805 in der Jenaischen Litteratur-Zeitung (Kritische 
Bl&tter 1827. 2, 13) sehr scharf gegen den karpfalz-baierischen Studien- 
plan ausgesprochen, so fand jetzt die von der preussischen Regierung 
getroffene Einrichtung eines Gymnasiums und einer Töchterschule eq 



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74 



Bemhold Steig 



HeilijjeiKstadt im Eiclisfelde seinen Beifall. Kr gab also Stlircibers aus- 
führlichen) Artikel über dieses Schulwerk in Nr. 5 mit Unterzeichnnn«^ 
seines Namens ein Geleitwort bei. Unsere geistige Bildung sei bisher 
von den Werken der geistreichsten ^ren sehen, welche die Geschichte 
kenne, ausgegangen und Teutschland müsse forthin den Anwachs der 
gelehrten Staatsbürger in der Schule durch jene klassisehfu Werke der 
höchsten Humanität zu reineren Ansichten, zu edleren Qesinnungen er- 
heben und stärken. Von dieser Erkeintnis sei der preussiscbe Schul- 
plan durchdrungen; ein solches Beispiel werde, aneh w^n der muster- 
haften Vereinigung beider Konfessionen, in den badischen Landen Teil- 
nahmo erregen. Aber anstatt »Deutschlands* hatte Schreiber nach 
seiner Gewohnheit in jenem Geleitwort «Teutschlands* drucken lassen, 
eine ünform, die Voss nicht auf sich sitxen lassen mochte. Seiner Ge- 
lehrsamkeit, die er fthnlieh schon in der Jenuschen Abhandlang aber 
\Klopstock8 grammatische Gespribche and Adelungs Wörterbuch (Kritische 
Bluter 2, 374. 416) bewiesen hatte, wurde es leicht, in einer Berich- 
tigung (Nr. 6) aus den Schriften Hagedoms, Klopstocks und vieler ande- 
rer, bis auf Goethe und Schiller herab, Belege für die allein giltige 
Schreibart «Deutschland* beizubringen, und mit alter Animosität gegen 
Wieland spöttelte er anf dessen »teutschen** Merkur und diejenigen neue- 
ren Modeblätter, die dem glänzenden Vorgänger mit vollem Munde 
„nachtentflchten" ; er schloss: «Aber meinen verehrten Mitbfirger, den 
feinsinnigen Herausgeber dieser nützlichen Wochenschrift, lade ich im 
Namen der deutschen Spra('l)[:'"ittin l'eierlicli ein, dem ehrwürdigen 
Chore der Deutschen, denen Teiitsehheit widerlich ibt. als wür- 
diger Deutscher sich anzuschliesseu. Johaun Heinrich Yoss.^ 
In derselben Nummer ist auch noch ein , Vorschlag an das Heidelberger 
Publikum", eine bleibende Atjstalt für einen Singchor zu erricliteu, neben 
Ewald. Schwarz und Schreiber an erster Stelle von Voss unterzeichnet, 
lind ^»nit Erlaubnis de? ehrwfirditreii Verfassers'* druckte Schreiber 
\ Ohsens v.edicht .Das XothwHk" (S;lmtlirhe Gedichte 1802. 5, 163) 
ab. um «;egen die kirchlichen und I'olizei-(>rilnun;.;en anzulcürapfen, die 
das Einluingen des Getreides am Sonntai^e fiberhaupt verhalten. Vossens 
Ühersetzun^'en des Hora/ wie des Hesiod imd der orplM-^clien Argonautika 
wird dementsprechend in Nr. 8 glänzende Anerkennuug zu teil. Seiner 
Anregung mag es auch zuzuschreiben sein, dass die Wochensclirift 1807, 
Nr. 25, die von W. K. F. in der Jenaischen Litteratur-Zeitung gelieferte 
lebhafte Zustimmung zu der Verteilung der königlich baierischen Ge- 
mäldesammlung auf verschiedene Städte des Keiches im Auszuge brachte, 



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Frau AngaBte Pattbeig 



75 



da ,sie überall eine fieherzigung zu verdienen achiene'*. Zwar Iiat, wie 
wir wissen (vgl Weim. Ausgabe IV 19, 286), Heinrich Meyer diese 
nach Goethes Ansdrnck vortrefflichen Anmerkungen gemacht» in der 
Wochenschrift aber werden sie als «Einige Worte von GOtbe* mitgeteilt 
Mao sieht, dass auch hier, wie fast fiberall, Tossens Thfttigkeit auf Ände- 
rung oder Besserung gegenwärtiger Zustände gerichtet war, woraus 
dann notwendig persönliche Verwickelungen f9r ihn entstehen mnssten. 

Zu Anfang wenigstens bildete sein Haus einen gern au^esuchten 
Versammlungsort f&r die Heidelberger Schriftsteller und Gelehrten ohne 
Unterschied. Creuzer verkehrte dort wie Brentano, Arnim, Görres. Bren- 
tanos genannter lirief über das Hündlein von Bretten, dessen noch nicht 
litterarische Vorgestalt er im Maiü lt<jO Arnim üiitteilte (Arnim und 
Brentano S. 167) verdankte noch der geselligen Unterhaltung eine» Abends 
im Vossischen Hause seinen Ursprung. Schreiber nämlich, der gleich- 
falls an jenem Abend. 18. Marz 180(5. mit bei Voss gewesen war, nickte 
eine Antrage über die ikdeutung des Sprichwortes „Es ireht dir wie 
dem Hündchen von Bretten" in die zweite Nummer seiner WoLlienschritt 
ein, und Brentano gab — also verabredeter Massen — in der dritten 
die bekannte Antwort. Aber bald trat die Spannung ein. Noch ehe 
der dem alten Voss so fatale Uhrmacher Bogs erschienen war, zielte schon 
der Abwehrartikel Brentanos über Uorstig hinweg auf die Vossische 
Familie und die in ihrem Schosse ausgeheckten „Klätschereien^, zu 
deren Mundstück sich damals der — um den despektierlichen Ausdruck 
Heinrich Vossens (Goethfr*Jabrbuch 5, 52) au gebraucbeu — für alle 
SteDen gleich geschickte Horstig und später im Morgenblatt Karl Bein- 
beck machten'). Eine kleine Nachwirkung dieser Verstimmungen mag 
man darin erkennen, dass Horstigs Name im Wunderhorn (2, 204) ver< 
mieden wurde, oh man gleich das schöne Volkslied Ton Joseph und Nanerl 
aufzunehmen sich entschliessen musste. Alois Schreiber suchte sich eine 
Zeit lang noch krierend zwischen den Parteien 2u halten, ging dann 
aber allmfthlich gans in das Vossiscbe Lager Aber und machte in dem- 
selben, wenn auch mit Zurfickhaltung, den Feldzug gegen die Einsiedler 
und Wtraderhornisten mit. Dieser Haltung entsprach es unter anderm 
auch, dass er in dem Gedichte »Die Erscheinung", welche das jähe Ende 
der Günderode behandelt, gegen Creuzer Partei ergrilV, wofür namentlich 
die vierte Strophe charakteristiscli ist. Freilich in seinem Heidelberger 

1) Irrtümlich weisen Birllnger und Crccclius ia ihrer Ausgabe des Wunder- 
homs 2, 4.50 auch einen früheren, mit br. gezeicbnccea Artikel ,U«ber dM 
Klauchcn" (Nr. 4, 25. Juli löOC) Üreutaoo zu. 



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76 



Beinhold Steig 



Taschenbuch auf das Jahr 1809, wo es S. 56 zuerst erschien, war dieso 
Beziehung nur den Eingeweihten erkennbar: aber beim Wiederabdruck 
io seinen Gedichten und Erzählungen (1812, S. 63) fjab er dem Titel 
bereits den Zusatz „Auf Jen Tag der IHchterio Tian* und 1817 in den 
Poetischen Werken (1, 29ti) erklärte er offen, es „auf den freiwilligen 
Tod der Dichterin Tian (Fr&ulein von Gfinderodt;)'' gedichtet zu haben. 

Mit allen diesen Personen mfisBeii wir uns Frau Anguste Pattberg 
in Bekanntschaft denken. Von den Zwiatigkeiten unter ihnen wurde sie 
freilich kaum berfthrt. Sie blieb mit Horetig auch noch für sp&tere Jahre 
befreundet, wie sich weiter unten zeigen wird. Ebenso mit Schreiber: 
unter dessen Subskribenten für seine »Qedichte und Erzählungen' sie 
1812 aus Neckarelz allein erscheint^ wozu eine Heise Schreibers in den 
Odenwald — auf der sein (daselbst 1, 27 gedrucktes) Gedidit ,Am Grab 
der heiligen Notburga, Hochhausen 1812** entstand — und wahrschein- 
lich ein Besuch im nahen Neckarelz den Anlass groben haben mag. 
Ihre fortdauernde engere Verbindung aber mit Brentano und dem Wunder- 
horn machte sie natürlich doch dem Yossischen Kreise Terdftchtig, und 
so ist sie missgfinstiger Beurtdlnng von dienw Seite nicht entgangen. 

Im Frühjahr 1807 sandte ihr Brentano das nachgehissene Buch 
seiner Sophie: die Fiametta. Eäne Übersetzung einor NoTelle des Boccaz, 
wie eine schöne junge Frau durch die Liehe eines Jünglings beglückt 
und verzehrt wird. Frau Pattberg antwortete darauf: 

Neckarelz den 10t«n M&rz 1807. 

Empfuigen Sto niefaien Imiigaten Daak Ittr das mir nigewidtB Wetk. DaaUiar 
will ich bei dem Nachlass einer edel» Fratt ▼erwdleo, die ich ans Ibrea Sebriften 
kennen und bochsc hätten lernte. 

Die Bomaoze, von weicher Sie sprechen, ist ohne Zusaz, und ich habe sie 
in meiner Jagend Ton einem alten Schreiber meines Vaters gelernt, welcher aus der 
Gegend von Maiiii in Hame war; Ich habe kanKefa tineo T«i«ach gemaeht sie 
nachzuahmen, und habe denselben gestern an Herrn Professor Schreiber eingesandt; 
in wiefern er gelungen ist, überlasse ich Ihnen zu beurtheüen. Ihr I^nternebraen 
die verlobrene Blumen zu saoimehi, die efadem in weniger angebautcu Feld der Poesie 
entsprosen rind, hat gleieii anfangs so viel anstehendes fbr mich gehabt, dass ich 
anfing aUos su aanunein was mir In dieser Ait bekannt war» und mit YergnOgen 
werde ich auch fernerhin an Sie einsenden, was Ihrem Zwek eiitsi(rerhen kann. Auch 
sind mir noch manche schöne alte .Melo<Iieen bekannt, die ich mit der uäcltsten 
Sammlung Obermacben werde. Wenn ^^ie im Laufe des Sommers einen kleinen Aus- 
flug machen sollten, so wOrdo es mich sehr frsnon Sie hier bei wät In mefaisn 
hausslichen Kreise bewilkomoMo, und meiner Achtung versleheni sa könasn, mH 
weldier ich midi Bonne 

Ihre ergebenste 

Augnsta Pattbeig. 

Welche ^Komanze'^ hier gemeint sei, l&sst sieh aus der Wochen- 
schrift nicht ermitteln, da in ihr nach dem 10. M&rz 1807 ein ent- 



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Tom AtigMto Pafttberg 



77 



sprecbendes Gedicbt nicht enthalten ist Brentano wird die Romanze 
'wahrscheinlich von Schreiber an sich genommen haben, so dass er die 
Drfi>rm wie die Nachahmung in Hftnden hatte (vgl. unten S. 113). Und 
somit w&ren wir auch xu den Beiträgen der Frau Pattberg zurückgelangt. 
Den Inhalt derselben bildet der Odenwald mit allem, was dort Natur 
und Volkspiiantasie geschaffen hat Sie beginnen erst in dem Jahre 1807. 
Kein einziger ist mit Tollem Namen wnter/eichnet, sondern nur mit den 
Anfan^^shiK'hstabeu A. v. P— g.. A. 1*— g., A. P. oder P. Läge jedoch 
innorlicli der geringste ZweiM für meine Deutung diesei Zeichen auf 
P'iaii Auguste (von) Pattberg vor: der formelle Zusatz Schreibers zu ihrer 
,Nacliriclit von einif^en Volksfesten" (unten 8. Iu4). d;iss sich darin die 
leise Klage und Hoffnung eines zarten weiblichen Gefühls ausspreche, 
müsstL' ilui entkräften. Das Zeichen P. führt allem die Volk^^atre von 
der IJurj; .Schwar/ach (unten S. 104). woraus ich jedoch nicht folgere, dass 
ihr aui h anders <,'eartete Stücke der Badischen Wochenschrift wie z. B. 
das über Titel anf^ehören raüssten. Die Schilderung des Ncckarthales bis 
Heidelberg (unten S. 97) mit ihrer wärmeren Betonung von Neckarelz 
imd mit zahlreichen Hindeutungen auf die im Volksmunde umgehenden 
Sagen ist gleichsam der Hauptstamm, von dem sich die übrigen fiiozel- 
sagen abzweigen; 

Der Anlass zur Schilderung des Ncckartliales war in einem früheren 
Artikel der Wochenschrift gegeben. Diese hatte in ihrer zweiten 
Nummer, 9. Januar 1807, eine Beschreibung ,Da8 Badische Neckarthal* 
gebracht, die «—tx" unteraeichnet ist. Wer hier gemeint ist, weiss 
ich nicht; doch muss dieser Mitarbeiter au den nftchsten Freunden der 
Frau Auguste Pattherg gehOrt haben. Denn als er im Juni 1807 
(Nr. 28, Sp. 358) wieder auf das Neckarthal zu sprechen kam, enfthlfe 
er auch ?on den Herren der alten Buig Landesehre, die die Feste Neuburg 
bauten und das Dorf Aliza, d.i. Eis, schufen: „Sie wurden Templer, 
und noch steht ihre Wohnung und Kirche: diese einfkch und stark: 
jene lieblich und mild, und noch ist nicht entflohn der Geist und die 
Tugend der lütter: denn unsre Freundin, A. F., vereinigt sie beide auf 
immer." Und Frau Auguste Pattberg liess in einer Oktobernummer 
(unten S. lOö) ein Gedicht ,An meinen Freund ^tz in C." drucken, 
in dem sie gemeinsam mit ihm zu Neckarelz verlebter, innigvertrauter 
Stunden gedenkt. Jene erste Beschreibung also längt da an, wo 
Jait und Kocher in den Neckar münden, und schlicsst mit Neckar- 
zimmern ah. Es war also für Frari Pattherj; neben dem Heimatsgetulil 
noch ein persönliches Moment, das sie bestimmte, die Fortsetzung zu 



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78 



tUinhoId Steif 



geben. Ihr Freund hatte an den Schluss seines Aufsatzes die Notburga- 
sage, wie sie im Odenwalde fortlebt (vgl. Grimms deutsche Sagen 
3. Aufl. 1, 266.231), gestellt, folgender Massen: «[Hinter Xeckarzira- 
mero, stromabwärts] auf der linken Seite finden sich schroffe, bie und 
da gespaltene Kalkfelsen, welche mitonter kleine Vertiefangen, amschattet 
vom schütsendeo Bnschwerk darbieten. Eine kleine beilige Höhle, einst 
das Asyl der KOnigatocbter Notburga, fesselt jetxt die Aufmerksamkeit 
des Wanderers am Gestade. Ihr Vater, der Fiankeo K9nig Dagobert^ 
welcher auf Horaberg einige Zeit weilte, hatte sie einem Prinsen der 
ungUlnbigen Wenden verlobt; aber die sanfte Notburga zitterte vor dem 
rauhen heidnischen Krieger, fimd keinen Geschmack an der Eonvenieni^ 
Heirath und wollte der Politik des Vaters nicht opfern ihren Glauben 
und ihre Freiheit. Drohend wurde der Vater, und dringend der vei^ 
hasste Brftutigam. Am Tage, der Vermfthlnng bestimmt, entrann sie 
den trunkenen Wftchtem, und o Wunder! verfolgt, irrend am Ufer des 
Stroms, findet ihr sp&hendes Auge die rettende Fuhrt durch den Fluss; 
ihre Verfolger bedeckt die schnell herstrOmende Fluth, und die freund- 
liche Hohle gewährt ein sicheres Obdach. Wilden Hastes jagen die 
Franken und Wenden die beiden Ufer des Flusses entlang, keiner findet 
den Ort, der die Gerettete birgt. Wundervoller noch ist ihre Erhaltung; 
eine furchtbare Schlange, die frühere Herrscherin der HOhle, l)ringt ihr 
das ndthige Brod, Kräuter und Wurzeln herbei. — Bald entflieht der ent- 
fesselte Gei^t in des Paradieses wiiikeiulc Freudeü. Leucliteiide Flaninien 
bezeichnen im näclitliclien Dunkel den Ort, wo der lieilige Leichnam 
riiht. In scliuicrzlicher Wunne llndet man ihn und erkennt die Tochter 
des Königs, und der heilige (ilaube wiililt' zur Scliutzgöttin sie! Um 
den schicklichen Ort zu ihrem 15e<rrahni5S zu ftudcii, sucht man ein tüch- 
tiges Paar Stiere, des Jnehs nicht gewohnt. Neu war der Wa^en, auf 
dem der Leichnam zum I^uliejdatze geführt wird; freiwillii; halten sie 
dort, wo jetzt die Kirche emporsteigt, welche den heiligen I-eiehnam 
umschliesst. Wunder ^whehen über Wunder, und der Lieblint^sritter 
des Königs schützt die Kir» Ii" uml das werdende Dorf, der Vater der 
Horn eck. Und der Köni^' srlil;i<,'t an die Brust, suchte Gott zu ver- 
söhnen, und schenkte Hornberg die Burg, und das liebliche Thai an 
den Bischof von Speyer, zur Sühne der grässlichen Unthat, und so ist 
sie noch jetzt ein Lehen von Speyer und Baden.*^ Hier setzte also, auch 
ihrerseits mit stärkerer Betonung der Notburgasagen, die Frau Pattberg 
ein: unten S. 98. Sie Hess es sich von jetst ab angelegen sein, alles 
Mündliche und Urkundliche über Notburga zu sammeln und lieferte der 



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tun Aogttste Pftttbetg 



79 



Wochenschrift Aber die Höhle der heiligen Notburga eine nbuchstftbliche 
Abschrift einer alten Urkunde*, die Schreiber 1807 in Nr. 16 vom 
17. April anonym abdrucken Hess, indem er zugleich ,,dem Einsender (!) 
dieser Urkunde seinen Dank und die Bitte um Forteetzung sdner inter- 
essanten Beiträge' aussprach. Der ungenannte «Einsender* aber war 
kein anderer als Frau Fattberg. Denn genau dieselbe Urkunde ver- 
öffentlichte 1812 Horstig noch einmal in Heinrich Zschokke's Miscellen 
für die neueste Weltkunde, S. 142 ff. Horstig rühmt daselbst das aud 
den frühesten Zeiten durch seinen Anbau bekannt gewordene Neckar- 
gehiet, in dessen Afittelpunkie Neckarelz mit seiner einfaciien Kapelle 
der alten Tempelherren liege; und nach leichter Skizzierung der Not- 
burgasage filhrt er fort: ^^o weit geht die Sage, die bislier olme alle 
historische Unterstützung den veralternden Jahrhunderten überlassen zu 
sein seinen . . Durch die Güte einer forsch begierigen Freundin des 
Altertiuims, der Frau Oherhofgerichtsräthin Pattberg zu Neekarelz, liegt 
hier die erste schriftliche Urkunde von der Notburgaböhle vor mir, . . 
die ich, mit Erlaubniss der verehrten Besitzerin, den Lesern dieser Zeit- 
schrift wörtlich . . mitzuteilen das Vergnügen geniesse.* Diese Urkunde, 
ein Schriftstück des sechszehnten Jahrhunderts, enthält ausser der Sage 
von der durch den Hirsch, niclit durch die Schlange, ernährten Notburga 
einen notariellen Akt über die Öffnung ihres Grabes in der Kirche zu 
Hochhausen. Das Original war von Ftau Fattberg auf dem Hornberge 
gefünden worden. So geht also Horstigs (an sich fiberflfissige) Mit- 
teilung, ebenso wie Schreibers Gedicht auf die Notburga, beide ans dem- 
selben Jahre 1812, auf persönliche Vermittelung der Frau Auguste Patt- 
berg zurAck. In Schreibers Heidelberger Taschenbüchern aber und in 
den vielen Jahrgängen seiner Cornelia findet sich keine Spur ihrer Be- 
teiligung. 

Die Beschreibung des Neckartbalee ist nun später mehrfadi als 
Quelle benutzt worden. Zunächst von Alois Schreiber in seinem 1811 
erschienenen Buche Aber Heidelberg und seine Umgebungen. In dem 
Abschnitt ,Das Neckar-Thal*, S. 249 ff., citiert er zwar die Badische 

Wochenschrifl, doch nicht den Namen der Frau Pattberg dazu; unge- 

iiaunt verwendet er auch ihre Volkssage vom Minueberg (unten S. 100), 
die Friedrich Baader 1843 in seinen tragen des Xeckarthals 8. 161 ab- 
dnickte. Einzelnes ist, teils unnaittelbar auö der Wochensclirift, teils 
durch Schreibers Buch in die von Helmina von Ciie/y 1^*16 heraus- 
gegebenen , Gemälde von Heidelberg . . dem Odenwalde und dem Neckar- 
thale** übergegangen. Aus der Pattberg'scheo Volkssage über die Burg 



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80 



Belnhold Steig 



S<hwarzach (uoten S. 104) haben, gewiss ohne ihren Namen zn wissen, 
die Brüder Grimm für die Deutschen Sagen (3. Aufl. 1, 202. 263) ge- 
schöpft; eine nicht glückliche Bearbeitung der Scbwanaebsage reihte 
Schreiber in seine Sagen tin?i den Gegenden des Rheins und des Schwan- 
waldea (1829, S. 234) ein. Diese wie die Volkssage über das einsame 
Wiesenthal bei Neunkirchen gab der genannte Baader S. 385 und 418 
wieder, ünd die Schilderung der Frau Pattberg fiber die Volksgebrftacbe 
am Sommertag (unten S. 105) ist stUltchweigend mitbenutzt worden fftr 
,das Sommertagslied** in den Einderliedem des Wanderhorns S. 38. 40, 
das von hier aus wieder seinen Eingang in die Vorrede zur iweiten Auf- 
lage der Grimm'schen Hftrehen 1819, nnd in Jacob Grimms Deutsche 
Mythologie (4. Ausgabe 2, 689) gefunden hat. 

Auch eine kleine Polemik fiber Sage und Geschichte hatte Frau 
Pattberg in der Badischen Wochenschrift zu bestehen, wodurch sie in 
die Lage kam, das Recht der Sage wacker zu Terfechten. Ihre schon 
erwähnte Volkssage yom Hinneberg berichtete, wie die drei SOhne Hugo s 
Ton Habem in einer Berghöhle am Neckar die drei letzten, Tor den 
Räubern ihres geringen Erbes in die EinOde gf?flfichteten Frftnlän von 
Handschuchsheim finden, sich mit ihnen vermählen und an jener Stelle 
die Minneburg erbauen. Darauf erschien am 13. Februar 1807, Sp. tll, 
eine „urkundliche Berichtigung der in Nr. 5 der Badischen Wochen- 
schrift enthaltenen, unter dem Titel: Minneberg, zu gewagt niederge- 
schriebenen \'<)lkssa^Tc\ Ks werilen gegen sie zwei Genealogien augefülirt, 
und dann heisst es: ,Aus obigen dargestellten urkundlichen Beweis- 
thümern, wovon noch mehrere bereit liegen, steht klar am Tag, auf 
welche Art — das geringe Erbe, — so den 3 Schwestero übrig 
bleiben sollte, — durch die Kauhsucht eigennütziger Men- 
schen — entrissen worden". Unterzeiehnet ist diese Berichtigung 
,B. 1807. A. 11 — n." Ich gehe wohl nicht fehl, wenn icli diese Zeichen 
auf A. Hermann aus Bischofsheim deute, den st'in Lehrer Schreiber 
(vgl. Sp. 148 der Wochenschrift) als Autor in das Publikum einzuführen 
sich bemühte. Es erfolgte eine etwas ironisch gehaltene Erwiderung 
der l'rau Fattberg in dor 9. Nummer vom 27. Februar 1807, Sp. 141 

Auf die urkundliche Berichtigung der Volkssage 

vom Minneberg. 

Alles, WM onter der Auftchrift: Volkmge, in^andt wird, ist schon dieser 

Benennung nach nicht sa verhürgen, und gehört keineswegcs in das Reich notorischer 
Gewissheit. Die Sage, nicht (Icschichte des Minnchergs stammt von einem alten 
Schaltheisaen, Namens Rieb von Geracb, her; bat dieser einen unächten Zusatz 
gemiiclit, so B«g er « in der Ewi^eit liiaen. Wenn indessen Ober eile yoUtS' 
sagen Beweise gdiihrt werden sollen und wollen, dann dOrfien künftighin wenig 
mebr eneheinen. A. P—g. 



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Frmtt AngiiBt« PiUbug 



81 



SelbstverstAndlich bat die von Frau Pattbeig hier Tertfeteoe Ansehau- 
mig Giltigkeit Bemerkeoswert ist, dass uns hier Aber die Aafzeichnerin 
der Sage hinaus auf ihren Gewährsmann vonudringen verstattet wird, 
fthnlieh wie es bei den Mftrcben der Brflder Qrimm neuerdings durch 
Mitteilungen Herman Grimms aus ihrem Handezempkure mehr als frOher 
mdgUch geworden ist 

Die Beitrage der Frau PattlxTg erstrecken sich fast bis zum No- 
vember lö07. Da las sie in ihrer Badischen Wochenschrift, Sp. 799, 
Arnims und Brentanos aus Hesseukassel im Novemiter 1807 datierte 
.AulVorderuni', alldeutschen Volksge^^ang betreffend", dieselbe, die auch 
in der .Jenuischeri Litteratur-Zeitunir. in Zschokke'.s Miscellen und in 
den Hoidelbcrgischcn dahrbüchern veröft'entliclit wurde In üin m iiaupt- 
tcile eine wörtliche Wiederholung des von Brentaiiri l^Of, verschickten 
Zirkulars. Nach zweijähriger, durch den Krieg bedingter Trennung hatten 
sich Arnim und Brentano im Oktober 1807 bei Goethe in Weimar wieder- 
gesehen und waren nach Kassel gegangen, wo Brentano jetzt wohnte. 
Von hier aus baten sie die Freunde ihrer Sache um iwue Unterstätzung. 
Eine der ersten Sendungen, die Brentano erhielt, kam 70n seiner Lieder- 
freuDdin Frau Auguste Pattberg, und ehe Arnim über FFankfurin im 
Januar 1808, sur bequemeren Überwachung des Wunderbom-Druckee 
in Hsidelberg eintraf, lagen die Lieder schon zur nachtrf^lichen Er- 
gftnsung des der Hauptsache nach festgestellten Manuskiriptes bei ihrem 
Verleger Zimmer bereit (Arnim und Brentano S. 229). 

Arnim wählte sich gleich bei der ersten Durchsicht ein Jesuslied 

aus, behielt jedoch den Keist einstweilen zurück, weil er noch einiges 
Brauchbare für die Kinderlieder daraus m nehmen gedachte. In der 
That weisen sich nach den erhaltenen Originalhandschriften (unten S. III 
und 115) die Kinderlieder „Auf dem Grabstein eines Kindes in einem 
Kirchhof im Odeuwald% 8. 2G 

Liebe Eltern pntc Nacht! 

Ich soll wieder von eacb scheiden etc. 

und «Ach wenn ich doch ein Tftublein wftr*^, S. 93 

Dort oben auf dem B«f|go^ 
Da ttfhl ciii hohes Hans etCL 

als ?oa Frau Fattberg geliefert aus, das letztere mit einer interessanten, 

auf die Kinder berei?hneten Verwandelung der beiden Schhisszeilen. 
Gleichwie von Arnim auch das ihr im Wunderhorn :]. 7U ausdrücklich 
beigelegte Volkslied „Der Brunnen'', nach der Schreibung des Namens 
l'atberg und der Orthographie zu urteilen — ein übrigens wichtiges 

MKliS UEIDELB. JAUKBUECHEU VL $ 



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S2 



fifliiUiold Stdg 



Charakteriatikura für den Arbeitsanteil der Her.ius<,^eber — ein^psclialtet 
worden ist. Das .Tesuslied, nacli einem Drucke vom Jalire 1636, voll 
kiiidlicli-süsser Stimmung (nnten S. Iii) hat, wie ich glaube. Ernst Moritz 
Arndt 1811 mit augeregt, uns das «Gebet eiues kleioeu Knabeo an den 
heiligen Ohmf* 

Du lieber heil'ger fromtner i. brist. 
Dir fltr ans Kinder kommeii iai eCe. 

zu dichten, das man in Meisnors neuer Ge>:amtansgabo 287 findet. 

Im Februar 1808 langte abermals eine Liedersendung der Fraa 
Pattberg bei Brentaoo an (Arnim und Brentano 8. 233). Jedocli behagte 
ihm nur ein voUkommenes Exemplar der komischen Adams>Erschaft'ung, 
das Aroim noch znm Ersatxe eines weniger gaten für das Wunderhom 
2, 399 (unten S. 118) ztireeht kam. Kflrzlich hat Erieh Schmidt ans 
Goethes Nachlass eine etiraa zerrüttete Gestalt desselben Liedes mit- 
geteilt (Zeitschrift des Verdos ffir Volkskunde 1895, S. 861). Es wftre 
wohl denkbar, dass Arnim nnd Brentano es persönlich im Herbst 1807 tod 
Goethe empfingen und in ihr Druckmanuskript auch eingeordnet hatten, 
bis Brentano dann ein besseres Exemplar Yon Friederike Mannel, der 
Tochter eines Pfarrers bei Kassel, und das „vollkommene* von Frau 
Pattberg erhielt. Sonst hütete man sich auf beiden Seiten, die einmal 
nach inhaltlichen Gründen gemeinschaftlich festgestellte Ordnung des 
Liedermanuskripts ohne Not zu stören. Deswegen blieben viele Lieder 
frischer Sendungen, die Frau Fattberg hergab, unberücksichtigt. BetreflGi 
einer sdehoi Sendung schickte Brentano Arnim die undatierte Notiz: 
„Yon der Pattberg habe ich ein Pftckchen erhalten, worunter kaum ein 
Lied war. Wenn du mir eine Freude machen willst, so halte mir, was . . 
die Pattberg gesendet, zusammen, verliere nichts. Du Papiermachefabri- 
kant; ich will allen Vorrath dann zusumnienl>inden lassen, was mir eine 
wichtige Suniüiluii«; \ver(len kann. Die Pattlierg sendete beiliegendes 
Lied, das ich iiia Morgenhlait jjcnden ijollte. Mache einen Umschlag 
drum und sende es hin." Ich habe im Morgenblatt kein Lied der Frau 
Pattberg gefuudeü, uucli ein Zeichen der sich spannenden Verhältnisse. 
Die Absicht, sämtliche Urmaterialieu tür das VVunderliorn /usanmien- 
binden zu lassen, i^t leider nieht ausgefüiirt worden, el)eiisowenig der 
Plan, am Schlüsse (ier IJände die Namen aller Beitrager und Mithelfer 
aufzuführen. Die einzelnen Blatter lagen lose im Arnim-Brentano sehen 
Nachlasse da und manches ist im Laute der Zeit abhanden gekommen; 
einen Teil der Originale, wahrscheinlich mit Melodien, hat seiner Zeit 
August von Haxthausen durch Joseph Qörres erhalten (Keifierscheid, 
Westmiscbe Volkslieder S. Vlll). 



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Pnn Angoste Pattbefg 



88 



fireniano rnnss Fnu Patiberg nameiitlich auch nach Melodien ge- 
fragt haben. Sie antwortete: 

NeekarelK den Mai [180S]. 

Ich nbermache Ihnen hiennit nodi einige Lieder, von denen a11so (|' bezeicb- 
neten sind mir die Melodion bekannt so wie von noch vielen andern welche Sie 
schon haben, allein ich iiano leider niemaDd finden der Geschiklichkeit und Ge- 
fälligkeit genug besizt sie mir aufzusehen. 

Bei diesen Liedern Bind manche aus ncucrn Zeiten, welche aus den poetiBcben 
Adem elnfifMlier Lnndleuthe geflossen sind; idi xweifle ob sie zu Iturem Zvedk dien- 
lich sind ; doch mögen sie ein Beweiss sein, dass die Musen sieb elt in der Hfltte des 
Lsndmanns vorweilen, und sich dann in der Sprache derer vernehmen lassen, hei 
denen sie einkehrten. Es soll mich unendlich freuen wenn bie unter dieser Samm- 
bing etwas entsprechendes finden, was mir in der Folge noch zukömmt werde ich 
Ibnen mit Freude niittbeiten. Mit reinster Hodiacbtung habe ieb die Ebni zu sein 

Ihre 

gsas ergebenste Dienerin 
A.Pattbetg. 

Hier alao hatte sie mm ersteomale neuere Lieder beigelegt, deren dem 
Volke angebörige Dichter ihr noch, wie es scheint^ bekannt waren. 
Ich betone: zum erstenmale; eine so förmliche Entschuldigung w&re 
sonst nicht von Nöten gewesen. An sich freilich liegt nichts darin, 

das ge^^eii dun volkstümlichen Wert dieser Lieder spräche. Deuü Volk^s- 
lieder .^iiid nicht blos in älteren Zeiten entstanden, und niemals hat 
sich, wie ich glaube, ein Volks- oder ejd.sciits Lied von selbst gedichtet. 
Sondern, eiü Dichter, bekannt oder unbekannt, ist es immer gewesen, 
der befähigt war, Gedanken oder £m|diiiduügen de^ Volkes den allen 
zusagenden poetischen Ausdruck zu verleihen. 

Von den Melodien fand sich nur noch eine einzige vor. Sie ist ohne 
jegliche musikalische Gewandtheit von fremder Hand aufi^'esetzt, darunter 
aber hat Frau Pattberg selbst geschrieben: „Diese Melodie gehört zu 
einem Lied ans früher überschickten Sammlungen''. Der Text des Liedes 
ist nicht mehr da, steht auch nicht im Wnnderhom: diese Weise teile 
ich, von ihren rhythmischen M&ngeln befreit, unten S. 122 bei den Volks* 
liedem mit Weitere Melodien sind vielleicht in Ludwig Erks Deutschem 
Liederhort 1853, und demnach in der neuesten Bearbeitung Böhmes, zu 
suchen. Erk hatte 1845 bis 1854 in Bettinas Auftrage für die sämt- 
lichen Werke Achims von Arnim das Wunderhorn bfarbeitet und einen 
neuen vierten Band — der einst schon 1810 angekündigt worden war — 
hinzugefügt Diese Bearbeitung ist hauptsächlich aus zwei Gründen fCur 
nicht gelungen zu betrachten: Erk hatte sich kein Gefühl fQr den inneren 
Aufbau des Wunderborns anzueignen vermocht, weswegen er sich befugt 
hielte die vermeintliche ,bunte fieihe** aufimlüsen und einer «sachge- 

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U Eeinltold Steig 

minderen Ordnung'' für künftig das Wort zu reden; uiul zweitens konnte 
er trotz ehrlicher Hejiuitiuiig noch nicht die völlige Herrschaft üher die 
Origiualpüpiere gewinnen. Auch die handschriftlichen Bh'itter der Frau 
Pattberg sind ihm zu (Jehotc gewesen, ohne dass er hier wie in anderen 
Fällen wissen konnte, von wem sie stammten. Auch seinen Mitteilungall 
an Birlinger und Crecelius haftet dieser Mangel an. Eine künftige Amlm- 
Ausgabe wird also von Erks Bearbeitung wieder abgehen und zur ersten 
Ausgabe zurückkebren müssen. Doch seien, sagt Erk selber, die Nach- 
lasspapierc Arnims nicht ohne Frucht für seinen Liederhort geblieben, 
der sich ja überhaupt mit seinen Texten und Melodien eng an das 
Wunderhorn anschliesse. Wenn nun i. B. im Liederhort S. 345 zu dem 
dem Wunderbom 2, 221 entnommenen Liede 

Wo*i sdmeM ndw Bomo, 
Da ragnat's Thrtnen draliif 

f&t das ein Lied der Frau Pnttbeiig (nnten S. 112) benutzt ist, angemerkt 
wird: „Melodie mOndlicb, aus dem Odenwald* und gleich nochmals 
„Mehrfach mündlich, ans dem Odenwald [Neunkircher Höhe] und der 
Gegend von Mosbach in der Pfalz" — so werden wir hier in die un- 
mittelbare Heimat der Frau Pattber^, d. h. doch wohl auf sie selljst 
verwiesen. Ferner: da^ von ihr gelieferLe Lied im Wunderhorii 2, io 

Bald {Tras ich am Neckar, 
Ii i hl gras ich am Kbein etc. 

besitzt der Arnim'sche Nacblass heute nicht mehr in der OriginalliaDd- 
Schrift. Erk aber benutzte sie jedenfalls noch, wie es scheint. Denn 
auflalliger Weise lie^ er den ursprünglichen Vermerk des Wunderhorns 
»mitgeteilt von Frau von Fattberg* schwinden und ersetzte ihn durch 
die Angabe, das Lied stamme aus ,A. v. Arnims Sairinilung" her. £rk8 
Text weist niiti alier namentlich in der zweiten Strophe Varianten auf, 
die der odenwäldischen Herkunft des Liedes durchaus entspreche: an- 
statt des allgemeineren Ausdruckes 

Wm hilft mir das Gnsen 

die sprachlich begrenztere, originalere Wendung 

Wils l)at mich das Grasen. 
Und indem ich mich daran erinnere, dass der flinker Arnim auch im 
zweiten Bande de.s \\'underhorn8. 8. 32, diesen ihm ungewohnten Änsdruck 
zu Brentanos Verdrusse niissverstand, schliesso ich: Arnim liat hier be- 
mmt geändert, Erk aber i)enutzte wieder die eigenhändige Niederschrift 
der Frau Pattberg, und wahrscheinlich auch die damit verbundene Me- 
lodie, die im Deutschen Liederbort S. 232 stehti so dass also wieder 



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Frau Augusto Pattberg 



85 



smn yermerk daaelbst ^Melodie mündlicb, aus der G^end tod Dann- 
stsdt* nur vngefiLlir richtig und jetzt auch aaf die Yermittelang der Frau 
Fattberg auszudehnen wäre. 

Ich verfolge diesen Weg nicht weiter, um so weniger, als icli auf 
ihm /.u praktischen Resultaten /.u gelangen nicht gesonnen sein kann, 
zumal da ich den sehr umlaugreichen Nachlass Ludwig Krks für diese 
Zwecke bis jetzt ergebnislos duichgenommen habe. Und wende micli 
zu dem vieluinstrittenen Lenoren-Licde des Wunderhorns 2, 19, das 
weder von Arnim uoch von Brentano herrührt, sondern das, wie das 
Originalnianuslrript unwiderlpglich macht, von Frau Auguste Pattberg 
eingeliefert worden ist: unten S. 109. 

Ich betrachte, in welcher Umgebung das Lied im Wunderbom er- 
scheint und was sich daraus etwa für die Züt seiner Einlieferung 
scldiessen lasse. Das Motiv der mit demselben zusammen geordneten 
Lieder ist treue Liebe in mannigfacher BewAhning. Das nach ausdrfick- 
licher Bekundung der Herausgeber ,Ton der Frau Pattberg, mitgetbeilte'^ 
Gedicht 2, 15 

Bald gras ich am Neckar, 
Bald gras ich am Rhein etc., 

dem mit Anspielung auf die politischen Verhältnisse von den Heraus- 
gebern die Aufschrift „Kheinischer Bundesring'' gegeben wurde, eröflnet 
diese Beihe: insofern das Goldringeloin, ein Symbol treuer Liebe, auch 
die von einander Getrennten m verbinden und zu vereinigen die Macht 
besitzt. Hierauf folgt S. 17 ein durch die Überschrift und letzte Strophe 
auch formell sich angliederndes Gedicht, wie der aus dem Kriege heim- 
kehrende Soldat seinem Feinsliebchen, das untreu inzwischen einen ande- 
ren Mann genommen hat^ das scbarfspitze Messer in das Herz sticht. 
Und nun S. 19 das lenoren-Oedicbt: treue Liebe lüsst dem Toten im 
üogerlande Iceine Ruhe, bis er den nftchtlichen Geisterritt aur fbmen 
Geliebten reitet. Man sieht also, dies Gedicht sitzt fest an seinem Orte; 
und daraus folgt, dass es Ton vornherein plaumSssig in das Manuskript 
des zweiten Bandes — d. i. 1807 in Kassel! — einrangiert worden ist. 

Zu derselben Zeitbestimmung fuhrt eine andere Betrachtung. Das 
Lied steht gleich zu Anfang auf dem zweiten Bogen. Der Druck begann 
aber schon im Februar 1808, bald nach Arnims Ankunft in Heidelberg 
und ging sehr schnell vorwftrts. Da einzelne der noch im Januar 1808 
angelangten Lieder der Frau Pattberg aber erst an eine viel, riel spätere 
Stelle oder gar erst in den dritten Band eingerückt werden konnten, so 
ergiebt sich wieder: das Lenorenlied muss, gleichwie ,Bald gras ich am 
Neckar**, vor dem Jahre 1808 eingeliefert worden sän. 



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86 BdnhoU SMg 

Der Gewinn dieser Feststellang lieget klar zu Tage. Sie eatsueht 
UU8 die Möglichkeit, das LeDorealied etwa nach dem Briefe der Fran Patt- 
berg vom 8. Mai 1808 für ein neueres Produkt ihr noeh bekannter Volks- 
diehter auszugeben. Ihre eigene Autorschaft aber ist an und för sich, 
nach Anhiss und Absicht ihrer Sendungen, gänzlich ausgeschlossen. Und 
halte ich mir gegenwärtig, wie Brentano der blosse Zweifel an der Herkunft 
einer Romanze zu eifriger Nachfrage bestimmte, und dasd Arnim, noch 
ehe er in Sachen des Lenoren-Liedes das Wort ergriff, seine Gegner 
ruhig auffordern konnte, ihm ein einziges Lied, das volksmassiger Grund- 
lage entbehre, aufzuweisen« so bleibt nur der Schluss übrig: im Sinne 
der Frau Auguste Flittberg, die es einsandte, und nach der Überzeugung 
Arnims und Brentanos, die sich für die Aufnahme entschieden, war das 
Lenoren-Lied ein unverdächtiges Volkslied. Zu dieser Ansicht mussten 
sie um so leichter geneigt sein, als in Hippels Lebenslättfen zweimal 
(1778. 1, 224 und 3, 313), und zwar in der cigrcifendeu Dichtung von 
seiuör Liebe zu Minchen, des Volksliedes 

Der Mond srhuiiit lu-ll, 
Der Tod reit't Hchuell! 
Fein« Liebchen, grant dir auch? 

als eines , bekannten* mit gleich bekannter Melodie gedacht war. und 
Arnim, wie wir von ilirn selber wissen (Arnim und Brentano S. 212) 
kaum ein halbes Jahr zuvor in Königsberg das merkwürdige Buch ge- 
lesen hatte. 

Nun hat das Lied das seltsame Geschick gehabt, in liervorra<ien- 
dem Masse der Träger des Streites zwischen Voss und Arnim zu sein. Die 
Ähnlichkeit dieser Volks- und Naturballade mit Bürgers Knnstballnde 
Leonore musste natürlich von Anfang an in dio Angen fallen. Der Stoff 
derselbe. Einzelne Wendungen ähnlich. Der Unterschied aber der: dasein 
dem Pattberg'schen Volksliede Feinsliebchen sich mit einer Art nüchtern- 
gesunden Gefühles gegen das Geisterhaft-Gespenstiire dem Kufe des Ge> 
liebten versagt, während Bürgers Leonore ^ wie sicli liier überhaupt 
das Wirkliche mit dem Obersinnlichen grenzlos bindet, dem Geisfee 
Wilhelms auf sein Boss und in die Totenwohnnng folgt üm diesem 
irgendwie beschaffenen Verhftltnis Ausdruck zu leihen, gaben Arnim oder 
Brentano nach ihrer Art, die Liedertitel im Hinblick auf persönliche, 
litterarische oder politische Dinge frei zu erfinden, dem Gedichte die 
Überschrift «Lenore*^ und f&gten den Vermerk hinzu: «Bfirger hörte 
dieses Lied Nachts in einem Nebenzimmer.'* 

Dieser Vermerk hat nun viel Missbebagen und Widerspruch henror* 



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Frau Änguste l'attberg 



87 



gorafeD. Der alte Voss nahm ihn ftusserst Qbel ; die ihm UDsympathische, 
«ntiklassische Yolkspoede schien hier den dTeisten Anepmeh m erheben, 

sich gleichwertig neben eins der berfihnjtesten Produkte der Kunst- 
poesie hinzustellen oder gar als Quelle desselben zu gelten. Gerade die 
Frage iiaili der Quelle der Bflrger'schen Leonore war seit einem Jahr- 
zehnt zu einer litterarisch noch unerledigten geworden. Namentlich in 
England hatte Bürgers Leonore wegen ihres an die dort vertraute 
Percy'sche Sammlung uiikliiij^enden Tones grosiie Verbreitunir gefunden. 
Bis zum Jahre 1790 waren vier, zum Teil prächtig gedruckte und mit 
Kupfern gezierte Übersetzungen erschienen. Gleichzeitig wurde in The 
Monthly Magazine, vom September 1796, grundlos behauptet, dass . 
Bürger seinen Stoff einer englischen Sammlung alter Bailaden vom 
Jahre 1723 — die übrigens bis lieute nie ans Licht getreten ist — ent- ^ 
nommen habe, wo die Geschichte unter dem Namen the Suffolk miracle 
or a relation of a jOQOg man, who a month after bis death appeared 
to his Sweethart erzählt werde. Im Februarheft des Teatachen Merkurs 
vom Jahre 1797 berichtete ein Londoner Korrespondent über diesen, 
wie er ironisch sagte, glficklich ausgewitterten Fund. Wieland als ge- 
wandter Kedakteur erkannte sofort, dass die Korrespondenz den *Keim 
zu einem interessanten Aufsatae fSr sein Journal enthalte, und um die 
Sache seinersats gl^eh in Fiuss zu bringen, merkte er unter dem Texte 
an, Bürger hahe selbst nie etwas davon erwähnt^ dass der Stoff zu seiner 
Leonore aus einer fremden Sprache entlehnt sei: »Vielmehr pflogte er 
oft gegen seine BYeunde des Ursprungs dieser Ballade 80 ZU erwfthnen. 
dass er dareh ein altes niedersftdiaisches Volkslied, worin das Harra, 
hurra hop, hop, hop schon Torkam, auf die Idee des Liedes gebracht 
worden sey*. Wieland forderte Reinhard, der kurz zuvor seine Pracht- 
ausgabe Bürgers angekündigt hatte, oder einen andern von Bürgers 
vertrauten Freunden auf, den Lesern seines Journals eine befriedigende 
Auskunft hierüber zu erteilen. Derjenige, der dieser Anregung folgte, 
war Bürgers Licbliugbscliüler August Wilhelm >Sc[iiegel: schon im April- 
heft des T*^uts( lien Merkurs 1797 erschien von ihm „Noch ein Wort 
über die Unginaiitat von Bürgers Leonore'*. 

Schlegel bezog sich gleichfalls auf ein Gespräch mit Bürger, wonach 
dieser einige Winke aus einem ihm nie vnllständig vorgekommenen platt- 
deutschen Volksliede den dunkelen Erinnerungen einer Freundin verdanke, 
die ihm nur wenige Zeilen, darunter 

Wo liese, wo lose 
Bflgo ha den Ring 



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88 



Beinbold Steig 



gleich hochdentscbem ,Wie leise, wie loee bewegte er den Thflning*^ 
(als er nftmlich in der Naebt ror die Thflr der Geliebten kömmt), babe 
vorsagen können. Dieses Gesprich kann aber Mhcetens rund anderthalb 
Jahraehnte nach der 1778 gedichteten imd in der Göttingischen Poetischen 
Blumentese auf das Jahr 1774 gedruckten Leonore stattgefunden haben. 
Unmittelbar aus der Entstehungszeit der Ballade berichtete zuerst Althof 
in «Einigen Nachrichten von den vornehmsten LebensumstAnden Gott- 
fried August Bflrgers* vor dem vierten Bande der von Beinhaid heraus- 
gegebenen Vermischten Schriften Bürgen, 1802 S. 37. 

Altbof beruft sich sowohl im Allgemeinen, als bei seinen Bemer- 
kungen über die Leonore (S. 38) ausdrücklich auf Boie als auf denjenigen 
Fieuud, dessen Stimme in dieser Angelegenheit desto sicherer ent- 
scheide, weil er der einzige Vertraute <ies Dichters bei der strophenweise 
vorrückenden Arbeit gewesen sei; bei Strodtinaiia 4. 262 tindet sieh aucli 
die briefliche Beglaubigueg dafür. Einst habe Hiirger. wie er nie Ii r als 
einmal erzählt, im Mondscheine ein Banernmädciien singen hören: 

Per Mond der scbeiiit so helle, 
Die lodten reiten so echnelle: 
Fdmltebclien, graat dir nidit? 

Danach hätte Bürgers Einbildungskraft schnell einige Stroplun ent- 
worfen, Boie. dem er sie mitgeteilt, sei so bezaubert gewesen, dass er 
ihm keine Kulie Hess, bis das Stück fertig war. Die Unterlage eines 
fremden Originals lehnt Althof durch Boie ab. Vielmehr habe sich 
Bürger allenthalben, doch immer r^^ ln ns. nach dem alten Liede er- 
kundigt, von dem jene in melireren Gegenden Deutschlands noch im 
Munde des Volkes lebenden Laute ein Teil sein müsst«n. 

Dies war der Stand der Dinge damals, als für das Wunderhorn 
gesammelt wurde. Wieland, Schlegel und Althof- Bote beriefen sich 
sämtlich anf mündliche Mitteilungen Bürgers. Was sie aber Thatsäch- 
liches anzuführen hatten, wich von einar 1 r ab; und durch zw^i b^^kannt 
gewordene briefliche Äusserungen Althofs zu Friedrich Nicolai 1797 wird 
die Unbestimmtheit eher noch erhöht als vermindert. Die Möglichkeit, 
ja die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines deutschen Volksliedes war 
ausgesprochen. Jetzt erhielt Brentano 1806 oder 1807 in Heidelheiig 
aus dem liederreicfaen Odenwald von Frau Auguste Fattberg ein Lied 
ähnlichen, nicht gleichen, Inhalts und Wortklangs wie die Leonore oder 
die mit ihr in Verbindung gebrachten Volksliedfragmente, Das war ein 
ungewöhnliches Ereignis in der sonst so einförmigen Sammelarbeit für 
das Wunderhom. Es wurde im Freundeskreise angelegentlich erörtert. 



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Flrta Anguile Paltberg 



89 



Arnim wie Breoteno gaben ihrer eigenen dichterischen Phantasie dasselhe 
produktive Recht wie dem immer nea gestaltenden Munde des Volkse 
erzftblers. Ffir den Einselnen ohne Zweifel ein ebenso kfihnes wie ge- 
fthrlicbes Beebt; das abor auch Wilhelm Grimm mit durchgreifendem 

Erfolge gegen Jacob bei den Mftrcben geltend machte. Kraft dieses 

Rechtes hielt sich Brentano nun für befugt, die Pattbergische Fassung 
der ersten (und weniger konse(|uent der neunten) Strophe 

Es stehen die Stern iein am liumael 
Es scbeiuet der Moud so hell, 
Wie renthra die Todten w Rclmell 

mit eigener Hand auf dem Origiuaimanuäkiipt, den Angaben Althofs 
folgend, in die Form 

Es Btehn flie Stern am Himmel 
Es scheiut der liond so hell, 
Die Todten rriten seliiiell 

zu verwandeln; und auf Althof geht auch der absichtlich etwas schärfer 
zugespitzte Vermerk zumck, dass Bürger dieses Lied xsachts in einem 
Nebenzimmer hörte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Arnim, der im 
Druckmanuskript nur eine Kopie vor Auj^en hatte, von Clemens' Ver- 
wände! nngen gar nichts wiisste. Unter denen, die über den merkwürdigen 
Sachverhalt schon vor dem Erscheinen des Bandes mündliche Aufschlässe 
erhielten, befand sich irahiscbeinlich auch der alte Voss. 

Dem Yossischen Hause hatte Arnim auch bei seinem zweiten Aufent- 
halt in Heidelberg 1808 noch freundschaftlichen Besuch gemacht Blieb 
die Yerschiedenbeit der poetischen Übeneugungen rficksicbtsvoU bei Seite, 
so lag bisher xwiscben Voss und Arnim nichts Persönliches vor, das ein 
BinTemehmen stören mnsste. Nnr mochte dem aus seinem Stande auf- 
gestiegenen Voss im Stillen nicht behagen, dass bei Arnim an einer bestimm« 
ten Stelle, wo der Litterat und Dichter aufhörte, der märkische Edelmann 
mit dem ihm innewohnenden Standesgefühl hervortrat; eines der wich- 
tigsten, seiner Natur nach nicht ausgesprochenen Motive für Vossens 
späteren persönlichen Angriff auf Arnim und auf den Grafen Stolherg. 
Unbefangen und freimütig hatte Arnim mit \ uss wie mit Jedermann 
(vgl. Görres' Briefe 8, 41) über seine und Hrentanos ergänzende Lieder- 
arheit gesprochen, ihm auch wohl die friscli einlaufenden Korrektur- 
bogen des Wnnderhorns vorgewiesen, bis sich Ende April, Voss zu neuem 
Verdrusse,, Brentano in Heidelberg einstellte. Und so konnte Heinrich 
Voss als Sohn seines Vaters im Juni 1808, noch ehe der zweite Band 
des Wanderhoms fertig vorlag, an Goethe schreiben, Brentano habe sich 



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IMaboU SIflig 



garstig urifüliren lassen und Gedichte, die ein Hiesiger sclier/.wcise selbst 
gemacht und ihm auf der Post zagescbickt, als alte Volkspoesie abge- 
druckt: »Auch ist darunter das angebliche Original von Bürgers Leonore, 
das aber von einer Frau von Plattberg in Neckargemünd eigenhändig 
ist gemacht worden. Der Übeffluss von Volkspoesie ist in Brentanos 
Sammlung so gross, dass nun ausser dem zweiten Bande noch ein dritter 
nachfolgen 8o1P.>) 

Diese missgünstigen Äusserungen über das Wunderhom waren ebenso 
unbegründet wie ungenau. Ein solcher Ignorant war Brentano in diesen 
Dingen walirlich nicht, dass ihn jeder Hansnarr hatte tftuscben können. 
In einem noch ungedruckten Briefe schrieb Brentano an Goethe (nach 
dem 19, Januar 1809), im Ganzen seien die Ergftniungen im Wunder- 
hom scbler unwert, erwfthnt zu werden: .ganz eignes Machwerk aber, 
wie Voss sagt, das ist eine sehr unwissende Beschuldigung." Warum 
nannte Heinrich Voss den Heidelberger „Hiesigen" nicht mit Namen, 
da er ja doch mit zwiefachem Irrtum die „Frau von Piattberg in Neckar- 
gemünd" anführt? Seltsam aber: <locthe war über diese Neuigkeit hinsrst 
viel besser unterrichtet. aL> Voss nur aluiea konnte. Schon im Februar 
liatte Johannes Falk aus Kassel, wo er Brentano beriuchte, die ersten 
Aushängebogen des zweiten Bandes nach Weimar mitgebracht, und 
Goethe las aus dieser ^F'irtsetzung des Wunderhorns", wie ich im 
Goethe- Jahrbuch 15, 274 bemerkt habe, in den Abendgesellschaften der 
Frau Johanna Schopenhauer vor. Goethes Mund sjiracli also zuerst den 
Namen der Frau Auguste Pattberg in dieser geistig vornehmen Gesell- 
schaft ans. Sie hätte sich, wäre es ihr bekaimt worden, keinen schöneren 
Lohn ihrer Bemühungen für das Volkslied wint^rfien kfinnen. Die 
Vossische Missgunst war doch zu offenkundig und trug wohl aiicli dazu 
bei. dass (ioethe den alten Voss wirklich auf den Blocksberg zitierte: 
Weimarer Goethe-Ausgabe 14, 305. 

Das arme ^angebliche Original von Bürgers Leonore", wie es Hen- 
rich Voss zuerst genannt hatte, sollte noch lange keine Kuhe finden. 
Es schien dem alten Voss die Handhabe zu einem wuchtigen Hiebe 
gegen das Wunderhorn zu bieten. Er hatte im Frühjahr 1807 die 
Korrespondenz seines Schwagers Boie mit Bürger erhalten (Goethe-Jahr- 



1) r>ii' von Bratanek offen gelassene Ansetznng dieses undatierten Briefes 
(Goethe- Jahrhnch .*), 74 — 77) ergiebt sich dara1l'^ dass die in ilernselben erwShnte 
Anwesenheit der Jbrau Elise Bürger in Ileidelberg nach der Zeitung für die elegante 
Welt 1808 Nr. 85 uad den Morgeablalte Kt. 137 in den ersten Tagen des Janl 
Bttttgeftinden bat, 



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Fnu Aaguato Pattbng 



91 



bucb 5, 61)« und nach mehrfachen aBderen AngriffeD auf das Wunder- 
hom w&hlte er 1809 »Borgers Briefwechsel mit Boie über die Lenore* 
ans, den er im Morgenblatt Nr. 241 Tom 9. Oktober, mit Anmerknngen 
dmelcen liees. In der Sache das urkundliche, wenn auch nicht voll* 
stftndige Material fOr die bei Althof gegebene Darstollnng dieser IHnge. 
Die eigentliche Tendenz der VerOifentlichmig trat in der entscheidenden 
Anmerkung hervor, die da besagt«: „Die Geschichte der Lenore hatte 
Bürger von einem Hausmädchen erzählen gehört. Die Erzählerin, die 
er in der Folge Christine nennt, wusste aus dem alten Liede nur 
die Verse: 

Der Mond d«r achfint m belle» 
Die Todttn ititen adioene 

lind die Worte de^ Gesprächs: Graut Liebchen auch? — Wie isoUte 
mir grauen? Ich bin ja bei Dir. — Wir haben dem Liede in allen 
Gegenden von Deutschland umsonst nachgeforscht. Was man im AVnnder- 
horn dafür ausg^ebt, scheint nicht älter als die Pt'arrerütochter von 
Taubenhain, die aus der Bürgerschen verdui l>eii isl. . , . Sprache und 
Versbau ist modern.* Man bemerke docli iiier, wo Voss für jedes Wort 
aufkommen muss, den vorsichtigen Ton ge<(enüber der ungenierten brief- 
lichen Auslassung seines Sohnes. Der alte Voss wagte jetzt doch nicht 
das Pattbergisclie Volkslied schlechtweg zu verwerfen, ludern er aber mit 
dialektischer GeHchickiichkoit den Streit auf „die Pfarrerstochter von 
Taubenhain " (Wunderhoro 2, 222) hinüberspielte, die er ohne Beweis für 
^aus der Börgerschen verdorben" erklärte und seinen eigenen Worten 
neben Bfirgers Briefen den Schein urkundlichen Wertes zu gehen wusste, 
erzielte er b« dem Leser betreib des Lenoren> Volksliedes thatsftchlich 
diejenige Wirkung, welche benroranrnfen seine eigentliche Absicht war. 

Und doch mnss Vossens Kritik als eine irrige beieicbnet werden. 
Das Fattbergische Volkslied sollte gar nicht, wie Voss meinte, die 
»QueHe* der Bfirgerschen Leonore sein. Über das Charakteristische der 
Liederaufschriften im Wnnderhorn habe ich schon gesprochen. Kein 
Mensch kann die «Aussicht in die Ewigkeit'' (2, 403) für eine Quelle 
Lavaters betrachten. Niemand das ..Ikarus" getaufte Gedicht Justinus 
Kerners (2. KU) irgendwie mit der Ikariissa«;«' in Verbindung bringen, 
oder „Kinaldo Rinaldini** (2. 366) als Spott oder t^nelle för Vulpius 
ant^a^sen. WSre damals scheu Werners Vierundzwanzigstor Februar ge- 
dichtet rrewf'sen, so hätte vielleicht „Die Mürdwirtiiin" (2, 197) eine 
andere iiezeichuung erhalten. Ebensowenig sollte die Aufschrift ,Die 
feindlichen Brüder* über ein handschriftliches Gedicht des 17. Jahr- 



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92 Rainhold Steig 

hundert» (2, 358) Qoelle oder gar Scliimpf gegen Schiller sein, eine 
Deninng, gegen die sieh hier die Herausgeber in einer Anmerkong an 
die «liebe Dummheit'', die nicht Spass verstünde, ausdrücklich Terwahrten. 
Ob wohl diese Anmerkung, gegen das Ende des zwelteo Bandes, als eine 
Art von Vorausrerteidigang gegen die Ankhige geschrieben ist, die etwa 
mündliche Nachrichten aus dem Vossisehen Kreise schon damab gegen 
die ^Lenore* erwarten liesaen? Und trotsdem dennnaierte — natürlich 
im Hinblick auf Goethe -~ der alte Voss in seinem ersten AngriflT auf 
das Wnnderhom (Morgenblatt 1808, 25./26. November) diesen «pöbel- 
haften Wortwechsel eines Mehldiebs und eines Flickendiebs*, womit 
«namentlich gegen Schiller gewitzelt'' werde. Mit demselben Bechte 
hfttte er die gegen ihn gerichtete Sonettenbeilap der Einsiedleizeitang, 
die als ein »Anhang zu Bürgers Sonetten in der letzten Ausgabe seiner 
Schriften* angekündigt und veröffentlicht wurde, als eine Anmassung 
gegen Börger ausgeben können, während doch Vossens Arger über das 
Sonett und im Besoii<lereii >'eine grosse Abliandlung über Bürgers Sonette 
in den Juni-Nummern der Jenaer Litteratnr- Zeitung verspottet werden 
sollte. So ist es auch im Sinne des Wim 1- 1 liorns nicht angängig, die 
„Pfarrerstochter von Tatilienhain", worin «lo. h nur ganz, schlicht und 
anspruchslos ein im Volke hSnfig erlebtes Motiv behandelt wird, oder 
gar die „Lenore* der Frau Au-^uste Pattberg wegen ihrer Aufschriften 
als „Quellen" der entspreclicndeu Balladen Bürgers? aufzufassen. Es wird 
sich zeigen, dass auch sachlich Vossens Angaben über die Entstehung 
der Leonore Bürgers nicht in Onlnun^ sind. 

Kino Hnt<jcgnun<j Seitens der Herausgeber oder P'reunde des Wunder- 
horns war in dem von Voss beherrschten Morgenblatt nicht möplich. 
Dagegen standen ihnen damals noch die Heidelberger Jahrbücher zu 
Gebote, Görres nannte hier (1810. 5, 2, 44) in einem Zuge Graf Friedrich, 
Lenore, Thedel etc. Keminiscenzen aus der teils fabelhaften, teils wirk- 
lichen Geschichte der Nation und gleichsam kleine zusammengebrochene 
Abbilder der fj^rossen Erscheinung, die sich früher vor uns gestaltete. 
Auch Wilhelm Grimm trat öffentlich für die Echtheit des l'attbergischen 
Volksliedes ein, fiber dessen Hwkonft er genau unterrichtet war, und 
dessen Aufnahme in das Wunderhorn seine Ansicht mitbestimmt hatte. 
Er erklärte 1810 in seinen erst 1811 erschienenen Altdftnischen Helden* 
liedem, S. 506, zu dem Liede vom Ritter Aage, wo er auch auf die 
englischen und deutschen Lenoren-Dichtungen an sprechen kam: .man 
weiss, dass Bflrger das Volkslied im Sinne hatte, von dem er wenige 
Zeilen hOrte, und das Yollst&ndig nun im Wunderhorn II. S. 19 steht. 



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Frait- Angmte Fittbeif 



03 



So hat jedes der drei Völker diese Sage in seinem Yolksgosang, als ein 
Zeugnis seiner Verwandtschaft, da ein Entlehnen offenbar nicht statt- 
gefunden hat." Und dieses Urteil wiederholte er, zwar anonym, a])er fast 
wortgetreu und darum jedem Eingeweihten erkennbar, in den Heidel- 
berger Jahrbüchern 1811, S. 143.' Er rersachte auch zuerst die gich 
gldch bleibende Wiederkehr des Lenoien-Stoffes und formelhafter Wen- 
dungen aus enifernton Yolksgebieten nachzuweisen: «in Verfahren, dem 
er in den Mftrchen (1822. 3, 77 und 1856. 3, 75) treu geblieben ist« und 
das 1886 in den Aitdeutsdien Bl&ttem (1, 174) durch Wiltielm Wacker- 
nagel, 1886 in den Charakteristiken durch Erich Schmidt und neuerdings • 
durch Adolf Haufen im Eophorion (2, 148. 203 und 3, 133) eine mit 
dem Anschwellen der hierher gehörigen Litteratur mitscbreitende Fort- 
bildung gewonnen hat. Indem Jacob Grimm in der Deutschen Mytho- 
logie (4. Auflage 2, 704) das Fattbergische Volkslied als echte Quelle 
benutzte, that er sein Einverständnis mit Wilhelm in dieser Frage kund. 

Welcher Art die Erwägungen waren, von denen sich die Freunde 
hatten leiten lassen, emeht man aus ciaer iiiciit viel später erfolgenden 
Erklärung Arnims. .Tördens hatte in seinem ^Lexikon deutscher Dichter 
und Prosaisten" auch die Notiz des Wunderliorns über die Leonore er- 
wähnt. Eine mit Ki (Karl Justi?) gezeichnete, übrigens Vossisch gesinnte, 
Recension des Buches in den Heidelberger Jahrbüchern. 1811 S. 736, 
widersprach dieser Meinung mit dem Bemerken: das Gedicht des 
Wundorborns scheine eine spätere, erst nach der Bürgerscheu Lenore 
verfertigte Komposition zu sein. Was Voss wohlweislich zu behaupten 
sich gehötet hatte, war hier rückhaltlos ausgesprochen worden. Arnim 
erliess darauf im 21. Intclligenzblatt der Heidelberger Jahrbücher 1811, 
wahrscheinlich von Frankfurt ans, wo er damals mit seiner jungen Frau 
sich aufhielt, mit der ihm eigentfimlichen Verbindung von Emst und 
Ironie nachstehende, aber den Beeensenten hinweg an Voss gerichtete 

Antikritik. 

Den Beeensenten von JOrdens WOrterbnche in den Heidelb. 
Jahrb. fordere ich auf, die Quelle ansuEeigen, welche ihm bewiesen, dass 
das, im Wunderbom unter dem Namen Lenore abgedruckte Lied der 
bekannten Bdrgerschen BaUade nachgebildet sey. Es ist den Heraus- 
gebern eingesendet, und da sich alle innere Grflnde vereinigten, es sey 
das in Bflrgers Leben bezeichnete Lied, mit jener Notiz begleitet worden. 
Da mir noch kein Fall vorgekommen, dass ein weiter fortgebildetes Ge- 
dicht, wiü Bürgers Lenore, das übrigens l>ei den frühern Dänischen und 



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94 Italnliold Stdg 

ßDgliäcbeD Gedichten gleichen lohalte auf Originalität der Geschichte 
keinen Anspruch machen kann, wieder zu einer fast ursprünglichen Ein- 
fachheit wie in jenem Liede des Wunderhorns zurückgeführt worden sey, 
so würde ich diese Entdeckung des Kec. als einen merkwürdigen Bejtnig 
snr Geschichte der Poesie betrachten. 

Ludwig Achim von Arnim. 
Man wird es begreiflich finden, dass Arnim den Namen der Fran 
Angnste Fattberg, wenn er ihn noch wasste, nicht in die Diskussion 
werfen mochte; auch, dass er sich stillschweigend auf seinen Freund 
Wilhelm Grimm bexog. Die nun gaoz auf Voss gestfitste «Antwort 
des Recensenten* hat kein selbständiges Interesse für uns; beide Parteien 
hielten, natflrlich, ihren Standpunkt fest Brentano hat im Fanferlieschen 
(Mftrcben 2, 268 ff.) das Lenorenlied anklingen lassen, und noch in der 
Zueignung des Gockel (Schriften 5, 12) spricht er, wenn ich ihn recht 
verstehe, die Überzeugung aus, dsss, noch ehe Bürgers Leonore gedichtet 
war, derartige Gespenstergeschichten und Märchen in nächtlicher Bocken- 
Stube erzählt worden seien. 

Dies ist der Thatbestand über Bürgers und des Wunderfaoms 
Lenoren-Dichtungen, wie er damals Torlag, und seine tief in das per- 
sönliche Getriebe der beteilifrten Personen eingreifende Geschichte. Un- 
gewöhnlich rei('li erscheint sie uns, und dennocli in ihrem «laiilau-lKlieii 
Werden lückciihalt und unvollständig. Stellt man bei Bürger überhaupt 
die Frage nach der Herkunft seines Stoffes, so kann aU ein wichtigstes 
Moment alles dasjenige, was ihm nicht dem Wortlaute, sondern dem 
Sinne nach im Gedächtnis bliel). nicht in Anschlag gebracht werden, 
und sellist die Vergleichnng ähnlicher Dichtungfu triebt uns doeh im 
Kiuzelnen keinen testen Anhalt ; die Volkshalhide des \V underhörns aber 
vorschwindet unserem Gesicht in dem Augenblicke, wo wir sie rückwärts 
über die Frau Pattberg hinaus verfolgen möchten. Wenn ich die spätere, 
litterarische Beurteilung der Wunderhorn-Lenore — ich verweise nament- 
lich auf Wackernagel (Altdeutsche Blätter 1836. 1, 193. 196), Pröhle 
(Bürger 1856, S. 100), Goedeke (Grundriss 1881. 3, 39), Sauer (Kürsch- 
ner 78, S. LV), Schmidt (Charakteristiken 1886, S. 222. 240) — mir 
vergegenwärtige, so glaube ich zu bemerken, dass im Durchschnitt die 
Vossische Kritik vor der Arnim- Brentano-Grimm'schen Auffassung im Vor- 
teil geblieben ist. Jetzt, wo zu Strödt mnnns authentischem Briefwechsel 
und Schmidts Bekanntmachung der „Ur-Leonore" Bürgers der Origioal- 
text des Pattbetgschen Volksliedes hinzutritt, kann das Urt«!! ein anderes 
selUf und in diesem Sinne schliesse ich noch einige Bemerkungen an. 



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Fnn Angmte Ptttbng 



95 



Voss ist im Unrecht mit seiner Angabe, dasa fiärger von seiner 
Magd Christine das Volkslied geb(Hrt habe. Auch wenn Althofs brief- 
liche Äuflsemng zu Nicolai nicht widersprftche: ans Bürgers eigenen 
Briefen erfahren wir greifbar nur das eine (Strodtmann 1, 115), das» 
der Stoff ans einem alten Spinnstuben Ii e de genommen sei; und die 
Hausmagd Christine (ebenda 1, 168) gehörte xu denjenigen Leuten des 
Volkes, welchen der Dichter seine bereits fertig gedruckte Leonore vorlas 
oder in diesem Falle vorlesen wollte, um die Probe ihres Eindruckes 
ni machen. 

Boie-AIthof-Voss hatten ferner Unrecht, wenn sie mit unbesorgter 

Sicherheit behaupteten, dass die Worte »Feinsliebchen graut dir aach?* 

oder „Graut Liebchen auch? — Wie sollte mir grauen? Ich bin ja 
bei ilir?" aus dem von Bürger gehörten Volkslicdc ^tauiaiten. Die 
„Ur-Leoiiore* Bürgers hat si(! überhaupt nocli nicht, vielmehr ist dies ihm 
vorher, wie es sclieint, niclit gelruifig gewesene Wechselgespräch erst 
durch die Mitarbeit des Haiu.s, dem das Gedicht zur Begutachtung vorlag, 
nachträglich auf Cramers und Boies Anraten (Stroutmann 1, 14G. 149) 
eingeführt worden. Wäre das Pattbergische N'olkslied aus Nachahmung 
Bürgers entstanden, so bliebe iinbegreiHieb, wie der Nachdichter sich 
dieses so ganz allgemein volkstümliche Moment nicht angeeignet haben 
sollte : in diesem Punkte st«ht also die Wunderhorn*Lenore auf derselben 
Stufe wie Bürgers frühester Entwurf. 

In der Urgestalt der Bftrger*8chen Leonore hatte die 19. 22. 24. 
Strophe noch den Ausgang 

Der volle Moad idbdnt heOe; 

Wie ritten dit Todten so admelle — 

und gegen die (Jmwandelung dieses Ausrufes in die ruhigere Bekräftigung 
«Die Todten reiten schnelle'« die Boie forderte (Strodtmann 1, 159), 

sträubte sich lange Bürgers Gefühl, weil „er sich dies nicht erkünstelt, 
sondern es iiiui aiiiangs gleicb vorgeschwebt habe, dass es so sevn 
müsstt'-', bis der Ausruf endlicli doch aus seiner Leonore schwand. Das 
Volkslied der Frau Fattberg aber bat ursprünglich (unten Ö. 109) den- 
selben Ausruf rwtÜMffl die Todten so sdweU«, 

den erst Brentano aufgab, der aber gleichwohl als volkstfimliche Form 
anderweitig bekannt ist. Frau Pattberg hat auch, wie wir gleichfalls 

neu erfahren, ein anderes Volkslied dem Wunderhoru (unten S. llü) ver- 
mittelt, das viermal mit der Zeile einsetzt 

Ki, ei, wie scheint der Mond 80 hell, 



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96 



Bfiiohold Steig 



und um nur den einen kurzen Schritt vom Wunderhorn zur Rinsiedler- 
zcitung zu machen, auch Bettinens Seelied (vgl. üoedeke * ti, äö, 1 Ad- 
uierkung) weist mit den Versen 

Es schien der Mod 1 t^nr helle, 
Die Sterne büokten klar, 

einen ähDlichen £iogang wie das Volkslied der Frau Pattberg auf. Wer 
wäre also gezwungen, bei diesem letsteren durchaus an Bürger zu denken ? 

Bürger hat dem alten Lenorenstoffe eine moderne Verknüpfung mit 
dem siebenjährigen Kriege gegeben: mit der Prager Schlaclit (Str. 1 ") 
und dementsprechend mit Böhmen, wo Wilhelm begraben liegt (Str. 15'). 
Die abmahnende Beschwichtigung der Matter, in Strophe 8, 

H5i^ Kindl Wie, wenn der füsche Heim, 

Im fiBtnen Uogerlande, 

Sich Beines Glaubens abgethao, 

^üm neuen Ehebande? 

steht mit dieser Modemisierungf wie mir scheint, in Widerspruch. Die 
Matter kann nur meinen, dass Wilhelm in Ungarn vielleicht ein TQrke, 
dn Muselmann geworden sei. Jedennann sieht, dass dies MotiT für 
das Ungarn der siehenjflhrigan Kriegszeit nicht mehr autriffi Es muss 
die Stelle also ein Ton Bürger nicht prdsgegebener Best des alten Ge- 
dichtes sein, dessen Tradition bis in die tfirkische Herrschaft über Ungarn, 
also bis in das 17. Jahrhundert etwa, hinaufreicht. Das Volkslied der 
Frau Pattberg aber weiss es gar nicht anders, als dass der Tote .dort drin 
im üngerlande'* ein kleines Haus, sein Grab, habe. Was ist nun wohl 
das Natürliche? dass ein volkstümlicher Nachdichter Bürgers irrig 
aim Ungerlaode* anstatt „im Bläimerlande'' gesagt habe, oder dass in 
dem Pattbergischeo Volksliede selbständig und unabhängig der alte eehte 
Grund gewahrt sei? Ich glaube das letztere. Im Wunderhorn zieht 
den Toten einzig und allein die eigene Sehnsucht zur Geliebten, nicht 
zugleich aucli die Sehnsucht der Geliebten selbst: wodurch der Ausgang 
des Volksliedes notwendig und gerechtfertigt wird. Gerade diese inlialt- 
liche Verschiedenheit, die man durchaus nicht für eine Verflachung an- 
sehen darf, verbürgt meinem Gefühl es am unmittelbarsten, dass das 
Fattbergische Volkslied nicht aus Bürgers Ballade geflossen sei. 

Es ist überhaupt mit aller abstrakten Kritik individuell * nt ^uiulener 
Phantasiegehilde ein eigen Ding, iso nötig sie erscliemt, so leicht ist 
sie auch deui Irrtum ausgesetzt. Wer mit neu ersclilosspiiem Material 
in der Hand zu bestehenden Anschauungen seine Stellung nehmen niusste, 
bat diese Erfahrung zweifellos mehr als einmal an sich selbst gemacht. 



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97 



Im WeimarischeD Jahrbuch 1855 (.% 248) konute O^kar Schade wie zu 
Bcbeiobarer Bekrftftigung einzelner abfilUiger Bemerkungen Qber das 
Wunderhoni noch sagen: ^Ganze Lieder stehen im Verdachte, einge- 
schwftrst so sein, so z. B. das schSne Lied ,Es steht ein Baum im 
0 Jenwald*, das unn dberall als Volkslied aus dem Odenwald gilt, rührt 
höchst wahrscheinlich von einem der Heraasgeber her: es macht übri- 
gens seinem Dichter alle Ehre*. Jetzt sehen wir, dass das Wunderhom 
es aus den Händen der Frau Pattberg erhielt (unten S. 108). 

Von ihren übrigen Volksliedern braucht nicht einzeln gesprochen 
zu werden. Nur sei bemerkt, dass das Turtelt&nbchenlied (unten S. 115) 
ans önem Liebeslied im Wunderborn zu einem Kinderliede Torwandelt 
worden ist Andere Dinge ergeben sich bei einer VergldcbuDg der 
Originalien mit den Texten des Wunderhoms von selbst, wie in den 
Noten angedeutet wird, die ich absichtlich innerhalb dieser Grenzen 
halte. Und so ist mir, wie ich denke, die litterarische Betrachtung der 
von der Frau Auguste Pattberg gesammelten Volkslieder zugleich ein 
Stück Entstehungsgeschichte von Des Knaben Wunderhorn und ein Bei- 
trag zur Geschiebte der Heidelberger Kornau ük geworden. 

Schlussbemerkung. 

In der nachfolgenden Zusammenstellung der Aufzeichnungen der Frau 
Pattberg machen den Anfang ihre anonymen Sagen und SLliilderungen 
aus dei Badischen Wochenschrift, mit der einen oben S. 80 berührten 
Ausnal)me. Es reihen sich gedruckte und uogedruckte Volkslieder für 
das Wunderborn an, zu denen die eine erhaltene Melodie hinzutritt 
Au^eschlossen habe ich (?gl. oben S. 78) die Urkunde über die Not- 
burgasage. Gedrucktes gebe ich mit möglicher Treue wieder. Ebenso 
verlkhre ich mit der handschrilÜichen «Lenore*, während ich sonst den 
Manuskripten eine leichte Interpunktion hinzugesetzt habe. 



Bas NeckartliAl.') 

Die Beschreibuug des NeckarUiaies in der hadischen Wocbeuschrift hat schon 
1)d dem Dorfe KeckanimimrD gvendeL Zu intflnwtnt iat aber dieace icfaOne TbAl, 
alt dass CS nicht der MOha «erth sejn sollte, dem Leiar ein« ToUatandige Ba- 
•chieilnnig deaidban vomlegan. 



1 ) Badisclie WocheoBcbrift Nr. 8. Freitags den 20. Februar 1607. Sp. 116—120. 

Vgl. oben S. 78. 79. 

NKO£ H£U>ELB. JAHRÜUfiCHER VL 7 



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d8 R«inliold 8t«tg 



Zur Liokcn des Flusses liegt vnn Zimmern altwilrts der Ort Hochhatisen. 
bekanut durch das Grabmal Nuthburgeos, der Kouigä locht er, jener vom Volke 
verehrten Heiligen dn Craichgaues, deiM Bild in Stein anigehaiwo, in der Kirche 
des Orti su sehen itt, ttnd von welcher sich noch manche Segen unter dem Volke 
erhalten hüben. Mit Vergnügen verweilt nun das Auge auf dein lieblich erweiterten, 
mit Rebenhftgpln umgebenen Th;i1e. mid prrctrht fiuf der rechten Seite des Neckars 
das freundliche Neckarelz, da wo sielt der Strom theilt, eine Insel bildet, und die 
ediftne EldMefa nnfolmmi, Dieser Ort gehörte ehedim sn den fiedtsungen des be* 
rahmten Ordens der Tempelherrsn, nnd noch wird der Gottesdienst einer Religfons* 
parthei an eben der Stelle gefeiert, wo sie einst ihre Versammlungen hielten. Wenig 
Schritte von dn, jenseits der Elz, über weiche eine !?phöne Brücke fuhrt, liegt d»g 
Heissige Diedeaheim, durch beide Orte isieht die Landstrasse, welche von Wurz- 
burg nach Heidelberg gebt. Bei dem leitgenanntm Doif geschieht in Nidien oder 
i>1Uiren die Überfuhrt über den FIuss; jenseits errridit man, nahe am Ufer, den 
Ort Ol) r i oh h 0 i tu, der ilurrh inanrho daselhst nusfingrabene Alterthihner merkwürdig 
ist, und vielieicbt nocli merliwurdiger werden könnte, wenn Sachkundige weitere Nach- 
forschungen anstellten. Vor etwa 12 Jahren erbaute ein dortiger Burger ein Haas, 
beim Fundament graben Icam man auf eine brsite steinerne Stiege, weldie in ein 
GewOlhe fahrte; die Unwissenden warfen die Öfihung wieder an, im blinden Wahne, 
es kfmnte ein Geist in jenes Gewölbe verbannt seyn. ^-eitwUrts von Obrigheim lii'ift, 
auf einem sorgfältig angebauten Berf^e, da- alle Buii; Neu hing, von TagluLnorn 
der dortigen Ilofbcständer bewohui; von da erblickt uiau das anmutbige Thal 
mit allen sslnsn reichen Umgebungen im sdiönsten Lichte, nahe nnd ferne gelegene 
Ortschaften, Schlösser und Burgen, Mühleu lud Höfe, erreicht das Auge, und folgt 
gerne den Krflmmuncrpn der Elzbacli im schönen Wicscnthalo und dt-n Wendungen 
di's Neckars; in umphitlieatralisrher (icstalt stellt sich das üaii/e unter den lieb- 
lichsten Bildern dai*. Dieau lacheludu Gegend, die das Gemüth m freundlich an- 
spricht, «ur ehedem der Aulenthalt Maximilian Josephs von Betern, welcher 
mit seiner ganzen Fanillie in den Zeiten dei liolsgerung Mannheims im Jahr 1795 
drei Monate lan„' dort verweilte. Riehls am iciiseiti<;cn Ufer erhebt sieh nnf eineni 
mit l-.eben heplianzteii Herf;e der alte bchreckhof, ehmals verschiedenen alten 
nun ausgestorbenen l<'amilieu gehörig. Durch fruchtbare Wiesen und Felder windet 
sieb der Flnss hinab gsgsn Bleu an, ein heiteres Mrfdien, am rechten Ufer, dodi, 
ehe man es erreidit, sieht man zur Rechten die alte, beinahe gänzlich zerstörte 
Burg Thauche n«^tein , wrMie isnlirt auf einem steilen Felsenbanee dasteht. 
Gerade Bionau gegenuiier, zur I^inken des Stromes, liegt das kleine DuHchen Mör- 
tels tc in; romantisch ist seine Lage; zwischen zwei Bergen eingeengt, bleibt es 
lange dem Auge verborgen, und gewinnt hohem Reiz durch die Überraschung. Nodi 
romantischer liegt auf einem Hügel die kleine Kirche nnd der Kirchhof, den zwei 
hohe Tannenbäume dem Wanderer bezeichnen Von nun an begrenzen dunkle Wälder 
und steile Berge die Ufer, uud mau gelaugt uu eine Stelle, wo der Unkundige, von 
hohen Gebirgsn umringt, sich gleichsam singsechkwsen glaubt^ und schwer eimiben 
würde, wohin sidi der Strom wendet. Zoent erreicht man nun das Dorf Gutten- 
bach zur Linken, und mehr abwärts Ger ach zur Rechten des Flusses, von wo 
ans man jenseits gerade gesr^nüber dip srliönen Ruinen de? Minnebergs empor 
ragen sieht, welche auf ihrem hohen Sitze schon von Kerne her den schönsten An-* 
blick gewähren, und mit den Wendungen des Stroms sich in manniehfaliiger Gestalt 
darstdlen. Jetst engt steh das Thal immer mehr ansammen, und man kommt sur 
Rechten an den Ort Zwingenberg, den eine sehr gcräundtrc Rur? in nnrh be- 
wohnbarem Zustande merkwürdig macht; es sind dort schreckliche Gefängnisse, 



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Pnn Augaste ^attbefK 



99 



BorgverKesse, und noch manche i'berreste aus den schauerlichen Zeiten der Vehni- 
Pfprichtp. Aufli ist es der Ort, wo der Günstling des Kinffirsteii Karls von dpr 
Pfalz, der bekannte Minister Langhans, der nach dessen Tode ans;fk!;>p:t, schuldig 
befunden, und zu 2Üjähiiger Gefäoguissstrafe verdammt war, gelatigeii sass. Bei 
dfMMB Orto bat der Neckar einen Strade), der den oolrandigett SchlfTer Tenchlingen 
oder eeinen Kabn auf den Feteen sertrümmern wf^rdc. Auf einer hohen Waldspitse 
zur Linken liegt, mehr hinabwärts, die al(c lienihmte Burg Stolzencck, von wel- 
cher noch einige Sagen im Munde des Volkes sind. Am rechten Ufer itommt man 
nun an das Dörfchen Lind ach, und am jenseitigen, etwas weiter hinunter, nach 
Bockenao, TOti da erreieht man, immer welter abivtne, anf deraelbn Seite, daa 
Dorf Keekarwinmersbaeh, und bald darauf, anf der entgegengeieCaten, das 
durch Holzhandel und Gewerlifleiss bekannte Städtchen Kherhach. Hier nimmt 
der Neckar zwei beträchtliche Ftossbitcbe aitf, die Gammels- und die Itterbach, 
wovon die letztere eine besonders heilende Kraft besitzt. Auf einem hoben Berge 
sieht man nodi die letiten Trltanmer einer ehemaligen Burg; gegenQber am linken 
. üfer aber des 6rteh«n Plandersbacb, und mehr abvftrts am rechten den ein* 
Samen Neckarhäuser Hof. Jetzt erscheint schon ans der Ferne an des Flusses 
linkem Ufer die Kapelle von Hirschhorn, sie ist ein Überbleibsel alter Zeit, im 
Gothibchen Geschmack erbaut, hat eine Menge der schönsten farbigen Glasscheiben, 
woiattf theHs FaamienbUder, thella die Wappen der damals blähenden Gcsehleehter 
von Handaehobeheim, Habem nnd HirBChbem sieh befinden, und dient jelst dem 
gegenüber zur Rechten des Flusses liegenden Städtchen Hirschhorn zur Begräb- 
nissst.^tte. Dieses Stildtchen ist sehr alt. Auf dem Berge liegt eine Biir^f. die noch 
bewohnt wird, und ein Kloster, welches vor noch nicht langer Zeit aufgehoben 
vorde. Nodi immer umgeben hoho Beige, dichte Waldungen und Stemkl^ipen die 
üfer und der Flnss drangt rieh mit raschem Laufe zwischen den hohen Bergmassen 
hindurch. Bald erblickt man nur linken den hoben iiber alles em) orragenden Dils- 
berg, ebemals Diebsberg pen^nnt, weil seine Bewohner in den Zeiten des l aust- 
rechts dasselbe tieissig atisUbten. Er war ehedessen aebr befestigt, und ist noch 
merkwürdig durch seinen 126 Klafter lie&n Bronnen, der im Mittelpunkt seiner 
Tiefe eine eiserne Thflre hat, die in einen unterirdischen Gang fflhrt, welcher unter 
den Nedcar hindurch nach dem gegenüber gelegenen Schlosse Stetnach gegangen 
spyii soll. In diesem Scblosse, nahe bei dem Städtchen dieses Namens, hiuinte einst 
der berühmte Kitter Laudsehaden von Steinacb. In der dortigen Kirche sind 
noch, in Stein ausgehauen, mehrere Ritter — unter ihnen auch liandachaden, su 
neben. Eine schwane Tafel ersfthU die Oeachicfate des leatem dem Wanderer. 

Ausser jener Burg sind noch drei ähnliche Buiueo alter Schlüsser in der Nähe^ 
kanm pfnen Flintenscbiiss von ein.inder entfernt, einige nennen sie die Schwester- 
Burgen, andre geben ihnen drei verschiedene Namen. Von diesen Burgen laufen 
in der Gegend noch mancherlei wunderbare äagen umher. Jetzt wird der Fluss 
von der einen Seite etwas freier, und nfthert rieh dem artigen Stikdtchen Nekai^ 
gemünd; es liegt am linken Ufer, und ist durch den regen Fteiss und die Be- 
triebsamkeit s« iner Kinwolmer bekannt. Die Landatrasse fQbrt von da, immer am 
Bande des Kluäses hinab, bis nach Heidelberg. 

Jeder Fremdling, der diese Gegeud besucht, wird sich mit limigkeit der Schön* 
heKen freuen, die er hier bei jedem Sehritte erblickt 

Beschreiben lassen sich diese Szenen niiht. der Kinheimische bewahrt ihre 
Bilder in seinem Gemüthe, und fOr den fremden Beiaenden ist es hiareichcod, ihn 
darauf au&ierksam zu macheu. A. P4 



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100 



Rdnhotd Steig 



Der Minneberg. ^) 
Eine Volkssage. 

TTticro von TT;ihorn hintcrlipss drei Srihnc. Frühe wurden sie ^fbon .in ritterliche 
l'bungen und au die Beschwerlichkeiten der .lapd pewnhnt. In den wcit uispedehnteu 
Forsten des Odenwaldes streiften sie bis zu den freundlichen ihhlem des Neckars, 
und verfolgten Tage lang da« Gewitd. Ihr Begleiter war dn Windspiel von seltner 
Tlreue; nie wich es Ton ihrer Seite, war iimner ihr Vorläufer and leitete sie stets 
nuf die richtige Spur. Kines Tages fnlirte sie der kundige Wejnfeiser auf den 
Gipfel eines steilen Herges :im Neckar, vor den Kinganu einer düstem llühle. I>ie 
Jikger folgten auch diesmal dem klugen Fuhrer, der sie nie irre geleitet httlte, hinab 
in die Tiefe der ecliuerliclien Kluft, in deien Hintergründe sie xn Üuem grossen 
Erstaunen drei weibliche Gestalten erbiiidtten, welche bcthend auf den Knieen lagen, 
nie JündHnpe stutzten bei dem unerwarteten Anblick; sie wrilinten drei Heilige im 
Uberirdischen ülanze geistiger Verklärung vor sich zu sehen, doch bald (iberzeugten 
sie sich, dass es Erdbewohncrinnen waren« die rom Schicksal verfolgt, hier eine 
FreistjUte gefitnden — und tkth in diese ElnSde goflAcbtet batten^ um in stiHer Vei^ 
borgenheit, abgeschieden von der trüglichen Welt zu loben. Sie waren entsprossen 
ans dem berühmten r.esclilerhte der Ttitter von Handschuchsheim, allein mit ihrem 
Vater war der alte iStamro dieses Nuuieu» erloschen, ihre Hesitzungen tielen dem 
Lebensberrn beim. IMe Kutter war hingst schon gestorben, und das geringe Erbe, 
das den drei Scbwestem noch flbrig blieb, hatte ihnen die Raabsudit eigemQtn^ 
Menschen entrissen. AU vcrtussenp Wni^en, ohne Schatz, flOchteten sie sich vor 
den Nucljstellunijen ar-.'Ii-.tij^er \ erfahre r in diese einsame Klause, denn nif waren 
schön, und Schuttheit druht nicht sehen mit GeCahreo. Ein alter Diener war den 
Jnngfrsnen gefolgt, und sorgte, als Einsiedler gditeidet, trentich fbr ihren Untsr* 
halt: allein in der tieftten Eänsamkett und in gftnslteber Aligeschiedenbeit von den 
Menschen, waren ihre sanften weiblichen Gefühle nicht erstorben, und die edeln 
jQnglinge machten denselben Eindruck auf sie. den die Jungfrauen «uf jene ge- 
macht hatten. i>a8 unauflu^Hrlie Itand reiner Liebe schloss sich io der Jbolge unter 
ihnen, und knüpfte sich mit joileni Tage fester. Die drei BrOder erbauten anf jener 
Stelle eine stattliche Bwg und nannten sie Minnebei«. Lange lebten sie und ihre 
Gattinnen dort, in glückliehcni Vereine, ei-st lungo Jahre nachher verschwand anch 
ihr Name ans den Kegistern der edeln üesehlechter des Nerkarthals. Zum ewii^en 
Gedacht niss Hessen die Hitter das Windspiel, welches sie zu den Einsiedlerinnen ge- 
leitet hatte, in Stein ausbauen. Noch vor wenig Jahren behauptete dieses Denkmal 
der Erkenntlichkett seine ehemalige Stelle auf dem hohen Portal über der Einfahrt 
zum Minneheri^'. allein llnwi^':endl■ llfuide h ilien es nun entwürdigt, und an der 
ZicgelhUtto unten im i hal bei dem ( »riehen Gutteaback, über einer Stallthüre, in 
eine ärmliche Leimenwand eiugcniaueit. 

Überraschend and traurig war mir dieser Anblick, als ich im vof^n Sommer 
die Ruinen des Biinnebergs besuchte, die i< h lange nicht mehr gesehen hatte; oben 
auf dem l]er(2P snrlite ich ver^eln'ns den wolilliekannti-n Stein, und unten im Thale 
Hess nui li ilm der /nt dl im einer Stelle tindi'n. wo iidi ihn nie },'esurbt haben würde. 
Verödet ist die i^latte der ehemaligeu Pracht, und nur der Unglückliche verirrt sich 

noch suwetlen nnter diese Ruinen und stellt Betrachtungen an Ober Yeigangenheit, 



1) Badisebe Wochenschrift. Nr. 5. Freitags den 90. Januar 1807. 8p. 73—76. 
Vgl. oben S. 79. 80. 



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Fnn AiigttBte Pattberg 



101 



Gegenwart und Zukunft! So hat jetzt ein vom Schicksal un^ den Menschen Verfolgter 
sich in die ficwr.lbo diosor zerfallrnpn Tiiirg «rcflilchtet. uiid sich tn einem derselben 
eine Wohnung' bereitet. Die Hingänge zu dem Gewölbe hat er mit Thüren von Hinsen 
geüochteu, versehen, und die Oftnungeo, durch welche das Licht hereinfallt, mit ge- 
51teiii Papier bekleidet; in den einen Wlnlcel steht sein höhsemes Bettgestdl mit Lavb 
und Moos gefüllt, luid in dem andern eine Drehbank, die sein dürftiger Unterhalt ist. 
In einem der Nebengewrdbe hat er sich eine Küche eingerichtet; seine ärmlichen Ge- 
r^thschiifien stehen in ärmlicher Ordnung nmher. nind um die Ruinen hat er angefangen 
Schutt und verwildertes Strauchwerk hinweg zu räumeu, um die besten Stellen urbar zu 
machen, und danlebar wird ihm die Erde darbrinfen, was er an aeinem ünlerhatte 
bedarf. Er lebt in der Stille in aeiner Doterirdisclien Wohnung, niemand zur Last; 
geht nur dann unter Xlensrhon, wenn er von seinen Drelierarbeiten verkaufen will, 
um sich die nöihigsten Hvdurfai^se dafür anzuschaffen. Sein Wesen zeigt nicht 
Menachenaeheae, sondern vielmelir ein rein» Rewusstseyn. Seit einiger Zeit haben 
aidi dnige BleinchMifirannde thätig aeiner angeoommen, und ihn bein nahenden 
Winter Holz, einen Windofen und eine bessere Drehhank versrhaiFt. Wie wenig 
bedarf dieser Aligeschiedene. der ferne von der menschlichen Gesellsihaft die Wild- 
nisse bewohnt. Noch einige Steine mit alten Inschriften, welche mau sonst vor 
wilden Geatriadie nkht sah, sind dnrcb den Fleiss des Einsiedlers sichtbar geworden, 
nnd bieten den Freunden dea Alterthnne einigen Stoff an Naehtevaehnngan dar. 

A. T. P— g, 

Volkasage von der Burg Stolzeneck. >) 

Auf der Bu^ dieiea Namens wohnte vor alter Zeit ein Ritter, mit Gottfiieda 
Heer zog er gegen die Ungläubigen, und Hess seine Sehwestsr mit einigen alten 
Dienern allein auf der Burg zurück. 

Da kam eines Tages ein fremder Ritter und warb um ihre Hand; doch das 
FAutein aptacb mit knrten Worten: neint Der etgrimmte Freier warf sie ins Burg- 
verlicaa, und ermordete alle HeuMben und Thlere, die er im Schlosse &nd; nur ein 
z ihtm r Rabe, des FriUdeins Liebling, rettete sein Leben, und erhob sich in die 
Luit. Der Wntrirh schwur, der Unglücklichen nicht eher Speise norli Irmk zu 
reichen, bis sie ihm die Hand geben würde; alle i'age kam er vors Gitter, und immer 
apraeh sie ndn. Bei jedem Male glaubte er, nun würde sie der Hungn* aum Jawort 
uOtbigen; allein zu seinem E^taunen antwortete sie ein ganses Jahr hindurch immer 
nein. Ihr Liebling, der treue Rahe, luachte ihr tfi;;lich Frnrhte, die ihr den Durst 
b'ScIiten, und Wurzeln, die sie nährten: so erhielt er ihre 'Pape. Als eridlich der 
Bruder wiederkehrte, fand er seine Burg ausgestorben und leer; er sab hinab vom 
ateilen Berge ins einsame Neckartbai, doch nirgends entdedcte er eine Spur von der 
geliebten Schwester. Da vem ihm er plöt/iicli ein leises Seufzen, eine wehmUthige 
Kinjjp ans der Tiefe der schrecklichen Gefängnisse, fnlfjte schnell dem hnntren Ton 
und erkannte <He Stinnne seiner Schwester : sie erzShlte ihm ihr trauriges ^'ckicksal, 
^cr gleich dem Sturmwind eilte in diesem Augenblick der fremde Kitter daher, 
daa gasQekte Schwert in der Hand, stflnste er aiiif den Wehrloaen an; dieser ohne 
Waffen und Wehr glaubte sich verloren, doch siehe! es flatterte unter Sausen und 
Branden ein Heer krfichzender Rahen aus den dunkeln ^!ninden des Waldes herauf, 
herbeigeloekt vorn Liebling des Fräuleins, fielen sie aber den Fremden her, er ver- 
mochte nicht, sich des Ungeheuern Schwarms zu erwehren; sie hackten ihm die 



1) BaAseha Wodienaehiid Nr. 10. Frdtagi den 6. Mftn 1807. ^ IM. 165. 



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1 

I 



102 Bmnhuld Steig 

AnppFi nn« iinrii tranken sein wannes Blut und Hessen nHit ab von ilim. hh er ohne 
Leben lag, und folgten noch mit gräMlichem Geschrei seiner Leiche, die in uage- 
veihtcr Erde Teneharrt wurde. A. P. 



Volkssage. ') 

Zn Wimpfen i«t p?n Ppp auf einem Berge, wovon folgende ?a<Tp przFIhlt wirrl. — 
Ein Knabe sah einmal auf dem See drei weisse Schwanen, er nahm ein Uret und 
fuhr ihnen oach. AI» er eine Stredke veit vom Uler entfemk wer, eeblug dee nn- 
flkbere Fehneng um, und der Knabe tank tioter. Er wasste nidit, wie ihm geschah, 

denn er sah sich in einem ])rilrhtipen Srhio-se, vor ihm stunden drei wunderschöne 
Juiifjfmnpn. Wip ksmpt du hieher? sprachen sie zu thm KmheU' Ich wollte drei 
weisse Schwanen betrachten, entgegnete er, und ich weiss nicht, wie es nur weiter 
gegangen ist Willst dn bei tun bleiben, epradi eine der Jungfrauen, so sey uns 
wiltkommen. doch daiist dn, sobald dn einmal drei Tage hier verweiltest, nie wieder 
in deine Ileimath zurückkehren, denn du würdest alsdnnn dich nicht mehr ;in die 
obere Luft tvw5hnpn k'VnnPi). und sterben nUissen. Der Knabe williirte jVöblich 
ein. Doch nach Jahreglrist fiihlte er eiue unwiderstehliche Sehnsucht nach seiuer 
Beimath, er wurde kraolt nnd hftnate sieh aasebends ab. Die Jangfrauen fragten 
ihn oft. was ihm fehle, allein er sagte ihnen nie den wahren Gmnd seiner Traurig- 
keit. Einmal war er in lifffs \:irli>innon verfallen, da trat eine hässliche alte Fran 
zn ihm hin iinrl spnu h ; wi'iiii du mir j^t'inlu'st. mirli zu heirathen, so führe ich dich 
in deine Ileiuuitb ;£urück. ^eiu, »pracli Uei Knabe, lieber will ich sterben, ohne 
meine Heimath wieder zu sehen, als meine Gebieterinnen hinteigehen nnd letrflgen. 
Kaum hatte er diese Worte ansgesiimihen, da standen die dni sdiwestein im 

Glänze ihrer Sthnnhoit vor ihm. Wi'il du so redlich bist, sprachen sie, so magst 
du denn wit'Jerkehr(eu zu den Deinigen. Als er am folgenden Morgen erwachte, 
sass er am Ufer des ^ee's, er erzählte seine Geschichte, alleiu niemand glaubte sie 
ihm. Gern wire er nun wieder mrackgekebri an den drei schAnen Jungfrauen, 
denn sie waren ihm nnvetgessUch. Er hatte keine Buhe, keinen Frieden, bekam 
das Heimweh ii.ich dem unbekannten (ielilde, in welchen er Tsnetat gewesen war, 
80 lieftig, dass er nach wenig Tagen starb. A. P. 



YolkBBage. *) 

In einem einsamen Wicseuthalü, nahe bei dem Flcck- u Neucakircheu iui Uden- 

walde, bemerkt msn ein stehendes Wasser von wenig Umfang, aber so tief, dass es 

schwer zu ergründen ist; filuT il»m rä imlc »ks kleinen GewässiTs hrinfien diu linli 

liebsten ^'ergi8smeinnichf, nml s]iii'Lii'lii sirli im klaren Spp. ( tft vcrweilto ich dort 
in den Tagen meiner Jugend, pliückte die freundlichen Blumen, und licss Steine au 
Fftden geknflpit, hinab In die Tiefe. Eines Tages begegnete mir dort ein altea 
Mütterchen aus dem nahe gelegenen Ortdien Breitenbronn, nnd eraftUte mir folgende 
Sage von dt m klcinpn Spp. 

Vor vielen Jahren stand auf diesiT Stelle ein Frauenkloster. In einer stür- 
mischen Wiutomacht nahte sich der Pforte ein wankender Greis und bat um Obdach. 



I) Badiaebe Woebenscbrift. Mr. 19. FVeitags den & Hai 1807. Sp. 903. 3<M. 

S) Badische Wochenschrift. Nr. 3. Freitags den 9. Januar 1807. Sp. 31. »9. 
Vgl oben 8.79. 



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Frao Aoguste Pfttdierg 



103 



l)ie {ronirirhliche Pförtnerin wies ihn mit liirfpn Worton ab; er flehte veriri'hena. 
Seihst die l^'orin und ihre Mitschwostern hlieben taub bei ?einpn Klagen ; nur eine 
Jungfrau, welche das Gelübde des Ordens noch nicht abgelegt hatte, bat hei den 
Obrigen (Bat ihn. Doch diese syottettn ihrer, und die Pforte des Klosters blieb dem 
armen Wanderer verschlossen. Dft berührte er mit seinem Stabe die Erde, und 
plotzlirli versnnk das Kloster in ihren gähnenden Schoos, der sich Flammen sprühend 
otTiiete . an der Stolle des prächtigen Gebäudes blieb zum ewigra Qed&cbtnisse der 
grundlose See. 

Die Xovice lebte im innigsten Verst&ndnisse mit einem der edelsten Ritter 

des Gaues, oft wandelte er in n8chtli( tier Stille zum einiimcn Kloster, und wenn 
alles rings umher in den Armen dos SchhimmiTs i.i?. sprach er durch d;is Gitter 
ihre'? Zellenfcnstcrs Stunden lang mit ihr. So kam er auch in dieser schrecklichen 
>«ucht, uui uiii der Gcliehtcn zu koseu. Von starrem Entgetzen ergriffen, erblickte 
er Attf dw verödeten Btille nirbt mehr die hohen Tbflrme des etnttliehen Kloeten; 
statt aller verschwundenen Pracht erscheint vor seinem Wicke jener geheimnissTOlte 
See. Laut kIai;oiid erholi iUt lütter seine Süinnir, rief den Namen der fJeliebten, 
dass er weit und breit wieder tonte, und sprach: nur noch einmal kehre zurück in 
meine .Vrme. Da veinahiu er eine Stimme aus dem See: „Morgen um die eilfte 
Stunde der Nseht Icehre wieder ni dieser StKtte, auf der Oberfläche des Wassers 
gewahrst du dann einen Faden von hlutrother Seide, nimm ihn auf und zieh ihn 
empnr." IMc Stimme verhallte, der Ritter schlich traurig nach Hause, doch um die 
bestim^tite Stunde kam er wieder und that, was ihn die Stimme geheissen hatte. 
Kaiuu zog er den Faden empor, da stand die Geliebte vor ihm. Das unergrüodlicbe 
Schicksal, sprach sie, das mich schuldlos mit den Schiddtgen versenkte, vergönnt 
mir, dich jeden Tag von der eilften bis zur zwölften Stunde der Nacht zu hegrüssen, 
nie darf ich die iHstimmle Zeit überschreiten, snnst siehst du mich nicht wieder, 
und ausser dir dart keines Mannes Auge mich erblicken, sonst schneidet eine un- 
sichtbare Hand den Faden meines Lebens entzwei. Lange setzte der Ritter leine 
nftehtUcben Wanderungen fort, alldn der Neid und die M issgnnst belausdite aeine 
Schritte. Eines Tages nahete er sich in einer mondhellen Nacht dem traulichen See. 
Doch achl sein klares Wasser war in Hlut verwandelt, bebend ergriff er den Faden, 
seine Farbe war verbleicht, und derselbe entzwei geschnitten. Da stürzte sich der 
trostlose JQngling hinab in die Tiefe und versank. Einsam, verödet, imbeiadie vom 
irrenden Wanderer, nur von wenig Meoadien gekannt, ist dieser abgelegene See, an 
dem Rande eines melancholischen Tannenwaldes, der seine dunkle Aste ausbreitet 
Ober den geheimaissvoUen Ort, der eiuat das Grabmabl der beiden Liebenden ward. 

A. P-g. 



Yolkssage. ') 

In der alten Burg Schwarzach lebte ehmals ein Ritter, seinen Namen hat die 
Tradition nicht aufbewahrt, dneh erhielt sie die Sage, dass er Idind gewesen sey 
und neun Töchter gehabt habe, welche so schön als tugendhatt gewesen seyen. 
AUe» worden sie aufiKeboien, alles, ja selbst ihre Schönheit nu^pürn haben, um 
ihrem Vater das Licht seiner Augen wieder au erkaufSsn. In einer benadibarten 
Walburg lebte damals ein Ritter, wild und finster waren seine Hlicke; verborgen 
lag seine Buig von hohen Tannen umgeben, schwarz war sie von aussen, wie seiue 

1) Badische Wochenschrift. Nr. 34. Freitags duu ll. August 1807. Sp.64a— 44. 
YgL oben fl. 79. 



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104 



Rrinhold Btoig 



Soele von innen. Vergebens stelUo er lange den schOnen Jnngfaucn nach, ihre 
Verachtung war sr-in wohlverdienter Lohn. Ergrimnit mhm er «^pine Zniincht znr 
schändlichsten List ; verschmähte Liebe eotäammte sich in seinem Her/.en sur bittersten 
Badiei Im erborgten Gewände eines Pilgers trat er eines Tages m den Jungfrauen, 
und venpcaek fluten ein nnlrflgliche« Mittel {(ir die geblendeten Augen ihres Yaters; 
er befahl ihneri, in oin^m nahe frrlo^ern'n TliiUc vnr ^^onnrnauf^Trinu' t-inc PH.inre m 
pflücken, die er iiinen anwiess; der iM'stimmte Ort war ein schauerlirb einsame'« Thal, 
von hohen überragenden Buchen und Kicben umgeben, die es nicht der Sonne noch 
dem Mond gönnten, das hohe Riedgraa an beicbeinen, ireldies der flachte Üoden 
bervotbraebte; daher nennt man «neb noch henle dieses Tbul die kilte Klinge. 
Am n?lrh<!tpn MorErcn, Innere vor S'onnon.iiiffrfing, enteilten A\e rUrflichen Tnrlitpr der 
Ruhe; sie gingen trohi'n Miithes dahin, um dem VatiT die heilsamen Krauter 2ru 
brechen. I)och nie kehrten sie wieder, denn der Kuehlot>e ermordete sie, und be- 
grub Ihre Leichttame im Odra unbesnehten Tbale. Der Tater, In VersveMong Ober 
den Verlust seiner Kinder, starb bald in* Hr im, und den M irdor forderte in sp-ltern 
Tagpn das Ppwusstseyn seiner srhrerkliidien Th.it /nr Sülmp ;t if; er stiftete in der 
Gegend ein Kloster, auch liess er die i..eichname der enoordeteu Jungfrauen wol 
dreissig Jahre nachher in geweihte Erde bestatten. P. 



Nachricht von einigen Volksfesten.') 

Mit ^'ergnügen erinnere ich mich mancher Volksbelustigungen, die ich in frühem 
Zeiten mit ansah; tief prägen sich dergleichen Eindrflcke in den Tagen der hann- 
losen unbefangenen Jugend in unser Gemfltii, und bletben selbst in apiltem Zeiten 

ein Eigenthum unserer Erinnerung. In meinem Geburtsorte in der Rheinpfalz steht 
eine Linde, ausgebreitet /iilieii sich ihre schlanken A^tp an Stäben in die Hohe. 
Unter dieser Linde versammelten sich ehedem an Sonn- tind Festtagsahenden die 
Jünglinge und llidchen des Dorfes, und sangen In harmoaisdiem Ehiklang alte 
Lieder und Bomansen. Noch jetat wQnidie ich oft die mir damals so lieb gewordenen 
Ges9nge wieder vernehmen zu können, nnd verweile gern bei dieser freundlichen 
Erinnerung. Jährlich, zur Zeit der Kircliweihe, feierten die Einwohner des Horfes 
unter jener Linde ein Fest; die Jugend versammelte sich des Nachmittags unter 
dem Baume, an einem Ast desselben ward dn Blnmenlcians brfestigt, die Jonglinge 
und HIdchen tansten nadi einw UndHeh einÜMhen Hosüc tm die Linde, nnd 
jeder höh sein Mädchen in die Höhe, wenn er an die Stelle kain, wo oben der 
Kranz hing. Welche« nun «o glücklich war, ihn zu erhaschen, dem ward ein mit 
I^lumen und Bändern geschmücktes L.amm als Preis zugeführt. Theilnehmend ver> 
gnUgten sich die Zuschauer an der Freude der jungen Leute, nnd an dem unter« 
haltenden Tanz. Jährlich ward dieses Fest, nur zuweilen mit einiger Abwediseluog, 
wiederholt; es wurden nündieh hi-weileii zwei seidene Tiicher Preis an einen 
/\st d<'r Linde gebunden, um welehe die Jupend t;<nzle. ohen ;nif dem Panm la>^ 
ein mit Pulver geladenes (iewehr, so wie nun der l&iu hegouueu hatte, ward ein 
brenoendor Lunten auf die Zflndpfanne gelegt, und das Paar, welches bei dem Knall 
der Flinte gerade unter dem Preis tanzte, hatte ihn gewonnen. 1. eider debt man 
nun dfp^e unschnidigen Ver^rniiffungen, diese Frulilichkeit atlnnenden Volksfeste nicht 
mehr; allein wie könnte auch in einem Zettalter, wie das unsrige, wo die KOnste 



I) Badische Wochenschrift. Nr. 15. Freitags den 10. Aprii 1807. Sp. 225. 226, 
Ygl. oben S. 77. 



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Fhui August» Pattbeig 



105 



dar Verfeinerung den LandmAon immer mehr seiner einfachen Sitten entwöhnen, 
wo der Besitz iinsiet «^rhwnnkt, und ein ewiger Wechsel das Loos hoher und niederer 
Stände täglich mischt und ändert, wie könnte d i der Sinn für die Freude zur Reife 
gedcibeu? Wann wird sie einst viederkehrcn Jene glückliebe Zeit, wo jeder iu Ruhe 
and Friedeo, am Bader des Staates sowobl, als am Pfluge, den PflichteD seines Be* 
rufcs mit ZumnUAA und Glaubon an beständige Daaer folgen und die Frflrhte »eines 
FWsses geniessett kann? A. P. 



Der Sommertag.*) 

Atif den Sonntag Lätare, gewöhnlich der Sommma? i^enannt, gehen an irtiinchea 
Orten die Mädchen von 6 bis 12 Jahren, mit Kr.mzen von Hiixbamn oder Kpheu, 
mit Blumen und Bändern geziert, im Dorfe, wühl auch uuswürls, von Uhus zu ilaus, 
und kOodtgen dnreb ibren Gesang den FrQbling an. Oft weben nocb nm diese Zeit 

die rauhen Stürme des Nords, nicht selten fallen Schiieenocken anf den grünen Krans, 
der die Nalu' tl^^^ Frühlings verkünden soll, und die Kinder gehen dennoch, treu 
der alten Gewohnheit, oft starr von Kalte, umher und singen: 

■ 

Ja, Ja, Ja, 

Per Sommertag ist da! 

Er kntit dem Winter die Angen aua 

Und jagt die Bauern sni Stube nans. 

Khdessen gingen alle Mädchen, reich und arm, ohne Unterschied nrober, und sangen 

ihren Mitbewohnern den Frühling an, jetzt aber i>t es l»los der ürmern Klasse über- 
lassen, und dieser schime alte Volksgebraiich i^t bis zur Bettelei herabgesunken. 
Folgendes Lied wird am ^ewolnilichsten an diesem Tage gesungen: 

Heut ist Mitten Fasten, 

Dft leeren die Bauern die Kasten, 

Tkiin sie die Kasten sdion leeren, 

Gott will was neues besdieeren, 

Im Sommer da deibeii die Früchte wohl, 

Da kriegen sie 8clieoerD und Kasten voll. 

Wo sind dann omre Knaben? 

Die den Sonunertag bdfen tragen, 

Sie sitzen wohl hinter dem Wengertsberg 

Und mbn ihre zarte HHndelein aus; 

Wir gehen jetst in das Wirtbshaus, 

Da scbant du Herr sma Fenster bsf au, 

Er schaut berans und nkdjer hinein, 

Er schenkt uns w;is ins Beutelein nein; 

Wir wimsflien dem Herrn ein goldenen Tisch, 

Auf jedem Eck ein backenen Fisch, 

Und mitten drein 'nein 

Eine Kanne voll Wein 

Da kann der Herr recht lustig seyn. 

Diese alle Gewohnheit herrscht um Ii hio und da in einigen Dörfern des Oden- 
wnldea und Meckarthales; seltener iat hingegen der sonderbare Gebrauch, nach 



1) Badische Wochenschrift. Nr. 12. Freitags den 20. März 1807. Sp. 177 bis 
180. — Vgl. oben 8. 80. 



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106 



Ueinhold Steig 



weicheiii Kiuibeii am KastnarUtsdipnstaij; mit ])n](ipnion Kajiiren rxuf nn'l hnJzprnon 
Säbelu ou der Seite, ott auch mit Schnauzbärteu im I>orte herum ziehen, und vor 
j«d«n Hanse so lange aehreton: 

Eier raus, Eier raus, 

Der Marder ist im Huhnerhaus. 

bis man iliiK^n welche giebt, die sie dann am Al»f'iul vorzi-liron oder verk;<nfrn. In 
dem Ort Neckarclz erhalten sich beide noch bis auf diese Stunde, auch ist dort 
Jährlich eine Volksbelnitigung, nämlich 

ilas Kierlesen. 

Die jungen F^nrsdio wählen jährli< li zwei aus ihrer Mitte, welche sie als Eier- 
leser bestimmen, und zwar jährlich aut deu Ostermontag. Die beiden gewählten 
sind zum Laufe lefeht aogethsn, ohne Bnisttach noch Wams, mit aufgeschOisieB 
Hemdftrmeln, w eissen Unterkleidern, und um den Kopf und di« I.ctulen tr.ijjen sie 
weisse Binlon; jcilor hat rine 10 Srlmh lanirc Hnsclperte in der Hand: so ziehen 
sie schon gegen l(i llir des Morgens im Dorfe auf und ab, und laden die Ein- 
wohner zum Eierleseu ein, welches gegen 2 Uhr anfangt. Jeder von allen ledigen 
Bunchen bringt 3 Ids 4 Eier mit auf die Wifsen am Rande des Kechars, alle 
tragen lange Ilaselgerten in den IMnilcn, nnn bilden sie zwei lange Reihen, in der 
Mitte diT'^fllif'n worden dio Eier, jedes pinpn Schritt vom andern entfernt, hin'^'elciit ; 
das Loos weisst jedem der beiden Liiuter sein (ieschal'i an, einer dersellien mu!>s alle 
diese Eier, eim nach dem andern, au einen bcstimmieu Ort zusammentrugen, iudess 
der andre nach Neckanimmem laufen, und von dort einen Weck mitbringen 
mnss. Welcher zuerst vollendet hat, der hat den Preis errungen, ihm gehtosn die 
Eier und die (iet^chenke. die die /iisi lianer freiwilHe; geben. Beinah immer trift 
es sieb, dass beide zugleich vollendet haben, und immer theileu sie Eier und Ge- 
sehrakf», fiihren am Abend ihre Mldchen aum Tanse, und macbon sfdi efamn frdien 
Tag. Die bnttte Hange der Zuschauer, die ^bst aus benaehbarten Orten beibel> 
kommen, sucht ihre fernere Unterhaltung beim Tsnzc oder bei der Flasche. Dieser 
Tag wird dem Wirth und dem Bäcker oft einer der eintrasritchsten im Jahre, und hat 
für manchen Zuschauer deu Reiz, den derlei alle Gewohuheitcu, trotz ihrer Einlör- 
migkcit, doch immer beibehalten; das oft Gesehene fdrd jedes Jahr soft neue wieder 
angesehen, nnd diese einfache nnschnldige Belustigung lässt nfe, wie so manche 
andre, den Stachel der Beue surOek. A. P. 



An meinen Freund — tz in C.*) 

Sey gegrüsst im neu vereinten Lande! 
Du, den an des Nednis stillem Strande 
Einst so mancher Edle liebgewann; 

Den auf einem wandelbaren Ptade, 
KerTi von unserm Inedlichcn «iestade, 
Wahre Freundschaft nicht vergessen kann. 



1) Badische WocheoschrifL Nr. 44. Freitags den 80. Oktober 1807. Sp. 701. 702. 
Vgl oben 8. 77. 



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Fntt Aaginte Fattberg 



Peiaer daikm wir beim frohen Ibhk, 

Hier in nnserm anmiifli'^vollen Thalc», 
Wo uns gleicher binn verbunden hat; 
Uenkeu Deiner auf dea gruoeu Auen, 
Wenn vir noch im Gebt dich wandeln idianen 
Jenen Pfad, den eonit ddn Fuss betrat 

Siehst du auä dir Fcruc noch im Bilde 
Unerer Fluren blühende Gefilde, 
Und die Gnten, die dn hier gekannt? 
Denkst du noch der i^nen RebenliOgdt 

Und wie zu dos Neckars helh-m Spiegel 
Sich der Ehebach dunkle Welle wand? 

Wetiet dn, wie dei Abendtchimmen Oluten 
In dee Flnesee somt erregten Fluten, 

Spiegelnd oft der Wiederschein bewegt? 
Siehst den Nebelduft vorüberwallen, 
Höi-st die fernen Abendglocken hallen, 
FttUet difl Abnnng lefi* in £r erregt? 

0 dann denken wir mit dem Gefühle 
Stiller Trauer dein, und sehn dem Spiele 
Eitler Thoren und dem Schicksal zu; 
Wenden dann mit Wehmuth unsre Blicke, 
Bald an der Tergangenbelt anrHeke, 
Bald voran nun dnnklen Ziel der Rnh. 

Bei so manchen nameniosea Leiden, 
Reicht Erinn'rung ihre stillen Freuden, 
Und allmibUeh aclivindet nneer Ldd. 
Hoffnung mit dem roiigten Gewände, 
Leitet uni am gotdnen (iilngelbande 
Zu dem Tempel der Zufriedenheit. 

Holde CMttin! wandte mu zur Sdti, 
Da, in deren frenndlichem Geleite, 

Manche Trauer unscmi Blick entflieht; 
Und wenn einst die lezten Stunden schlagen, 
Soll dein Fittig uns hinüber tragen, 
In das Land, wo man aidi wiederalebt. 

Nimm der Freunde Grnssl vom Neckamtrande 
Folgt er dir zum neuen Vateriande, 
Und umfiüstert »antt den Biedermann, 
Den anf «tillem abgewandtem Piade, 
An des Keckars blähendem Gettad^ 
Einst die leinsie F^nndedwft liebgewann. 



Rdnhotd Steig 



108 

K<? 'Stellt ein Baum im Odenwald, 
Der hat viel grüne Ast, 
Da bin ich wkm viel tftntaid mM 
Hei meinem Sdiai gewcst 

Da %vtt eiu schöner Vogel drauf, 
Der pfeift gar wandettchta, 
Ich und mein Schü/Iein lauen enf, 
Wenn wir mitnander gebn. 

Der Vogel sizt in meiner Ruh 

Wolil ;mf (If'tii liiicli-ti'n Zweitr 
Und schauen wir diiii Vogel ZU« 
So pfeift et alläu gleich. 

Ba]d gTM ich nm Nedtar, 

Bald gras icU am Rhein, 
Haid Irnh ich ein SchAtself 

Uald bin ii'li alli'in. 

Was hilft mir das Grasen 
Wann liie Sirhel nit sdincidt, 
Was hilti uiir eiu Schatiiel, 
Wenn'e bei mir nicht bleibt 

So 80II ich dann grascu 
Am Nedcer am Rhein, 
So werf ich mein goldiges 
Ringiein iiinein. 

Ei fliouet im Neckar, 

Und Hiesset im Kliein. 
Soll schwimmen hinunter 
Ins tiefe Meer u'eia 



So viel Stern am Himmel stehen, 
So viel Schäflein als da geben. 
In dem grflnea Feld, 

So viel Vögel, als da tliegen, 
Als da bin and wieder fliegen: 
80 viel mahl sei du gegrOsst. 



Der Voire! ?izt in soinem Nest 
Wohl auf dem grUnen ttaurn. 
Ach Sehlaal hin ich bei dir gVest 
Oder ist es nur «n Tnum? 

Und als ich wled'rtun kam zu dir, 
Gehauen wer der Baum, 
Hin andrer Liebster steht bei ihr, 
0 da ferfluchter Traum. 

Der Baum der steht im Odenwald 

Und icli lin in der Scliweiz, 

Da Hegt der Schnee, und ist so Icalt, 

Mein Herz es mir zerrcis^t. 

Und schwimmt es des Ringlei», 

So fri>^t ('S ein Fisch, 
Das FischU'in soll kommen 
Aufs KAni^r sein Tisch. 

Der König thät fragen, 
Wem« Hinplein soll seinV 
Da thät mein Sch&z sageu, 
Des RingMn g%Ort mein. 

Mein Schilzleiu that springen, 
Berg auf und Berg ein, 
Thftt mir wiednun bringen 
Das GoldRlnglein fein. 

K«nDst grasen am Neckar, 

Kannst grasen am RbeiD, 
Wirf du mir immer 
Deiu lUnglein bioeio.-) 



Soll ich dich dann nimmer sehen — 
Ach das kiuin ich nicht verstehen, 
0 du bittrer Scheidens Schlnssl 

Wür ich lieber schon gestorben, 
Eh ich mir efai Schas erworben, 
Wftr ich jcso nicht betrabt 



1) Aus der eigenhändigen Niederschrift der Krau Pattberg. Darnach ohne 
Abweiehnngeo in Des Knsbmi Wmiderhem 8, 116 mit der AuAdnift «Aus dem 
Odenwald*. 

S) Aus Des Knaben Wunderhorn 2, 15 mit der Auftdirift 

Rheinischer Biinde«rin?. 
(Mitgcthcilt von Frau von Pattberg.) 
Den Klammerrermerk ersetste Erk in der Kenbeaiteitnng 2, 18 durch die Angabe 
»(A. ▼.Arnims Sammlung)*', hier und in Erks Deutschem Liederhort S. 232 die 
Varianten: Str. 3i<s ,Wss bat mich"* und Str. 3^ ,,sch6nes** anstatt ,gold^ges^ 
Vgl oben S. 84. 



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100 



Weiss nicht, ob auf ilieser Krden 
Naih viel Trübsal und Beschwerden 
Ich dich wieder sehen soll. 

Was für Wellen, was für Flaroineo 
Schlagen Uber mir ausaounen. 
Ach wie gros ist neiue Noth! 

Mit (»odiild will ich es trageOj 

Alle Mor^^en will ich sagen: 

0 mein Schai, wann kcnmntt m mir. 

stehen die Sternlein am Ilimnid 
Es scheinet der Mond so bell, 
Wie reuthea die Todten so schnell ; 

Mach auf mein Schaz deiii Femter 

Lass mich m dir liiiiein 
Kann nicht lang bei dir sein; 

Der Hall II der tliut schon krftbra 
Er 8Tnt;t uns an den Tai^, 
Nicht lang mehr bleiben mag. 

Weit bin ich hergeritten, 
Zweibuodert Meilen weit, 
Matt idi noch Traten heat; 

Herzallerliebste nipfn! 

Komm sez dich aut mein Pferd, 

Der Weeg ist reateoswertb: 

Dort drin im UDgerlande 
Hab idi ein Ueines Hanw 
Da geht mein Weeg hinana, 



Alle Abend will ich sprochen, 
Wenn mir meine Anijlein brechen: 
0 mein ScUaz, gedenk an mich. 

Ja ich will dich nirlit vergessen, 
Wann ich goilie unterdessen 
Aaf dem Todbett schlafen ein, 

Aut dem Kirchhof will ich liegen, 
Wie das Kindlein in der Wiegen, 
Das die Lieb thnt wiegen ein. ■) 



Auf einer grflnen Haide 

iJa ist mein I!au3 gebaut. 
Für mich und meine Braut, 

Lass mich nicht lang m^r warten 

Komm ächa^ zu mir herauf. 
Weit fort geht unser Lauf; 

Die Sternlein ihun unä leuchten, 

Es scheint der Mond to hell, 

Da reuthen die Todtcu so gchnell. 

Wo willst mich dann hin fahren? 
Ach Gott was hast gedacht 
Wohl in der finstern Nacht, 

Mit dir kann ich nicht reuthen 
Dein Betilein ist nicht breit, 
Der Weeg ist auch an weit, 

Allein leg du dich nieder, 
Henallerliebster adUaf 
Bis an den jOngsten Tag.*) 



1) Aus der eigenhändigen Isiederschhtt der iruu August« i'atibeig. Unver- 
ändert in Des Knaben Wunderhorn 2, 199 bl« 200 mit der Aufschrift .Gruss. 

(Mündlich.)", wofür in Krk» Neubearbeitung 2, 198 „Gruss. (A. v. Arnims Samm* 
lun^^'.)" ; indessen ist hier ^vfp im Deutschen T.iedcrhort die Henichtung alleiniges 
Werk i.udwi^^ Krks. Vgl. liirlinger und (Jrecclius 2, !8t. 

2) Aus der eigenhändigen Niederschrift der i<rau Pattberg; auf dem Blatte 
Bind £plgende Änderungen Brentanos ersichtlidi: 

Str. 1. El stehn die Stern am Himmel Str. 9. Die Sternlein thun uns leochten, 
Es scheint der Mond so hell, Es scheint der Mond so hell, 

Die Todten reiten schnell : Die Todten reiten schnell. 

Nach dem so geänderten Manuskript in i)e8 Kuab,;:n Wunderhoru 2, 19 mit der 
Anhcfanft: Lenore. 

(Bfliger bdrte dieses Lied Nachts in elnrnn Nebcnsimmer.) 
Abf^esehen von der äusseren Schreibung, weicht der Druck nur in „thftt* (Str. 3 
„meine" (Str. 5 ') und „Weil" (Str. s ') von der Handschrift ab. In Erks Neubear- 
beitung 2, 19 zur Überschrift aocli der Zusatz „Aus dem Odeuwalde". Siehe Bir- 
linger und OeeeUns 3, 263. Vgl. oben S. 85 ft, Jflngst komponiert von August 
Bnngnrt: Neue Volkslieder nach altio und neuen Gedlcbtsii Op, 49, Nr. 70. 



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110 



RdnhoM Steig 



Ei Ei^ wie scheint der Mond lo hell, 
Wie scheint er in der Nacht. 
Hib am frflhcn Morgen 
Udm Sdies ein Lied gemacht. 

Ei Ei, wie -cbeint der Mond 80 hell, 
Ei Ei, wo scheint er hin. 
Meia SebM hat eile Morgen 
Ein andern Sdias Im Sinn. 



Ei Ei. was srhoint der Mond SO hell, 
Ei Ei, was scheint er liier. 
Er eehdnt j« aUe Morgen 
Der Liebsten tor die ThQr. 

Ei Fi. wfis scheint der Mond so hell, 
Ei Jungfer, wann ist's Tag? 
Es geht ihr alle Hoifsn 
Ein andrer Fkeier nach.*) 



Vögel thnt eoeh nicht verweilen, 

Kommt eilet schnell hprrii. 
Wolfe höret auf /u heulen, 
Denn ihr stöbret meine liuh. 

GH^tter kommt und heUk mir klegen, 

Ihr sollt alle Zt iippn sein, 
Dürft ich es den l.Uften sagen 
Und entdeken meine Pein. 



Wehet nur ihr aanfte Winde, 

RSchIcin ran<?rhet nicht so sehr, 
Fliesst Mild wehet jezt (lelinde. 
Gebt docli ineineui Leid üehur. 

Äst und Zweige thnt nicht wankco, 
BSiini und Bl.ittcr haltet stillt 
Weil ich jer.o in Gedanken 
Euch mein Leid entdecken will.-; 



Grabschriftöii, 
abgeschrieben auf einem Kirchhof im Odenwald. 



1. 

8o ist dann nichts in dieser Welt, 
ist nichts in deiner Eltern Tbr&nen, 
Das dich o Klndl snrtteke hSlt? 
Hilft dann kein Sehnen? 
0 Herzeti-iil! o hiirtes Wort! 
Jezt gebt die Kreud und Hoffnung fort; 
0 Engel Kind, wie manche Zeit 
hat vom dein angenehmee Lieben 
Verkürzt — und uns erfreut: 
Nun will der Tod nns so bctrübfn, 
Ach! unser Herz vor Jammer bricht, 
Weil Bchon die BImn verwelket ist 



2. 

W elt gute Nacht, behalt das deine, 
Lass mir Jetum als das meine, 
Denn von ihm will lassen nicht. 

Behüt ench Gott, ihr meine Lieben, 
Lasst mriii'n Tod euch nicht betrüben, 
Durch den mir so wohl geschieht. 
Heine Leiden sind vollbndit, 
Drum gute Nadit 
Wollt ihr euch nach mir sehnen, 
Ach sliüet eure Thr'tnen, 
Weil meine schon gestillet sind, 
Jesus wisdit sie von den Wangen. 
Jest wwd icb dm Kxaiis empAuigett, 
Den mir der Heiland selber band, 
Und was er macht, ist gut gemarht, 
Drum sag ich der Welt gutuacht. 



1| Aus der eiirenbändigen Niedersrhrift der Kr;ui \ neuste Pattherp. In Des 
Knaben Wunderhurn 3, 23 bis 24 mit geringfügigen Abweichungen und der Auf- 
schrift „Ey! Ey!- 

2) Ans der eigenbindigen Niederschrift der FVan Auguste FattiMtg. In den 
Knaben Wunderhom S, S29 mit der Aufschrift „GedaakeQsUlle*' und dem zwiefachen 
Versehen »lied* anstatt «Leid" (Str. 8« nnd 4 <). 



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Pna Auguste Pattbaig 



III 



3. 

Lie]»i' VMvrn gute Nacht! 
ich soll wicilrurn von euch scheiden, 
Kaum war ich zur Welt gebracht, 
Hab genossen keine Freuden, 
So koiiiiiit schon der Tod herein^ 
FiUirt mich ins Gnih hinein. 
Ehern hört nur auf zu klagen, 
Lasset mich mit Jesus sagen: 
Kttn Gottlob es ist vollbndit, 
Eltern leb ssg gute Naebt. 



4. 

Bald h ih ich ausgekilnipfet, 
Seh schon das End des Kricg's, 
SUnd und Satan ist gedätnpfet, 
Frieden ist die Frucht des 8ieg*i^ 
So ich ;dlbereits genlese; 
Frieden wie bist du so 
Ich (hs Kleinste von di'n (ilieder, 
Geh sehuu fort, doch uicht allein, 
EUsm, Sehvesten, alle Brflder 
Werden auch bald bei mir sein; 
Weil wOnschen, bitten, weinen. 
Dass ihr Tag mag bald erseheinen. 

5. 



Was hilft dich, Mensch, dein kunes Leben 
and die Freud auf dieser Welt? 

Denk, d»ss du einmahl tniisst sterben, 
Alles vergehet und zirf-ült. 
Heut stolzierest wie ein Doggen,'; 
Tngst ein grünen Rlumenstranss; 
Moflgen lent' man dir die Glocken, 
Trftgt den Leib sun Haoss hinaus.*) 



0 allerschOnstes Jesuleiu, 
Du Pragprisrhc?, lieh nnd klein, 
Klein an Gestalt, gross in der Macht, 
Wie in Erfabmiiis sdien gebracht 

Du Zierd des gun/eu Erdenreich, 
Mit deiner riült nicht von uns weich. 
Weil du y.u uns ankommen bist, 
Demathig sey von uns gegrassl. 

Du kommst zu uns aus Rfthmen Land. 
Ach, mach dein Hulf auch hier bekannt, 
Wir fallen dir zu Füssen all. 
Dein Gnad uns asige OberalL 



0 allerschönstes Jesulein, 
Wio könnt es denn doch möglich sein, 
Dass man so wenig dich geacht, 
So lang didi in Vergessung bracht? 

Sieben Jahr dauerte dein Elend, 
Zerbrochen wurden dir deine Iländ, 
Bis endlich deiner Gnaden Strahlen 
Auf dnen treuen IHeaer gebllsn. 

Der ohngefahr zu Prag ankam, 
riwl dein Abwesenheit M-ahmabm} 
LirUlus wäre er genannt, 
Dem deine Gnaden schon bdkannt. 



1) ein gewöhnlicher Ausdruck statt Pappe. (Bemerkong der Frau PattbeigO 

2} Aus der eigenhäudi^en Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Die vier 
ersten Zeilen von Nr. fl.iohe Klfem — keine Freuden) und die sechs letzten von 
Nr. 4 (Ich, das Kleinste eurer Glieder — mag bald erscheinen) zu einem (Manzen 
verbunden in den „Kindcrlicdern" des Wunderhorns S. 2a, mit der Aufecbrift: »Auf 
dem Grabstein ehies Kindes in einem Kirchhof im Odenwald." 



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112 



Reiobold .Steig 



Br MMbto dtck fläch dam Sehi^ 
DardigshH all» Ort nod Pias, 

Verworfen durch der Juden List, 
Kindt er dich unter St«nb und Allst. 

Mit Jnbel md andi Haraent Freud 

Er dich erblicket hat mit Freud, 

fJrftssfn ilir]i tnit Ht^rz und Mund, 
Nicht gnug dich bedauern kunt. 



Nadi Möglichkeit th&t er dich ehren. 
Er nraiste aaeh Ton dir anlrikreii: 

„Gebt mir nur meine Hüodelebi, 
»So geb ich euch den Segen neiii.* 

1)ici mutt die gaaae Prftger Stadt 

Bekennen, die's erfahren hat, 
Wie du vom Schweden sie erlögst, 
Der in ihr feindlich war zuerst. 



Auch zu der grossen Pesten Zelt 
II:isl da sie von der Pest befreit, 
(I Jesuicin streck aus deine Hand, 
Batcbfla das liebe Vaterland.') 



„Zwei Tilg darf ich noch bleiben, 
Kommt nn der dritte Taj?. 
So muss ich von dir scheiden, 
HeraaUerliebater Sehas.* 

„Wann kommst du wieilcr beime, 
Herzallerliebste mcinV" 
•Weon^s schnwt rothe Kosen, 
Weim*B regnet kflblen Weto." 

<;olinPot Jicinc Rnspn. 
Und regnet aix h kein Wein, 
So kommst du auch nicht wieder 
Henallerliebete mdnl* 

(leh ich ins Vators Harten, 
Will sehn wn l?nscn sein, 
Leg ich fflicii um und schlafe, 
Auf rotbon Nigelein; 



Da th&t es mir wohl triwtten: 
Es regnet kühlen Wein, 
Es schneet reihe Hosen, 
Hein Sebaz kin «ied'kani baim. 

Als ich erwarb vom Schlafen, 
Da liegt ein tiefer Schnee, 
Da blühen keine Rosen, 
Hein Scb&zldn ich nicht aab. 

Ein Ilaus^ will ich mir Ktueo 
Dort auf der hohen Höh, 
iiuiiii ich mein Schaz anschauen, 
Dana adimelst der liefe Sdinae; 

Dann MtJhen rothp Rospn. 
Dann trink ich kühlen Wpin, 
Werd auch (ien Wind uictit i>pübren 
Bei meiner Liebsten fein. 



I nfi wann das Han-;^ L'i-baut ist 

Wer wohnet mit mir drin? 

Wauu d' wieder konmtüt nach dreissig Jahr, 

Findet mieb allein darin.*) 

1) Ana daa Knaben Wnndarliora 2, 187 Ua 18S, wo die AuCschrift lautet; 
»Das Prager Lied, 1636." 

2} Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Eine in 
dem Personenverbältnis abweichende Uestaltung in De» iinaben Wunderhora ^ Sil 
bis 222 mit der Aufschrift: 

Wo'a acbneiat rothe Roaeo, 
Da regnet'a Tbrftnen drein. 
(Mnndlich.) 

Vgl. Birlinger und Crecelius 2, 75; oben S. 84. 



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ftm Auguste Fattbe^g 



113 



Am Sonntag Moign in aller Fhih 

Da kam mir eine traurige ßottschaft zu, 

I>icweil mein Schaz hat Urlaub genonunen; 

WaQQ werd ich einstmahls wiederum zu ihm kommen? 

Er will midi mcfat veriaaten in Ininer Noth 

Und wUl nicfi treoUch Heben bis in den Tod, 

Mit Freuden bin ich aus, mit Tranern heiin gegangen ; 

Wanm mnee ich Dich Teriasen, mein dnsigee Verlangen? 

Ich wollt es wiiro wahr, ich lag im kflhien Grab, 
So käm ich docti von alle meinen Leiden ab, 
MH Tranem moaa ich inbringen meine Zeit, 
Ditweil ieb nickt kann haben waa mein Hees erfreut. 

Sehau an mein bleiches AngeBidit« 

Schau wie c«; die Lieb hat zugericht, 

l)a8 Feuer auf der Knl das brennt nirht so lieiss 

Ais wie die Lieb im ilerzeu, die niemaud weiss. 

Idk wollt Dn IcOntBt bei meiner Begrftbniei «ein 
Und mnait micb helfien legen ins Grab liinein, 

Ich wollt du musst mich helfen tragen in dos <irab, 
Dieweii ich dich von Herzen treu geliebet bab.*) 



Bonumze. 



Es war einmahl ein sehOoer Knab, 

Der liebt sein Liebchen bis ins Gr«b, 
Sieben Jahr und noch viel mehr, 
Die Lieb die nahm Icein Ende mehr^ 

Der Knab reiset in ein fremdes Land, 

Da ward sein Allerliebste kranir, 

Krank und kränker alle Tag. 

Drei Stunde lang kwn Wort metur spradi. 

Und ala der Knab die Bottacbaft bOrt, 
Ihn die Kflmmemiss venehrt, 
Und er Hess sein Haab und Gut 
Und schaut, was seine Liebste thnt. 



Er greift ihr Ideslleh an den Ana, 

Der war schon kalt und niditmehr warm: 
«Bringt mir geschwind, geschwind ein 

Lirht, 

Sonst stirbt mein Schaz und äiebi mich 

nicht* 

«Gross Gott, Orflss Gott, nein schöner 

Knab, 

.Mit mir wirds heisen in das (»rah, 
Auf meiaeui Grab da stellt eiu Stein, 

Da soll darauf geschrieben sein, 

Da soll darauf geschrieben sein, 

Dass wir die zwei allerliebsten sein, 
Dass du mein allerliebster Ivnab 
Micb treu geliebt hin m das Grab." 



1) Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Attgoste PaUberg. AnkÜngend 
an Des Knaben Wunderhom 2, 201 und 3, 17. 

MAOB IttlDBLB. JAURBUBCHBH VL 8 



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114 



fitinhoM Steig 



„Wirst (hl mein Srlutz, ^«^stoihen sein, 
Dsnii will ich auch ins Grab hinein, 
I>aiin treig ich stets da schwarzes Kleid, 
Znm Zeiebeu mänm Tlranrigkeit"*) 

Ballade. 

Bs reitet die Gräfin weit aber in Feld 

Mit ihrem gelbhaarigcn Tochtcricin fein, 
Sie reiten «ohl in des Pfalzgrafen sein ZAi 
Uod wollen fein frühlich und lustig »eyn. 

Frau Gräßn, was jagt ihr so früh schon IdnAiiS? 
0 reitet mit eurem fein f.iebchcn nach Hiius. 
Der Pfatzgraf kommt selber gleich zu euch hinab, 
Sie tragen ihn molken hinunter ins Orab: 

Es hat ihn ein Ivugel so tödlich verwuudt. 
Da starb er sogleich iu der nämlichen Stund, 
Da eeUckt er den FlrAnlebi ein Rlnfeldn Ma^ 
Seil seiner beim Sdielden nocli eingedenk teyn. 

Hat dicb, o Pfolsgraf; die Kogel getrofTen« 
WAr idb Tiel lieber im Neckar ersoffen: 
Trägt man den Liebsten nm Kirdiliof herein. 
Steig ich wohl mit ihm ins Brautbett hinein. 

Will reichen ihm meinen jungfräulichen Kmni, 
Will sterben und scheiden von Oflicr und Glanz; 
Lieb Mutter setz du mir den Kranz in das Haar, 
Anf dass ich tehOn ruhen kann auf der Baar; 

Steck mir an den Finger das iiingelein fein, 
Es mit mir soll liegen ins Grab hinein, 
lan tchneewetoae« Hemdelein xieh du mir an, 
Anf dasB ich kann sdüafen bei meinem Mann. 

Auf Töditerleine Grab eellst legen ein Stein, 
Dtanf sollen die Worte geschrieben seju: 

Hier nihot der l't;i!zgraf *) iiiul seine Br;iut, 
Da hat man den beiden das Urautbett gebunt. 

] ) Aus der eigenhändigen Niederschritt der t rau Auguste Pattberg. Eine Nadt- 
nnd Umdicbtung, wahrsfdieinlieh von Frau Pattberg eetbst (vgl. oben S. 76), in Dce 
Knaben Wonderkom 3^ 34 bis 36 mit der Anfsckriit «Die gute Sieben. (HflndlickX* 

?) Wahrscheinlich des Kurfürsten Philipp Wilhelms Sohn, Pfalzgraf Friedrich 
Wilhelm, gehören den 20. Juli welcher am 13. Juli 1689 vor Mains erschoisen 
wurde. (Anmerkung der Frau Fattberg.) 

3) Badiiche Wochenschrift, Nr. 6, Freitags den 6. Febraar 1807, Sp. 95. 96. 
Daraadi ohne Herfcunftsbeieichnung, mit gefiagRig^n Abwdehnngen in Des Knaben 
Wunderhom 2, 2(12, wo die Aufschrift „Der Pfalzf^^raf-' lautet und unmittelbar hinter 
ihr formell ein wenig geändert die Note über Geburt und Tod Friedrich Wilhelms folgt 



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Fna AugnBfo PattUrg 



115 



Nun ade, jetzt reiss idi fort 

An ein fremdes Ort, 

Mus8 von dir scheiden, 

Soll deiner nadtfii. 

»Ach mm scMdst 0a dann mir? 

Wann seh ich dich viednim hier?" 

Im p-fincn Garten 

Will deiner warten. 

Im grflnen Klee 

Ich b«{ dir steh. 

Es hiihens gpgnngon 

Drei Hammerschniiedsjuugen, 

Zur gnten Nacht 

Haben sieli gebmehtw') 



Hab ein BrAonMa mal gesehen, 
Draus th&t fiiesscn lauter Geld, 
Tliaton dort drei Jungfern stehen, 
Uar 80 schön und gar so hold. 

Thäten all so ?.n mir spredien: 

Trinkst du aus dem Prünnolcin, 
Kriegt dich einer t>ei dem Klagen, 
Wirft dich in den Brunnen n'ein. 

Ihr schön Jungfern küiinlioh glaubet, 
Will den Durst nicht löschen hier, 
Wenn die icbonste mir erlanbet 
Einen «roten Kues alUifer. 



Dieee mit den adivarsMi Angen 
KQss leb gern, tran aber nidit; 

Sie kann nur zum Zanckea tatigen, 
Aber zu der Liebe nicht. 

Diese mit den grauen Augen, 

Diese falsche m;»g ich nicht; 
Kanu allein zum Kuppen taugen 
Krazt den Buhlen ins Gesicht. 

Diese mit den Matten Augen, 
Diese küss ich gar zu gern; 
Dteee kann sor Uebe taugen, 
Diese gleiebt dem Morgenetern.*) 



Dort o!)en auf dem Berge 

Da «steht ein hohes Haus, 
Da llioRoii alle Morgen 
Zwei Turteltäuhicin raus. 

Ach wenn ich nur ein Täuhlein wftri 
Tliit fliegen aus und ein, 
Thftt fliegen aHe Moigen 
Zn meinem Sdiaa lilnefn. 



Ein Ilauss irollt idi mir bauen, 

Ein Sto(k von grünem Klee, 
Mit Buxbäum wollt ichs deken 
Und rothen Mügelein. 

Und wann das Hans gebaut wir, 
Bescheert mir Gott was nein, 
Mein Scblaelein von achtzehn Jahr 
Das floll mein Tftablein aein.*) 



1) Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Puttherg; einzelne Anklänge 
in Des Knaben Wundcrhom l, 205. 

2) Des Knaben Wonderhom 3, 70, wo die Anfscbrift lautet: 

Der Brunnen. 
fMili^etheilt von Fran von Puberg.) 

3) Aus der eigcnhimdigen Niederschrift der Frau An<»uste Pattber^'. In den 
Kinderliedem des Wunderhorns 'i, 93 mit der Aufücbrift „Ach wenn ich doch 
ein Tftnblein wir* und folgenden Verwandelal^pll: »Zu meinem Braderlein** 
(Str. 2 <) und „Ein Meines, Jdelnes Kindelein* (Str. 4 anstatt der vorletsten Zeile). 
Vgl. oben S, 97. " 

8* 



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116 



Reinhold Steig 



£ia Mägdlein ging sitazieren 
SiMud€f«ii durch den Wald, 
Ik^regaei ihm ein JIger, 

ja Jager, 

Mit einem grönen Kleid. 

«Adi da mein lieber JIger, 

Geb da mir einen Rath." 
„Den Rath will ich dir geben, 

ja geben, 

Geb mit zum kühlen Bier." 

«Warum denn nicht zum kahlen Wein, 

Anstatt mm kühlen Bier?" 
„Das thu ich dir zu Liebe, 
ja Liebe, 

Well du mdn Schai Mlbt eeln.* 



«Ich irag uach keinem Schaz mehr, 
Aneh nicht nach Bier und Wein, 
Ins Kloster irlll ieh gehen, 

ja irohen. 

Will eine Nonne sein/ 

Und eh sie vor das KloelM' Icoonnl 
Wohl auf dem hOcbiten Beig, 
B^egnet Ihr die JOngste, 

ja jüngste, 

In einem weisen Kleid: 

Ei willst dann du schon eterfaen, 

Und hht doch noch so jung? 
So miisH mau dich begraben, 
begraben, 

Dort nnter'ni Boeaoarin.*) 



Soll icb. dann steiben. 

Bin noch so jung? 

Wenn das mein Vatter wüst, 

Dass ich schon sterben müsst. 

Er thät sich kränken 

Bis in den Tod. 

Wenn es dlo Mutter wüst, 

Wenn es die Schwester wAit, 

Tlifiten sich härmen 

Bis in den Tod. 

Wenn es nein Midel wftf t, 

Dass ich schon sterben möBt, 

Sie thät sich kranken 

Mit mir ins Grab. ^) 



„Schün Schaz, willst mit mir kommen? 
Wir wollen spazieren gehn, 
Schöne Blumen sollst du sehen. 
Der Garten ist schon auf. 

Die schönste in dem Garten 
Die brech ich dir wohl ab. 
Die halte du in Ehren 
Bis in dai kflhie Grab. 



Niir eine nnd sonst keine 
Steht hier auf diesem Pias, 
Das biat du, mein Cathrindien, 
Mein anserwfthlter Sdias; 
Komm mit in kühlen Schatten, 
Da hast du meine Hand, 
Ein Küsslein mir erlaube 
Und schenk zum Unleipftnd.* 



1) Aas der dgoihändigen Miederschrift d«r Fna Auguste Pattbeig. 

%) Aus der dgenhiadigen Nledersdirift der Fran Aoguste Pattbeig. Unwer* 

ändert in Des Knaben Wunderhorn 2, 21ö mit der Aufsrhrlft: .Rac&fall der Krank» 
heit", wofttr in Erka Neubearbeitung 2, 217 »Jung sterben". 



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¥tm Auguste Putiberg 



117 



.Mit ddnen ManlerMi 

Bill ich gar wohl veignOgt, 
Je Öfter als du kommest, 
Je Heber mir es ist; 
ich gebü dir 's Händlein 
Du Hene aach dabei, 
Und bleibe dir auch iininer 
Und ewig gelxen.* 



Die Mutter sagt nun Jfiger: 

„Was bildst du dir dann ein? 
M< inst du dann, mein Cathrinchen 
Schcukt dir ihr Herzeleiu? 
Juog ist sie noch von Jahren, 
Was bildest da dir ein, 
Must noch gor viel erfahren, 
lat viel m jvag und klein." 



„Ach nein, ach nein, Cathrinchen 
Ist ja nicht mehr zu klein, 
Je netter das lAAdien 
Je lieber soll mirs sein; 
Was helfen mich die grotSD, 
sie sind &o ungescbikt, 
Sag selber du Cathrinchen 
Bist nicht in nidi fwUebk?* ') 



Ab es war am Abend spath, 

Her Jonggesell tratt auf die Gassen, 

ja Gassen, 
Er gebt vor ^ Lieb Sdilafklmmerlein: 
«Sdittniter Sebas steh mir anf 
Und lass mich 'nein, 
leb will beut bei dir schlafen, 

ja schlafen." 

«Was wär6, wenn icli dich auch 'reiu 

lass — 

Bei mir sdiat du nicht schlafen, 

ja schlafen. 
Es mögten eins oder zwei im Winkel 

atehn, 

MAditen mir oder dir anf UngtOek lebn, 
MOehteii midi oder dich verrathen, 
ja ratben.* 

Und als en war um Mitternacht, 
Der Wächter tratt auf die Gassen, 

jn Oassen: 
«Steht auf, steht aaf^ Ihr jange Lent, 

Wo eins oder zwei beisamm leit, 
Der Tag kommt schon zu schleieben, 
ja schleichen." 



Das Mftdiein das war nicht zu faul, 
Sie spiingt sum Knmmerladen, 
ja Laden: 

»Bleib liegen msin Rerstattsaidw Schai, 
8ind noch drei Stflndlein bis an Tag, 
Der Wftchter hat uns betrogen, 
betrogen.** 

Als es war am Mortren fruli, 
I>aä Mädleiu liohlt ein Waäser, 

ja Wasser, 
Begegnet ihr dersclbige Knab 
Der heut hei ihr t't lr?^t>ri bat, 
Und wünscht ihr eiu Gutmorgoi, 

ja morgen: 

„Qnten Tag du mein Herstansender Sehas, 
Wie hast heut Kadrt gaachlallBn? 

ja schlafen? 
,Ich hab f»e8chlafen in deinem Arm, 
Jetzt bin ich weder kalt noch warm. 
Mein Ehr hab ich versdilafen, 

ja adilafm." 



1) Aus dur eigeuiiaudigeu Niedei-schril'l der i rau Augutile l'aUberg. 



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tl8 



Bniiltold SMg 



„Wenn du ileiii Klir vorschlafen bMtf 
leb will dir aio be/uhkn 

ja xalileu 
Mit laatcr Silber und lauter Gold 
mt lauter harten Huler, 

ja Thalar." 



„Mt'in Khr ist mir nm Gold nicht feil, 
K&onst mir sie auch nicht zahlen, 

ja zahlen.* 
•Geb«t du mit einem Kinddein, 
Schweig still, ich will der Vatter edn. 
Ich will es helfen nähren, 

ja nlÜiTen.** 



Er kauft ihr eine gOldne Schnuhr 
Bringt ile wiedrum zu Rhren, 

ia Ehren; 
Damit ächuührt sie ihr Kläblein zu, 
Er thut CS helfen scbnOhren, 
Und thut ee helfen tleren, 

ja deren.*) 



Als (iott die Welt erschaffen 
lind allerhauii (ielliier, 
Könnt er nieht rtdiig «ehlafen, 
Er hat noch etwas filr; 

"Wann nur ein Mensch auf Erden, 
Dacht er in seinem ^^inii, 
Die Welt luuss voller werdeu, 
Es wj noch etwaa drinn. 

Dem ktant wohl allet nntien 

So schön gemacht voraus, 
Drauf nahm er einen Rutzcn 
Und macht ein Männlcin draus; 
Kr lehnipt ihn in die Höhe, 
Blies ihn ein blssel an, 
Da sah er vor sich stehen 
Adam! den ersten Mann. 

Der Stein, wo Adam süsse, 
Der war sehr kalt und nass, 
Es firor ihn ans Gcaasse, 
Drum legt er sich ins (Iras ; 
Gott Vater schaut vom Himmel, 
Und schaut dem Adam zu, 
Gedacht bey sich schon immer: 
Was macht mein grosser Bu? 



Ich diirf ihn ja nicht schli^geo, 
Es ist ein jung frisch lilut, 
Ein Weib muss ich ihm schaffen. 
Sonst thut er mir kein gut. 
Dann kommt er hergeschlichen, 
Da«s maus knnnt merken schier, 
Fein geschwind nahm er ein Rippe 
Aus Adams Seit hnfdr. 

Adam, der thut erwadien. 

Und hat das Ding gespOrt, 
Es war ihm nicht ums Uachen, 
Drum er so heftig schrie: 
0 BeiTl Wo ist mein Rippen? 
Idi Mn kein ganmr Mann, 
Wann ich d:\ran will dij'pen, 
So ist kein liipp mehr da. 

Adam sey nur zufrieden, 
Schlaf fort in guter Kuh, 
Vor Sehaden dich will b'hoten, 
Ich stell dirs wiedrum zu. 
Ein Weih will ich dnius machen. 
Ein wunderliches Thier, 
Du sollst mir drflber lachen, 
Schau gsehmnd, da stebts sdion hi«! 



1) Ans der eigeoh&ndigen Niederschrift der EVaa Angnste Pattberg; Anklinge 
in Des Knaben Wunderhorn 1, 317. 



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Frao Augittta Pftttberg 



119 



K»nn?t da so schöne Sachen 
ü lieber (jott und Herr! 
Aus meinen Rippen machen, 
So nimm der RipfMo mebr; 
Komm her mein liebe Blppei» 
Sey tausendmal Willkomm, 
Geh hin und nimm die Schippe, 
Und grab die £rd herum. 

Eins will ich euch noch sagen. 
Den Baum lasst mir mit Fried, 
Die Frucht so er tbut tragen 
Sollt ihr verkosten uit. 
Ihr sollt des Tods gloieh steiben, 
Zum Garten naus gejagt, 
Ins Elend und Verderben, 
Zum Garten naus gesagt. 

Ach Gott, was schöne AepM, 

So roth als wie ein Blot, 
Sie w^r'n recht in mein Kr5pfel, 
Ich glaub sie scynd recht gut! 
firioelit nicht lang zu studieren, 
Küont hald ein Doktor sejn; 
Braucht nicht lang zu studieren, 
Könnt bald ein Doktor seyn. 

Dw-Mf (He Sddtiig aidi krtUnmet 
An die Teihotae Fmdit, 

Aobey ganz lieblich singet: 
Glaubt nicht dass dieser Fluch 
An euch erfüllt soll werden, 
VM lieber wird euch sejn 
Das Leben hier luf Eiden, 
Wie Götter könnt ihr leyn. 

Mit Gott das lass du bleiben, 
Fkttii^t schöne HSadel an. 
Er ist im Stand, thut treiben 

Fns crleicb zum Garten naus. 
Adam wo bist liinkrochea? 
0 web er rutt uns schon; 
Adam wo Ust hinkiodien? 
0 w^ er nift nns schon. 



O Herr! thut mich verschemn, 
Ich kann ja nichts dafür, 
Die Rippe hats gethan, 
Die Sehlang hat uns verAkbrt. 
Die Schlang hat uns VttTSIWOCbeil, 
Wir könnten was bessres sejn, 
Drauf dachten wir woUtens wagen, 
Und haben halt bissen drdn. 

Kriech mit mir unters GcbQsche, 
(Te^rhwind bisst uns bodfcken, 
Sonst thut er uns erwischen, 
Wann er herein thut treten. 
Adam wo bist hingangen? 
0 weh! er ruft uns schon! 
Adam wo bist hingangen? 
0 weh] er ruft uns schon! 

Untreues Lnmpeng'sfaidel, 

Wie übel habt ihr g'hausst; 
Geschwind macht euren Bündel, 
Packt euch zum Garten nausj 
In Arbeit iolbt du stAwitaen, 
Weil dieses hast gethan. 
Und bey dem Rocken flitzen. 
Das ist der Sonden Lohn. 

Die Eva wollt nicht gehen. 
Die rief sieh ihren Hann, 

Der wollt ihr nicht be3'8tehen. 
Da giens das Zanken an. — 
Jezt wird das grösste Wetter 
Um meinen Hals hergehn, 
Hitt ich das alte Leder 
Mem Lebtag nicht gmehnl 

Zu l*°uäs soUät du nicht luutm, 
Ich sags bey mriner Tren, 
Was Schüns will ich dir kaufen, 
Wenn Kirchwt-ih kommt herbey. 
Und kriegst du mir erat Kiuder, 
Wohl Ubers Jabr hinaus, 
So wasch ich dir die Windel 
Und kehr die Stuben aus.') 



1) Aus des Knaben Wunderhorn 2, 399 bis 403, mit der Aufschrifl: „Cou- 
struction der Welt. (Mündlich. )" Einiges darin von Achim von Arnim geändert 
(^Arnim und Brentano S. 244;. Vgl. oben S. 82. 



120 



RmnlMld Steig 



O wie gelits im Himmel zu 
Und im ew'gen Leb«!)« 
Alles kann nuui haben gnag, 
Darf koin Held ansfrfben. 
Alles darf man borgen, 
Nicht fürs zahlen sorgen; 
Wenn {«^ eininahl drinnen vir, 
Wollt nicht ndir benus begehr. 

F^llt im Hiinniel l'asttag ein, 
Speisen wir Forellen, 
Peter gdit in Keller Viefai, 
Thut den Wein bostillen; 
David spielt ilie Harfi-n, 
I'lricb bratb die Karpfen, 
.Margareth backt Küchlein gnug, 
Paulas ichenkt den Wein in Krag. 

Loren;^ hinter der Küchenthür 
Thut sich auch bewegen. 
Tritt mit seinem Kc»t herfOr, 
Thul Leberwflret dnuf legofl« 

Dorothc und Sabina, 
Lieslioth und Chatriiif» 
Alle um den Herd rum stehen, 
Nach den Speisen sehen. 



•lezt wollen wir jeu Tische gehn» 
Die bette Spdee sn eeeen, 

Die Engel um den Tisch nun «lehn, 

SrliPiikcn Wriii in 'd Gl&ser. 

Sic timn uns invitiren, 

Der Barthel musa transchieren, 

Joseph legt dM Eisen vor, 

C&cilift b'sloUt ein MatfkChor. 

Martin auf dem Schimmel reut, 
Thut fein galoppieren, 
Bleei hUt die Sduaier bereit, 
Thut die Kutschen sdlnuem. 
Wftren wir ja Narren, 
Wenn wir nicht thäten fahren. 
Und thätcn alleweil z' Fuse gehn 
Und lies«! Boss und Kotsebe sieha. 

Nun adjp du f;tlsche Welt, 
Du thust mich verdriesen, 
Im Himmel mir es besser g'fikllt, 
Wo alle Freuden flieton. 

Altes ist verfönglich 

Und .^llcs ist vergSiiplich. 

Wenn ich einmahl den Himmel hab. 

Hast ich auf die Welt herab. ') 



Bruder Liederlich, 

Warum saufSst dich so voll? 

0 da mein Oott, 

Wann Bdimeltt min so irohl. 



Am Mittwodi 
Ist mitten Jn der Wodieii, 
Haben wir das Fleisch gefressen, 
Frees der Udatev die Knochen. 



Am Mondtag 
Mass versoffen sein, 
Was am Sonntag 
flbrig war. 

Am Dienstag 
Sehlaüeii wir bis Mnn, 
Dir Gebe Brfider 
Fühlt mich raa Wein. 



Am Donnerstag 
Stabs ivfr auf um Tier, 
Ihr liebe Brüder 
Konunt mit aoni Bier. 

Am Freitag 
OdMB ivir inB Bad, 
Alle Lnmperai 
Waaehen vir ab. 



1) Aus der eiü;eiihiin(iigen Niodersdirift der I'ruii Aiii^iisto i'attberß. In Des 
Knaben Wunderborn 2, 4oa bin 405 mit der, in Arnim'äcber Orthographie sich dar- 
itelloiden, Aufschrift •Aussiebt in die Ewigkeit. (Fliegendes Blat)* nad mit fol- 
genden Abweichungen: „ewigen" (Str. 1'), »bratet Karpfen* (-2% «Dortbe* ($*), 
^stehii, Nach den Speisen sie auch ««ohn" i^,^). In Krks Niulnarbeitung 1, 367 
swei dieser Varianten wieder au^egebeo. Vgl. Birlinger und Crecelius 1, 374. 



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Vtm Angmto P«ttb«tg 



121 



Am Snmstfig 
Da wollen wir Bchafiea, 
Spricht der Meister: 
„Konnte bltiben Imwd." 



Arn Sonntag 
Vor dem Essen 
Sprach dar Heister: 
,J«Et wollen wir redinen, 



Die ganze Wochen 
Habt ihr gelumpt, 
Habt ihr gesofien« 
Nntt vor NnU geht auf.»') 



Auf, anf I der Bergauuin konunti 
£r hak sein groaes Lldit 
Sdion aogestlndt;. 

Das giebt ihm heilen Schein, 
Damit er fthren Icmmi 
Ina Bergwerk ein. 

Tabak, du edles Kraut, 
Wer didi zuerst gebaut, 
Hat wohlgebaut. 

Die Berglentb Bind gar hflbach nnd bin, 

Sic (:;raben rothea Gold 
Aus t'elsenstein. 



Sdienk «In ein vollea Qlaa, 

Trinks zweimahl aus, 
Waa schadt dir das. 

Der Wein der schadt uns allen nicht, 
Dar adiBHAA so gut, 
Er koet ja niehte. 

Die so ihn zahlen soll, 
Die ist nicht hier, 
Doch kommt sie woM. 

Ünd kommt sie heut nodi nicht, 
Kommt sie morgen firflh 
Für ganz gewiss. 



Und iat das Wetter achSn 

Wann's Sonntag ist, 
Dann woU'n wir mit ilur gehn.^ 

Und ist die Ileiss vollbracht, 
'So wflnsdk ich gnte NaiÄi 
Nadil Bergmanns nraneh.*) 



Si« graben Silber, sie graben Gold, 

, Den schwarzen Mägdelein 
Sind sie gar hold. 



*Drobon im Baiorland 

Da ist mein Schaz bekannt, 

Droben im Baierland 

•ht er beltannt. 



Hinter; der Dprnenheck 

Hat sich mein Sdias vecsteckt 

Hinter der norneoheck 
Ist er versteckt. 



1^ Aus der fijjcnh.lndigen Niederschritt der Frau Anhuste Pattberfi. In Des 
Knaben Wuuderhom 2, 38G benutzt als AnfuiigHstucii: lur „Reche nuxempei. 
(Fliegende BUtter.)"; in Erka Neubearbeitung 8, 407 »Reehenexempel nnd Ab- 
aehied", das Anfangsstück mit dem Vermerk «Ans dam Odenwaldo* versehen, das 
dann Folgende als nflipgendes Rtatt" bezeichnet. 

2) Ans der eigenhändigen Niederschrift der Fraa Angnste Pattberg} Anklinge 
in Des Knaben Wunderhom 1, 114. 



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122 



ReiAhold Stdg, Fraa Auguste Pattberg 



Hätt ich das Ding gewUst, 
Daas du so untreu bist, 
Hfttt idi neiii tranoe Hen 
KidU an dich g'hingt. 



Wana mein Schaz Hoclizeit hat, 
Wein ich die gaa2e Nacht, 
Geh in mein Kamnwriei», 
Wein um mein Sehen.*) 



Es segelt dort im NVinde 
Ein Scbifflcin auf dem Meer, 
Mit einem «ehftnen Kinde, 
Vftän nidit woiila wober; 

Das Schifflein ist versunken 
Die Wellen schlagen hoch; 
Biet du «cihön BtÄua eitranken? 
Ihr Wdlen eagt min dodil 



Soll ich dich nimmer sehen 
Ja Dimmer auf der ErdV 
Se irill ich weiter gelten 
Bia Gott mir was heacheri. 

Dio Sonn ist Untergängen 
]>as Scbifflein ist dahin. 
Und eoU idi nicht erlangen 
Wae mir ee liegt im Sinn. 



So will ich in dem Grunde 
Aufsuchen einen Ort, 
In tiefsten Heereeaehlmide 
Find Ich mein Scbftslein dert*> 



t) Aus der eifenhändigen Niederschrift der F^an Atqjnste Pattberg. In Erl» 
yetthearheitang des Wonderhoms 4, 130 mit der Aufochiift «Der nntrene Schate. 

(HOndlicb, aus dem Odenwald.)" 

2) Aus der eigetihiindij^rn Niodor^i lirift der Fratt Auguste Pattherg. In Krks 
NeulK'arlipilunf!: 4. 70 mit der 1 liersrlirlü „Das versunkene Schifflein. fAus 
dem Odenwald.)" und der ächluääbemerkuug ..Auü derselben Quelle wie B. il, .S. ID", 

an welch letstorer Stdle «Lenore" stdit. 



Aue dem Originalblatt der Fran Pattberg (vgjl. oben S. 83) folgende Melodie: 
ß^warzJ^t«»'neSjist^ Se~lein,\ifO -weA'dMft Jim Jiin % «ia 




cu3.de. jren2uUe.. Isen fmiA a ^J>er he.ttuMnf^ 
^änrarzhTawae» Au - - . lein , wo wen . deitdu cbdi }dn i 




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t 

£duard Winkelniann 

(geb. 35. Juni 1988, geat. 10. Februar 199«) <). 

Wir sind versammelt, einem Toten letzte Ehrung und letztes Geleit 
darzubringen — die Hochschule einem langjährigen ausgezeichneten 
Mitglied, der akademische Lehrkörper einem teeaen Freund und Genossen 
seiner Arbeit, die studentische Jugend einem unennfidUcben, verdienst- 
ToUen Lehrer. 

Der Verlust, den wir erfahren, trifft uns nicht unerwartet. Seit 
Jahren schon sind wir Zeugen gewesen eines erscbätternden und rührenden 
Kampfes, des Kampfes einer starken Manoesseele gegen einen unheilbar 
deeben Körper. „Leiden ohne Klagen**, lautete das Wort eines be- 
rfibrnten Scbicksals- und Zeitgenossen: wir haben die Bethätigung des 
Sprucbes aneb in dem Leben und Sterben unseres Freundes vor Augen 
gebabt, und in die Trauer um den Verlust mischt sieb das GefSbl warmer 
Bewunderung f(lr diesen stillen Mann der Wissenscbaft, der zuglincb ein 
80 beldenbafter Kämpfer war wider einen fibermäcbtigen Feind, wider 
ttnsftgUeb schmerzvolle Qualeo, denen er sich nicht beugte, fast bis su 
seiner letzten Stunde. 

Fast bis KU seiner letzten Stunde hat er uns angehört, bat er seiner 
Wissenschaft angehört. Den Genossen des engeren Fakultätskreises 
ist es bekannt, mit wie regem selbstthfltigen Anteil er noch In den 
jüngsten Wochen und Tagen sein Latereese auf die gemeinsamen An- 
gelegenheiten und Geschäfte richtete, und in dem Lektionskatalog des 
nächsten Sommersemesters kündigte er noch eine neue Vorlesung» an, 
(Hü er in diesem Umfang bisher nicht gehalten hatte und mit der er 
sich eine betriiehtliehe neue Arbeitslast aut'zule£fen gedachte. Vor allem 
aber geborte er bis zuletzt seinen wisseuscbattlicben Arbeiten an, und 

I) GedicbtnisBnde, bei der «kademltdieB Trarnfftier in der Aula der Uid- 
venült am 12. Februar 1896 gebjdten v«o Geh. Hoftst Profisiaor Erdmanüidörffer. 



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124 



B. ErdauuDBidArfMr 



bis vor wenigen Wochen ein neiior schwerer Anfall seines Leidens ihn 
traf, ist er unahlössip produktiv tliiitig gewesen. Eine grössere und eine 
Anzahl kleinerer Arbeiten finden sich in seinem Nachlass und werden 
veröffentlicht werden, und auf jcdo von ihnen könnte man als Motto das 
Wort jenes alten preussischen Königs schrfibon: in tormentis scripsit. 

Wir liaben diesen treuen und tüchtigen Mann verloren, und in dies« 
Stunde des Abschieds von ihm mögen wir uns wohl das Bild seines 
Lebens und Wirkens, was er uns bedeutete und was er der Wissenschaft 
bedeutete, in kurzen Zfigen vor Augen stellen. Ein ernstes deutsches 
Gelehrtenleben im vollsten Sinne, in einer konsequent festgehaltenen 
Richtung, mit einem frflh ergriffenen und beharrlich fortgebildeten Inhalt. 

Als Sohn wenig bemittelter Eltern wurde Eduard Winkelmann im 
Jahre 1838 in Daniig geboren. Von der Zeit an, wo dem ZwölQfthrigeo 
der Vater starb, war er genötigt, die yorhandenen dürftigen Mittel ffir 
Unterhalt und Erziehung durch eigene Arbeit zu ergftnzen; in knappest 
zugeschnittenen Verhältnissen verlaufen ihm Schul- und Studienjahre. 
Schon auf dem Gymnasium aber stand es ihm völlig fest, dass er kein 
anderes als das Studium der Geschichte zum Leboisberuf wfthten könne. 
Er begann dasselbe in Berlin, wo der mOditige Einfluas Bankers ihn ergriff; 
noch massgebender wurde ffir ihn, als er dann bald nach Göttingen über- 
siedelte, die Einwirkung von Georg Waitz. Die üniversität Göttingon 
galt damals als die eigentliche hohe Schule, das historische Seminar 
von Waitz als die eigentliche Pflanzschule für junge Historiker; ganz 
besonders das Studium des deutschen Mittelalters stand hier in Blüte: 
feste nietliodische Schulung, scharfe systeniatisehe (Quellenkritik, michtern 
ernste Eriorscliunt,' des Thatsächlichen mit strenger Bändigung aller 
Imagination, besondüre Neigung für die Aufgaben der deutschen Ver- 
fassungsgeschichte — das war der Cliarakter jenes einst üljer.ius ein- 
flussreichen Waitz'sehen Sennnars, in dem eine grosse Anzahl unserer 
hervorragendsten Historiker und Germanisten damals ihre ischulung er- 
halten liaben. 

Auch Winkelmann bat unter diesem Einfluss gestanden, und man 
darf ihn wohl als einen von denen bezeichnen, die am treuesten und doch 
auch am eigenartigsten den Geist der Göttinger Schule bewahrt und 
weitergebildet haben. 

Schon nach dreijährigem Studium erlangte er den Doktorgrad. 
Dann arbeitete er ein Jahr lang in Berlin bei dem grossen historischen 
Centralunternehmen der Monumenta Germaniae historica; aber es drängte 
ihn, eine feste äussere Lebensstellung zu gewinnen, und so nahm er 1860 



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fidoard WiDkelmaDO 



eine Berufung an als Oberlehrer an der Kitter- und Doiiiscliule in Keval, 
wo er sich bald auch dea hftuslicben Herd gründete, und wo er das 
Buch schrieb, welches seinen wissenschaftlichea Huf begründete — die 
^Geschichte Kaiser Friedrichs des Zweiton und sei&er Beise 1212*-1235'' 
(1863/65). Einige Jahre später siedelte er an eine andere Schiilanstalt 
nach Dorpat über und trat nun zugleich als Dozent an der baltischen 
Univeraitftt in die akademische Laufbahn ein. 

Fast ein Jabnehnt seines Lebens hat er in den OstseeprOTinsen 
verlebt; dann führte ihn das Schicksal an das entgegengeeetxte Ende des 
deatscben Sprachgebiets, als er im Jahre 1869 an die üniTcrsit&t Bern 
berufen wurde; und wiederum vier Jahre spAter, im Herbst 1878, ec^ 
folgte die Berufung nach Heidelbeiig, mit welcher die akademiache 
Waoderschaft ihr Ende erreichte. 

Sueben wir eine Ansieht au gewinnen ?on dem leichen wiaaenschaft- 
lichen Studieoinhalt dieses Lebens, so tritt uns das Bild einer eigen- 
artigen Bntwickelung entgegen, wie sie in unserem heutigen Studien- 
leben wohl nur selten begegnet. Man wird es als eine glficUiche, in 
gewissem Sinne vielleicbt beneidenswerte Fflgung benicfanen können, 
wenn einem jungen für historische Anschauung geweckten Sinn in der 
frischen Empfänglichkeit fröhester Jahre das Bild eines grossen Ereig- 
nisses oder einer grossen geschichtlichen Persönlichkeit vor die Augen 
tritt, das ihn mit unwiderstehlicher Gewalt fesselt; an das Gebilde 
jugendlicher Phantasie schliessen sich die ersten Versuche selbständiger 
Forschungsarbeit an ; mit jcdetn neuen Schritt erweitert und vertieft 
sich das Bild, iiumer neue Blicke thun sich aul, mjincr neue Spliären 
der Forschung eröüncn sich ; mit vvachseiulem StuÖ' und mit immer um- 
fassenderen Gesichtspunkten tritt der Manu stets von neuem wieder an 
die alte Aufgabe heran — und aus dem idealen Phautasiegebilde des 
Jünglings wird zuletzt das reife Meisterwerk des Greises. 

In einem ähnlichen Verhältnis steht die l.eltciisarl'eit unseres heim- 
gegangenen Freundes. Winkelinann hat seiiieji öühueu wohl einmal er- 
zählt, dass er schon als Abiturient den Plan zu einer Biographie Kaiser 
Friedrichs II. des Hohenstaufen fertig im Kojite gehabt liabe. Drei 
Jahre später schrieb er seine Doktordissertation über Friedrich II. als 
Verwalter seines Königreichs Siciiien; es folgte seine erste in Keval ver- 
fasste Kegierungsgeschichte dieses Kaisers, die nicht zu völligem Ab- 
schluss gelangte; nach langer Pause dann das grundlegende Werk über 
Philipp von Schwaben und Otto IV., das» gleichsam die Vorgeschichte 
Friedrichs Ii. bildet; und wiederum nach langen inhaltieichen Studien- 



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126 



jähren tM-scliien 1889 der erivte Baut! des neuen abschliessenden Werkes 
über diesen Kaiser, worin die Resultate einer ganzen Lebensarbeit zu- 
sammengefasst werden sollten; der zweite Hand ist ni<'ht vollendet wor- 
den; ein völlig ausgearbeitcjter Teil desselben, der im Manuskript vor- 
liegt, ist das kUtA Verm&chtaiä dm Dabingegaogenea an die deutsche 
Wissenschaft. 

So steht im Mittelpunkt der ganzen Lebensarbeit Winkelmanos das 
Zeitalter unserer staufischen Kaiser and besonders seine letzte Periode 
und diu rütselhafle, wie er selbst sie einmal nennt, , ebenso anziehende als 
abstossende*^ Gestalt Kaiser Friedrichs II. In jedem Lebensalter ist er 
auf die Aufgabe zurückgekommen; neben den sasamraenfasMuden Haupt- 
arbeiten geht eine ausserordentlich grosse Anzahl detailliertester Einzeln 
aniersacbungen her, und zugleich legte er in einer grossen mfibseligcn 
R^estensaiDinlang und in musterhaften UrkundeDeditiooen das gelehrte 
Rdstzeug seiner Forschungen nieder. 

Eine Aufgabe war hier ergriffen, die zu den wichtigsten und schwie- 
rigsten Teilen mittelalterlicher Forschung gehört. Kicht eine Au^be 
der deutschen Geschichte allein; es gilt der Qeschicbte der beiden grossen 
C^ntralnationen des Mittelalters, der deutschen und der italienischen in 
dem scbicksalsreichsten Wendepunkt ihres historischen Daseins, und be- 
sonders auch für die italienische Qescbichte der staufischen Zeit sind die 
Forschungen Winkelmanns anregend und tief eingreifend geworden. Sein 
Name ist auch jenseits der Alpen ein wohlbekannter und mit Dankbar- 
keit und Verehruog in allen Kreisen italienischer Geschichtsforscher 
genannt. 

Wer wollte bei einer solchen Aufgabe von Abschliessnng und Er- 
schöpfung reden. Aber was bei dem gegenwärtigen Stande der Forschungs- 
mittel und der Forschungsmethode zu erreichen ist mit einer eminenten, 
das Nächste und das Entfernteste verbindenden rüdehrisamkeit, mit einer 
unvergleichlichen Kenntnis des histuriügrapliisclien nnd des urkundlichen 
Materials, mit unbestechlicher Wahrheitsliebe, mit scharfsinnigster und 
nüchttTUster formaler und Sachkritik, das ist in diesen Arbeiten für die 
Wissenschalt gcwoniieu und für alle Zeiten festgelegt; für jede weitere 
Forschung über das Zeitalter unserer stanfischen Kaiser bilden die Ar- 
beiten Wiükelmanns ein Fundament, welches man niemals wird verlassen 
dürfen. 

Kichten wir unsere Blicke von hier au«< auf andere Seiten der 
wissenschaftlichen Thätigkeit unseres geschiedenen Freundes, so verdient 
es hervorgehoben zu werden, wie uebeu dea Arbeiten in jener grossen 



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£dnard WinlEiliiiiiiii 



127 



centralen Studienspliftre er es immerdar auch als seine Aufgabe betrachtet 
hat, in den weebselnden Bereichen seiner äusseren Lebeosskellung mit 
thfttigem Eingreifen sich auch an den Arbeiten einer mehr lokalen Qe- 
schichtsfoEschnng ra beteiligen. 

In den Zeiten seines Aufenthalts in den Ostseeprovinzen erblicken 
wir ihn als eifrigen Forscher auf dem Gebiete der dort in hoher Blüte 
stehenden provinziellen Gescbichtsstudien, und die baltische Historio- 
graphie dankt ihm, neben vielen Einzelarbeiten, besonders ein grosses 
grundlegendes bibliographisches Sammelwerk, dem die für Publikationen 
solcher Art solteno Eine widerfuhr, dass es eine zweite Auflage erlebte. 

In der Züit mim Aufenthalts in Bern hat er auch den sch^Yeizo- 
rischen Geschichtssjtudien mit manchem Beitrag seine Teilnahme er- 
wiesen. Und vor allem, als er dann nach Heidelbcri^ übersiedelte, traten 
nun aiicii die i^eidelbergiachen, pfälzischen, badischun Geschichtö^itudien 
in seinen Gesichtskreis herein. Unsere Universität ist ihm vor allem 
für die wichtigste wissenschaftliche Festgabe verptliehtet, weiche uns 
das Jubiläum von Ibbö gebracht hat, für das ausgezeichnete .Urkunden- 
buch der Universität Heidelberg", das er im Auftrag der Hochschule 
und unter getreuer Mitwirkung jüngerer uod älterer befreundeter Kr&fte 
ausarbeitete. Und als im Jahr 1883 unser erhabener Landesiierr Gross- 
herzog Friedrich in seinem warmen verständnissvollen Sinn für den Wert 
historischer Studien gerade für dieses unser badisches Land eine Central- 
slelle in der «Badischen Historischen Kommission* errichtete, so wurde 
Winkelmann zum Vorstand dieses Instituts ernannt und ist demselben, 
selbst in den Zeiten seines schwersten Siechtums, ein getreuer und ver- 
stftndnissvoller Leiter gewesen. In der Heidelberger Zeit entstand nach 
das vortreffliche kleine Werk, das einen Teil der Oncken'schen Sammlung 
bildet, die «Geschichte der Angelsachsen bis zum Tode des Königs 
Aelfred*^, ein Muster knapper, gedrängter Darstellung, das einen reichen 
Inhalt auf engem Kaum in ansprechender Form zur Anschauung zu 
bringen weiss. 

Ich habe von unserem verewigten Freund als Gelehrten gesprochen, 

und fast möchte ich wünschen, dass jetzt ein Jüngerer als ich an diesem 
Platze stünde, der aus eigener Erfahrung heraus auch für seine Bedeutung 
als Lehrer das rechte Wort zu finden wnsste. Er war eine durchaus 
lehrhafte Natur, durch langjährige Gymnasialübung mit der Technik 
des Unterrichts vertraut; eindringlich und tiefgründig, gewissenhaft und 
ernst, von jedem falschen Prunk entfernt, nur auf die Sache gerichtet. 
Von der eisernen Uewissenbaltigkeit seiner PtUckterfüUung als Lehrer 



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werden die SchAler seiner letzten Jahre unvergeeslichee OedAchtnts be- 
wahran, wenn sie sich den gichtbtdcbigen Mannes eriBnem, der unter 
quUenden Sebmerzen auf seinem Bollstubl in die Universit&t itahr und 
seine Vorlesungen abhielt, bis der letste Best der Kiftfte eieebOpft war. 
Aber eines sei hier noeh hervorgehoben. 

In den zweiundzwanxig Jahren seiner Wirksamkeit an unserer Hoch- 
schule haben die historischen Studien hier sum Teil eine andere Bichtang 
gewonnen durch die sUirkere Betonung der arbeitenden Selbetthfttigkeit 
der Studierenden, durch die regelmSssige Abhaltung praktischer histo- 
rischer Übungen. Aus der Heidelberger mittelalterlichen Schule Winkel- 
manns ist im Laufe der Jahre so manche t&chtige Kraft hervorgegangen, 
die von den empfangenen Anregungen aus zu eigener selbstlndiger wissen- 
schaftlicher Arbeit fortgeschritten ist, und namentlich auch unsere 
badischen Gymnasieo haben von hier aas Jahr um Jahr eine Beihe wohl- 
geschulter junger Historiker empfangen, die die erhaltenen Anregungen 
und die Kunde von Art und Wert ernster historischer Studien immer 
von ueuem hinaustragen in alle Teile unseres badischon Landes. 

Hochgeehrte Trauervensammlung I Wir schicken uns an, unserem 
verewigten Freund, Kollegen und Lehrer das Geleit zu geben zu seiner 
letzten Huhe^tatt. 

Nur in flüchtigen Umrissen habe ich versucheu können, das Bild 
seines \\'es*'ns und seines Wertes vor Ihnen zu entwerfen. Vielen unter 
uns ist diüAcs Lild aus eigener Erfahrung und durch laugjährige Gemein- 
samkeit bekannt. Ein Gelehrter von hervorragendem Rang, ein Lehrer 
von segensreich nachhaltiger Wirkung, ein treuer Kollege und Freund, 
ein r'karakter von ernster, vielleicht bisweilen spröder Art, mehr Eisen 
und Stahl als funkelndes und gleiasendes Metall, ein Jilaoa seiner eigenen 
Art und von der besten Art. 

So ist er der Unsrige gewesen, und so wird er der Unsrige bleiben 
in treuem Qedftcbtnis. Ehre seinem Andenken 1 



2aMti nt Baad T» 8. 124 AamerkiHr 

N'at litrfiL'lidi sehe ich, dass der bei Peter r,itriciu8 fr. 6 genannte Vindex 
illeroaAd aodeier ist als der Vindex der Inschrift No. ü. Die ala cootariorum lag in 
Aznbtma (C. I. L. III p. 547), die III Thraeiiin in Adiauin (C. 1. L. III p. 537). Dann 
ist Candidus der I.o^ut der I adiutrix in Brigetio und es kann als sicucr betrachtet 
werden, dass mit Conrad (Marc Aureis Marcomannenkrieg ts. b. Prgr. Ibbö) statt 
Aüuog, Uuaaoqy YäUtoQ ßäavoQ zu l«wa ist (C. I. L. XII 8718). Die Lmibo- 
iMrdMi lind dudi das Waagtluü an die Donaa gskonoMii. 

Jl. T. DoniMMvaki. 



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p 



Eine italienische Fürstin ans der Zeit der 

Kenaissaiue. 

Von 



In der Bildcrsaranilimg des Louvro zu Paris betindet sich ein Gemälde 
von der Hand des ferraresischen Malers Lorenzo Costa, welches den 
Re.^ehaiicr nicht weoiger durch seinen ei^jentümlichen Gegenstand als 
durcli die feine, fast gesuchte Grazie der Figuren fesselt. In einem ?00 
frischem Frählingsgrfin leuehtenden Haine neigt sieb, in reiche Gewänder 
gekleidet^ eine vornehme Frau in lieblicher Bewegung einem nackten 
Amor SU, der, auf den Knieen einer anderen sitzenden Fraa stehend, ihr 
das Haupt mit einem Kranze schmückt. Im Kreise umgeben die Gruppe 
sechs Männer, von denen vier auf der Laute und Geige musizieren, in« 
dess der fönfte im Begriffe ist^ seine Gedanken einem Blatte Papier 
anzuvertrauen, der sechste, wie es scheint, ein Bild auf einer Tafel ent- 
wirft. Am Eingange des Haines sitzen zwei zarte Jugendliche Franen- 
gestaltcn, die eine schmückt einen ruhenden Ochsen, die andere dn 
Lamm mit einem Kranze. Ganz im Vordergründe aber halten ein ge- 
rüsteter Mann, der einen Drachen erlegt hat, und eine halbbekleidete 
Fran mit Bogen und Pfeil die Wache, In der Landschaft links in der 
Ferne sieht man Keitur \mm Turnieto mul Leute, die sich an einem 
Schitlo zu thun machen. Der allgemeine Siiiu der Karsti'lluD'j: kann nicht 
zweifelhaft sein. Fern dem niciitisfen Treiben einer öieli in Krie^n^ii und 
mühsamen Tagesgescliäften abquälenden Menschheit haben sich im holden 

Anmerkoiig. WertTOlte eingehende Untersnchangen Uber das YerbtUnb 
leabella Gonsaga's su den Künstlern werden ncderdiiigs, nacbdem obiger Vortrag 

schon verf;i?st war, von f'harles Yri;irte in einer lleihe von Aufsätzen: „Tsahellc 
d^Kste et ks iirtistcü de son temps" in der O^uetie des beaux-arts (beginnend mit 
dem .TaniKirliL'ft IS'Jö) veröffentlicht. 

NEUE ilElDELU. JAliKBU£UU£U VI. 9 



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Beiu7 Tbode 



Glänze ciiips liebten Lpnzostajres Dicliter, Musiker und Künstler auf 
den Wink einer fiirstliilien Frau zusammeni^efundeii, in Versen. Tönen 
und Bildern von dem allem \Vc( li.sel fremden (geheimnisvollen und ewigen 
Gehalt des Lebens- zu künden, ihn in dem paradiesischen Frieden einer 
von süssen Hoilnungen schwellenden Natur zu finden. Solch ein Reich 
der Kunst ist aber zugleich ein Reich der Liebe : diese selbst kröut mit 
grünem Kranze das Haupt der Edlen, die es erschlossen hat. 

Wer aber ist die Herrscherin dieses Musenhofes i* Eine, von deren 
Geist und Wesen zahlreiche Kunstwerke, zahlreiche Seiten in den Werken 
der Dichter, Philosophen und Gelehrten Italiens im XVI. Jahrhundert 
beredtes Zeugnis ablegen : Isabella Gonzaga, die Gemahlin des Marchese 
Francesco von Mantua ! £ine aus der Zahl jener wanderbaren Frauen, 
in denen, leuchtenden Gestirnen gleich, das Sonnenlicht der grossen 
italienischen Kunst und Dichtung itiederstrahlt, in denen der künst- 
lerische Geist der Zeit in anderer Form als edle Sitte sieh offenhart 
hat Eine Welt von Schönheit und Geist thut sich auf; nennt man nur 
die Namen: Eleonora von Arragonien, Elisahetta von Urbino, Beatrice 
von Mailand, Katharina Cornaro, Eleonora von Urbino, Yittoria Colonna! 
Und unter ihnen fraglos eine der vornehmsten, Isabeila Gonzaga! Frei- 
lich haben wir von ihrem Hofe nicht eine Schilderung erhalten, wie 
diejenige, die Baldassare Castiglione von dem der Elisahetta von Urbino 
gegeben hat, aber aus einer wahrhaft Qberraschenden Fülle von Briefen 
der Künstler und Dichter an die Fürstin, die im Archive zu Mantua 
aufbewahrt werden und in den letzten Jahren zum Teil veröffentlicht 
worden sind, vermögen wir uns ein ann&hemd ebenso lebhaftes Bild von 
dem ^Musenhofe^ der Isabella zu mach«!, auf den Lorenxo Costa in 
seinem Gemälde anspielt. 

Nennt man die llrinuit, das Elternhaus Isabella's, so giebt man 
damit zugleich dir Likl.iiung für die erstaunliche Vielseitigkeit ihrer 
Bildung, ihrer Geschmacksrichtungen. Als Kind des Herzogs Kreole 
von Fcrrara und der Eleonora von xVrragonieu im Jahie 1471 geboren, 
ward sie durch ihre Geburt schon der reichen Gaben teilhaftig, welche 
das Gt >ehi( k dem glorreichen Hause der Este verschwenderisch gewährt 
hatte. Sie wuchs an ciiu ni Hofe auf, dessen tägliche Gaste der Sänger 
des „verliebten Koland" Bojardo, Tito Strozzi, der ^Blinde von Ferrara" 
Francesco Bello waren, nnp-esicht^i der wetteifernden Thätijxkeit der 
ferraresischen Künstler t'osimo Tura, Frauceseo ('oss;i und Baidassurre 
Estense! Sie durfte es erlehon. wie im Beisein einer durch Geburt und 
Geist ausgezeichnoten, vou weither sicli versammelnden Geselischail die 



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Eine itatieniadie Fflntin aus der Zeit der Bemdistncc 



131 



Stucke des Plautua und TereDz ihre Auferstehung auf dem Theater des 
herzoglichen Schlosses feierten. Die Klftnge der gewähltesten musikap 
lischen Kapelle Italiens, deren Hitglieder zumeist aus Frankreich be- 
rufen waren, umspielten schmeichelnd die Entwicklung ihres jungen 
Lebens. Als im April des Jahres 1481 der Markgraf Lodovico Gonzaga 
mit rdcbem Gefolge in Ferrara als Brautwerber für seinen Sohn Giovanni 
Francesco eintraf, mochte er bereits mit Freude an dem zehnjabiigeii 
Mädchen gewahren, dass dessen Erziehung nicht minder edel, als seine 
Geburt war. Neun Jahre .sidlten vergehen, bis die Braut dem jugcnd- 
hchen Gatten vermählt, von ihren Kltera und ihrem Bruder Alfonso 
eeleitet, auf reieh ^]fc?ch muck ton Schiften in der neuen Heimat eintraf, 
die aiv mit grossen Eltren aufnahm. .Sieben mal musste der feätliclie 
Zusr in den Strassen halten, die Triumjdibogen luid künstlerischen Ver- 
anstaltungen zu sehen, mit denen unter anderen Künstlern wohl auch 
der grosse Andrea Mantegna seine Huldigung darbrachten, er, «ler an 
Isabella eine so freundlich gewogene Herrin erhalten sollte. Es handelte 
sich um eine Darstellung der sieben Planeten, die dem neuen Gestirne 
Mantua's sich neigten. Knaben, als Engel verkleidet, sangen frelebrtc 
italienische Poesien. Drei Tage lang dauerten dio Turniere, die Tafeln 
der Festmahle waren mit überaus künstlichen Zuckergebilden in Form 
von Stftdten, Burgen und Tbfirmen beladen, die Tftnze währten bis 
zum Schlüsse des Karnevals. Kaiser und Papst, Frankreich, Neapel, 
Venedig, Florenx, Genua, Pisa und Mailand hatten ihre Gesandten ge- 
schickt 

Erst vier Jahre später, 1494, erhielt Francesco die Herrscherwürde. 
Sdne erste That war der freilich nicht allzu glorreiche Sieg über die 
Truppen Karls YIII. bei Fornoro — der erste Erfolg in einem Leben, 
das nunmehr durch 14 Jahre fast ganz dem Kriegorhandwerk gewidmet 
war. Francesco ist eines der merkwürdigsten Beispiele für die treulose, 
egoistische Politik der italienischen Fürsten jener Zeit. Nur auf den 
eigenen Vorteil bedaclit, hat er bald für die Veiietianer gegen die Fran- 
zosen, bald für dio Kaiserlichen gegen die Venetianer, bald für die 
Frauzoien gegen die Siianita gekämpft in dieser Zeit, in welcher Italien 
der Lagerjdatz sfiauisi lier, französischer und deutscher Trupjien war, in 
welcher F'aiteien sieb sn schnell bildeten und wieder auflösten, wie es 
bei den S]«ielen der Knaben zu geschehen pllegt. Francesco ist es ge- 
wesen, der als Vollstrecker des starken Willens des iiiaebtii^on Papstes 
Julius II, 1506 Bologna unterworfen hat. Erst die schlimme Erfahrung, 
die er zwei Jahro später, 15ÜÖ, machen musste, als die Venetianer, gegen 

9* 

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132 



HflBzy Tliod« 



die er im Diensie der Franiomn ausgetogen war, ihn gefangen nahmeo 
irod in sehr wobl yerwabrten Rftumen einige Zeit feethieltes, schant sein 
Verlangen nach Bube lebhaft herTorgerufen zu haben. Seit jener Zeit 
hat er, beschaulich in Mantna bleibend, die Segnungen des Friedens 
genossen, den er in der Tbat darch seine Unge Politik der Heimat er- 
halten hatte, eines Friedens, den nun seine edle Gemahlin xu ihrem 
und ihres Gatten dauernden Ruhme auszunutzen verstand. Mit ruhiger 
Sicherheit hatte sie wllhrend der Abwesenheit Franeesco's die Herrschaft 
geführt, mit erstaunlichem Verstände dem Gatten auch aas der Ferne 
mit Rat beigestanden. Kaum wflrde man es für möglich halten, dass 
es die scheinbar durchaus von idealen künstlerischen Interessen be- 
henschte Frau gewesen ist, die in klaren, nüchternen Briefen dem fernen 
Marchese die verwickeltsten politischen Verhältnisse darlegt, ihn scharf- 
sichtig auf gefährliche Persdnlichkeiten in seiner Umgebung atifmerksam 
maclit, auch wohl die Übersendung von Geschützen anordnet, bedächte 
man iiii lit, da.ss diese merkwür(liL''t' b'wiu eine italienische Fürstin ge- 
wesen ist, begabt mit dem schalten, nie sich verleugiiendem praktischen 
Verstände dieses Volkes, durch die Verantwortlichkeit ihrer hervor- 
ragenden Stellung zu hesoimeiiem Handeln er70cjeii. Das weehselnde 
Neben- und Miteinanderwirkeii eines klu«; das ijuhen regelnden Verstandes 
und eines dassellie verscliönernden und vertiefenden Gefühles, wie es der 
Italiener zeigt, wird wohl d*»m Germanen niemals ganz verständlicli sein 
— und doch will es bei tlem Vrr>telienlernen der italienischen Ge- 
schiclite niid ihrer Keinrisentanten in erster Linie berüeksielitii;t sein. 
Mit Ersiauneii erlalut der Deutselie naeh kurzem rmi;an<: mit dem 
Italiener, dass dessen aufrrprrf^te Leblial'tij^keit niehts mit seiner eigenen 
tief leidenschaftlichen Emprtndungsfahigkeit gemein hat, mit Erstaunen 
wird er inne, dass in Momenten, wenn er, sich selbst und bestimmte Ziele 
vergessend, ganz dem Gefühle sich liiagiebt, jener ein scheinbares Über- 
gewicht über ihn behiilt, da er wohl zu grossem Ungestüm der Äusse- 
rungen sich hinreissen lässt, dabei aber fast nie die Berechnung etwa 
zu tre^vinncnder Vorteile vergisst. Nur im Familienleben des Italicners, 
im Vt rli;iltnis der Eltern zu ihren Kindern, scheint sich das Gefühl als 
Macht des Gemütes mit uneingeschrftnkter, blinder Gewalt zu offenbaren. 
So auch bei Isabella l Das Beste und am meisten Erfreuende finden wir 
immer am Schlüsse ihrer Briefe an Francesco: da spricht sie in den 
Tönen innigster Gattin- und Mutterliebe von ibrer Sehnsucht, von ihren 
Kindern! Kein Brief, in dem nicht diese Herzenstöne sich äusserten! 
Am schönsten vielleicht in jenen, die sie 1502 von Ferrara aus schreibt, 



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Eine itaUenlschc Fflnün ftos der Zeit div Sendssanoe 



133 



wohiD sie die Hochzeit der Lucrezia Borgia mit ihrem Bruder Alfonse 
mitzufiNem gegangen war. Mitten in den Schilderungen des glänzenden 
Einzugs der Braut, der Feste am Hofe, bricht sie dann wohl in die 
Worte aus: 

,Tch will es nicht in Abrede stellen, dass Eure Excellenz nicht viel 
grösseres Vergnügen daran habe, meinen kleinen Sohn täglich zu sehen, 
als mir alle diese Feste bereiten. Denn wären sie auch die schönsten 
der Welt, sie knnnt'Mi mich doch ohne die Anwesenlieit Eurer Herrlich- 
keit und unseres Kleitie?! nicht befriedisj^en ; aber das will ich gar nicht 
glauben, dass er sich meiner nicht erinnere. Denn selbst wenn er sich 
nicht aus Liehe meiner erinnerte, so sollte er sich meiner doch erinnern 
aus Cberdruss an den vielen Küssen, die ich ihm durch Kuch sende. 
So möge Eure Excellenz dessen gedenken und geruhen, ihn manches 
Mal noch mehr von meiner Liebe zu küssen". 

Aus solchen und zahlreichen anderen Stellen tritt uns gross nnd 
einfach eine gesunde, kräftige Natur entgegen, wie solche auch die teil- 
weise recht scharfe Kritik der theatralischen Aufföhrungen dazumal in 
Ferrara verrfti Es ist tou besonderem Reize, eine Frau von so hervor- 
ragenden Geistesgaben, von einer so siegreichen Beherrschung aller 
Lebenslagen und Verhältnisse sich als eine von warmer Liebe über- 
strömende Mutter im Kreise ihrer Kinder darzustellen, wie sie dieselben, 
eng an ihr Herz gedruckt, lehrt, das Ziel ihres Strebens in den klaren 
Meyhen des geistigen Lebens mit freiem Blick zu suchen nnd zu erkennen. 
Voll innigen Stolzes empftngt sie später aus Bom die Nachricht, dass 
ihr ältester Sohn Federigo, der schon als Knabe an den Hof des Papstes 
kam, sich Ebre erwirbt — sie ermahnt ihn, dem Beispiele seines Vaters 
zu folgen, freigebig und grossmütig zu sein. In ächt mütterlicher Weise 
macht sie seinen Ehrgeiz rege, indem sie ihm erzählt von dem Ein- 
druck, den ein Conte de Claramonte auf sie gemacht habe wegen der 
grossen Galanterie, mit der er sich ihr pcfifenüber benonimeu — „welch' 
ein schönes Ding es sei, den Frauen m dienen"! 

Federigo liat sich alle ihre Lehren zu Herzen genommen, als wür- 
diger ?)ohv\ seiner Mutter hat er die nach dem Tode des Vaters über- 
nonmiene Regierung geführt. Kunst und Künstler iiaben den gross- 
mütigsten. freigebigsten Beschützer an ihm gefunden. Und nicht mindere 
Sorgfalt wie auf seine Erziehung hat Isabella auf die ihrer anderen 
Kinder gewandt. Von ihren vier Töchtern hat wenigstens eine, Eleonore, 
die Traditionen des Hauses in glänzender Weise als Gattin des Herzogs 
Ton ürbino aufrecht erhalten. Von ihren zwei jfingeren Söhnen vA 



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184 



Hemy Tfaode 



Ferrantc den kriegerischen Ncigiui^^en seines Vaters iidi geblieben, hat 
sich Ercole zu hohen geistliclien Wür<len ompor<jfescljwiingen. Briefe, 
welche Isubella 1522 un Baldassare Castiglione, dieses Muster eines Tor- 
aelimeDf vielseitig und fein gebildeten Kavaliers, wcigeu der Wahl eines 
Erziehers för Ercole gescbrieben bat, zeigen, was für Männer es sein 
mussten, deren Bat sie in Aosprucb nabtn. Sie wäre nicht eine Ffirstin 
dieser nach Ebre und Ruhm dfirstenden Zeit gewesen, bitte sie nicht 
mit ehrgeizigen Hoffnungen die Lebensgeschicke ihrer S&hne verfolgt^ 
dieselben zu bestimmen versucht. Wie es helsst, entschloss sie sich 
1524 selbst nach Rom zu gehen, um es dort beim Papste zu betreiben, 
dass Ercole den Kardinalshut erhielte. Die Zeiten, die sie daselbst ver- 
brachte, sollten zu den denkwfirdigsten ihres Lebens gehören. Über 
zwei Jahre verweilend, erlebte sie es, eingeschlossen in ihrem Palaste 
bei der Kirche der Apostoli, wie die Hauptstadt der Welt von dem 
deutschen Heere überwftitigt und geplündert wurde. Der Verwandtschaft 
mit dem heim Angritt' gestürzten Herzog von Bourbon und ihrem im 
deutschen Heere dienenden Sohne Ferrante verdankte sie die Befreiung 
aus einer Gefangenschaft, dii- f^t lUhrdroliend war. Auch bei dieser Ge- 
legenheit zeigte die starke Frau ihre Energie. Auf die Nachricht von 
dem Nahen dv^ Heeres Hess sie in ihrem Itause Thülen und Fenster 
vermauern, /alilieicho romische F]dle, aucli der venetianische Gesandte, 
begaben sieh uiitei iiire Obhut. Als sie endlich 1527 nac;h Maiitua 
zurückkelirte, konnte sie Ercole die inmitten der gi05.>len Wirren vom 
Papste glurklich crniugene Kardirinlsvvünle verkündifren. 

Bald si'llle sie ihre Fniuilie in ihh Ii hervnrr.iL'eiiderer Weise ireehrt 
seilen. Ob sie srlli-l iMA-omlere Pläne im Kojit'e liutte, als sie ir.!':» ii;ioh 
Uelo^Mia 7(1 Karls V. Einzug ging, der. wie sie in oinem ausführlichen 
Bride beriehtet, das Herrlichsto gewesen sei, was sie je gesehen habe? 
Mit Bestimmtheit ist es nielit zu sagen. Das bewegte Leben, das sich 
bei Anlass dieser wichtigen Begegnung des Kaisers mit dem Papste ent- 
wiclielte, hatte zunächst eine etwas peinliche Folge für sie. Es scheint, 
dass sie in ihrem Geleite eine Anzahl besonders schöner und liebens- 
werter Edelfrauen gehabt, die eine lebhafte Verehrung in den Herzen 
manches Italieners, wie man« lies Sii;iin>rs crweclcten. Die schlecht zu 
verhehlende Feindschaft der beiden Nationalitäten mochte mit dabei im 
Spiele sein — kurz, in einer Nacht kam es vor dem Palaste der Marchesa 
zu einem blutigen Kampfe zwischen Italienern und Spaniern. Ivetztere 
zogen den Kürzeren und Hessen achtzehn Tote auf der Karopfstätte. 
Isabelk hielt es für geraten, schon am nächsten Tage sich der allge- 



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Eioe itaUenischc Füntiu aus der Zeit dvr Renaissaucv 



135 



meiiMD Aufregung zu entzieheii und nach Mantua znrflckzulcehren. Bald 
sollte ihr Ärger verscheueht werden. In demaelben Jahre erschien 
Karl y. in Maotua und erteilte naeh grossen Festlichkeiten dem Federigo 
Gonzaga die Herzogswürde. Noch einmal: 1532 sollte der Hof der 

Gonzaga's den Kaiser bewirten. Bald darauf ist Isabella, von dem Ver- 
langen getrieben, dem Himnul ihre Dankbarkeit für so reichlich ihr nnd 

ihrer Faniilie t{c>]toniletes (iliick zu hezeuofen, begleitet von eiI^^'en 
K.i» alleren, nach Marseille m dem lieiligtimi der Magdalena gewall- 
fahrtet. Einer ihrer Getahrten, der Chroui^st und Verhonlicher der 
Faiiiilit», Mario Eqiiicoia. hat ihre Reise beschrieben und die Inschrift 
gedichtet, die zum Andenicen an diesen Besuch iu die Kirche gestiftet 
wurde. 

Ihre letzten Lebenqabre verbrnchte sie friedlich in Mantua, wo 
sie am 13. Februar 1539 gestorben ist. Im Kloster S. Paolo ward sie 
begraben. Ihr Sohn Federigo überlebte sie nicht Iftnger als ein Jahr. 

Es sind nar schwache Umrisse, die man an der Hand der histo* 
rischen Quellen von dem Leben dieser Frau in den äusseren Schicksalen 
zu geben vermag — ein wahrhaft lebensvolles, in bestimmten Zügen 
gezeichnetes Bild von ihr entsteht erst, lernt man sie in ihrer Beziehung 
zu den Dichtern und Gelehrten, vor allem aber den Künstlern jener Zeit 
kennen. Dann erst sieht man, wie reich, wie thätig dieses Leben ge- 
wesen ist, wie beseelt durch geistige Interessen ihr die ruhig in Mantua 
verbrachten Jalire verHossen sind. Was Lodovico Gonzaga bereits an- 
gebahnt hatte, hat Isabella verwirklii ht : durch sie ist Mantua zu einem 
der grossen Centren geistigen und künstlerischen Lebens in Italien ge- 
worden. 

Nichts ist bezeichnender für den Charakter dieser Frau, nichts vor* 
mag uns die Art ihres geselligen Verkehres mit den feinsten /.eitgends- 
siechen Denkern treifender zu kennzeichnen, als das ^Motto, das sie gleich- 
sam zur Überschrift ihres Lebens gemacht hatte: Nec spe nec motu! 
Frei von HoiTnung, frei von Furcht! 

In selbstbewasster Sicherheit die Gegenwart geniessend, von der 
stillen Hohe der Kontemplation aus den Wechsel der Dinge beobachtend, 
fern der gefährlichen fixaltation wie der erschlalTendett Hehincholie, voll 
und schaffend im Dasein stehend, aber den hdchston Inhalt desselben im 
ernsten Spiel der geistigen Kräfte erkennend, wie musste nicht Isa- 
bella dazu berufen sein, in ihren Gemächern, die sie ,il Paradiso" nannte, 
und iu ihren Gärten allen edieu und btrebendeü Geistern eine stille 



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136 



Henry Thode 



Zuflucht aus den Stflrmen der Welt zu schalTeii. In Gegenwart einer so 
tttgendbaften , bedeutenden Fürstin, wie hatte Bich nicht die nnge- 
Kwnngenste, heiterste gesellige Stimmung bilden, wie hätte nicht Wiesen 
und Witz sich den liebenswürdigsten Kampf bereiten, wie hätte nicht 

die Einbildungskraft in poetischen Bildern Gestalt gewinnen sollen? 
Nec spe nec metu — der Wahlsprueh der Freiheit im geselligen Ver- 
kehre der Menschen uutür i'iiuiinitM- ! Kein Wiiiidor, wenn Mario Equicola 
in oint'iii I'iii lie, das er der Isabella widmete, ihn über alle Devisen der 
Erde erhob! Und war es auch eine schmeichelnde Huldigung, die er 
seiner Herrin brachte, er hatte die Hedeutunj? des Spruches im Palaste 
der Gonzaga's an sich seihst erfahren. Mit dem leison Klaneo der Wehmut 
nach süssem Vereanueiiem eriuiieit sich einer der ^etVi ertöten Dii-htt-r 
und Philosoplien aus jenen Tagen. Pietro Bembo, in einem Briefe ao 
die Markgnlfin nn einen jener „glfioklichen Abende", die er bei ihr ver- 
bracht. \n9 der Ferne sendet er ihr Sonette. -Nicht d;iss dieselben 
wert seien, in ihre Hände zu gelangen", schreibt er, „aber er sehne sich 
danach, einige seiner Verse von ihr zitiert und gesungen zu wissen. 
Nichts anderes gebrauchten sie ja, um allen zu gefallen, als von ihrer 
reinen und süs.^en Stimme gesungen« von ihrer schönen und anmutigen 
II lind lieirleitet ZU werden". Er war einer der am liebsten gesehenen 
Gäste in Maiitua, wie der Graf Castiglione. der eine Reihe von Jahren 
hindurch auch stine politischen Dienste dein Marchese Federigo ge- 
widmet hat, wie der strenge, fromme und weise Batista Mantovano. 
Mit dem jüngeren Ouarini in Ferrara, dem Dichter, stand Isabella in 
Korrespondenz, Bemardo Tasso, der Vater des Torquato, sandte ihr seine 
Reime — oder wie er sie nennt, seine Tollheiten. Der Herr von Correggio 
widmet ihr seine Sonetten und Canzonen mit der fein verbindlichen Be- 
merliung, er verlange danach, sein Buch mit ihrem Namen zu zieren, so 
wie man seinen Heiligen an sein Haus xu malen pflege. Von Bologna 
aus sorgt sie für den Druck der Dialoge des geistvollen Paolo Oiovio und 
lässt besonders gntes Papier dafür ans Mantua kommen. Vertrauensvoll 
wendet sich Cesare Gonzaga, eine der Zierden der am urhinatischen Hofe 
sich versammelnden Oesellscbaft, mit der Bitte an sie, ein Gedicht, das 
er ihr übersende, von einem ihrer trefflichsten Sänger in Musik setzen 
zu lassen. Er würde ihr bis zum Tage des jüngsten Gerichtes dankbar 
sein. Sie solle sich nicht wundern, dass er in solchen kriegerischen 
Zeiten der Liebe nachginge: Mars habe nur mit der äusseren Hülle zu 
thun, alles übrige beherrsche Amor. Neben den Grossen aber mögen 
sieb auch die Kleinen in oft recht lästiger Weise herangedrängt haben. 



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£iu(> italienische Fürstin aus der Zeit der Kcnaissaaci; 



1S7 



Über das Sonett, das Giacomo Filippo Faella auf ihre Medaille machte, 
dürfte sich I>abL'llu schwerlich besonders gefreut haben. 

Im Winter 15o7 erschien als Bote des Hippolyt E.^tc iiinl als Über- 
bringer von dessen Glückwünschen zu der ertVtniendcii Geburt eines 
Kindes Lodovico Ariosto boi ihr. "Während seines kurzen Aufenthaltes 
weihte er sie in den l'lan seiner grossen Dichtung, des Orlando 
Furiose, ein. Isabella schreibt: „Messere Lodovico hat mir mit der Er- 
zählung des Werkes, welches er komponiert, diese zwei Tage ohne jede 
Langeweile, vielmehr mit dem grössten Oennsse verstreichen gemacht". 
Mit dem lebhaftesten Interesse vcrfolL^en der iierzot; und seine Gemahlin 
die weitere Ausführung des Helden^oilichtes. Franeeseo bittet ilin einige 
Jahre später um Übersendung der fertigen GesiuiLre, woranf sieli .Vriosto 
aber damit entschuldigt, das Manuskript sei noch nicht geheftet und 
der vielen Abkürzungen und Korrekturen wegen nicht lesbar. Die Mark- 
gräßn, der er bei ihrem Aufenthalt in Ferrara einiges daraus vorgelesen 
habe, könne das bezeugen. Später. 1519, übersendet er seine Komödie: 
la Cassaria und bittet, dersellten eine ebenso wohlwollende Aufnahme zu 
gewähren, wie seinen anderen Werken. Isabella ist die erste, die den 
um sechs Gesänge erweiterten Orlando 1532 empfangt. 

^Icb danke Euch*^, erwiderte sie ihm auf seinen Brief^ «so gut ich 
es nur immer vermag, dass Ihr meiner, wie Ihr es leigt^ dauernd ge- 
denkt. Und ich versichere Euch, dass ich eine Gelegenheit ersehne, Euch 
meine Dankbarkeit in irgend einer Art zu beweisen und Euch die ganz 
besondere Zuneigung bekannt zu machen, die ich %a Euch wegen Eurer 
Aber Alles seltenen Tugenden hege, die b^finstigt zu werden verdienen. 
So biete ich mich immer von Henen Euren Wfinschen und Befehlen 
zu Ge&llen m sein an". Mit vollem Rechte durfte sie sich dankbar 
zeigen, — in einigen Strophen des 12. Gesanges bat Ariosto Sie be- 
sungen, von der er nicht zu sagen weiss, ob ihre Anmut und ihre Schön- 
heit oder ihre Weisheit und Keuschheit h<^her zu preisen sei, Sie, die 
freigebige, grosshersage Isabella, die mit ihrem schönen Lichte Tag und 
Nacht sonnig das Land bescheint^ das der Alineio durchströmt. 

Wäre ein Verzeichnis der Bfichersammlung Isabella's uns erhalten 
geblieben, wir würden neben den Werken des Ariosto und der anderen 
bereits erwähnten I>i* bter wohl zablreiche Hüeher der Zeitgenossen in 
Dedikationsexemplaren t^'efuiiden haljen. Daneben in reichen ge;ciiiijaLk- 
Yollen Einbänden die würdigen, viel begehrten Ans<;aben älterer und 
neuerer Schriftsteller, wie sie namentlich aus der UlH/jn des eifrigen 
Venetianiscben Verlegers uod Gelehrten Aldus Manutius hervorgingeo. 



138 



Heorj Thode 



Glficklicherveise lernen wir ihren Verkehr mit diesem hoehverdteDten 
Manne aus einer Anxahl Briefe kennen. Ein in Venedig lehender Kfinstler, 
Lorenzo da Pavia, der in den verschiedenartigsten Angelegenheiten als 
ihr Agent thätig war, hat zuerst im Jahre 1501 hei Aldus Exemplare des 
Viigil, Petrarca und Orid mit besonderer Sorgfalt für sie bestellt. Er 
muss sie — und darin äussert sich der sorgsam wählende Geschmack einer 
das Leben bis in jedes Detail künstlerisch durchbildenden Frau — zum 
Einbinden nach den Niederlanden schicken, da dort bei weitem schönere 
Einbände, als in Italien angefertigt werden. So legt sie auch einen be- 
sonderen Wert darauf, dass ihre Exeujplare aiit dem bestem Papier ge- 
druckt werden, wofür der von tjrosser liewundeniiig lür sie erfüllte Aldus 
denn auch stets gesorgt hat. Aiit ihren W unsch sendet er iiir alle seine 
lateinischen Werke, wie alle (Vw kkiiu'ren Ausgaben, die er veranstaltet, 
darunter den Horaz, Juveual, Persiuri, Murtial, <'atull. Tibull. Properz, 
Lucian. Was aber soll man sagen, ertalirt man. dass si<; auch den 
Ay>olIoniu8 von Thyana, den Traktat de^ Eusebius gti^on Hierokles und 
die Dichtungen des Gregor von Xa/ianz in ihrer Biblioihok zu haben, 
durch dit'scllien in die dogmatischen Stn-itii^kfiten der ersten Jalirhun- 
derte des i hristentuma sich eingeweiht zu sehen wünschte? Auch ohne 
den ihr brieflich ausgesprochenen Wunsch des Kaisers Maximilian hätte 
sie wohl im Jahre 1510 sich ihres Freundes Aldus in den seine Thätig- 
keit und sein Vermögen bedrohenden Unruhen der Liga von Cambray 
angenommen. Die Verehrung, welche sie für die Dichtungen der alten 
Schriftsteller erfüllte, hatte schon im Jahre 1499 einen lebhaften Aus- 
druck gefunden, damals als sie Andrea Mantegna mit dem Entwürfe einer 
Yirgplstatue betraute, der uns noch im Louvre aufbewahrt wird. Sie 
wollte die unrühmliche Tbat des Grafen Carlo Malatesta wieder gut 
machen, der im Anfang des Jahrhunderts^ aus Eifersueht auf den be- 
rühmtesten Sohn Mantua*8 im Altertum, eine Statue des Virgil in den 
Mincio hatte werfen lassen. Mit Jubel hörten die Humanisten Neapels 
von diesem Plane der jungen Färstin. In ftberschwftnglichen Worten 
preist sie der Dichter Pontano, der es nur bedauert, sein Werk «fiber 
die Grossherzigkeit* schon abgeschlossen zu wissen, ohne den Ruhm 
dieser Frau verkündigt zu haben, die würdig der Herrschaft, würdig 
der LobsprQche, würdig jeder Verehrung sei. — Die Statue sollte jedoch 
nicht zur Ausführung gelangen. — 

In dem Idealbilde eines Hofmannes, welches Baldassare Castiglione's 
von Geist und Welterfahruug diktiertes Buch: der „Cortigiano* giebt, 
wird der Musik für die Veredlung des Charakters und für die Verfeine* 



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Eine iuiiieniscfac i< UrsÜu aus dor Zeit der Keuaissance 



139 



ruiifr der Sitte eine sehr weitgehende Bedeutung zuerkannt. „Aus vielen 
Griiudeii", liüisst os da, „welche alle zu erwähnen zu weit führen würde, 
muss man sie notwendig von Kir.dluit an lernen, nicht so sehr wegen 
jener mein- ubei Sachlichen Melodik, die mi\n hört, als deswegen, weil 
sie |L(euü<ft, in uns ein neues, t^utes Wesen liervorzubrinL'en nnd eine 
< iewülinlieit, iiaeli der Tiii^end zu .streben, was das (xemüt laliii^er zur 
Glückselij^'keit niaelie". Mit .sob hen nnd ähnlichen Worten hat (_'asli«,'liono 
die Zaubert:ewult ausgesprochen, die vor allen anderen das gesellij^^e 
Leben an einigen der Fürstotiliöfo der Kenaissanco zu einem Traum- 
dasein der Glückseligkeit machte. Und diese Zaubergewalt, von edlen 
Frauen ausgeübt, musste den segensvollen BinÜnss derselben in wunder- 
barer Weise erbOhen. Isabella iiat, wie Elisabeth von Urbino, eine 
leidenschaftliche Liebe für Musik gehabt. Sie selbst entzückte, zur 
Laute singend, mit ihrer schönen Stimme die Gäste, die sicli abendlich 
um sie versammelten. Jhr erstes Bestreben, als sie in Mantua einge- 
troffen ist, scheint es gewesen zu sein, eine Kapelle aus guten Musikern 
SU bilden, sich gute Instrumente senden zu lassen. Lorenzo da Pavia 
hat reichlieh in Venedig zu thun damit, alle ihre Wfinscfae betreffs 
trefflicher Lauten und Violinen zu erflBllen. In ihren Diensten befanden 
sich abwechselnd die berfihmtesten Sänger, Lautenschlfiger und Orgel- 
spieler. Manche wunderliche Erfahrungen muss sie mit diesem liebens- 
würdigen, aber eigenwilligen und unruhigen Volke gemacht haben. 
»Gerade jetzt, da die KomOdien gegeben werden*^, schreibt Francesco 
Gonzaga an den PIffaro Bernardino, ^seid Ihr fortgegangen. Fliegt herbei 
mit Euren Piflerari und Euren Instrumenten*. In Leo X. erstand den 
Fürsten von Muntua ein gelährlicher Kivale — die Künstler wussten 
wohl, wie hoch derselbe sie schätzte. Als Leu l'aj^st wird, eilen von 
allen Seiten, auch aus Mantua, die Süiiger von dannen. Der Marohese 
klagt laut, dass ihm die besten Kräfte seiner Kapelle ^^enonimen seien. 
Und nicht genug damit, überredeten die Flüehtüntre. die hieb iui Vatikau 
gar wohl befanden, auch noch die Zurückgebliebenen, nach Koro zu 
kommen. Endlicii wendet Francesco sich direkt an den Papst selber. 
Manche kehrten dann wohl reuig nach vielen Irrfahrten zu ihrem ersten 
Qöoner wieder zurück, wie jener Angelo Testagrossa, der in einem weli- 
mütig Terlangenden Briefe verspricht, er werde auch seine alte Laute, 
sowie zwei grössere, auch fünf sehr gute Violinen mitbringen und ein 
»sogenanntes Fagott*. Gewiss ist ihm ein ebenso freundlicher £mp&ng zu 
Teil geworden, wie der grossen Orgel von Alabaster, die 1522 Castiglione, 
nicht ohne grosse Schwierigkeiten mit der Dogana gehabt zu haben, aus 
Born übersendet. 



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140 



Henry Thode 



Und neben der Lddenscbaft für die Musik die Leidenschaft für 
die bildende Kunst. Fast alle grossen Künstler Italiens haben für Isa« 
bella gearbeitet. Was das heissen will, ist jedem deutlich, der bedenkt, 
dass ihre Zeit diejenige Lionardo's, Bapbaels, Michelangelo's, Mantegoa's, 
Tizians war. Es ist ein unbeschreibliches Qefuhl, beim Durehblättem 
der Briefe des Hantuaner Archivs so vielen unsterblichen Namen zu 
begegnen, die wir mit Verehrung wie göttliche aussprechen. Zu denken, 
dass es Menschen von Fleisch und Blut gegeben hat, die mit allen 
diesen unbegreiflichen Erscheinungen als mit lebenden Wesen verkehrt 
haben! „Ich war heute in Eurer Excellenz Auftrago bei Raphael, ~ er 
entschuldigt sich, das bestellte Bild noch nicht vollendet zu haben!* 
Wie das klingt! Oder ^Wenn es ihm iru'tnd möglich, seine Verpflich- 
tungen gegenüber dem König von Frankreich zu lüscii, wird Leonardo 
es als die höchste Gunst betrachten, in Eure Dienste treten zu dürfen!* 

Isabella hat inmitten der grossen künstlerischen Thätigkeit, die 
am Mantiianer Hofe unter den Auspicien der Fürsten Francesco und 
Federii^o herrschte, selbstständig und anregend sieh mit der Kunst 
beschältigt. Neben den offiziellen, für die Ausschmückung der Stadt- 
und Landpaläste der Gonzaga's bestimmten Arbeiten der zeitlich auf 
einander sich folgenden Maler, Andrea Mantegna, Loren zo Costa, Fran- 
cesco Bonsi.frnori und Oinlio Romano hat sie /ahlreielie andere Oe- 
milldo als Zienle ihrer (Jcmärher hestollt. Die Leidensehatt des Sam- 
meins, die damals eine allen gebildeten Kreisen Italiens gemeinsam 
eigentümliche war, verband sich bei ihr mit dem Lebensbedürfnis einer 
künstlerischen Umgebung. Ihre Bestellungen und Einkäufe zeugen von 
einem selten ausgebildeten, vorsichtig wählendt ri (ieschmack, dem Ge- 
nüge zu thun ihre Stellung und ihr Reichtum in beneidenswerter Weise 
sie befähigten. Bebtimmend für die Wahl der Kunstwerke war die Be- 
wunderung, die sie dem Altertume entgegenbrachte. Wie sie in ihrer 
Bibliothek die Schriftsteller der Alten vereinigte, so in ihrem Kunst- 
kabinet hervorragende Bildhauerwerke der antiken Kunst. Ja, der heid- 
nische Zauberkreis, in den sie eingetreten war, wurde so mftchtig, dass 
sich ihm auch die modernen Künstler anbequemen mussten. Fast alle 
die Auftrftge, die sie denselben gegeben, enthalten die Anweisung, mytho- 
logische oder heidnisch allegorische Phantasieen darzustellen* Diese 
Neigung mag durch den fanatischen Verehrer der Antike, Andrea Man- 
tegna, lebhaft bestärkt worden sein. Wirft man einen Blick in das 
glficklicherweise erhaltene Inventar ihres Kabinettes, so erhält man den 
Eindruck einer von der modernen Knnst wfirdig ausgestatteten Bdi- 



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Eine italienische Fontin nns der Zeit der Reneissanoe 



141 



quienkammer des beidniaelieD Altertums. Welche liebevolle Mühe hat 
es gekostet^ alle diese Reste antiker Kunst la sammeb! Auoh hier 
wieder betehren uns zahlreiche Briefe, dass sie flberall, vor Allem in 
Rom, Agenten, zum Teil Künstler hatte, die ihr von den neuen Funden 
berichteten, wertvolle Stüche für sie ankauften. Man erz&hlt ihr von 
dem Funde einer Zeuastatue, einer Figur des Tiber, von der Ausgra- 
bung dnes Obelisken, von merkw&rdigen Reliefs, von interessanten Me- 
daillen und man sendet ihr Zeichnungen. Wo etwas Wertvolles zu ge- 
winnen ist, spart sie nicht Geld noch Worte. Mit grosser Mühe erlangt 
sie im Jahre 1505 einen schlafenden Amor, der grosses Aufsehen in 
Rom macht. Man hielt ihn, wie uns die Sonette Gastiglione's und einiger 
anderer Dichter beweisen, f&r das Werk des Praxiteles, das einst Yerres 
aus Sicilien geraubt. Der patriotische römische Bildhauer Giovanni 
Cristoforo rähmt es hoch: wenn nicht Isabella es wäre, er würde es 
keinem sterblichen Menschen gestattet haben, Horn eines solchen Sehat/.es 
zu berauben. Wie es scheint, ist auch sie es gewesen, die jenen schla- 
fenden Oupiiio erworben, den Michelangelo in seiner Jugend verfertigt 
«nd der von ilem Händler als Antike verkauft worden war. Sie erhielt 
ihn zugluicii mit einer antiken Venu.->staiue von Cesare Borgia. Im 
Inventar wird er {jleich neben demjenit^eu des Praxiteles erwähnt. Von 
Andrea Alantegna erwarb sie eine Düste der Faustiiia. welclie der Künstler 
so liehto. diiss er sie nur in grosser Geldnot der Fürstin zum Kaufe 
anbot. Dieses Handels dürfte dieseli*e >irh nicht sehr zu rüliinen ge- 
bäht haben. Ks ist tief erstreitend zu lesen, unter welchen Schmerzen 
der alte Meister sich von dem gtliebten Kopfe trennt, schmerzlich 
zu sehen, dass Isabclla einem so um sie verdienten Manne gegenüber 
um den Preis feiischcn konnte. Durch seinen heftigen, eropüadlichen 
Charakter mochte Mantegna sich vielleicht die Huld der Herrin ver- 
scherzt haben, — immerhin bestätigt dieser Vorfall, was man auch aus 
verschiedenen anderen Verhandlungen mit Künstlern erfuhrt, da.ss die 
I''reigobigkeit der Marchesa ihre 0 ranzen hatte, sie in Geldangelegen- 
heiten zuweilen vergass, welche Vorrechte vor den anderen, Handel und 
Geschäfte treibenden Menschen die Künstler voraus haben. 

Über manche sonstige Statuen, Bflsten und Reliefs, von denen 
einige noch heute in Mantua aufbewahrt werden, mochte wohl ausfOhr- 
lieber zu reden sein, aber sie rufen nicht in gleichem Masse das Inter- 
esse hervor, wie die Werke der grossen Zeitgenossen Isabella's. 

Als dieselbe Ferrara verliess, ihrem Gemahl nach Mantua sn folgen, 
entführte sie dem vftterlicben Hofe einen der begabtesten ferraresischen 



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142 



Henry Thode 



Künstler; Ercole Koberti. Er sollte, wie es heisst, ihre Guardaroba be- 
niif'^ichtigeDt d. h. sie wollte ihn als ihren Hofmaler bei sich behalten. 
Wif OS scheint, hat es ihn aber mächtig zurückverlangt nach der 
Heimai, denn heimlicbf ohne ein Wort zu sagen, verschwindet er bei 
Kacht und Nebel und entschuldigt sich von Ferrara aus in einem 
sonderbaren Briefe. Er erkennt es mit Dank an, ehrenvoll behandelt 
worden zu sein, aber es habe ihn plötzlich ein solcher Widerwille gegen 
die aufgetragenen Arbeiten und gegen die nftchttiche Beschäftigung mit 
Zeichnen und Malen erfasst, dass er es nicht länger ansgehalten habe. 
OiTenbar war es eine krankhafte, fiberreizte Stimmung. Nicht lange dar- 
auf ist er gestorben. Vermutlich hatte Isabella, eine künstlerische Aus- 
stattung ihres , studio* planend, zuerst daran gedacht, Ercole mit der^ 
selben zu beauftragen. Als er ihr untreu wurde, fiel ihre Wahl auf den 
Padnaner Meister Andrea Mantegna, der seit Jahrzehnten im Dienste 
der Gonzaga's Werke schuf, die das Staunen ganz Norditaliens erregten. 
Der antiken Künstler einer schien in ihm auferstanden zu sm ! Sonder- 
bar, dass dieser berühmte und gefeierte Mann, von dessen Bedeutung 
alle Wände in den Palästen der Herrscherfamilie Zeugnis ablegten, der 
gerade damals mit der Ausführung seines ^Triuiiiiihcs des Caesar" be- 
sf'hafti,i,'t war. es für wünschenswert hielt, sich der jungun Füiatiu vor 
ilirer Ankunft in Mautua duicii einen l>iief des Hattista Guarino noch 
bosondtis empfehlen zu lassen. Als ob es dessen bedurft hätte! 

Zu den ersten künstlerischen Aufträgen, die sie erteilt hat, gehört 
dtMjt nigo für zwei allown isclie Darstellungen, die, zu den eii^eriartigsten 
Gi'iiKil'I'Mi An-Irra's ^'oli'^cnd. jetzt im Louvre aufbewahrt wt-rtJen. Es 
sind ri'rht riu'''nt lieh Kaliiiirtv^tiicke, mit t^rov^t-i- Feinheit in kleirjen 
Verliiiltni>soii aii>L'r!iilirt. lebensvolle Plianiasicm auf heidnifch-antike 
Stofle. r>as eint', allirrmt in drr Parnass genannt, zeigt in bunter Aus- 
wahl der Gruppen Mars mit Venus und Amor, Apollo mit den im 
Reigen tanzenden neun Musen und Merkur, der sidi an den geflügelten 
Pegasus lehnt. Auf dem andrii ii ist der üieg der Tugend und Weis- 
heit über das Laster dargestellt. Minerva und Diana, unterstützt von 
der Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mässigung vertreiben die monstrnos 
gebildeten Personifikationen der Ueppigkeit. des Müssiggangs, des Be- 
trui^ps', Geizes und an lerer Feindinnen des Menschengeschlechts. Etwas 
wunderlicheres als diese aus einem Gemisch von spitzfindiger mittel- 
alterlicher Gelehrsamkeit, fenatischer Verherrlichung des Altertums und 
modemer poetischer Empfindung hervorgegangenen Werke vermag man 
nicht leicht zu sehen. Die abschreckendsten, unverständlichsten Gestalten 



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Eise itaUmiflclu» FBntin «ns der Zeit d«r RenaiSMnoe 



143 



neben den zartesten, anmutigsten Erscheinungen — wilde, zügellose 
irdische Leidenschaften neben der seligen Kuhe des Olympos. Wie Oe- 
bilde eines wirren and doch fesselnden Morgentr^nmes bleiben die Dar- 
siellangen dem Betrachter im Gedächtnis haften. Nun, sie ist wohl 
einem Morgentraum zu vergleichen, diese ganze bamanistische Be- 
wegung. Lftngst vergangene Gestalten traten erkennbar und doch ver- 
ändert ans dem dunkeln Schoosse der Einbildungskraft hervor, vermischten 
sich in seltsamem Beigen mit den Erinnerungsschatten wirklicher Gegen- 
wart — die Sprache der Vergangenheit ward zur Sprache der Gegenwart, 
und die Gegenwart sprach in Gleichnissen und Formen der Vergangenhdt. 
Und die Tranmbilder gingen in einander über, eines in das andere — 
die heidnischen Götter verwandelten sich in christliche Tugenden und 
die Gestalten christlichen Glaubens hüllten sich in antike Gewänder. 
Wer diese Tiaunio zu deuten wüsste! 

Die poetisclien Allegorien Matitegnas liatten den Weg gewiesen. 
Isabülla wünschte ihiieu aniloie geaellt zu sehen, und sie wandte sich an 
Andrea's Schwager, das Haupt und den Führer der Venetianisciien Maler- 
schule: Giovanni lieliini. Dieser war nun t'reilieh ein ganz andersgearteter 
Künstler. Nach einem bestimmten Programm zu arbeiten, wie es ihm 
von Mantua eingesendet wurde, fiel ihm durchaus lüptig. Als ihm 1501 
der Auftrag zu Teil wurde, nahm er denselben zwar an, zeigte sich aber 
so unlustig, auch so wenig geneigt, mit Mantegna auf dem Gebiete dos 
Mythologischen zu wetteifern, dass Isabella's Vermittler Michele Vianello 
ihr riet, die Erfindung der Komposition dem Maler doch ganz anheim- 
ZQStellen. Sie ging darauf ein und begnügte sich damit, Bellini zu 
bitten, auf jeden Fall .irgend eine antike Geschichte oder Fabel oder 
wenigstens etwas, was mit der Antike zu thun und einen schönen Sinn 
habe*, zu fertigen. Das Jahr, das zur Frist angesetzt war, verging, 
sie geduldete sich ein zweites, da Bellini sich mit vielen anderen Pflichten 
entschuldigt. Als das Bild im September 1502 noch nicht begonnen 
ist, will sie nichts mehr davon wissen und fordert Giovanni auf, eine 
Gebart Christi mit Johannes dem Täufer zu entwerfen. Die vor langer 
Zeit fibersandten 25 Dukaten sollten dabei mit verrechnet werden. Bellini 
verspricht wiedenim, gleich an die Arbeit zu gehen, macht aber den 
Einwurf, dass sich Johannes der Täufer auf einer Geburt Christi nicht 
eio fügen lasse. Er schlage ein Madonnenbild vor und werde darin 
interessante landschaftliche Motive und „andere Phantasien" anbringen. 
Anderthalb Jahre vergehen, da V( riasst Isabella die Geduld — sie wollo 
solch' unerhörtes Benehmen niciit nmhv dulden, sie wünsche das Bild nicht 



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144 



Heai7 Tbode 



mehr, verlange aber die 25 Dnkaten zurück. Ihr Agent Lorenzo da Pavia 
soll die Sache betreiben, damit sie nur aus den Händen eines so undank- 
baron Menschen befreit werde. 

n.aii^ wohl die erste di.irarti*,'o Eiiulimng gewesen sein, welche 
die Fürstiu machte. Aber sie ist die einzip^e nicht j^ewesen: fin grosser 
Teil der urkundlichen Künstlcrnachricliten liat die Klagen der AuftniE!:- 
geber über Unpünktlichkeit von Seitoii der Maler und Bildhauer /.um 
Gegenstand. Künstlerisches Schaffen Lisst sich eben nicht (Tel)ieten wie 
Handwerkerthätigkeit. Zu ihrem Erstaunen haben zu allen Zeiten die 
firossen der Erde erfahren, ein wie machtloses Ding der Komniandostah 
ist. will er den Pinsel oder Meissel zwingen. Tsahclla frehf^rte zu (lencn, 
welche die momentane Aufwallung ihrer Unirt duM durch vornehme und 
anmutige Liebenswürdigkeit wieder gut zu machen wissen. Wie hätte 
sie aber auch den von heiterer Genialität eingegebenen Brief Bellini's, 
der «flexis genibus*^ um gütige Verzeihung bittet, nicht freandlich be- 
antworten sollen? So erhielt sie, wenn auch nicht die gewünschte 
»antike Fabel", so doch ein anderes Bild des grossen Meisters, das leider 
seit dem 17. Jahrhundert verschollen ist. Der wenn auch mühsam er- 
rnngeoe Erfolg hat Isabolla den Mut gegeben, noehroals im Jahre 150& 
eine mythologiscfae Darstellung bei Bellini zu bestellen, wie es scheint, 
aber wieder ohne Gluck. — Was Giovanni Bellini verweigerte, sollte 
Pietro Perugino gewähren. Er fand sieh geneigt, das gelehrte Fro- 
gramm, welches Paris da Ceresara aufgestellt hatte, in eine bildliche 
Darstellung zu verwandeln. Das Gemftlde, welches nach Mantegna's 
Vorgang in Temperafarben ausgeführt werden musste, befindet sich jetzt 
im Louvre. Es stellt den Kampf der Eeuschhrat mit der Liebe dar. 
Als es Perugino 1505 nach Mantua sandte, hegleitete er es mit einem 
Briefe, in dem er einen im Vergleich zu seiner sonstigen Korrespondenz 
selten gebildeten Ton anschlSgt. Wie ungewohnt ihm derselbe war, 
verrät er zum Schlüsse, als er, vermutlich zum Schrecken der Mantua* 
nischen Hofleute, sich als ^treuen Diener und Freund der Isabella' 
nnteiaehreibt 

Noch waren zwei Plätze an den Wänden des Studio leer — 

Lorenzo Costa, der Ferrarese, der 1509 ganz in die Dienste der Gon- 
zapa s ffctreten ist und bis zu seinem Tode darin verharrt hat. erhielt 
den Aiil'trai^. für die \'uliend!in,L: zu sorgen. Seine beiden Alle^jorien 
betinden sii h ehiichlalls im Louvre. Von der einen, dem Musenhof der 
Isabella, ist bereits gesprochen worden, die andere zeigt eine Versammlung 
der Götter, von denen Merkur den Angriff feindlicher Mächte abwehrt. 



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ESne iulieniwite Fdrttiii ans der Zeit der Reiudmnee 



145 



MOglicb, dass diewB Bild unpriinglich dem Mantegna aufgetragen war, 
foa diesem aber nicht ansgeflibrt wurde. Wir wiBBen, dass er die Dar- 
stellung des Gottes Goraos, der Venus, des Janus und des Merkur, der 
einige Figuren versclieucht, auf Wunsch der Isabella entworfen hatte. 
Sein Tod hinderte ihn an der ErfftUnng desselben. 

Mantegna bat dann för das Kabinet der Markgrftfin noch zwei 
dekoratire Gemälde, welche Bronsereliels nachahmten und über den 
Thüren angebracht waren, gefertigt. 

Zu den . Suten einer dieser ThAren haben wir uns zwei auf Lein- 
wand gemalte Bilder von Correggio za drohen, allegorische Stoffe be- 
handelnd : der Triumph der Tugend und das Laster. Jetzt befinden sie 
sich im Louvre. Es sind nicht die einzigen Werke, die der Künstler 
für die G^nzaga's geschaflFen hat. Jtipiter und Antiope, jetzt in Paris, 
die Schule des Amor, jetzt in London, vielleicht auch der Ganymed in 
Wien stammen aus der Mantuancr ^ammhiii«;. Seine heuto in Berlin 
hefindliche Lcda, seine Danao in der GalhMie Horpfhese hat Correj^^äo 
für Federigo gemalt, der sie dem Kaiser schenken wollte. Auch alle 
diese Schöpfungen mythologische Poesieen ? 

Nennt man diese Künstlernamen, diese Darstellungen, m drängt 
sich fast unwillkürlifh der Name: Gior^none auf die Lippen. Mehr 
als irgend ein an<it'rer scheint er dazu bestimmt gewesen zu sein, die 
Lieblincf5;ideen Isabella'?? zu verwirklichen. Kiner ihrer Räume, der an 
das Studio stiess, die (irotte, wäre ein würdiger Aufenthalt für sein 
Conecrt gewesen, das aus der Sammlung Karls I. stammend in den 
Louvre gekommen ist. Vielleicht entbehrt diese Vermutung nicht ganz 
der Berechtigung, da ja ein grosser Teil der Bilder Karls L aus Mantua 
stammt. Was wir positiv wissen, ist dies, dass Isabella nach Giorgione's 
Tod sich sogleich, aber Tergeblicb bemühte, ein Bild des Meisters zu 
erwerben. 

Auch an Sebastiano del Piombo, seinen Schüler, den Kivalen 
Baphaels, ist der verlockende Ruf, eine «bistoria* zu maleUf ergangen, 
ob er, der in sehr freundschaftlichen Beziehungen zur Fürstin stand, dem- 
deroselhen aber Folge gegeben, ist nicht zu sagen. So wenig, als es be- 
kannt ist^ ob Sodoma und Carpaccio, die dem Marchese ihre Dienste 
angeboten, Bilder fär denselben ausgeführt haben. 

Im Jahre 1515 sehen wir Isahella in Beziehung zu Baphael ! Zum 
eisten Male hatte dieser mit seinem Pinsel den Gonzaga*8 seine Huldi- 
gung dargebracht, als er den jugendlichen Federigo in der erlauchten 
Qesellschafb der griechischen Philosophen in der «Schule von Athen* dar- 
hedb beidelb. JAKaaufiCHEa vl 10 



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Hmry Thode 



stellte. Weoic:«' Jahre später hat er ein Bildnis desselben angefertigt, 
das lange imvollendet blieb und erst in den zwanziger Jahron nach 
Mantua gekommen za sein schoint !!* ute ist es nicht mehr mit Beatimrat- 
heit nachzuweisen. Dann, 1515, hat Isabella selbst ihn um ein kleines 
Gemälde ersucht. Auf dieses hat sie lange warten mfisseDf obgleich der 
Urbioate veraprochen, es sogleich auszufuhren. Zu gross waren die Auf- 
gaben, die er im Dienste Leo's X. auf sieb genommen. 1519 beliebtet 
sein Freund Gastiglione, dass Bapbael an dem Bilde nur male, wenn er 
mahnend zugegen sei. Er sei flberzeugt^ dass Raphael den Pinsel aus 
der Hand lege, sobald er (Gastiglione) das Atelier verlasse. Endlich 
scheint sich Isabella doch am Ziele ihrer Wünsche gesehen tu haben. 
In einem Inventar der Mantuaniscben Sammlung aus dem 17. Jahr- 
hundert werden zwei Madonnen von Baphael erwfthnt: eine grosse und 
eine kleine. Die erstere, die nPerle" der Ifadrider Sammlung, war ur- 
spranglich ffir die Grafen Oanossa gemalt — die kleine, jetzt verschol' 
lene, scheint das 1515 bestellte Bild gewesen zu sein. 

Eine Beihe anderer Kfinstler treten uns in ihron Beziehungen zur 
Färstin entgegen, befragen wir die urkundlichen Quellen nach den Bild- 
nissen, die von ihr gemacht worden sind. Einige wenige sind uns erhalten. 
Verloren ist die Büste, welche Isabella auf Wunsch ihrer Schwägerin 
Lncrezia Borgia 1502 von einem Bildhauer Joan Jacomo anfertigen 
lassen sollte. Verschollen das Doppelporti ait. welches Jioreiizo Costa 
von ihr und ihrer Tochter Leonore machte, verschullen üiüvanni Santi's 
imd Francesco i'rancia's Portraits von 1494 und 1511. Venschollen 
aucli (las Bildnis, das Lioiurdo da Vinci entworfen — man weiss nicht, 
oh auch in Farben ausgeführt hat. Lorcnzo da Pavia herielitct 1500 
ans VeiiediL:. dass er dasseli»e gesehen, es sei su natürlich und so 
gut gcniailii. dass es üher daa Mögliche i^ing^. Lionardo hat es nach 
Floren/, initgeiioaimen und dort wohl vollendet, inde^^en zwei andere 
Aufträge der Fürstin, die Lionardo in Mailand kennen und lieben ge- 
lernt hatte, nanilich die Darstellung des zwolijahrigen Uiiristus und eine 
Madonna, nicht zur Ausführung kamen, trotz unaufhörlicher Bemühungen 
und Korrespondenzen. Es ist einer der merkwürdigsten Berichte, der 
uns über den unbegreiflichen Mann in einem Schreiben des Frater Petrus 
de Navolaria an Isabella gegeben wird. Der Künstler scheint in die- 
ser Jahre ganz hinter dem ei^perimeutierenden forscher, dem mit Pro- 
blemen sich beschäftigenden Gelehrten verschwunden zu sein. Der Frater 
schreibt : 

.Ich habe in dieser Woche durch seinen Schüler Salai and andere 



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fiiiM Italianiidi« FOisttn ftos der Zelt der Renniaaanee 



147 



FrauDdc voD des Künstlers Leonardo Eatscbluss gehört, was mich ver- 
anlasste, ibfl am Mittwoch der Passionswoche m besachen, um mich 
selbst davon tu fiberzeugen, dass es wahr sei. In Kürze: seine mathe- 
matischen Experimente haben ihm das Malen so verbasst gemacht, dass 
er es nicht einmal ertragen kann, einen Pinsel in die Hand zu nehmen. 
Gleichwohl versnebte ich alles, was ich konnte, indem ich alle Kunst 
anwandte, ihn so weit zu bringen, Eurer Hoheit Wünschen entgegen- 
zukommen, ünd als ich sah, dass er wohl aufgelegt schien, sich Eurer 
Eminenz za verpflichten, teilte ich ihm oifen Alles mit, und wir kamen 
zu folgender Verständigung: nehmlich, falls er im Stande sein sollte, 
sieb von seiner Verpflichtung gegen den Kdnig von Frankreich zu be- 
freien, ohne dabei des Monarchen Wohlwollen zu verscherzen — was, 
wie er hoffe, im Zeitraum von höchstens einem Monat bewerkstelligt 
werden könnte — so wfirde er Surer Eminenz lieber als irgend Jemand 
sonst in der Welt dienen. Auf jeden Fall aber will er sogleich das 
Portrait malen nnd es Eurer Eminenz schicken, da das kleine Bild, 
welches er fflr einen Günstling des Königs von Fiankieich mit Namen 
Robertet auszuführen hatte, nunmehr heendiirt isf. 

Isabella'.s durch raehrorc Jahre liindurch gehegten Hoßnungeii, 
Lionardo in Mantua eine neue Heimat zu schallen, sollten nicht verwirk- 
licht werden, wie aucii jener ihm erteilte Auftrag zu einem den zwölf- 
jalirigen Christus unter den Schriftgelehrten darstellenden Gemähie von 
dem Künstler nicht übernommen wurde. Die Stellunt,' eines ArchitL-kten 
und Kriegsingenieurs, die ihm iJesure Horgia bald darauf anhot, war ganz 
das, was er sich damals, des Malens müde, gewüusclit hatte. Sie hot 
ihm die Gelegpnbpit. seine kühnen Xenerungsgedanken, vornehnilieh auf 
dem Gebiete der .Mechanik, auszuführen. Der eine, dem er trotz seiner 
hoflichen Versiclierung Isahella gegenüber lieber diente, als dieser, war 
der auf seinem gewaltsamen Siegeszuge durch Italien begrifieoe Gon- 
faioniere der heiligen Römischen Kirche. 

Wenn einige Forscher die Vermutung ausgesprochen haben, das von 
Lionardo gefertigte Bildnis Isabelia's sei in der sogenannten „belle Ferro- 
nii^re* im Leu vre erhalten, so widerspricht dem ein Vergleich mit den 
beglaubigten Portraits durciiaus. Ansprechender, wenn auch gleichfalls 
nicht ganz überzeugend, ist Yriarte's Vermutung, der wundervolle Karton 
einer vornehmen Frau mit horabwallendem Haar im Louvre stelle Isa- 
bella dar. Unter den sicheren Bildnissen sind zunächst zwei Medaillen 
za erwftbnen: Die eine in reicher edelsteingescfamCickter Ein&ssung in 
Wien ist ohne Begründung, nur auf die Vortrefflichkeit der Arbeit hin 

10* 



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Henry Thode 



dem ßcnvenuto Cellini 7n<rcsc]inoben worden. Man bat in ihr viel- 
mehr ein Wölk des berühmten römischen Medailleurs Giovanni Cristo- 
foro zo eebeo, der, einer der grössten Verehrer der Marchesa, wie wir 
wissen, eine solche geschaflfen hat. Eine andere mit dem Doppelportrait 
France8Co*8 und Isabella's befiind sich auf einer Auestellnng im Jahre 
1865 in Paris. Wollen wir eil lebhaftes Bild von der Fürstin erhalten, 
so genQgen beide Medaillen nicht. Da ist es als ein besonderer Glücks- 
Kufflll zQ betrachten, dass uns wenigstens ein unzweifelhaft echtes Bild> 
nis von der Hand Titians im Belvedere zu Wien erhalten ist. Von 
1528—1540 hat derselbe in fast anunterbrochenem Verkehr mit dem 
Sohn der Isabella, dem Marcbese Federigo, gestanden. Wenn seine Be- 
ziehungen zu der Markgrftfin selbst auch nicht so lebhafte waren, wie 
die zu ihrer Tochter Eleonora von Urbino, so scheinen es doch sehr 
frenndsehaftliche gewesen zu sein. Bei zahlreichen Auftrügen, die ihm 
▼on Mantna aus erteilt wurden, mag sie die Hand mit im Spiele gehabt 
haben — zu ihren Lebzeiten noch entstand eine förmliche Gallerie 
Titian'scher Bilder im Palaste der Gonzaga^s. Als speziell in ihrem Auf- 
trage 1530 aiisgeffihrt wird ein Rdsealtar erwähnt. Zweimal hat er sie 
nach nrkundlichen Nachrichten portraitiert; die beiden Bildnisse be- 
funden sich noch im 17. Jahrhundert in Mantua, henk sind von Hubens 
während seines AulenthaltcÄ diiaelbst kopiert worden. Erhalten ist die 
eine Kopie, die sie in höherem Lebensalter in rotem Sammetkleide dar- 
ätaWt und das eine Original, auf dem sie in reich gesticktem blauen 
Gewände mit schwarzen liaii>chigen Ärmeln, eine golddurchwirkte, mit 
einer PerlenagraÜ'e ge.si hniiirktr tiirliMnahtiliclie Ilanhe auf (b'tn Kopfe» 
einen grossen Pelzwedol v*-!) SiliM'rluiihs in der reclitcn Hand erscheint. 
Aullallemier Wt'ise in jugeiidlirlier Krsrliciiuiiig. «'twa im Alter von 
30 Jahren. Da sie Titian 7ii dirser /fit nicht gemalt haben kann, bleibt 
ni< lit< ülirig, al> anzunelimen, dass der Kün-tler auf WunH-h der Fürstin 
mit Henut/ung einefi vor Zeiten entstandenen Pr.rtraits iiir wenigstens 
im Hilde die Jugend /urfickgezaubcrt habe. Im Anblick der in leuch- 
tender Herrlichkeit prangenden Gemillde, die Titian von ihrer Tochter 
Eleonora gemacht, mochte sie es mit geheimer Wehmut sich sagen, dass 
in den Zeiten ihrer Jugendblüte es doch Keinen gegeben habe, der Schön- 
heit und Vornelimheit zu farbig lebensvoller Wirklichkeit in seinen Bild- 
nissen erstehen Hess, wie Titian, In der That wissen wir, dass sie im 
Jahre 1531 dem Meister ein älteres Portrait eingeschickt hat, das er 
nun für sein Werk verwertete. Der Mangel einer direkten Nachbildung 
der Natur macht sich in dem Wiener Bilde deutlich geltend. Verglichen 



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£äoe itali«iii«die Fflntin m» der Zeit der EeniUssanoe 



149 



mit anderen Titian*8cben FrauenkOpfen , bat dieser etwas Lebloses, 
Allgemeines, Typisches. Man rermisst in ibm den vollen Palsscblag 
des Lebeos. Das mW bei einer BenrteiluDg der Frau nach diesem 
Bildnis beracksichtigt sein. Dennocb giebt es deutHcb den Charakter 
wieder. Ein wenig nach der Seite gewandt, in vollständiger Buhe scbant 
sie mit scharfem, klugen Blicke heraus, einem Blicke, der in seiner un- 
verrückbaren Bestimmtheit fast schonungslos den Beschauer zwingt, ihn 
zu crtrageu. Die Züge sind von einer reuelniü^j^igen, aber et\Yas unbe- 
weglichen Schönheit, ^iur in den fein geachweiften Augenbrauen, den 
unmerklich bewegten Mundwinkeln verrat sich sicbtbarlioh eine zart 
ausgebildete Intelligenz, aber das wesentlich Charakteristische des Kopfes 
ist Klugheit und Energie. Der höchste Zauber der Weiblichkeit, der leb- 
hafte Ausurut k eines warmen, impulsiven Gefühles hätte danach dieser 
Frau gefehlt. Ihrem Gatten, ihren Kindern gegenüber mag es sich ge- 
äussert haben — was die Künstler, die Dichter an sie gefesselt liat, ist der 
klare Geist gewesen, in dem die Gedankenwelt Anderer bis in die feinsten 
Einzelheiten hinein ihren spiegelhellen Retlex fand, die sichere Vornehm- 
heit, welche alle Formen menschlichen Verkehrs künstlerisch zu veredeln 
wusste. Nec spe nec metu! 

Das Portrait, das uns Titian von Isabelk hinterlassen bat, stimmt 
mit dem Bilde überein, dessen einzelne Züge wir aus ihrer Korrespondenz 
zusammenfügen konnten : die Klugheit, mit der sie in Abwesenheit ihres 
Gemahls die Geschäfte geführt, der Ehrgeiz, dem ihre Familie die 
grössten Erfolge verdankt, der rastlose Eifer und die Gewandtheit, mit 
der sie ihre Sammlung von Kunstwerken bewerkstelligt, die oft etwas 
gescbftftsmftssige Behandlung der Geldangel^eobeiten selbst Künstlern 
gegenüber, daneben aber eine leidenschaftliche Familienliebe, ein edler 
Formensinn, ein lebhaftes angeborenes Interesse für alles Geistige. Nicht 
allein die schönste, wie die Madama Ootron an den Marehese schreibt, 
wird Isabella unter den zur Hochzeit der Lucrezia Borgia versammelten 
Frauen gewesen sein, sondern auch weitaus die bedeutendste. Erklärt 
sich aus dem Allen nicht überraschend die Walil der Kunstwerke, die 
sie um sich versammelt, der eigentümliche Beiz, den die mehr dichte- 
rischen als malerischen Allegorien und mythologischen Fabeln für sie 
hatten ? Ahnt man es nicht wobl, dass ihr subtiler Geschmack bestimmend 
auf die unscheinbarsten Gebrauchsgegenstände ihrer Umgebung wirken 
musste, wie das ans deu zahlreichen Aufträgen an Goldschmiede, an 
Verfertiger von Elfenbein-, von Bernstein-, von Ebenbolz- und sonstigen 
Arbeiten hervorgeht? 



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Henry Thode 



Wer heutzutage die einstige Besidenx der Gonzaga's besucht, wird 
nur mit Mflhe sich in jene glansvollen Zeiten Teraetzen kennen. Kanm 
giebt es eine melancholischere Stadt in ganz Italien. Ton Grund aus um- 
gestaltet ist der Pahist am Pusterlathore, für den Mantegna seinen 
Triumph des Casar, für den Lorenzo Costa, Francesco Bonaiguori^ Leo- 
nardo Leonbruno, Giolio Romano zahllose Fresken geschaffen. Verödet 
und kahl empfängt den Besucher der grosse Komplex des KasteUes — 
in den leeren Sälen und Korridoren, die einst mit kostbaren Arazz^s, 
mit den Meisterverken italienischer Maler geschmfickt waren, U>nt fast 
unheimlich der Schritt wieder. In einigen der hohen, weiten Eftume 
sind zwar noch Fresken erhalten, aber es sind die wilden, gewalt- 
samen Gebilde Giulio Bomano*s und seiner Schfller, deren lärmende, 
gi-ossthuerische Formensprache in greller Disharmonie mit der leblosen, 
schweigsamen Umgebung steht. Fast gespenstisch treten Einem plötz- 
lich in der Camera degli Sposi die wie durcli einen Zauberschlag mitten 
in ihrer Bewegung versteinert- ii Gcslalten Lodovico's Gonzaga und aller 
seiner Angehörigen entire'^^'ti , ilie Mantegna iiiit meinem uiierbiltlich 
wahrhaftigen Pinsel au die W aiide gebannt hat. Vielleicht, dass man 
sich stunden lang in starrem Sinnen vor ihnen vergisst. viclltii lit dass 
man erschrt't.kt sioh weiter wendet, nach einem kurzen, /.agiiaften Blick 
in dieses- S<*hattenreicii der Kraft — : du aieht man siili jih.t/lich mit 
Verwundt'i iiiig in kleinen ciiu'en Käuraen, mit fein L't-'aibeittAen und 
benialtt'ii Holzdecken, zierlichen Arabesken aus Stuck inid lutarssien an 
den Wänden, leicht und frulilicli skulpi'fttMi MarniDieinfassungen der 
Thüren. Ein liebliches Cmvebe, mit dein eine launig spielende Einbil- 
dungskraft die nackte Wirklichkeit von Stein und Holz überzogen hat. 
Ueberau wiederkehrend in den Ornamenten eigentümliche Symbole: ein 
Blumensträusschen, ein Kandelaber, die römische ZilTer XXVil — und 
mitten zwi eben ihnen der Sinnspruch: nec spe nec metu. Das Paradies 
der Isabelia Gonzaga! Hier sass sie, die klugen, aufmerksamen Auges 
auf Ariost gerichtet, als er ihr die Geschichte seines Orlando erzählta, 
hier verbrachte Pietro Benibo den i]:hlckUchen Abend, an dem ihre 
schöne, die Saiten schlagende Hand ihn bezauberte, hier vertiefte sie 
sich in Virgil, den ibr Aldus Manutius gesandt, hier berichtete ihr 
Castiglione von den neuen wunderbaren Funden, die in Born gemacht 
worden waren, hier entwarf sie mit Mantegna die sinnreichen Fabeln, 
hier wies sie dem kriegesmöden, heimkehrenden Gemahl in Mitte ihrer 
Kinder eine Stätte des Friedens und der Erholung! — Warum sie es 
das Paradies nannte? Die Antwort ist nicht schwer. Der Führer frei- 



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Eine italitiusebe FoiBlin ans dir Zeit der Renafflsance 151 

]icb meint, der herrlichen Aassicht wegen! Man tritt zum Fenster — 
da breitet sich einer Ueberschwemmung gleich schwermütig monoton 
die stille Wasserfläche des Mindo. aus. Nein, da draussen liegt das 
Paradies nicht, hier drinnen glaubte sie es sich zu schaffen. Aber doch: 
die Landschaft steht in einer geheinmisvoU harmonischen Beziehung 
zu der Bewohnerin dieser Bäume! Kdn lachendes, frühlingsjunges tos- 
kanisches Qefilde, kein dunkler, schrofT und zackig aufragender Ge- 
birgszug: eine ruhig rastende, nur an der Oberfläche bewegte weite 
Wasserfläche! Eine Natur, bei deren Anblick das menschliche Herz 
nicht auQaucbzt in fiberwallender, unendlicher Sehnsucht nach Liebe 
und Glück, nicht bange schauernd der starren Unwandelbarkeit ewigen 
Seins die flüchtige Vergänglichkeit menschlichen Wesens vergleicht — 
eine Natur, die dem Menschen das Leben deutet als ein in massvollem 
Wechsel von Thätigkeit und Beschauliclikeit harmonisch sich voUzi^en- 
des Spiel der Kräfte! Unbewegt von Hoftnung und von Furcht, wie 
das der Marcli^sa von Mautua, IsabüUa Gonzaga! 



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Der Feldzag des Callgula an den Rhein. 



Prof. De, AIex»4er IU«m in Fk&nkfart a. M. 



Als eine der grünsten Thmlieiten des Kaisers Gaius 0h bekanntlich 
der Feldzug, den er im Jahio 4o an den HIumii und p'^^o-n Uritaimien 
unternahm. Das Resultat, <ia.s er mit uiiL:i.'lii.'iierii HeeresniassiMi erreichte, 
war am Rhein, so sagt man, die ScheinbelvampiunL,' seiner eiL'eneu ger- 
manisehcn Leibwache und Errichtung falscher Siegeszeichen *), am Kanal 
das AiiHesen von Strandnauscheln als Trophäen des Oceans*). So erzählt 
in der That Suetonius, der Feind aller Chronologie, in einer ebenso aus- 
führlichen wie konfusen Erzählung'), uud das letztere enthält auch 
Cassius Dio, und die Neueren erzählen es ihnen und besonders dem Suetoo 
nach, und manche sehen gerade darin ein Zeichen von Gaius' VVahii-inn. 
Denn solchen schreiben Sueton, Tacitus (?) und Josephus *) ihm zu. Dass 
die Sache, wenn sie wirklich so verlief, von Wahnsinn zeu<,'t. ist ja wahr- 
scheinlich, und die moderne Bezeichnung des »Cftearenwahnsinns*^ würde 
sich mit Recht an seine Unternehmung heften. Aber ist die ßrzfthlung 
ao sich möglich? Wörde ein so grosses Heer — legionibus et auxilii» 
undique exeitis, dilectibua ulnque aeerbissim^ actis (Suet 43) — , welches 
Dio (59, 22, i), natärlieh in sinnloser Übertreibung, auf 200,000 oder 
nach anderen 250,000 Mann schätzt, sich solches haben gefallen lassen? 
Würden die an st&dtische Bequemlichkeit gewöhnten Pr&torianer diesen 
weiten, beschwerlichen, z. T. mit der grdssten Schnelligkeit ausgeführten 
Zug ruhig mitgemacht haben, nur um sich schliesslich zum Besten halten 

1) Sueton. Calig. 45. Dio 59, 22, 2. 

2) Sueton. Calig. 4(5. Dio r>'\ ■? f. 

3) iijuctoo. Calig. 43— 4b. Diebteilen sind in nmiücm .Khetnischeu Germaniea 
in der antiken Littentor" xitimiufDgestellt. 

4) Saetoii, Calig.dOt T«c aan. 6, 45 eommotut ingeiUo, Josepbiii ADtiq. 19, 
1, 2 tlg TouTo dk Tipoußi^ TO ftatftxov a^nfi ff. o. 



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Alexander Riete, Der Fddnig des Cal^to an den Rhein 



158 



zQ kssen? ODd bätte dann der Kaiser seine Beliebtheit bei Volk and 
Heer, wie Niese ^) richtig sagt, bis zu Ende behalten? 

Und doch ist die Sache meines Wissens von den Neueren (wie 
Durof-Hertaberg, H. Schiller, Niese) nie anders aufgefasst worden, und 
es bleibt damit dieser Feldsug die Krone aller Yerrfiektheit Nur Ranke 
hat in seinen Analekten, vielleicht der bedeutendsten historischen Studie 
Uber Tacltns, seine gewichtigen Zweifel an diesem 'wunderlichsten aller 
Feldafige' ausgesprochen. Ranke, der wie einige andere*) bei Calignia 
nicht sowohl Yerrfiektheit als bizarre Launen annimmt, erwfthnt dort 
zunächst, dass Sueton und Dio „in dieser Erzflhlung beide fabalos, aber 
sehr verschieden in ihren Fabeln" seien (S. 338) und findet sich „ver- 
sucht, das Eine und «las Andere für feindselige kan ikaturähnliche Jiericlite 
zu iialten" (339), das .aus eiiieiii oder ein paar satirischen Stücken, in 
denen die Kegieriing Caligulu s, namentlich aueli sein Verhalten gegen 
den Senat, ins Lächerliche gezogen war. lit rnilire" (341). So sehr nun 
jeder Unbf^l'antjene diesen Uit^'Uen zustininicn wird, so wenig kann das 
lielVii'digen, was Kanke über den wirklichen Verlauf der Dinge .^a^t, und 
t's ist eigentümlich, dass es ihm nicht glückte, aus dem so richtig be- 
urteilten ^laterial das rielitige Resultat zu finden. Er meint, man könne 
,aus beiden IJerichlen nichts ahnchnien. als da?s Caliguia Dem()n^trationen 
gegen (ierinanien und Britannien machte, die zu nichts führten" (330). 
Was seine Erfolge hinderte, sei wohl vor allem die „alte Entzweiung mit 
den rheinischen Legionen" gewesen; dies schliesst er aus Caligula's Absicht, 
jenen Aufruhr der Legionen gegen seinen Vater Germanicus aufs gewalt- 
samste zu strafen (>n). Aber jener Aufstand hatte nicht weniger als 
26 Jahre früher stattgefunden und zwar vorzugsweise im miffM i n Heere, 
wulirend Caligula jetzt zumeist im oberen Heere zu thun hatte (s. u.): 
die Strafe würde also wohl keinen einzigen Teilnehmer jenes Aufstandes 
getrofi'en liaben ! Übrigens ist es Sueton allein (c. 48), nicht auch Dio, 
der ihm diese denkbar grOsste Tborheit zuschreibt. Und was Britannien 
betrifft, so meint Ranke : ,aus der Verbindung einer schleunigen BQck- 
kehr vom Meer mit der Errichtung eines Leuchtthurms (so Snet Cal. 40) 
möchte man schliessen, dass Schwierigkeiten der Seefahrt sich der Ab- 
fiihrt nach Britannien in den Weg stellten, so dass vor allen Dingen 
die Seefahrt gesichert und die Ruhe innerhalb QalUens aufrecht erhalten 
werden musste*' (841). Er erwftbnt dann den Bericht des Sueton in der 
vita Claudii c. 9, dass ihn auf der Böckreise nach Rom eine Senats- 

1) Vgl. .1. V. Muller'8 Handbuch d. klass. A]Uj..Wi88. Iii ü92 f. 

2) Vgl. Schiller, Ocech. d. ttm. KaiKneit I, 306 n. a. 



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154 



Atesmoder RitM 



ir'^saDdtschaft wegen Unterdrückung einer Verschwörung beglückwfinscbt 
)iai)e, dass der Kaiser ihr aber, zumal er die Teilnahme seines Oheims 
Claudius dabei ungern sah, sehr schroff entgegengetreten sei. Welches 
diese Verschwörmig gewesen sei, wisse man nicht An einer anderen 8telle 
(Suet Cland. 9) werde dne Verschwörung des Lentulus Gaetolicns nnd 
des Lepidtts genannt, Ton denen jener ein mftchtiger, einst gegen Tiberios 
widerspenstiger Heerftihrer, dieser mftchtig im kaiserlichen Hanse gewesen 
sei (342). Weiter geht Bänke nicht 

Und doch, so scheint mir, ist durch richtige Kombination und Wür* 
diguttg der Quellen noch weit mehr au ermitteln^). Nur muss man 
natürlich die weitaus ausführlichste Erzfthlung, die des Sueton c. 43 — 18, 
welche Ranke eine satirische Karrikatnr nennt zugleich als durch und 
durch tendeilziOs zugerichtet ansehen. Dass sie dies ist, zeigt gleich 
ihre Motiirierung des Feldzugs; der Kaiser, sagt sie, admoititus de aup- 
jjlindo numero Bafavcrum, quos eirea se hoMnit, expeditionis Germameae 
impHum cepit (43). Dies ist natflrlich kein Grund. Die 59, 21, 1 f. 
giebt einen .Grund* und einen „Vorwand" an : jenen, er habe den Gal- 
liern und Hispaniern ihre Reichtümer nehmen wollen, diesen, er wollte 
Einfälle der Germanen zurückschlagen. Jenes wäre nun kein Grund 
seines persönlichen Einschreitens: konnte er doch durch seine Beamten 
leicht iiii ganzen Kuiche auf Grund der Majestiltsgesetze Hinrichtungen 
und Vermögenskonfiskationen verhängen lassen und hat es auch reichlich 
gethan. Weit ernstlicher kommen die EintUllo der Germanen in Krasse; 
waren diese doch in den letzten Jahreu des Til Aerius uar nieht selten 
gewesen, welcher Gnilias u Germanis rastari fuujhjit, niayno dedecure 
imperii nec mhuire t/i.<rrimfn€^). Aber ein wirklich «genügender Grund 
wäre auch dies nicht; konnten doch die acht Legionen, die unter zwei 
Legaten am Hhein standen, ein Heer von fast lOU.OOO Mann, solchen 
Einfallen die Sj»it/.e bieten; wozu brauchte der Kaiser deshalb von Korn 
zu kommen und fremde Truppen in allergrösster Zahl undique — Dio 
Spricht, wie gesagt, von 200,000 oder gar 250,000 Mann ! ') — mitzu- 
bringen? Gerade diese Frafro. so seheint mir, enthÄlt die Antwort auch 
schon in sich: diese Legionen konnten die Germanen wohl bekämpfen, 

1) Aus dem weiter Vorzutragenden habe ich einiges schon in den Berichten 
des f. d. H<»ehitift8. Bd. XII (Frankrtirt 1896), 3. 63 f. in Kflnse TorweggenomoieD. 

2) Suet. Tiber. 41 : vgl Aurel Yict. 2. Barbari iam tn Gt^iam utque pmr»- 
perant nach Suet. Galb, (i. 

3) Viclh'icht liegt bii dieser Zahlangabr das Kichtige missverstanden zu 
Grunde, dass ausser den beinahe 100,000 Mann rheiniscber Truppen weitere 200,000 
bii 860,000 Mann in ganzeD ReidM verteilt vwren. 



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Der Fddzi^ dn Caligola «o den Rhein 



155 



aber auf diese Legionen konnte sich der Kaiser niclit verlassen. Und zwar 
dies oatfirlieh nicht wegea der längst Tergessenen Empörnng des Jahres 14, 
sondern wegen eines sehr aktuellen Umstandes. An der Spitze der vier 
Legionen des oberen Heeres stand seit dem Jahre 30^) jener Cn. Lentulus 
Oaetulicns, dessen Ranke als Heerführers erw&hnt, ohne anch nur deutlich 
zu sagen, dass er gerade am Rhein befehligte. Doch er that mehr als 
nur befehligen. Schon unter Tiberius hatte er, gestfltxt auf die Macht 
seines Heeres, auf seine durch Nachgiebigkeit und den Soldaten gewährten 
be({aemen Dienst erworbene Beliebtheit*) bei den Truppen des eigenen 
und sogar bei denen des von seinem Schwiegervater L. Apronius befeh- 
ligten untergermanischen Heeres (/rac. ann. (">, 30) eine Art von Unab- 
lüDgigkeit erlangt. Diesen Zustand konnte und wollte der junge Kaiser, 
der so vielfach in seine Regierungshandlungen einen Gegensatz gegen 
Tiberius braciite und der aueh ^onst die Übermacht einzelner Statthalter 
(Tac. ann. I 80) zu brechen suchte, wie z. Ii. nach Tac. bist. IV i8 und 
Dio .59. 20, 7 in Afrika, nicht länger dulden. Dieser Absielit geirenüber 
verhielt sicii aber Gaetiilieus nicht niüssig. Suetons Worte aus einer weit 
besseren Erzilhhing, als es seine vita des t'aligiila ist, Cum vero detecta 
esset Jjepidi et Gaetidki coniurafio (vit. C'iaud. 9), bezeugen, dass er sich 
mit Lepiflus verbündete. Dieser, M. Aemilius Lepidus^), lebte in Kora 
als Gatte der Drusiiia, der Lieblingsschwester des Kaisers, als Freund 
des Caligula, dem dieser sogar die Nachfolge versprochen haben sollte, 
als Teilnehmer endlich, wie wenigstens erzählt wurde, an allen Aus- 
schweifungen des Hofes, wie er denn auch in der Buhlscbaft mit den 
anderen Schwestern des Kaisers, Livilla und der jüngeren Agrippina, 
«des Kaisers Genosse war", wenn dem Dio dies alles wirklich zu glauben 
ist. Während nun Gaetulicus seine Herrschaft am Khein sichern wollte, 
gilt von Lepidus wohl, was bei anderem Anläse Tac. ann. I 7 so aus- 
drückt: habere impenum quam expectare matniL Dass ausser den ge- 
nannten Prinzessinnen auch der Senat oder wenigstens viele Mitglieder 
desselben, die sich den unberechenbaren Launen des Herrsche» gern 
entzogen hätten*), an der Verschwörung mehr oder weniger beteiligt 

1) Nicht 2y, wie Tn;in aimimint; vielmehr wurde er oixa irsmu r^c /s/>» 
/lui^fag u/j^ai; (Dio j.', :>) im J. 10 petöt.'t (s. S. 157), regierte also seit ÜO. 

2) Mirum amorem assecutus erat Tac. ann. 6, 30 (aus d. J. 34). o'i TuiQ 
arpamiTatg t^timto Dio 59, 29, 5. Kaeh seinem Ende bim es: Distse, miUt, 
mÜitare! Galba est, non Gaetulicus! (Siiet. Galb. 6). — Auch dte Gerniaaeil mag 
er dnrcli zwcckbcwusste Nachsicht gegen ihre Ranbxttge gewonnen haben. 

3) l)io 5H, 22, 0. 

4) z/iZ/.r^xToi, wankelmülig, nenut ihn Diu ö9, 23, 4. 



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156 



Atextadn RIew 



waren, geht aas den bei ihrer Unterdrückung von Calignia getrolfeneD 
Massregeln khir hervor: hier sei als besonders treffend nur sein Aus- 
spruch bei seiner Rückkehr angeführt: reverti te, aed iis fantum qui u^r 
iarent, etjHeHri ottlmi et j><>i>nlo; nam se ne^ue dffm neque prindpm 
senatui ampliut fon (Snet Cal. 49). Ob übrigens im Senat für den Fall 
glückUchen Erfolges die Nachfolge des Gaetulicns, des Lepidus oder des 
Claudios in Aussicht genommen war, wissen wir nicht; jedcntalb hegte 
der Kaiser auch gegen letztere sicher unschuldige Persönlichkeit sofort 
ötarkos Misstrauen 

Im Horl)st 39 wurde aiil' uiibckaiHite Weise die Verschworung ent- 
deckt, wie skh daraus scliliessen lässt, dass am 27. Oktober die Arvalen 
ob JtttiUi mf<irkt voulsHia ] Cn. f^iftth' Gae\tulici]*) ein feier- 
liches Opfer brachten. In welche Sliuiniung versetzte diese Entdeckung 
den Kaiser? Audita rebel/ioue Germanlae, fugani et (mimdia fiKjat) 
classes (uijKtrahat, tnin mtatio adquieacem^ irani^marinas ctrte sibi super' 
futuraa provincias (Ägypten?), st ricfores Afpium iugn . . vel ctiam 
urbem . . occuimrmt (Suet. Cal. 51)'). Aus dieser Stellt^ allein hütt« man 
längst die Thatsai l:e und Wichtigkeit der oRenen Empörung des Gae- 
tulicus und ihren Zusammenhang mit Feldzugsplänen des Kaisers erkennen 
sollen. Aus Suet. Claud. 9 (s. oben) darf man vielleicht schliessen, dass 
diese Entdeckung zugleich die Schuld des Lepidus enthüllte und die voa 
Dio 59, 22, 6 enählte Ermordung desselben nun sogleich stattfand, wk 
ebenso die Verbannung der zwei Schwestern des Kaisers als Mitwisserinnea 
nach den ponttschen Inseln, wobei Qaius die Agrippina sogar grausam 
verhöhnte (Dio 59, 22, 8). Um aber das wichtigste Mitglied des Bundes, 
Qaetulicus, zu vernichten, zog der Kaiser, als er die erste Verzweiflung 
überwunden hatte, sofort ein grosses Heer ?on fremden Truppen in unge- 
wöhnlicher Jahreszeit zusammen, mit dem er sich des gefährlichen Heer- 
führers zu entledigen und die rheinischen Truppen niederzuwerfen gedachte. 
Wie wenig er auf diese selbst noch z&hlen konnte, zeigt Jener Canninefote, 
der Vater des ürinno, der Führer einer ala oder cohors seiner Landsleute, 
der den kaiserlichen Gestellungsbefehl l iiilarli iiciiorierte {Gaiananim ex- 
j)C(ii(ttmtnu ludibt'iuiH imjjHiie sju'f'rtraf, lue. hi^t. 1\ 15). In dirM'iii 
Kampfe um die Herrschaft, den Gaiu:^ natüiiich persünlich führen uiusöW, 
war sicher die grösste Strenge nötig: trotzige und säumige Legates 

1) Sueton, Cland. 9. Dto 59, 23, 5. 

2) CIL VI 202D. 

3) Diese Stol!< i t von Sueton in einen absolul muaflgUchen cbroQologiadiea 
Zusammenhang gebracht 



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Der Fddzog dM Caligula an dm Rhrin 



157 



rheiDischer Legionen stiess er ans dem Heere degradierte viele Cen- 
tiirionen, verminderte die Prämien der Veteranen, ja er kam auf den 
zornigen Ein&ll, die ganzen menterisehen Legionen zu Terniehten oder 
doeh zu decimieren*). Der Krieg wird wohl in den Frahling40 follen, 
da der Kaiser im Jahre 39 his Lyon gekommen war, wo er den 
]. Januar 40 zubrachte'). In dieses FrQhjahr dürfte somit die Ermordung 
des Gaetulicna fallen*), welche, mag ihn Gaius mit Gewalt oder mit 
List fiberwältigt haben, ihm sicher als ein grosser Erfolg anzurechnen 
ist. Damit hatte der Aufstand seinen Halt verloren. Zum Nachfolger er- 
nannte der Kaiser den so tüchtigen wie ztivurliissigon Ser. Sulpicius Galba, 
der diis Heer wieder Manu^szucht und Kne^'stülirung lehrte und nach der 
im Jahre 14 (s. ann. I 49) bewährten Prnxis im Auftrag des Kaisers ä\(* 
innere Unbotmäs.sigkeit durch Verdrängung der eingefallenen Gernianüu 
(hier wohl der ('hatten), die einen Nebenzweck des Zuges bildete (Dio 
nennt sie Trfn'npum^), vergessen liess '), so dass sich der Kaiser eine rictoria 
Germanka zuschreiben konnte. Gaius begab .sich inzwischen an die 
Küste des britannischen Meeres, wo sich ein Führer der römerfreundlichen 
Partei, die es in Britannien gegeben haben muss, bei ihm einfand*); 
er fand jedoch nach dieser ersten Becognoscierung ratsam, wahrscheinlich 
indem er einen Teil des germanischen Heeres bereits zu Vorbereitungen 
an jener Küste zurückliess (s. u.), den geplanten Angriff noch aufzu- 
schieben (der dann nach drei Jahren unter seinem Nachfolger stattfand) 
und nach Rom zuräcksnkehren, wo er am 31. August 40 als Sieger einzog'). 

1) So wird Siict. Cal. 41 zu vcrslüheu sein: legaloH, qin attxUia senua ex 
diwr<w 1oei§ adduxerant, cum iffnominia ^misU. — Wenn Dio 59, 21, 3 sagt: 
Totq HntoarpaTl^Yoti rotg xaropdouai n nd^n^ ^^Sevo^ so stinnnt di«t jedodi 
nidit im geringsten mit Suetons Galba, einer sehr glaubwürdigen Biographie, s. u. 

2) Falsch, ja unmöglich motiviirt bei Suet. Ca!. 44. 48. Hierauf kajin sich 
vielb icht auch Dio 51), 22. 2 bezit hen: To^j^ fiku xuä' ixuaTWj^ xutaxoTmoVt 

3) Suet. iai. 17. Dort tfiai Ttuu^ iTisri/.SfTS Dio 59, 22, 1. In welcher 
Furcht der Senat gerade damula vor llim lebto, zeigt Dio 59, 24, 2. 

4) Abticbtlich unbestimmt (s. u.) ugi Dio 59, 91, 4 an dieser Stelle nur: 

6) cf. Dio 60, Sj 7. Der Kaiser selbst fbbrte diesen Nebenkrieg gegen die 

Germanen nicht, was in der bekannten gebässip;™ Art missdftitrt wird von Dio 5!^, 
21, 3; 2"i, '2 und StiPf. r.il. *>! ( Fntrop. 7, 12). \'ielaiehr uberlies- er ilin dem 
üiibj, der ihn vorzuglich führte i:Suet. <ialb. 6) und dafür belohnt wurde (ib. ö). 

6) Snet.(M. 44; vgl. ib. Clsud. 17 Britanniam tumuütiantm ab non reäditüi 
trmufuga». Dio 60, 19, 1 ertfthlt fthntiches aas der ersten Zeit des Claudius. 

7) Suet. Cal. 4S. Der Triumph wurde natürlich nicht über dio Empörer, BOO* 
dem aber die nebenher besiegten Germanen gefeiert; vgl. Persius 6, 43 ff. 



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158 



AtoxuMler fiieM 



Seiner HoffouDgen beraubt, hatte ihm der Senat eioe huldigende Gesandt- 
schaft eatgegengeschickt, die er aber sehr ungnildig aufnahm; den ihr 
beigegebenen Claudius wollte er sogar wie einen Spion töten lassen^), 
und erst einer zweiten Senatsgesandtschaft erwies er sich gnädiger'). 
Den treuen Soldaten dagegen hatte er l&ngst 'weil er einer schlüninen 
Nachstellung entgangen*, bedeutende Geschenke *) gegeben. War auch die 
Ermordung des Lepidus und die Verbannung der kaiserlichen Schwestern 
wahrscheinlich schon vor dem Feldzuge geschehen, so ist dies doch 
erstens nicht sicher, sondern geschah auch möglicherweise erst jetst, und 
jedenfalls wfitete Gaius nun gegen ?iele Mitglieder des Senatorenstandes 
als die Mitwisser*) aufs grausamste; indirekt war auch, da ein Freund 
des Lepidns, L. Annius Vinicianus, aus Rache für den Freund den Cassios 
Cbaerea su neuen Nachstellungen gegen Gaius bestimmte*), die Ver- 
schwörung des Lepidus die Ursache der am 24. Januar 41 geglflckten 
Ermordung des Kaisers. 

Auf diese Art, denke ich, gewinnt die dfirfbige und widerspruchs- 
volle Überlieferung einen remfinftigen Zusammenbang und Caligula's Zug 
eine vernünftige Motivierung, und so erfahren wir zuerst von einem rheini- 
schen Truppenaufstand, der, hätte ihn Gaius nicht unterdrückt, geföhr- 
licher als der des Jalires 14 und ebenso erfolgreich wie der des Jalires 69 
hätte werden können. Ks bleibt dabei Jedem unbenomnien, diu Spässe, 
Sarkasmen und Launen Caligula's. die der gute Sueton erzählt, zu glauben 
oder nicht; ich meinerseits stehe nicht an zu sagen, dass ich sie recht 
gern glaube, da sie mir alle gemeinsam einen und deuseiben ganz be- 
sstiiuniten individuellen <'!mrakter zu tragen scheinen: nur halte man sie 
doch nicht mehr für das .Krgebnis" des Feldzuges! 

Das Kr<:el)nis war als«* ilie Xieilerwerfung dea Aufstan(b-s des (iac- 
tulicus. Eine weitergehende Ansicht vertritt G. Hitterling '^j, welcher 

1) Dio 59, 23, 2; 5. Doch flberlegte er »ich noch rechtxeitig^ wie anschUUcb 
dieser Matin war. ib. 5. 

2) ib. 6. 

3) Schon nach der Bestrafoiif der YwttSiw&tmg beechenkta er die Soldaten 
xa^diap itohfjdm ttmv xzxfmzr^xwi (Die 59, 22, 7) und ^ fieyuhpf Ttm 

iiaßottXrfU dmmyfEuymz (ib. 83, 1). Dasselbe that er nach dem britaanitcheii Zage 
centents virilim denariis (Suet. Ca). 40. Pio 2j. 3). 

4) Din "if>, •2:i, 5: weil si«' ihn nicht gcnügeiui i" •■'•r( fuittcn! Selir anschaulich 
br9clireiL»t (Urs Suet, Cal. 4H f. Da^pp'-n lüsst ihn Diu öJ, 23, 8 viele nmrden 

5) Joaephus, der dlM am anafllhriichatim erziUilt, nennt ihn Miudanus (Actiq. 
19» 1, 3; 8); Yiclleicbt ist der Irrtom nicht ent den Absehreibem cur Last zn legen. 

G) Ich vcrdaoke st iner brieflichen Mitteilung die Kenntnis dieser Anficht, SO* 
wie die fireundiiche is^iaubnia sie 2u vcrvfi'enUicben und za besprechen. 



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Bor Fddsog dfla Caligiik an den Rhdii 



159 



glaubt, Galigola habe aas Pietät gegen seinen Vater Germanieas die von 
diesem (wie einst von dessen Vater Drasus) geplante Eroberung Oross* 
Gennaniens, welcher Gedanke unter Tiberius seit 17 vOllig geruht hatte, 
wieder aufnehmen wollen und mehr noch deshalh als wegen des Gae- 
tttliciis, der mehr nur die augenblickliche, ja unerwartete ftussere Ver* 
anlassuog bot, so grosse Heeresmassen versammelt; doch sei er nicht 
der Mann dazu gewesen, so Grosses planvoll durchzufahren. Schon der 
Aufbruch mit so grossem Heere in der ungQnstigen Jahreszeit des Spftt- 
berbstes leige, dass das Heer auf die dbeiTaschende Entdeckung der Ver- 
schwörung hin aufbrach, also vorher sn anderem Zwecke gesammelt sein 
müsse. — Dieser Gedanke ist entschieden geistvoll und anregend. Doch 
scheinen mir mehrere Erwägungen dagegen zu sprechen. Wenn Caligula 
das Heer versammelte, ohne schon von dem bevorstehenden Aufstand sn 
wissen, warum versammelte er es dann überhaupt? warum ahmte er 
sein Vorbild, wie R. denkt, seinen Vater Germanicus, nicht auch darin 
nach, dass er seine etwaigen Eroberungspläne mit seinen acht rheinischen 
Legionen durchzuführen suchte? Wenn ferner an obiger Plrzählung von 
der Verzweitlim«,'. in welrhe ilrti die Kunde von der rebdlio Gennaniae 
stürzte, irgend etwas ^v.iiir ist, so im\i& er sicii mi Oktober 39 schutzlos, 
also — heerlos gefülilt iiaben, kiiiin also sein grosses Heer damals noch 
nicht gesammelt haben. Aiiih wird selbst ein Caligula nicht von einem 
einzigen Feldzuge die l'nterjochung Germaniens und Britanniens dazu 
erwartet haben: er wäiilte [vir sich den i\ulim Britannien zu emberii, 
und überliesji die germanischen Kanipt'e, die er eben iür geriiigwerl.i»;'er 
hielt, dem Galba. Tnd insbesondere scheinea mir die dann eingetretenen 
Truppenverscbiebungen , weleiie alle vier obergermaniscbe Legionen 
von iliren tsteilen entfernten, worüber unten näheres folgt, mehr zu meiner 
Auffassung zu stimmen. Dass keine antike vStelle ausdrücklich für K.'s 
Ansicht spricht, will ich natürlich nicht betonen; doch mag immerhin 
erwähnt sein, dass die einzige Stelle, die sich anführen Hesse {Claudius 
adeo novam in Gcrnuinias vim pruli/hiiit, ut r^erri prtteskUa eis Bhenum 
iuberet im Jahre 47, Tac. ann. XI 19) keineswegs von einer allgemeinen 
Keaktion gegen „grosse Pläne* des Caligula zeugt — hat doch Claudius 
den Plan seines Vorgängers gegen Britannien sogar sehr schnell aus- 
gefDhrt — sondern dem Zusammenhang zufolge lediglich von einer gegen 
ein eigenmächtiges Vorgehen des Legaten Domitius Corbulo wider die 
Friesen und Chauken gerichteten Massregel erzählt Die angeblichen 
nutzlosen htgmtes adversus Oermaniam eonatus bei Tacitus Agr. 13 
zeigen uns denn nur, dass auch dieser grosse Historiker unter dem 



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160 Alexander Riese 

Banne des karrikiereoderi Uerichtes steht, den wir aus Dio und ^ueton 
kennen. 

Was nun die vtm ('alififula verwt^ndoten Truppen ex omnibus pro- 
innrÜH betriÜt (und eü beduillc iv kaiiipfun«? jener 4 — 8 Lff^ioinn 
in der That gewaltiger Massen), su bc>taiiii<'ii diese ausser aus di u l'ni- 
torianern und der frermaniselien Leibwacht' ') und den Truppen, die mit 
dem Kaiser i^U'\ch zurückkehrten und uns deshalb völlii,^ uiibestinimhar 
sind, aui li aus Legionen, die von da ab am Khein blieben. Man sieht diese 
Änderungen der rheinischen Garnisonen nieist als die Folge des britan- 
nischen Zuges des Claudins im Jahre 43 an; aber die analogen Mass« 
regeln im Jalire 69/70 — Ersetzung der kompromittierten Legionen 
durch andere fremde oder ganz neu gebildete — ma<'!i n das Gleiche 
auch für 40 wahrscheinlich, zumul auch 40 das britannische Unternehmen 
mit ins Spiel kommt. Man bedenke, dass TOD dem obergermanischen 
Heer, dem des Gaetulicus, alle vier Legionen das Land verlassen mu8S- 
ten; die II. und XIV, für die Okkupation Britanniens bestimmt, kamen 
wohl schon jetzt in dessen Nfthe'), die XIII. kam nach Pannonien, die 
XVL an den Niederrhein, 'ut awUereiUw cadris irudbu8 adhuc\ wie 
Tacitos ann. 1 44 bei fthnlicbem Anlass sagt imd wie es &bo1ich nach 
dem grossen Aiifttand von 69/70 geschah: offenbar war dieses Heer eben 
ganz besonders kompromittiert. Nicht in gleichem Grade muss dies 
im unteren Heere der Fall gewesen sein, in dem die Legioneo I und V 
rahig in ihren Lagern verblieben, während nur die XX. für Britannien 
bestimmt wurde und die XXI. als Ersatz der XVI. zum oberen Heere 
kam. Im oberen Gebiete waren nun drei, im unteren eine Legion za 
ersetzen. In ersteres kam als fremdes, unbeteiligtes Element erstens die 
IV. Macedonica aus Spanien, dio also Termutlicb zu den le(jmm mdiqw 
exeüae des kaiserlichen Zuges gehörte; ferner gelangte na«h dem oberen 
Gebiete die XXII. primigenia und nach dem unteren die XV. gleichfalls 
primigenia, welche beide also schon Calignla (so meint auch Bitterling), 
nicht erst Claudins, wie die herrschende Meinung iöt, bildete, oder (wie 
ich lieber mit Grotefend sage) von ihren Stammlegionen, der XV. (Apol- 
linaris) in Pannonien und der XXII. (Cyn uaica ^) oder später Deiotariana) 

1) Sui t. Cal. 43,45. 

2) T>en Leiirhtthnrm, d n Sueton Cal. 4G erwähnt, wonlen sie tcboo dailMlB, 
um cioc kUnUigc KxpcdiUon mehr zu sichern, errichtet habi'ti. 

3) Im Corr.'BI. der We>td. Zeit&clu:. Xil 148 suchte ich wahmheiBlich xa 
nach«!), d«88 die in Mainz and seiner Umgebung, wie Flonheim, Wonae, Boppard, nnd 
dem damals römisch besetzten Wifsbadeii u. a. gefundenen Stempel LEG*XXiI CV 
(C und V Ugiert) den einzig alten Beinamen ' Qyienaica' noch tragen und den neuen 



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Der FeldKug des Caligula au dm Rhein 



161 



in Ägypten*), abzweigte. Welches die dritte der nach Obei^rmanien 
versetxteD Legionen war, ist nicht sicher bekannt*). Diese alle werden 
also wohl zu dem Heere des Caligiila gehört haben. 

So wird die gewöhnlich nnr mit der Okknpation Britanniens unter 

Claudius in VcrbiuduDg gohrachte Dislokation der Truppen auch mit 
der Beendigung des Aufstandes des Gaetulicus zusammenhängen und 
zwei Zwecke zugleich erreiclit liaben. Ritterlings Ansicht ist insofern 
etwas abweichend, als er die grosse Trui)iionverschiebnng erst unter 
Claudius, also etwa 42, gesclieliea liisst und untcM- Caliguhi nur die 
XVI. Legion vom oberen zum unteren Hfcr vorsetzt und die beiden 
primigeniae für das obere bezw. untere ileer gegründet glaubt. Doch da 
die Eroberung Britanniens von Gaius sicher nicht für immer oder auch 
nur für lange aufgegeben wurde, ist es da nicht natürlicher, dass die 
drei dafür bestimmten Legionen selion damals ausgesondert wurden ; und 
insbesondere: sollte man die so vollständige Veränderung des ober- 
germanischen Heeres nicht direkt auf die Unterdrückung des dortigen 
Aufstandes folgen lassen? 

Welchen Quellen nnsere Autoren folgten, ist nicht sicher zu be- 
stimmen. Weder bei Dio, der auch hier wohl, wie einige in griechischem 
Qewande doch noch leicht erkennbare taciteisch klingende Sentenzen 
zeigen^), auf Tacitus*) basiert, noch in Suetons Caligula finden wir In 
diesem Zusammenhang den Qaetnlicus erwähnt oder seinen Aufstand auch 
nur mit dem leisesten Worte angedeutet, während beide an anderen 
Stellen seine und des Lepidns Yerschwjymng (Suet. Claud. 9) und Er- 
mordung (Dio 59, 22, 5 f.) anfahren. Die erste Quelle beider mnss also 
entschieden die Tendenz verfolgt haben, diesen Zusammenhang zu ver- 
Namen Primigenia ignorieren (vgl. v. Domaszowski im Cor r. -151. X Sp. 61). Ein in 
Deutz, also lioim uiitcrpprmanisclieii Heen-, gefiuxlener Sumpei JjHG'XXII C-V 
wird jedoch eiaeu Tüpleruuuieu wi(< etwa C'aius Valerius oder dcrgl. enthalten und 
stt jenen anderen in gar keiner Besiebong stehen: s. Ut Centralbintt 1S95 Sp. 1842. 

1) Auch Nen> sdiiekte Troppen von Italien nach Aegypten nnd surflek: Tae. 
h. I 31. — Von conlradae tsc onmtfrii« prooineiii eopiae spridit ja aneh Sneton. 
Galb. 6. 

2) Vgl. Tac. ann. XIII 35 Nach Grotefend w.ar es die III. (iailica. 

3) Solche tinde ich z. B. bei Dio 5*J, 2a, 4 in. 24, 6 (vgl. Tac. auu. I 11 med.). 
25, 4 «X. 36, 9. 

4) El iit eehr bedanerlidi, dies dessen Bericht verloren ist; daas aber auch 
er uns keine richtige historischere Auffassung dieses Kiie^a-j vermitteln würde, zeigt 
eben Dio selbst und die Form einzeUier Notizen, wie sie Agr. 13^ Genn. 37, Hist, 

IV 15 bieten. 



K£UE U£U>£LB. JAliaDUECUER VL 



11 



162 



Alexander Riese, Der Feldzug des Coligula an tli-n Rhein 



sehleiero. Und wenn dies zwar bei jedem gleichseitigen, senatorisch ge* 
sinnten Schriftsteller möglich ist, so passt es doch rielleicbt am besten für 
die 'eommentarii' der jüngeren Agrippina, aus denen Taciti» anerkanntei^ 

massen bisweilen schöpfte*). Sie war eine Frau, die als Freundin des 
Lepidus selbst an der Verschwörung und dem Aufstande interessiert war, 
nach dem Misserfolg derselben von Caligula verbaiiut uud verhöhnt 
wurde und sich nun in weiblicher Rachsucht darin gefallen haben kann, 
den ganzen Krieg als eine Reihe von zwecklosen Handlungen uud thOrich- 
ten Grausamkeiten eines Narren den Lachern und Spöttern und dem 
Hasse preiszugeben. Fnd da .spfiter niemand den Wunsch empfand, als 
Verteidiger des verliasstcn mul bald «jemordeton Kaisers aufzutreten, so 
blieb dann diese Seiirift d'w trüite (Jiielle. aus der Suetou und in anderer 
Weise (aus Tacitus, der .-i« h \ iellei^■llt /uiiiu li^t unmittelbar dem Aufi'iiu^ 
Ba.ssus anschloss) Die sehöplte. Gerade in den iricherlichen. karrikierendeo 
Erzflhlunfren stimmt dieser besonders häufig mit Sueton überein. Auf 
einer weit klareren und wahreren Quelle beruben dagegen die leider allzu 
karzen ^Nachricbten in Suetons Qalba. 

1) Vgl. Fabia, Les sourccs de Tacite, p. 3>M ff 



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Luthers Bekehrung. 

Von 

A. Uauüratli. 



Eine mittelalterUcbe Lebonsbeschreibnng Luthers würde seinen 
plötzlichen Eintritt ins Kloster, die Seelenkämpfe, die er in seiner Zelle 
darcbfocht, und die durch Staupitzens Belehrung bei ihm eintretende 
Beruhigung seines tief aufgewühlten Gemütslebens wohl nicht anders 
bezeichnen denn als Luthers Bekehrung. Auch für unsere psycho- 
logische Betrachtungsweise ist die gleiche Bezeichnung wohl die ange- 
messenste. Wenn ein junger Magister von zweiundzwantig Jahren, ein 
„hurtiger, fröhlicher Geselle*' seinem Studium, seinen Freunden, 
seiner Familie den Rücken wendet, um ins Kloster zn fliehen, so ist 
das in der Sprache aller Zeiten eine ßekehrunir vom Leben in der argen 
Welt zu eiiieiu neuen Dasein, das nur noch das Heil der eigenen Seele 
zur Aufgabe hat. 

Die Frage Vie^i nahe, warum denn die Liebe zum Studium und der 
Einfluss von Freuiulen und Vci wandten so woniir über Luther vermochten, 
dass er ihnen für immer den Klicken kehrte y Der Abschied von seinem 
Studium ist ihm Ireilifh. nach sjiüti'ren Äusserungen m scliliessrn, nicht 
schwer geworden; im (Jegenteile war der Ekel an ihm vielleicht mit 
ein Anstoss, der ihn trieb, sein Leben von Grund aus anders zu gestalten. 
Ein halbes Jahr erst war es her, dass Martinus- Luther ex Mansfeld im 
Januar 1505 als /.weiter von siebzehn Bewerbern feierlich zum Magister 
der freien Künste promoviert') und unter Fackelschein durch Erfurts 
Strassen war geleitet worden. Aber Luther bat nie anders als mit tiefer Ab- 
neigung Ton der Wissenschaft geredet, der er seinen Magisterbut verdankte 

Ausdruck des Matthesius, Liistoricn von des ehrwürdigen in Oott seligen, 
tteneren Mumes Gottes, Doctoris Martim Lutben anfang, lohre, leben und sterben. 
NOmberg 1570. cap. 1. 

2) Kampachalte, Die UniTenitat Eiiort, II, S. 3. 



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164 



A. Hausrath 



und die er später selbst nur widerwillig Andern vortrug. Luthers nächste 
Lehrmeister waren die holastikor Jodocus Trntvotter von Eistnach 
lind (lor Augustiner Bartholoiu;lus Ariioldi von Udingen, die ihn in Lngik 
und Dialektik einführten, die noch immer, wie in den Tagen Abälards, 
den unentbehrlichen Vorbereitungskurs zur Theologie bildeten. Der 
Nominaiismus, der den AllgemeiubegriÜen das wirkiiclie Sein absprach, 
hatte in seiner letzten Entwicklung zu einer skeptischen Selbstverspottung 
der Scholastik geführt. Er bewies die Unvereinbarkeit des Dograas mit 
der Vernunft, um um SO stärker die Pflicht des Glaubens, der höher ist als 
alle Vernunft, zu empfehlen. Polemik g^n die liealisten und dialek- 
tische Begrändting des Dogmas, unter dem ausdrücklichen Eingeständnis, 
dass auch das Gegenteil sich wfirde erweisen lassen, das war der Inhalt 
der Vorlesungen, der einem wirklich frommen Gemfite als ein ewig leeres 
Gerede erscheinen musste. Dabei aber hielten sich ,die Modernen tu 
denen Usingen zählte, gegenflber der via antiqua, die sich noch tiefer 
in Subtilltäten und Haarspaltereien verirrt hatte, für eine reformatorische 
Richtung. Der Lehrer, dessen Leitung sich Luther am engsten anver- 
traute, Bartholomäus Arnoldi von Usingen, legte in der Dia- 
lektik grossen Wert darauf, dass die Begriffe nicht unnötig zu verviel- 
lultigen seien Kr erweist, dius.s zwischen der Wesenheit und der 
Ausdehnung der materiellen Dinge kein wirklicher Unterschiai l>e.>telie. 
In der rsychologie liiuguen die Modernen jede wirkliche Verschiedenheit 
der .Seelenkräfte von der Seele selbst und \ oneinander gegenseitig. Ver- 
stand und Wille .sind die Seele selbst, unter verschiedenen Gesichts- 
punkten betrachtet. Auch in der formalen Logik rühmt man ('singen 
nach, dass er den Unterricht vereinfacht habe. Luther aber war dieser 
ganze dialektische Betrieb der Dinge des Glaubens widerwärtig. Er 
klagt nachmals, dass die Lehrer die Träume des Aristoteles in die theo- 
logischen Fragen mischen*), er nennt Aristoteles einen toten Heiden, 
bei dem keine Kunst, sondern eitel Finsternis zu linden sei und in einem 
Briefe vom Jahre 1616*) nennt er den Vater der Dialektik: ^den un- 
verschämtesten Yerläumder, Komödianten, Proteus, den schlauesten Be- 
trüger des Geistes, so dass, wenn Aristoteles nicht Fleisch und Blut 
gewesen wäre, man sich nicht schämen dürfte, ibn für den Teufel in 
halten*. Und er selbst hält ihn daför. Er nennt ibn den «Engel des 
Abgrunds", einen «lasterhaften Schwindler', einen »müssigen Esel*, eine 

1) V^I. U iii^'. n. ( in Lebensbild von Nik. Paalus 1893, 8. 12 f. 

2) Ep. ad [.ooneni X, :?0, M:u 1518. 

3) An Laug, vom ö. i- ebruar 1616. 



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Ltttbers Bekebning 



165 



»heidniache Bestie" Sein ganzes Urteil aber Qber jeden, »der Meta« 
physik stodiert*, fasst er in die Worte zusammen: «Willst da wissen, 
was Aristoteles lehrt, das will ich dir hersUch sagen: Ein TOpfer kann 
aus Thon einen Topf machen ; das kann ein Schmied nichts er lerne es 
denn. Wenn etwas Höheres in Aristoteles ist, so sollst du mir kein 
Wort glauben« und erbiete mich, das zu beweisen, wo ich soU". Und 
das sei noch das Allerbeste bei Aristoteles; ,icb geschweige, wo er giftig 
nnd tiJdtlieli ist*. Möglicli, dass er als Student den Gegensatz seiner 
auf das Wesen der Dinge gericliteten Natur gegen allen Formalismus 
noch nicht so leidcnsehaftlich euiplaud wie später, als er gegen die 
Scholastik aller europäischen Universitäten zu Felde zog, dass aber Liebe 
zur Philosophie Ilm auch damals nicht abhielt, sein Heil im Kloster zu 
suchen, das be<^reift sich. 

Mit der .luristerei aber war er noch raselier zu Ende gekommen 
als mit der Seiiolastik. Kaum sechs Monate hat er es in ihr aus^^ehalten 
und wie leicht sein aufgeschlossener Sinn auch sonst von allen Meistern 
lernte, die juristischen Studien .<ind fast spurlos an ihm vorübergegangen. 
Eine einzige Arbeit über das Asylrecht, die frühste, die wir von ihm 
besitzen erinnert an dieses juristische Studium eines Semesters. Ein 
corpus juris und andere juristische Bücher hatte ihm sein Vater be- 
schafft'), aber er hasste dieses Stadium. Für ein Oem&t^ das von der 
Angst erfQllt war, wie soll ich selig werden, konnten die Kontroversen 
zwischen Gaius und Titius kaum ein Interesse haben. , Zangendrescher * 
nannte er die Juristen^). »Sie disputiren und haudeln gemeinhin mit 
Worten, gehen nicht auf den Grund ... Der Juristen Lehre ist nichts, 
denn ein Nisi, das ist, „ohne das** oder „ausgenommen**. Das Nlsi mass 
in allen Sachen sein . . . Zeiget mir einen Juristen, der um der Ursache 
willen studire, dass er die rechte Wahrheit lerne, . . . sondern alle 
stttdiren sie, um Ehr und Gut zu erlangen" *). Anders hat er auch damals 
die Juristerei nicht betrachtet. 2s ur dem Willen des hartköpfigen Vaters 
tol<rend, hatte er dieses Studium ergriffen ; auch diese Last warf er ab, 
wenn er Mönch ward und die Klosterthür hinter sich zuwarf. 

Was die Freunde butritft, von denen er sich losriss. so kennen 
wir nur dreie mit Namen. Johann Lang aus Erfurt ist lebenslang 

1) Stellen bei Fr. Xitzscli, Luther und Aristoteles. Kiel ISS3. 

3) Kiittechft Gesamtausgabe 1, 1. 

3} R«tieberger, 4. De monachatu et coUoqoio Lutheri. Ed. Nendecker, p. 46. 

4) Eilaiifef Lutheraiugabe 62, 223. 

5) E.A62,m 



166 



A. mninlh 



Luthers treuer Genosse gewesen. Er war eine derbe, freimütige Natur, 
die in ihren Ättsserangeu vielfach nn Luther erionert, aber nicht er be- 
einflusste Luther, i^ondern Luther beeioflusste ihn. Als Luther Mönch 
ward, wurde auch Lang Mtoch. Weil Luther den Augustinerorden 
wftblte, wurde auch er Augustiner, und als Luther aus dem Orden aus- 
trat, trat auch er aus. £ine Autorität aber ist er für den weit äber- 
legeneu Genossen nie gewesen. Caspar Schalbe war Luther als 
Bnider oder Vetter der Frau Eotta von Eisenaeh her befreundet. Er 
war ein Humanist und die sehlechten Sitten dieses Kreises stürzten ihn 
später ins L ii<,'lück, so dass Luther mit seiner Fürsprache hei dem Knr- 
fQrsten Jobann ihm zur Heimkehr nach Eisenach verhelfen musste. 
Luther hat ihm aucli im Unglück Treue gehalten. ^Denn, wo es gleich 
wahr wäre mit meinen Vtigohen {■As ich nicht hofte), so sind wir 
Menschen, und mugen mit ziemlicher Strafl'e solche Gebreclien gebessert 
werden" schrieb Luther an den Kurfürsten, und dieser Hess die Ent- 
öchuldigung gelten. Am auflfallendÄien ist Luthers angeblich enge 
Freundschaft mit dem Fiiluer der Poetenschaar, di<^ damals Erfurt mit 
ihrem Oezwitsclier erlülltf. Johann .läger aus Doriilieim nimmt 
ihn fast zuiliinglich als , seinen Martinus*" in Ansprucli. der in Jägers 
Burse der uuisicus et philosophus*) gewesen sein soll. Auffallend ueunen 
wir diese Intimität, denn Jäger war kein anderer als der Verfasser der 
skandalsüchtigen Dunlcelmänuerbriefe, und Orotus Kubeanus, wie er sich 
als Schriftsteller nannte, sagt selbst, dass er nach Luthers Eintritt ins 
Kloster seinen Martin als einen verlorenen Mann betrachtet habe, und 
ihm für eine Weile völlig fremd ward. Dass Luther diesen Studien- 
genossen ein treuer Geselle gewesen, berichten auch die ältesten Bio- 
graphen« aber mochte auch seine Freude am Becherklang und Rund- 
gesang und mehr noch seine humoristische Ader ihn dem lebensfrohen 

1) Brief vom 12. November 1.')2h. 

?> Sfhn ibrn aus Hamberg vom Jahr 1520. Hei Kampschulte, Univ. Erfurt 2. 4. 
Kücking, Ilutteui "ji, 1. ^09: Duo mihi rr\ri=«irr.t? ?:rmnm in t'- amnrem meiim custo- 
diunt. (juod summa famiiiaritate Krtonliae bonis artibus simul opcram dcdimus aetaie 
juvenili, (piod tempua inter siniles mores artissima funtonenta araleltiM eoUocat, 
dditde, quod te babemtis tan egregiuno defmsorem rectae fidei. Zam Scblnsa redet 
er noch von Luthers wunderbarer 1tenifun<^' und ihrem cODSordo tristissimo tuo 
discessu Post hoc tcmi ii^ ctsi rara faniiliaritas nostra, animus tarnen meus semper 
tuus maubtt. Vgl. auch i^ucktug 1, oOT: Ep. L Martiuo Lutliero, aoiico 8uo auti- 
quisaimo. Wie ea mit der summa (amiliaritaa aich Terbaltmi habe, mOsBen vir da- 
hingestellt sein tasaen. Sicher ist, daas Luther Jftgers epiatolae ein frediea Buch 
nannte und dem Beifall der (ienosseu vielmehr dastrfibe Wort entgegensetste: »audi 
ich würde lachen, wenn das Alles uicbi vielmehr «im Weinen wAre". 



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Lnfben Bekeliniiig 



167 



Vdlkcben verbinden, sein von geheimen religiOseo Ängsten gepeinigtes 
Gemüt hatte innerlich doeh wenig mit ihnen gemein. Sie waren Poeten- 
schäler und ahmten das Treiben der italienischen Humanisten nach. 
Luther hat nur wenige lateinische Epigramme geschnitzt und sein Leben 
lang keine Chloe oder Phyllis besungen: der Geist Tollends, der aus den 
damab sich Torbereitenden Briefen der Dunkelmänner spricht^ masste 
einem Gemflte fremd sein, das sich selbst mit dem Vorsatz trftgt, im 
Kloster Frieden zu suchen. So wenig kannten die Genossen Luthers 
wahren Gemütszastand, dass ihnen sein Entschlnss ein «seltsam und un- 
verhoflfend furnemen'* war*). Er lud sie noch zu Gast, , sich mit ihnen 
zu lutzeii uikI hielt seiner Gewohnheit nach eine musicani*, aber an 
seinem Vorsat/c Hess er sich durch .seiner Gesellen Bitte gar nichts 
irren noch hindern-*. 

Wie aber stand es mit seinen Erinnerungen an das Elternhans, als 
er diesen folgenschweren, unwidenutlichen Entschluss fasste? Er wusste 
vollkommen klar, dass der Vater ihm denselben niemals vergeben werde. 
Aber gerade in seinem Verhältnis zu Vater und Mutter hat er selbst 
später eine der verborgenen Quellen seines Entschlusses erkannt. Luther 
war eine im Innersten weiche, kindliche Seele. Aber nicht einmal da, 
wo sonst Jeder Liebe findet, bei der Mutter, war sie ihm in verständ- 
licher Weise zu teil geworden. «Ihr ernst und gestreng Leben, das sie 
föhrtCf das verursachte mich, dass ich danach in ein Kloster lief und ein 
Hl^nch wurde* *). Wir besitzen ihr Bild von Lukas Eranach, es ist das 
Bild einer harten, von den Sorgen des Lebens Terbrauehten, geistig 
stumpf gewordenen Bäuerin. Der Schweizer Kessler schildert die Familie 
als unscheinbare Leute, ein ,brunlacht Yolck*, nennt er sie, »klaine und 
kurtze Personen**), Bei aller Ehrerbietung des Jahrhunderts gegen 
Vater und Mutter spricht Luther doch mehrmals davon, wie sie ihn 
durch Sehlage schreckhaft und handscheu gemacht bfttten. ,,W«in 
Kinder böse sind**, sagt er in den Tischreden*), ,,S(*haden und Schalkheit 
anrichten, so soll man sie (iaiünib strafen, sondeiiicli, wenn sie tausehen 
und stehlen lernen'*. Doch müsse man auch Mass halten. ,Denn was 
puerilia sein, als Kirschen, AeiitV'l. Birn, Nüsse, so muss man's nit also 
strafen, als tveiin sie Geld, Huck und Kasten wollten anfi:reilen; da ist denn 
Zeit ernstlich strafen. Meine Aeitern haben mich gar hart gehalten, dass 

1) Balseberger a. a. 0. 
8) E.A.6t,274. 

3) Job. Eeulcx« SabbttarChronik von 1533—1589, p. 131 

4) £. A. 61, 874. 



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168 



A. ÜMnnttli 



ich darüber gar schficlitern wurde. Die Mutter stäupte mich ein Mal 
um einer geringeo Nuss wiUeo, dass das Blut bemach floss.^ I>er Vater, 
erzählt er an einer andern Stelle, habe ihn einmal so hart gestftoptf dass 
er ihn floh und der Alte MQhe gehabt habe, ihn wieder an eich m ge- 
wöhnen. ... ,Es ist ein böse Ding, wenn umb der harten Strafe willen 
Kinder den Aeltem gram werden, oder Schfiler ihren praeeeptoribna feind 
sind*^. Die letztere Erscheinung führt ihn denn TOn den Schlagen, die 
er im Elterohause erhalten, auf die, die in der Schule auf ihn nieder- 
regneten, wo der Lehrer mit den Schfliem umging wie der Henker mit 
den Dieben und Decliniren und Conjugiren in einer Weise getrieben 
wurde, die der Strafe der Spiessruthen ilhnlich war. „Ich bin ein Mal fnr 
Mittaf,a' in der Scluile luiifzehnmal nach eiü.ii. ier ;j:estrichen wordfii* 
Die notwendige Folge einiT solchen Krzieluiiif,' war, dass das junge 
Knabeiilieiz sich den Vater im Himmel und den Lehrer .lesum als ähn- 
lich strenife Hiehter vorstellte wie den \'ater und Lehrer in Mannsfeld. 
Mit der i^rinnerunir an diese liarte Kindheit, mit dem lianj^^en (Jetiilil. 
dass Gott ihm zürne, mit der Anixst des Hergmannssohns vor bösen 
Geistern und Unholden, die den Bergmann irre leiten*), und grossem 
Vertrauen zur heiligen Anna, der Schutzpatronin des Bergbaus, war er 
mit vierzehn Jahren auf die Schule nacli Magdeburg gezogen, wo er 
durch Singen vor den Häusern sein Brot selbst verdienen sollte. Die 
einzige Erinnerung aus der grossen Stadt, die später bei ihm auftaucht, 
ist die an einen anhaltischen Fürstensobn, der erschöpft von Kasteiungeo 
als Franziskanerbruder gleich ihm bettelnd durch die Strassen zog'). 
Was wir über ihn selbst hören, gibt das Bild trauriger Verlassenheit. 
Im Fieber liegt er allein im Hause, da alle Insassen zur Kirche ge- 
gangen sind. Da treibt ihn der Fieberdnrst, in die Kfiche zu kriechen. 
Dort trinkt er kfihles Wasser, bis das Gefäss leer ist, taumelt dann in 
sein Bett, schläft einen langen Schlaf und erwacht genesen'). iSum 
Oldck dauert dieser Aufenthalt nicht ganz ein Jahr, dann bringen ihn 

1) RA. 61, mt 63, 285 f. 

S) «In Bergwerk vexiuret und betrouget der Teufel die Leute, macht ibnm 
ein f?e8p<*n8t und GcplSrre für den Aii'^en, dass sie nicht anders wahncn, als s^hm 
sie einen grossen Haufen Fr?r»s uml gedicgm Silbers, da es doch nichts ist". K. A. 
59,324. ,Icb glaube, dass die ili iligen im Kampf viel Teufel scblagca und würgen, 
spricht Originei. Ich aber glaube, data aua den gt'ichiageiieii nnd Oberwandeneo 
Teafela Pollergebter od^ wilde Lappei werdcD, denn es lind Tfidorbene Teufel. 
Bciagleichcn glaube Ich, das« die Affen eitel Teufel lind*. 

3) E. A. 60, S66. 

4) Batieberger, p. 43. 



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Luthers Bekehnmg 



169 



die Eltern in ihre Nahe nach Ki.senaeh ,der litbcn Stadt", wo Vettern 
wohnten. Aus der Dumpfheit des Knabenalters erwadit er Iiier zu 
helleren und freundlicheren Eindnu ktn. Eine junge Putiicierfrau. Ursula 
Cotta, eine geborene Schalbe, nimmt den fünlzehniiilirii^en Knaben an 
ihren Tisch, in ihr Haus; ihr Bruder oder Vetter Öchalbe wird Martins 
Freund, die Schalbe'sche Stiftung, deren ersten Grund die heilige Elisa- 
beth gelegt, UDterstützt ihn und im Aoschauen des Waltens einer vor- 
nehmen Hausfrau geht ihm die Wahrheit auf, die sie selbst ausspricht: 
,es ist kein lieher Ding auf Erden, denn Frauenliebe, wem sie mag 
werden*. Auch an Dankbarkeit gegen seinen gütigen Lehrer Trebonius, 
der ihm seine Unsterblichkeit dankt, und gegen die T&terlichen Ver- 
wandten in der »Stadt, die er später zu seiner Primtz bittet, hat es 
seinem liebevollen Gemöte nicht s^efehlt. So kommt er im Soramer- 
semester 1501 mit achtze n Jahren aul die Universität Erfurt. 

Welche Eindrucke stürmten liier auf ihn ein! Eine Stadt mit 
18,000 Feuerstätten! Nfirnbersf i.-?t kaum lialb Erfurt'). Dazu die 
lachende, grüne fruchtbare Umgebung! Es liegt in einer Schmalzgrube, 
ein fruchtbares Betlilehem, da muss eine Stadt stehen, wenn sie gleich 
wegbrennete'). Neben der Universität vollends erschienen alle andern 
Universitäten wie kleine Schfttzenschulen. «Wie war es eine so grosse 
Majestät und Herrlichkeit, wenn man magistros promovierte, und ihnen 
Fackeln färtrug und sie verehrte! Ich halte, dass keine seitliche, weltliche 
Freude dergleichen gewesen seL Also hielt man auch ein sehr gross 
Qepräng und Wesen, wenn man Doctores machte; da reit man in der Stadt 
umbher, dazu man sich sonderlich kleidete und schmückte'* Aber in 
all dieser Herrlichkeit tuhlt sich der liergmannssohn dennoch uubelViedigt. 
Ansserlicli ein hurtiger, fröhlicher Geselle, ist in ihm ein geheimes Sehnen 
und Aen<,^sten, ein iiungern und Dürsten, das die Lehrer nicht stillten. 
Luthers Begabung feiert zwar bei den üblichen Disputationen und ge- 
lehrten Übungen Triumphe, aber während er Baccalaureus, Magister, 
Jurist wird, mit den treuen Gesellen singt und lärmt, wächst in ihm 
das Gemätsleiden, die geheime Seelenangst, auf ihm ruhe Qottes Ungnade. 
Wir haben keinen Grund, in den Anfechtungen und Schrecken, die seine 
Seele gegen Ende seiner Studienzeit heimsuchen, etwas anderes zu sehen 
als dieselben pathologischen Zustände, die wir aus der Schilderung 
späterer Zeugen, so auch seines Arztes Batzeberger, kennen und die er 

1) E. A. 62, 437. 

2) E. A. fl?, 41 n f 286. 

3) E. A. 62, 206 1. 



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170 



A. Haamth 



stets als Anfechtungen (tentationes), als Niedergeschlagenheit (tristitia), 
als Kleinmut fpti^illanimitas)'), als BeklemmuDgeü (angustia circa pcctus)') 
bezeichnet. Dieser Zustand der Depression war ein so qualvoller, das» 
jede Gefahr für Leib und Leben ihm gleichgiltig wurde, wenn er über 
ihn kam, und kein körperlicher Schmerz an diese Pein heran reiclite. 
Als ihn im Herbste 1518 die Kirche mit dem Banne bedrohte und seine 
Stellung an der Universität, im Orden, Ja seine Freiheit und sein Leben 
auf dem Spiele standen, schrieb er an Spalatin, dieser wisse ja, dass er 
unvergleichlich Schwereres leide, so dass ihn jene Blitze gleichgiltig Hessen. 
Ein Frieren im Qeiste nennt er dieses Misere*). «Der Satan zieht mich 
in die Tiefe, an mir hängend mit mächtigen Seilen* «Bitte ßkr mich 
elenden und verworfenen Wurm, den der Qeist der Traurigkeit ([uält* 
Dass diese Empfindung der Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit sich 
in religiöse Vorstellungen umsetzte, ist bei dem gläubig erzogenen und 
stets vom Gefühle der Gottesnüho begleiteten frommen Stinlenten leicht 
zu verstehen. In diesen Vorstellungskreis eingehend trat uun aber die 
erwilhntc Schreckhaftigkeit seines West;tis hinzu, die er selbst auf die 
Missliainlliiugen seiner Kinderzeit zuiücklührt und die er als den (Jrund 
seines Kintritts in das Kloster Im /( irlinet. Er meinte, da er die seltsame 
Honiiiiiigslosigkeit, die auf ihm lastete, nicht als ein körperliches Leiden 
zu verstehen vermochte, Gott zürne mit ihm. Gerade, weil man ihn 
gelehrt hatte, die Fürbitte der Mutter Gottes und der heiligen Anna, 
der Schutzpatronin der Bergleute, anzurufen, konnte er sich Christum 
nur als den strengen Weltrichter denken, ,wie man ibn malet auf einem 
Hegenbogen* ^), Gott nur als den eifrigen Gott, der uns Sflnderu zürnt, 
weshalb man beiden gegenüber guter Mittler beddrfe^. Darum sind die 
Mönche «der Maria unter den Mantel gekrochen*, während der Berg- 
mannssohn sein besonderes Vertrauen auf die Mutter der Maria, Anna, 
die Schutzpatronin der Bergleute, setzte. Das hat er später gegen die 
FQrbitte der Heiligen eingewendet^ dass ihre Anrufung die Meinung in 
die jungen Herzen pflanze, Gott und Christus seien unbarmherzige Straf- 
richter, die man nur durch Fürsprache ihrer Lieblinge beschwichtigen 
könne. Weil er aber ein solches Schreckhild von Gott im Herzen trug, 

1) Brief vom 4. November 1527 an JmUm JoDtt. 

2) Collciuia, ed. Pind^pil I, •2()0. 

3; ISrief an Spalatiü vom i). September 1521. 

4) Brief an Justus Jonas, 29. Deiember 1527. 

5) An Melancfathoo, 27. Oktober 1527. 

6) E. A. 40, 27. 

7) K A. 31, 27a. 44, 127. 45, 156. 49, 27. 



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Luthe» Bekehrnng 



171 



konnte er seinen Zustand der Pein nur als Voigeschmack der künftigen 
HöUenstrafen versteheii und fragte sich angstvoll, wie er einen gnädigen 
Gott kriegen könne? Die Zeit hatte darauf nur die Antwort: Durch 
ein heiliges Leben im Kloster. So haben wir uns den Gemfitszustand 
des tioftinoigcn, zum Gräbeln neigenden Studenten vorzustellen, von 
dessen innerer Pein begabte, aber oberflächliche Freunde wie Crotus 
Rubeanns keine Ahnung hatten. Er feierte ihre Feste, hiess wegen seiner 
musikalisiiien Begabung ihr Musikus, wegen seiner Neigung zu tiefer 
gehenden Betraclitiuigüii ilii i liilu^oi'!), aber dass er mit Gedanken an 
ein Kloster sich trage, kam keinem von ilmeu in den Sinn. Da stürmten 
eine Reihe von Eindrücken auf ihn ein, die seinen Entschliiss zur Keife 
brachten. Er war über die Bibel geraten, erzählte er später von dieser 
Zeit *). „Als ich zu Erfurt ein junger Magister war, wo ich immer 
traurii^ einherschritt in Folge melaneliolischer Anfechtung, ergab ich 
mich mit grössteni Eifer der Leetüre der Bibel*. Aber sie verwirrt ihn 
nur. Während er auf der Bibliothek in ihr liest, kommt ihm eine 
Ahnung der Widersprüche zwischen ihrem Worte und der kirchlichen 
Praxis, und sofort erschrickt er über seinen Hochmut. Wie sollte er 
allein die Dinge besser wissen als Papst und Kirche? So schlägt er das 
Buch zu und geht diesen Zweifeln ans dem Wege. Aber fröhlicher war 
er dadurch nicht geworden. 

Auch seine Krankheiten sind unter diesen Umständen stets von 
religiösen Anfechtungen begleitet. Nach Veit Dietrich tröstete ihn der 
Vater eines Freundes, als er ihn so niedergedrückt fand: »Lieber Bacca- 
laure, lasst Euch nicht leide sein, Ihr werdet noch ein grosser Mann 
werden* *). In der gleichen Zeit des Baccalaureats sUess er sich auf 
einer Wanderung in die Heimat seine Waffe ins Bein und Terletzte sieh 
die Pulsader. Nur sein Schreien zur heiligen Jungfrau rettete ihn vor 
dem Verbluten und die Langeweile dea langen Liegen^ vertrieb er bich, 
indem er lernte, die Laute zu üchlageu. Übler erging es einem seiner 
Freunde, „seinem guten Gesellen*, der in den alltäglichen llauf bändeln 
der Studenten er;itochen ward •■*). Den von fjolchen Erlebnissen bereits 
Niedergedrückten überfiel am 2. Juli 15Ü1 ein heftiges Gewitter bei 

1) Seidcmaim S. 36 zu ijauierbach vom 22. Ft-bruar 1538. I>er Ausdruck ent- 
spricht Lothen Brief im H. Weiler von 6. November 1530. Cum primum in moMtr 
•terioia encm profectus, eveDit, nt Semper tristtt et moeetns Incederem, nee poteram 
trislitiam itlam deponere. 

2) Vgl. Lathers Brief en Weller vom b. November 1580. De Wette IV, 188. 
S) Mathesitts, 1. 



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172 



A. Haunaih 



Stutterheim £io furchtbares Krachen, um iha leuchtende Blitze 
schreckten ihn zum Tode. «Hilff die liebe S. Aona*, ruft der Berg- 
mann$BoliD bei dem schlagenden Wetter, .ich will ein Münch werden !* 
Das Gelübde war ihm in Todesnot entfahren, aber er hielt sieh für ge- 
bunden, und weder Freude an ScholastilL noch Jurisprudenz, weder 
Freunde noch Elternhaus bildeten ein ausreichendes G^engewicht Die- 
jenigen, denen er sich anvertraute, rieten ab. ,Ich aber*, erzfthlt er 
selbst. , verharrte dabei und am Tage vor Alexius (am 16. Juli) lud ich 
einige meiner besten Gesellen ein zu einer Valediction, mit der Bittto, 
dass sie mich am folgenden Tage zum Kloster geleiten sollten. Als mich 
aber jene hinauszögern wollten, sprach ich: „heute sehet ihr mich timl 
nimmeruiehr". So hielt er ihnen noch eine musicatii und um 10 l'iir 
des anderen Morgens geleiteten ihn Uie Freunile imtcr Weinen und Klagen 
zur Pforte «Ics Autrustinerklosters"). Noch gohr.rte zu seinem Si-heiden 
ans der Welt die Auseinandersetzung mit dr-iii Vater, der u't'nide in d?r 
jüngsten Zeil lür das juristische Studium des Sohnes schwere Uid*'r 
gebracht hatte und bei der Kunde von Martins Schritt ^gar toll'* werden 
wollte. Seit Martinus Magister geworden war, hatte er ihn hötlich mit 
Ihr angeredet, jetzt nannte er ihn wieder Du, indem er ihn mit Vor- 
würfen überschüttete. Wir besitzen einen eigenen Bericht Luthers im 
Eingang zu seiner Scbriit über die Möncbsgelübde*), in dem er sechs^ 
zehn Jahre später von dem Unwillen redet, mit der Hans Luther den 
Entschluss seines Sohnes vernahm. Er stellte dem Sohne vor: »ein sol- 
ches junges Blut wisse noch gar nicht, was es gelobe. Müncherey sei 
vielen unseliglich gelungen. £r war im Begriff gewesen, den Sohn reich 
und ehrlich zu freien und also anzubinden*. Sein Unwille über diese 
Vereitlung seiner stolzen Pläne war darum ,eine Weil schlecht nnrer- 
subnlicb und war aller Freunde Rath umsonst, die ihm sagten, so Du 
Gott wolltist etwas opfern, so solltist ihm das liebst und best opfern". 
Auch als er sich endlich entschloss zu verzeihen, weich gemacht durch 
den Tod anderer Söhne und ein falsches Gerücht, auch Martin sei der 
Erfurter Pest erlegen, wurde doch sein Urteil nicht anders. „Zuletzt 
hast Du gewichen und Dein Willen Gott heim gehen, aber dannoch, 
nicht weggelegt dein Forclit und Sorge. Dann i( h ir-nleuke noch all/.u- 
wohl, do p;? Widder zwischen uns gut ward, und du mit mir redtist. und 
doch ich dir sagt, dass ich mit erschrecklichen Erscheinung vom iiimmel 

1) H«ule Stotteinhehn, Colloquia, ed. Bindieil. III, 187. 

2) Vgl. setnen eigeneo Bericht bei Rebenstock, colloqtüa 3, Ii S. Bindsei] 3^ 187. 

3) KOL Ausgabe. 8,573. De Wette, Briefe 2, 100 t 



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Luthers Bekehrung 



173 



geruffen wfire. Dann ich ward je nit gern oder willig ein Mfinch, viel 
w(»ni<7er nm Mfistnng und Bauchs willen: sondern als iili mit Sclirecken 
und Anlast des Todes eilende nm<?elien. «itiolit ich ein gezwungen und 
gedrungen Oelühdp. Tnd frloieh daselbst sagtest Du: Gott geh, dass es 
nicht ein Betrug und teuüischs Oospenst sei. Das Wort, gleielisaiu hätte 
es Gott durch deinen Mund geredet, durchdrang und senkete sich bald 
in Grund meiner Seele; aber ich verstopfet und versperret mein Herz, 
soviel ich kuont, widder dich und dein Wort". So hatte er auch 
:Mvi hen sich nnd den Seinen die Scheidewand aufgerichtet, die daa 
Kloaterleben begehrte. 

Luther hat in sp&teren Jahren« als sein Urteil über die Yerderblich- 
keit des Klosterlebens feststand, auch seine eigene Klosterzeit nur noch 
unter dem Gesichtspunkt betrachtet, dass er «ziranKig Jahre aeines Lebens 
im Kloster verloren habe nnd dort um der Seelen Heil und des Leibes 
Qesundheit gekommen sei* Dass er durch sein Mönchtum schweren 
Schaden an seiner Entwicklung genommen, wird ihm niemand bestreiten 
wollen. Nicht nur seine Gesundheit hat er im Klostor f&r immer zer- 
stört, sondern auch den BettelmOnch ist er nie mehr ganz los geworden. 
Wie uns Crotus Rubeanus die Mönche seiner Zeit und seiner Erfurter 
Umgebung schihlert, sind Streitsucht, Freude am Poltern und überderbe 
Tisch roden ilu e unerfreuliche Seite, mögen sie auch sonst durch noch 
so viele gute Kigenschaften glänzen. Bedenkt man nun, das:> Luther bis 
zu seiner Heirat /.wanzig Jalirc in ihrem ausschliesslichen Umgang zu- 
brachte, so ist nicht zu verwundern, dass er etwas von diesen Münchs- 
sitten in sein späteres Leben mit lunüber nahm. Wenn er aber von 
seinem späteren Standpunkte aus alles im Kloster schwarz sieht und jene 
Zeit als eine traurige Gefangenschait schildert, so war das im Kloster 
selbst noch nicht seine Meinung. Als sieben Jahre nach seinem eigenen 
Eintritt auch sein Lehrer Usingen, bereits fünfzig Jahre alt, sich gleich- 
falls anschickte, dem Beispiele des Schülers zu folgen, konnte ihm Luther 
das Klosterleben nicht genug empfehlen und doch bg damals die Heise 
nach Rom, ron der manche Luthers innere Umkehr ableiten wollen, be- 
reits hinter dem Wittenberger Mönche. Aber freilich, den Frieden, den 
er suchte, fand er im Kloster am wenigsten. Ffir mehincholische Naturen 
ist nichts so schädlich als die Einsamkeit, die sie begehren, und so 

1) E. A.4S,a06. 

2) T-siugrn wirft ihm vor: (,hi;in(io Au-^nstiniannc rflidoni?^ ranflidatus eram 
ego, ta non satis illam mihi potcras comiucndarc, at nunc dcrisor ejus faetua et 
dfstructor. Nikol. Paulus a. a. 0. 17. 



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174 



A. Haasrath 



wandeln wir uns nicht, dass seine .Anfechtungen* in der Zelle keines- 
wegs aufhörten, sondern im Gegenteil mit verdoppelter Gewalt wieder- 

kelirten. Er war ein »armer betrübter Mönch* und indem er seiue 
Aut'echtuugen mit strenprer Askese zu überwinden suchte, venlojipelte er 
das Übel, das er bekümplen wollte. Da er in den Schilderungen, die 
er von seinen Werkdiensten cfiebt, stet;, aiieli dt^s ticilichen Messehalten«» 
gedenkt, sclieiiit indessen dir iigfMitliiii srliluniuM '/.'Ii erst nach seiner 
Priesterweihe, also nach bereits ianirereni Aiitentiialte im K bester herein- 
gebrochen zu sein. Psyrholoj^seh begreiflich wäre es ja aueli, dns^; die 
vollkommen neuen Verhältnisse zunächst eine seelische ümstimmung iier- 
beiführten. Er tliat sich gütlich in der eifrigen Besorgung der niedrigen 
Dienste, die dem Magister der Universität übel anstanden, aber den 
Novizen oblagen, er reinigte die Scblafsäle, hatte zu fegen and zu kehren, 
ging terminieren saccum per naccum, und der Pennaliamos der Alten 
Hess den Novizen gern seine Unterordnung empfinden und wollten nicht 
dulden, dass er als Magister sich hinter die Bflcher setze'). Aber gerade 
die Neuheit dieses Zustandes mochte ihn reizen. Dazu war der Novizen- 
meister ein würdiger, christlicher Bruder, der ihm auch spftter noch 
trOstlich war. So leistete er nach Ablauf des Probejahrs in seinem zwei- 
undzwanzigsten Lebensjahre die unwiderruflichen Gelübde. Als er im 
FrQhjahr 1507 die Priesterw^he erhielt^ fand gelegentlich sdner Primiz 
eine Aussöhnung mit dem Vater statt, doch verlief die Festlichkeit nicht 
ohne beissende Bemerkungen des alten Hans Luther, der meinte: ,lch 
muss allhier sein, essen und trinken, wollte aber lieber davon sein ** und 
den Mönchen, die er für den Tingehorsam seines Sohnes verantwortlich 
maclite. rief er zu: ,Thr Herrn, habt Ihr nicht gelesen in der Schrift, 
dass man Vater und Mutter ehren soll ?* 

Mit der T'riesterweihe. die ihm die (Jewalt gab, ^Mes-sc zu halten, 
zu weihen und /n ojdern für dii» Lebendigen und Todten* war nun 
das letzte Ziel erreicht und es tragte sich, wie die Einförmigkeit des 
Kiosterlehens auf Bruder Martins krankes Gemüt für die Daner wirken 
würde? Ab er Profess getban hatte, hatten iiim Prior, Convent und 
Beichtvater gesagt, er sei nun wie ein unscliuldig Kind, das rein aus 
der Taufe käme^). Aber mit seiner Innern Empfindung stand das schon 
damals in Widerspruch. Bei einem Besuche im Barffisserklosker zu 

1) K A. .VJ, 83. 

2) Colloquia j'd. liindseil, 1, 127. 

3) E. A, (K), 223. 

4) E.A.31,278f. 



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Lathen Bckebnuag 



175 



Arnstadt fietzte der Franziskaner Dr. Henricus Kühne, „den .sie tur einen 
besonder» Manu hielten", ihnen sogar auseinander, wie es ein Segen ihres 
Standes sei, dass sie diese selbe Gnade sich immer wieder neu zuweoden 
könnten, sobald sie sich Tornähmen, rechte Mönche zu sein und im 
Herzen beschlössen: ,w&re ich nicht Mönch, so wollte ich*s werden**. 
,Ein solcher Ffirsatz des Mönchs sei eben so gat, als der erste Eingang 
gewest, und wäre von neuen abermals so rein, als käme er aus der Taufe, 
und möchte solchen Fnrsatz, so oft er wollte, verneuern, so hätte er 
immer wieder eine neue Taufe und Unschuld bekommen. Wir jungen 
Mönche sassen und sperrten Maul und Nasen auf, schmatzten auch für 
Andacht ?fe<?en solcher tröstlicher Rede von unser lieiligen Münclierci. 
Und ist also diese Meinung bei den Miuk lien gewest" Aber gegen- 
über seinen innern Erfahrungen wollte diese Kinbildung des Standes nicht 
vorhalten. Die religiösen Anfechtungen Icehrten wieder, wie sie denn 
ein pathologischer Zustand waren, der stets die gleichen physischen 
Merkmale trägt, psychisch aber sich immer in denjenigen Vorstellungen 
ausspricht, die ihn sonst gerade bekümmern. Als er im Herbste 1618 
auf der Reise nach Augsburg, nach einem Besuche bei den Bitern, yon 
dem Leiden hefallen wurde, konnte er nichta anderes denken als: ,0h 
Gott, waa werde ich für eine Schande für meine lieben Eltern sein*. 
In den Vorbereitungen zur Leipziger Disputation überfiel es ihn wieder: 
»Es ergriff mich eine andere Anfechtung'', schreibt er an Johann 
Lange'), ,durcli welche alle mich der Herr lehrt, was der Mensch sei, 
was ich bislier iiiclit genau gewusst zu haben scheine; wenn du liierher 
kommst, soll.-L »hi's hören". Von der Wartburg schreibt er in den trüben 
Novembertagen 1521. tausend Teufeln fühle er sich hingeworfen'), 
^schlechte und verschmitzte Dämonen bewohnen dieses Haus, die mir, 
wie man sagt, di" 'Acli vertreiben, aber beschwerlich"*). Jetzt hat die 
Anfechtung den Inhalt, dass ihn sein Gewissen wegen der Spaltung plagte, 
die er anrichte. »Wie oft hat mein Herz gezappelt, mich gestraft, und 
mir fnrgeworfen, ihr einig stärkst Argument: Du bist allein klug? Wie 
wenn Du irrtest, und so viel Leut in Irrthum verführtest, welche alle 
ewiglich verdammet würden!"^) Oft habe ihm der Teufel mit Stellen 
der Schrift so zugesetzt, dass er nicht aus noch ein wusste und im 

!) E.A. 31,280. 

2) Brief ?om 6. Juni 1519. 

S) Brief von 1. November ao die Christen zn Wittenbeig. 
4) Brief an Spalatln vom 4. November 1531. 
5} £. A. 28, 29. 



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176 



A. Hamralh 



ganzen Papsttum nicht der kleinste Irrtum gewesen sei. ,Hie brach 
mir wahrlich der Schweiss aus, und das Herz begann mir zu zittern 
und m pochen; der Teufel weiss seine Argument wohl aitznsetzen und 

fortzudrinf^en. und hat eine schwere, starke Sprache; und gehen solche 
Disputation nicht mit lanpen und viel Bedenken zu, sonde rn ein Augen- 
blick ist ein Antwort uinb s ander. Und ich hahe da wohl erfahren, 
wie es zugehet, dass man des Morgens die Leut im Bett todt findet. 
Er kann den Leib erwürgen, das ist eins ; er kann aher auch der Seelen 
Fo bange machen mit Disputiren, dass sie ausfahren muss in einem 
Augenblick, wie er mir's gnr oft fast nahe gehradit hat* M. Wie diese 
Anfechtungen verliefen und wie entsetzlich der Kranke dabei litt, das 
hat Justus Jonas uns hinterlassen, der eine solche grandem tentationem 
spiritualem Luthers aus dem Jahre 1527 genau schildert^). Damals 
bilden den Inhalt der AiHVrhtung wesentlich Solbstvorwürfe gegen die 
eigene Heftigkeit und Streitsucht und der starl^eMann, der in gesunden 
Tagen so grossartig alle irdischen Sorgen verachtet, quftlt neh um die 
Zukunft von Weib und Kind und klagt seiner Frau: ^Du weiset, daae 
wir nichts haben*. Auf der Feste Eoburg glaubt er sich in dem gleichen 
AnhM von den Freunden verlassen ') und in Eisleben, noch wenige Tage 
vor seinem Tode, sieht er, wie ihn der Teufel verhöhnt und ihm sagt, 
er werde nichts ausrichten*). Dass bei vollkommen gleichen körperlichen 
Symptomen der Inhalt der gemfitlichen Anfechtungen doch in den ver- 
schiedenen Lebensperioden ein ganz verschiedener ist, beweist, dass die 
körperliche Erkrankung nicht etwa eine Folge der geistigen Kämpfe war, 
sondern umgi kclirt, die körperliche Erkrankung zog die seelische Ver- 
stimmiint^ nacli sir-h und diese äussert sich dann darin, (iass ihm der 
jeweilige Inhalt seines Lebens verfehlt, missglückt, voll Getahreii er- 
scheint. Haben dann l)eide Momente sich zum Unerträglichen gesteigert, 
dann löst sioli die Spannnnor in einer tiefen Olmmacht, oder in Ohn- 
mächten, die mit \\ cinknimplen abwechseln-^), oder auch, nach einem 
gegnerischen Zeugnis, in epib ptisrhen Krämpfen ^'). In der ersten W'itten- 
berger Zeit erhielten einst zwei Besucher den Bescheid, Luther halte 
sich schon etliche Tage in seiner Zelle, ohne sich ordentlich zu nähren, 
und als sie durch einen Spalt hineinschauen, sehen sie, »dass Luther 

1) E. A. 31, 311. Vgl. «aeh Tischreden, Fftntemum 3, 100 f. 

2) CoUoquia od. Hindscil III, IHOff. 

3) Krlefc vom 12. Mai. 1. Juni. If^. Juni, 29. Juni, 31. Juli iö30. 
41 Kat7.( borger, Ed. N<'ud» ckiT, p. 133. 

b) So in dem CoUoiiuia Ü, 360 f. L-rwühnten Falle. 
6) Cochlins, Comm., p. 2 



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Luthe» Bekehnug 



177 



an der Erdea auf Minem Angesichte liegt in einer Ohnmacht mit aus- 
gestreckteil Annen'' Der Frankfurter Domherr Cochlfttts') aber weiss 
zu erzählen^ den Brüdern in Erfurt sei Luther unheimlich gewesen, da 
er an Epilepsie (morbus comittalis) gelitten habe. So sei einstmals im 
Chor der Klosterkirche das Evangelium vom TaubstummeUf Mr. 9, 17, 
gelesen worden, wo der bekfimmerte Vater zu Jesus spricht: „Meister, 
ich habe meinen Sohn hergebracht zu Dir, der einen sprachlosen Geist 
hat und wenn der ihu ergreift, rcisset er ihn, und er schäumet, und 
knirschet mit den Zähnen, und zehrt ab"', iki diesen Worten, erzählt 
Cochhius, sei Luther phH/lich zu Boden gestür/i und liabe gerufen: 
,Icli bin's nielit. Ich hin's nicht". Auch hier also setzt sich die körper- 
lielie lielslcmmung sofort in Schuldgefühl um, so dass er sich entschul- 
digend ruft: ^Teh bin s nicht, ich bin's nicht", als ob ihn jemand dessen 
beschuldigte. Die Angst, dass Gottes Zorn auf ihm ruhe, ist zu der 
allgemeinen Empfindung geworden, von allen Seiten verkliL't und ver- 
dächtigt zn sein. Die Mönche aber hielten den tief Melancholischen oft fär 
dämonisch und diejenigen, dio dem Papste treu blieben, waren naclimals 
sogar der Oberzeugung, er habe geheimen Umgang mit dem Teufel ge- 
habt, wie er ja selbst in seinen Predigtoi zu Wittenberg gesagt habe, 
er kenne den Teufel &8t wohl und der Teufel kenne ihn nicht minder, 
und er habe manchen Scheffel Salz mit ihm gegessen'). In sp&teren 
Jahren erst hat Luther erkannt, dass jene Sündenangst nicht aus seiner 
Sflnde, sondern aus einer von ihm unabbftngigen Ursache herrühre, die 
ffir ihn der Teufel war. «Der kann da Sflnde machen, da keine oder 
gar kleine Sünde ist, und aus einem St&ubchen wohl einen grossen Berg 

1) Ratz^ bcrgcr 58. 

2) Historia Joannis Coclilaei de actis et scriptis Martini Lutheri, SaxODts. 
Pariser Ausgab»' von 1565, p 11». 

3) Tametsi visiis est tratribus, nonnihil singularitatis habere, sive ex occulto 
aliqao cum daemooe comiDerdo, sivc ex morbo Comitiall: tum propter alia quaedam 
indtcia: tum pracdpue, qood semcl in Choro, cum in missa legeretnr Evangelium de 
eiecto a surdo et mute dacmonio, lepent« eondderit, vociferans, Non sum, Non sum. 
Multorum itnqtio f<«t o|>inio. rnm orrulta usum esse familiaritnti' dacmonii cujuspiam, 
qiiandnqiiidem et ipseraet tüüa de äe aIii)iiando scripserit, quae iectori suspicioucm 
de iiujusmodi comniercio nefariaquc societate ingcrere possint. Ait cnim in quodam 
ad popiilam habUo Bermonc^ ae bene cognoacer« diabolam et ab co sc vieiBsim benc 
cogniium esse, seque plm qtiam unum frustum Ealis cum eo com* di^s« . (Gemeint 
sind dir ;iel)l Sermonen gegen Karlstadt, wo I.nthpr «ich auf seine Kiini])fr mit dorn 
Satiin Ije/.ii lit, als Ili wi'i-, dass* rr die Ansclilaire di-s 'loutVl'? Iceniir.) Ki proprium 
deincepa «fdidit (jt'ruiau:c:e iibruui, de Angulari <^ut vocut> miäsa, ubi üiuboii contra 
mifsam dispotationem, aecum habitam noctu, commemorat. Sunt et alia non pauca hac 
de re argumenta, quod eliam corporaliter viiua quibuadam fami cum eo convenaxi. 

RBUK UEIDBLB. JAHR&tlBCUKR Vf. 13 



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178 A. Haaintli 

machen und sich in Christas Gestalt also Terstelleo, dass wir dafnr er- 
schrecken mftssen; als wenn er uns Irgend ein Drftuwort Christi furhftlt, 
dafür erschrecken und meinen, er sei der rechte Christus, der uns solche 
Gedanken eingiebt, da es doch der leidige Teufel seihst ist*^ Damals 
aber war er zu dieser Auffassung seiner Anfechtungen noch nicht hin- 
durcligcdruiigeu und wenn ihn diese gegenstandslose Angst fiberkam, 
hielt er sie fSr eine Folge seines bösen Gewissens und für ein untrüg- 
liches Zeichen, dass er von Gott verworfen sei. Bemfene Ärzte haben 
micli (lieser Krankengeschichte geurteilt, dass Luther an einem Krampltj 
der Arterien litt, der solche Beftngsti^nm^'en nach sich zieht, sich bis 
zur Todesangst steigert und Uhnnjachteii oder Wcinkriimpfe ira Gefolge 
hat. Dn>s sok'he halb seelischen, halb körperlichen Krankheit^szustände 
aiiHserordentlicli schwor zu heilen sind, ist hekaiiiit, die Mittel aber, die 
das Kloster zur IJekainiiiiiiig der .Anfechtungen' bot, waren nur geeignet, 
den Zustand völlig unheilbar zu machen. Anhaltende Nachtwachen, mit 
Fasten und Beten, sollten die bösen Geister austreiben. Durch die da- 
durch hervorgerufene Blutarmut und Abmagerung steigorte sich natürlich 
die Neigung zu jenen Anfallen und wie er die ersten Keime zu jeuMi 
Angstanfölien wahrscheinlich seiner harten Erziehung verdankt, so erwarb 
er sich nun im Kloster zwei andere schwere Krankheiten hinzu, die ihn 
dann sein ganzes Leben hindurch gequftlt haben. Das Faateo, das er 
oft über mehrere Tage ausdehnte, führte eine Trftghät der Verdauungs* 
Organe herbei, die ihn zeitweise bis zur Verzweiflung brachte und 
Schmerzen und Kongestionen aller Art zur Folge hatte, und indem er 
bei seinen tagelangen GebetsQbungen alle körperlichen BedQrfiiisse miss- 
achtete, erkrankte seine Niere, so dass er wahrscheinlich schon seit 1521 
am Stein litt, wozu dann, wie gewöhnlich, in hdheren Jahren noch die 
Gicht hinzutrat*). Dass er von seiner Askese im Kloster nicht zu viel 
erzählt, beweisen nicht nur diese Folgeleiden, sondern auch die skelett- 
mässige llairerkeit der früheren Bilder, die wir von iliin hesitzeii, aus 
einer Zeit, in der er doch nur noch aubiiahnisweise sich sokhe Eiercitien 
zumutete. Namentlich der meeliani>ihe Dienst der , sieben Zeiten' wurde 
ihm verdrrblieli. Über dem Lesen, Schreiben, Predigen versäumte er 
häutii4 uie }Ior»Mi und schloss sich dann den Sonnabend ein, , blieb un- 
gesseii den .Mittag lind auf den Abend" und betete den ganzen T.ig 
über, um daä Versäumte nachzuholen Aber auch nach einer andern 

1) E. A. 59, 339; vgl. 3». 

S) Vgl. KQchemeister, Lothe» Erankrageschichlc. Leipzig 1891. 
3) E. A.59,21. 



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Luthers Bekebruni^ 



179 



Seite hin war ihm die Äusserliehkeit des MOnchsdienets schädlich, weil 

seine Melancholie in jedem Versäumnis der tausend Kleinigkeiten, aus 
denen er sich zusammensetzte, neue Nahrung fand. Verliess er die Zelle 
oliue Scapiilier, war die Kleidung nicht ganz in Ordnung, kam er zu 
spät zu den Hören, so genügte das, ihm den Tag zu vtidtrbeii 
Namentlich die schwierige Kunst, Messe zu lesen, ohne etwas auszu- 
lassen oder unrichtig za macben, erwies sich als eine reiche Gelegenheit 
zu Innern Verstimmungen. Er quälte sich, ob er nicht in Sünden sei und 
würdig der heiligen Funktion und dass er nichts auslasse mit den Schirm* 
scblflgen und dem Gepränge*). »Marge, Gottes Mutter, wie waren wir 
mit der Mess geplagt und sonderlich mit den Kreuzen ! Herr Friedrich 
Mecam hat mir oft gesaget, er hab m sein Lebtage nicht können 
machen. . . Sie machten Etlichen so bange mit den verbts consecrationis, 
sonderlich denen, die fromm waren und es ihnen Ernst war, dass sie 
ganz und gar ziitLiten, wenn sie die Worte sagten: 11 est corpus 
menm, denn die iiiusste man pronuntiiren sine uila liaesiiatione. Wer 
bLaiiiiiietie uder ein Wort aussen lie5^, der hatte eine grosse Sünde ge- 
than. Dazu musste er die Wort lesen o)ine alle frembde Gedanken und 
also, dass er's allein hörete und die umbher waren nicht* '). Für ein 
mm Gräbeln geneigtes Gemüt wurde so die höchste Funktion des 
Priesters zu einer Quelle der Bedrängnis und in dem geheimnissroUen 
AngeDblick, in dem der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, au 
die Stelle des Brotes tritt, das der Priester in der Hand hftlt, entsetxt 
sich Luther oft so, dass Ihm der Schweiss ausbricht und er kaum 
die Kraft fiOhlt, die heilige Handlung zu Ende zu führen, ja schon der ■ 
Anblick der Monstranz erweckt ihm Zittern^). Ende dieses Gemüts* 
leidens konnte nur immer tiefere ümüacliiüüg sein. Je mehr er über 
sich reflektierte, um so tiefer erschien der Abgrund, in den er versank. 
Vorwurt" sprosste aus Vorwuil' und im Kloster war niemand, der begriff, 
was ihn eigentlich quäle? So bricht er in die rührende Klage aus: 
«Allen denen ich es klage, die sagen ich weiss nicht, bin ich's denn 
alleine, der so traurig im Geiste sein muss und angefochten werden? 
Oh ich sah gr&uiiche Gesichte und Spückniss* Wenn seine Kloster- 
brüder seine Anfechtungen nicht kennen und der Beichtvater spricht: 

1) Tischreden, Förstemua 3, 23S. 

2) E. A. 60, 401. 

3) E. A. 59, 98. 

41 K. A. 5H, 140. Tischreden von FörstcmaDn. 3, 336 f, 
5) E. A. 60, 108. 

12* 



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180 



A. Hanirtth 



,Tch verstehe Euch nicht*, so liegt das eben darao, dass diese Ängste 
gegenstandlos waren und von dem Krämpfe in seinen Arterien und der Ver- 
stimmung seiner gepeinigten Nerven ausgingen. Auch wenn die Anfälle 
vorüber waren, begleitete ihn eine seltsame Hoffnungslosigkeit. »Stets 
ging ich traurig und niedergeschlagcD einher und konnte meine Schwer- 
mnth nicht abschütteln", schreibt er später einem fthnlich heimgesuchten 
jungen Manne Er glaubte, Gottes Zorn ruhe auf ihm und seine Angst- 
frage war, „was soll ich thun, dass icli einen gnädigen Gott kriege?*' 
Seine Seele zrineb sich in Zwcileln und sein von iuuLien Zerwürfnissen 
abgehetztes GcmüL erschrack auch vor doni. was Andere tröstete. So 
hatte er „Leiden und Marter am Herzen und Gewissen" und fand, dass 
der Seelen Leiden das aii' r^^rösste sei. ..Ich hin oft für den Namen 
Jesu ersclirocken, und wenn ich ihn anMickto am Kreuze, «o dünkte 
mich, er war mir als ein Blitz, und wenn sein Nauie geueiiiift werde. 
80 hätte ich lieber den Teufel hören nennen, denn ich ffcdachte, ich 
müss so lang gute Werk thun, bis Christus mir dadurcli zum Freunde 
und gnädig gemacht wurde. Im Kloster gedacht icli nicht an Geld, 
Gut oder Weib, sondern das Herz zitterte und zappelte, wie Gott mir 
gnädig würde? Denn ich war vom Glauben abgewichen und liess mich 
nicht anders dunken, denn ich hätte Qott erzürnet, den ich mir mit 
meinen Werken wieder versöhnen mQsste"*). „Christum kannte ich nicht 
mehr denn als einen gestrengen Richter, für den ich fliehen wollt, und 
doch nicht entfliehen kannte" Nur mit Schaudern konnte er jenes 
Tages gedenken, an dem er zum Gerichte erscheinen werde. „Ich hätte 
viel lieber von allen Teufeln in der Hölle gehört, denn von dem jüngsten 
Tag"^). Ja er warf endlich einen Hass auf diesen Christus: „Ich ward 
ihm so feind, dass, wenn ich sein Gemälde oder Bildniss sah, wie er 
am Kreuze hing, so erschrack ich dafür und schlug die Augen nieder. 
Denn mein Herz war gar vercfift mit dieser papistischen Lehre, dass 
ich IUI in Wcsterhcmbd besu ii It liältc ... So war aus Christo dem 
HeilaiMl ein Teufel worden". ..Darumb", fahrt er fort, „ist man Maiien 
uüUr den Mantel gekrochen, zu den Heiligen Wallfahrt gegangen, dieses 
und jenes gethan'*^). Geängstet von den Flammenaugen des Welt- 
richters wendete er sich au die Mutter Gottes. Die einundzwanzig 

1) Uiit t Uli Ws llcr, 6. November 1530. 

2) E. A. 45, 15G. 

3) £. A. ai, m 

4) E. A. 51, Uß. 

5) E. A. 44, 127. 



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Ltitbers Itekcbriing 



181 



Notlielfer teilte er in sieben Gnippen tind rief täglich drei mit Namen in- 
brünstig an. so class er am Ende der Wodie keinen versäumt hatte'). 
Dazu aber that er an mönchischen Weiken so viel er konnte, „Tficf- 
lidr', erzählt er, hahe er „Messe gehalten, und mich so mit Beten und 
Fasten ?o?rhwächt, dass mein nicht lanL^o sollt t^^ewest .<oiii. wenn ich 
dnrin blieben wäre''*). „Wie bab ich mich zuariieitet und gemartert 
mit Fasten, Wachen, Beten"-*). Unbedeckt lag er in der kalten Zelle» 
„dass ich allein für Frost möcht gestorben sein und mir so wehe gethan, 
als ich nimmermehr thun will, ob ich gleich könnte. Was hab ich 
damit gesucht Anderes denn Gott? Der da sollte ansehen, wie ich 
nv inen Orden hielte und so streng Lehen führte; ging also immer im 
Traum und rechter Abgötterei^* Vorübergehend fühlte er wohl auch 
ein mal den Stolz, nun Genugthuung geleistet zu haben ... Er hatte 
dem Prior gehorcht, sich den Brüdern gefügt, Messe, Gebete, Fasten 
gehalten und sich rein gebadet im Werkdienst*). Seine Seele schwang 
sich auf und er glaubte onter den Chören der Engel zu schweben, da 
schlug alsbald die Stimmung um und er gewahrte, dass er sich unter 
den Teufeln befinde*). „Ich h&tte mich gern gefreut der henlichen 
That, dass ich ein so trefflieber Mensch wäre, der sich selb durch sein 
eigen Werk, ohn Christus Blut, so schön und heilig gemacht hätte, so 
leichtlich und so balde, der sich selbs blnnt beilig machen und den 
Tod fressen sampt dem Teufel. »So wollt' es doci» den Stich nicht halten. 
Denn wo nur ein klein Anfechtung kam vom Tod oder Sünde, so fiel 
ich dahin, und fand weder Taufe noch Müncherei, die mir helfen 

niOchl Da war ich der elendst ^lejix h auf Knien. Tag und 

Nacht war eitel lieulen und Vei/weifeln, das.s mir iiieiiuind steuern 
möcht"'). Als er so sah, dass all sein Hingen und Beten vergeblich 
sei. fing er an Gott zu hassen. Wenn das ganze Gesetz Gottes nur ver- 
gebliche Plage sei, so wollte er, es wäre gar kein Gott. Noch später 
pflegte er zu sagen, das sei die schlimmste Anfechtung, „da man nicht 
weiss, ob Gott Teufel oder Teufel Gott ist''^). „Du bist nicht mein 
Gott, sondern bist der leidige Teufel, und gewollt ich, dass gar kein 

1) Rcbenstock. CoUoquia. II, 13. 

2) E. A. 49, 300. 
Z)KIL 49, 314. 

4) E. A. 49, 27. 

5) E. A. 48, 2G3. 

6) Op. oxogt-tica 23, 401. 

7) E. A. 31, 279. 

8) E. A. 61, 197. 



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182 



A. Hftnirftth 



Gott wftro^^O, solche Lüstening nennt er selbst das notwendige Eode 
alles Werkdienstes. Aber auf Ausbrflche dieser Art folgte dann mit 
psycliologischer Notwendigkeit der Schrecken über sich selbst und schliessp 

lieb die dumpfe, trostlose Gewissheit, ein Kind des Zornes zu sein. 

In diesen Abgiüiiden seeli.-;cher Veizweitlun^' hin und wieder geliet/.t, 
hatte er nur einen Trost, den Beichtstuhl. Mit tiefer Dankbarkeit ge- 
denkt er da seines Novi/ennieisters. oder Pädagogen*), der ihn nicht nur 
mit ]iassender Lektüre versah, sondern mit seinem einfaclien christlichen 
Worte ilini mehr als einmal das Herz im Innersten traf. ..Wa<< maclist 
Du, mein SolniV* sagte der ihm, ..weisst Du nieht, dass der Herr uns 
geboten hat zu hoffen Und Luther bekennt, dass ihn das Wort „ge- 
boten^* seltsam bewegt habe, da er es zuvor für verwegen gehalten hätte, 
noch irgend welche Hoffnung zu haben. Beichtete er ihm seine einge- 
bildeten Sünden, so sagte er: „Du bist ein Thor, Gott zumt Dir nicht, 
Du zürnst mit ihm''. Oder er verwies ihn darauf, dass er ja im Credo 
täglich sprftcbe: «,Ich glaube an die Vergebung der Sänden", so solle er 
auch glauben. Ein Artikel des Glaubens sei so Terpflichtend wie der 
andere*). Das schaffte wofal für eine Weile Ruhe. Aber anderseits er- 
zählt Luther mehrfach, wie auch die Beichte wieder ihm zur Quelle neuer 
Grübeleien geworden sei. Hatte er auch alle Sunden gebeichtet? Hatte 
er auch wirklieb Beue geföhlt? Und wieder begann Zweifel aus Zweifel, 
Vorwurf aus Vorwurf zo spriessen. 

So fhnd ihn Staupitz, der Generalvikar der reformierten Augustiner- 
kongregation, als er hei einer Visitationsreise auch den Erfurter Konvent 
besuchte. Der menschenfreundliche Prülat nahm Interesse an dem 
bleichen und ab«:eliririiiten Mönclie. Ein feinsinniger, vornehmer Herr 
und erfahrener Klosterlürst. wusste er das innere Lehen und die preistige 
Bedeutung des jungen Asketen zu würdigen. Der kontemidative. zur 
Mystik neigende Theologe, dessen Züge von ^len^i heiirreuudliciiheit und 
gutmütigem Humor leurliten. hatte gerade die rrt hte Art. Luthers kranke 
Erregung zu beschwichti*,^» it, indem er alles scheinbar leii'ht nolini und 
doch das Tiefste dabei geistvoll berührte. Mit dem feinen Takt, den 
wahre Teilnahme lehrt, ging er auf Luthers Seelenzustände ein. Ihn 
intereraierte dieser bleiche junge Mönch mit den tiefsinnigen Augen und 
seinem wundgeriebenen Gemüt. Mochte doch der uelterfahrene Aristokrat 
manchen Standesgenossen keonen, der aus einem Leben voll Blut uod 

1) E. A. 46, 73. 

2) liricfe. De Wette IV, 427. 

3) E. A. 59, 75. 83. Melaachtk Coip. ref. e, ld5. 



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Luthers Bekebruog 



188 



Verbrechen nicht so viel Wesens maclite als dieser Münch aus seinen 
..PiippensünLlen". Rr hörte Luthers Beichte, dann sprach er wie die 
Brüder im Kloster: „Magister Martine, ich verstehe Eiud» nicht". Der 
letzte Grund der Schwermut war eben unverständlich, weil er körperlich 
war. Wenn Luther klagte, dass seine besten Vorsätze zu Schanden 
würden und er am Tage nicht halte, was er am Morgen Gott gelobt, sagte 
Staupitz leichthin, er nehme sieh gar nichts mehr vor und habe es seit 
lange aufgegeben, etwas zu geloben. „Ich hab Gott mehr denn tausend* 
mal gelogen, dass ich wollt fromm werden, nnd hab*8 nie gethan. 
Danimb will ich mirs nicht fUrsetzen, dass ich fromm will sein, denn 
ich sehe wohl, ich kann's nicht halten, ich will nimmer Ifigen*^^). So 
solle CS Luther auch machen. Gemeint war das im Sinne der gelassenen 
Gelassenheit des Mystikers, der auch die Versuchungen ausduldet und 
mit seiner Natur Geduld hat. Klagte ihm Luther seine Pein, so er- 
widerte Staiipitz! ,,lcli liabe solche Aufeclitungen niemals gefühlt, aber 
so viel ich verstehe und merke, sind sie euch nöthiger als Essen und 
Trinken, und sie beweisen, dass Gott Besonderes mit Euch vorhat"*). 
Klagte der eifrige Möncli über das Wesen dieser Welt, so meinte der 
Staatsmann lächelnd, der Weisheit letzter Schluss sei, zu wissen, dass 
es in dieser Welt nirgends recht zugehe*). Bekannte ihm Luther seine 
Furcht, er sei kraft des ewigen Batscblusses zum Verderben prädestiniert^ 
so sagte ihm Staupitz: „Schaue auf die Wunden Jesu, dort steht ge- 
schrieben, wozu Du prädestiniert bist. Dazu hat Gott seinen Sohn gegeben, 
dass er für Dicli genugthue. Du glaube daran. Wenn man der Lehre 
der Yorherbestimmung nachhänget und will viel disputiren, so schwindet 
Christus, Sacrament und alles Heil, ja Gott erscheint mir dann als 
pHtsewiclit nnd Stockraeister. Darum halte Dich an Christus, dort liegen 
alle Schätze verborgen"*). Es war die beschauliclie Andacht mittel- 
alterlicher Mystik, die aus Staupitz redete. Statt zu grübeln und zu 
zergliedern, geniesst sein Gemüt die erbauliche Vorstellung und bescheidet 
sich, dasa der Zusammenhang und der tiefere Grund der göttlichen Kat- 
schlfisse uns in einem andern Leben aufgehen werde. „Im Uebrigen hat 
Gott das Begimeot an sich genommen, dass nicht jedermann stolzieren 
mOge. Das bedeutet das Wort: vinea mea coram me est*^"). Anfech- 

1) E. A. 48, -201. Taf^fbuch dog Cordatus. Ilallr ISS.'. S. 2naf. 
2> iiriof an Weiler 6, Mov. nibcr 1530. I^' Wette 4, lö7. Tischredeu nach 
Schlaginhaufen ed. W. Preger. Leipzig 1888. p. 1). ly. 

3) Tagebttch des Cordatus. Halle 1885. S. 73. 

4) £. A. 60, 161. Tagebuch dea Cordatus m, Schlaginhaufon 75. 185. 

5) Analecta nach MathettuB ed. Loeache, p. 885. 



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184 



A. nftusratb 



tongeti, die unB schreckeD, kommen nie tod Qott, sondern vom Tenfel. 
„Christus schreeket nicht, sondern tr4)stet nnr^*^). Wenn auch diese 
Worte Luthers Zweifel mehr beschwichtigten als widerlegten, so that 
doch die teilnehmende Oesinnnng seines obersten Vorgesetzten dem 
wunden Herzen des jungen einsamen Manches nnsSgUch wohl. Znm ersten 
mal erfuhr Lntlier, was Vatertiebe sei «nd mit wahrhaft kindlichem 
Vertrauen schloss er sich an den älteren Mann. Auch brieflich durfte er 
sich ihm mitteilen. Kitim^l schreibt er ihm: .,0 meine Sünde. Sünde. 
Sünde!" St;iiipit/, ahtr antwortet: „Um suklitn PujtiH nsfmden willen ist 
Christus nicht gestorlion". Wenn abor Luther darauf hehat rt. ein schwerer 
Sünder zu sein, so erwidert er: <'lni>tii-^ sei nnrb kein t'riliclit''tt>r Hei- 
land, sondern sei crestorben für walirlinftige .Sünder. ..So Lr*'wöhiit Euch 
daran, dass Ihr ein walirhaltiger Sünder seid. Die Erlösung ist kein 
Schattenspiel". Oder er bring^t den Gegensatz des Glaubens und des 
Werkdit nsts in den Sinnspruch : ..Es ist ein q-rosser Berg, dicit lex. Ich 
will hinüber, dicit praesumptio. Du kanst nit. dicit agnitio peccati. So 
will ich's lassen, dicit desperatio. So wirkt das Gesetz Anmassung oder 
Verzweiflung^**). Ein andermal sagt er ihm, es sei keine wahre Basse 
als die, die aus der Liebe Qottes und seiner Gerechtigkeit herfliesae und 
darnm sei sie selbst der Anfang der Gerechtigkeit. Dies Wort, schreibt 
Luther später (30. Mai 1518) an Stanpitz, habe in seiner Seele gehaftet 
wie der Pfeil eines Gewaltigen Er las nun die paulinischen Briefe mit 
diesem Trost im Herzen. „Da ward ich froh, denn ich lernte und sab, 
dass Gottes Gerechtigkeit besteht in seiner Barmherzigkdt, durch welche 
er uns gerecht achtet und hält: da reimte ich Gerechtigkeit und Ge- 
rechtsetn zusammen und ward meiner Sache gewiss". Seine Bekeh- 
rung war vollendet. Die Anfechtungen freilich blieben auch jetzt 
nicht ganz aus, aber Staupitz, der erfahrene Klosterregent, wusste. was 
hier not that. Er sah eine gewaltige geistige Kraft, die sich in sich selbst 
verzehrte, weil ihr der Kaum k']ih(\ ?ic)) zu entfalten. Darum galt es. 
Luther Arbeit zuzuweisen, ihn /u zwingen, sich seiner Fälligkeiten Ite- 
wusst zu werden. Sah der Kranke den Erlolg. so schwand der Kieinnint 
ganz von seihst. Also fort in andere Luft, zu grossen Aufgaben! Stau- 
pitz hatte auf Bitten Friedrichs des Weisen das theologische Dekanat 
der 1502 gegründeten üniversität Wittenberg an der Elbe übernommen. 
Nun berief er Luther im Jahre 1508 in den Wittenberger Konvent an 

1) E. A. 58, Hl. 

2} Analecta Lnth. BMh Mathesiut, ed. LOeeke. GoÜui 1892, S. 203. 
3) 30. Hai 1618. 



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Luthers Bekehrung 



185 



seine Seite. Bruder Martin war Magister der freien Künste. Also jniisste 
er Dialfktiivt und Pliysik lesen. Nichts war ihm mehr zuwider'). Sein 
Groll gegen Aristoteles. ..den Esel*', „den Teufel", ist ergötzlich genug, 
aber Staupit/ wnsste, warum er den Grübler zunächst bei formalen Auf- 
gaben and der Naturlebre des Aristoteles festhielt. Bald aber befahl 
er ihm m predigeo. „Herr Doctor, ihr bringt mich um, ich werde es 
nicht ein Yierteljafar treiben'S jammerte der Kleinmütige. „Gut**, er* 
widerte Staiipitz gelassen, „Unser Herr Gott hat grosse Geschäfte und 
braucht droben im Himmel auch Itluger Leute*'*), ünd Luther predigte, 
erst in der ärmlichen Klosterkirche und bald in der Stadtkircbe und ans 
dem zagen Klostcrbmder wurde ein souveräner Herrscher der Kanzel. 
Am 9. Miliz 1509 wurde er dann zu dem ersten thoologischen Grad 
eines baccalaureus tanquam ad bihlia zugrlnv^t n. Da*^ wnr die erste 
Erlösung vom Ari.>toteles und voll IJegier stürzte ersieh inm auf Paulus 
und Augustin. Aber schon in Erfurt sass rr dem Vikar zu viel über 
der BibeP^) und Staupitz war ein weiser Arzt. Ehe sein Patient sich 
in neue Probleme festgefahren hatte, schickte er ihn nach Erfurt zurück, 
sei es, um dort eine Lücke auszufüllen, sei es zum Eingreifen in die 
dortigen Klosterh&ndel, die eine Wendung gegen Staupitz genommen 
hatten. An äusserem Änlass hat es bei dem vielfachen Hin- und Her- 
schicken Luthers in dieser Periode nie gefehlt, dennoch wird man darin 
auch Stanpitzens Fürsorge fSr Luther erkennen dürfen, durch welche er 
den Melancholiker vor sich selbst beschützte, indem er ihm die wichtigsten 
Aufgaben anvertraute. So durfte im Herbst l-Ml der Achtundzwanzig- 
jährige den in wichticrer Mission nach Korn reifenden DocLor J<diann von 
Mecbeln nach Italien )fOf:lpiten und als er zurückgekehrt war, sagte ihm 
Staupitz unter dem Birnbaum im Kiostergarten, um den sputer Luthers 
Kinder spielten: „Domine Magister, nun müsst Ihr Doctor werden, so 
kriegt Ihr etwas zu schaffen''*). 

Luther selbst hat sein Leben lang anerkannt, dass er dem treff- 
lichen Manne seine geistige Rettung, ja sein Leben verdanke. Noch als 
Sechszigjähriger schrieb er dem Grafen Albrecht zu Mansfeld, der an der 
Lehre von der Gnadenwahl Anstoss nahm, auch er habe einst in diesen 
Ndten gestecket „und wo Doctor Siaupitz oder vielmehr Gott durch 
Doctor Staupitz mir nicht herausgeholfen hätte, so wäre ich darin 

1) Brief an IJraiin vom 17. März l.oOO. 

2) Tagebuch des Cordatus, S. 390 f. Lauterbachs Tagi bucb, cd. Seidi mano, 
p.l02f. 

S) UnterlWidn Tagebaeh, ed. Scidemami 1872. p. m, 
4) Tagebach det Cordatus, p. 78. 



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A. llaasnih, Lothei« Bekehrung 



ersoffeD und längst in der Hölle''. Und ebenso trea bekennt or acb m 
seinem geistlichen Vater und Reiter in einem der letzten Briefe seines 
Lebens, indem er dem Kurfürsten eine nahe Verwandte des seligeD 
Generalviicars empfiehlt, „welchen ich rühmen muss, wo ich nicht ein 
undankbarer, p&pstlicber Esel sein will'S 



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Kieiue Beiträge zur Ooetlie-Biograpliie. 

Von 

1), Knliiianiiüdorffer« 
1. 

Goethe in Heidelberg und die Familie Delph. 

Goethe ist in Terschiedenen Perioden seines Lebens in Heidelberg 
gewesen, in jungen und in alten Jahren. Die lebendigste Erinnerung 
haftet an dem Herbstbesuch im Jahr 1814, der besonders den Boisseree's 
und ibrer Gemäldesammlung galt und an den Ton der Dichtung ver- 
klärten Snleika-Tagen im September und Oktober 1815. In Mheren 
Jahren bat sich wiederholter Aufenthalt immer nur auf wenige Tage er- 
streckt Auf der Reise nach Italien wurde Beidelberg nicht berührt; 
auch Hin- und Rückweg bei der ,Campagne in Frankreicli* führten den 
Dichter nicht :in den Neckar. I)a<,'t'gen verweilte er auf der Küekreiso 
von der Belas:«?rung von Mainz im August 1793 mehrere Tage in Heidel- 
berg, und vier Jahre später folgte auf der R«ise in die Schweiz wieder 
ein kurzer eintägiger Aufenthalt, deni wir die in iiirer knappen Gedrängt- 
heit so sinnvolle Beschreibung von Stadt und Landschaft im Keisetage- 
buch von 1797 vordanken. 

Eine viel wichtigere Stelle in der Lebensgeschichte Goethe's aber 
nehmen die vier oder fünf Tage ein, die er im ]f erbst 1775 in Heidel- 
berg zubrachte. Das waren recht eigentlich Schicksalstage. Zwei weit 
auseinander führende Lehenswege lagen damals vor ihm. Hier traf er 
die Wahl, und von Heidelberg aus trat er die Heise — nach Weimar an, 
die fiber so vieles entschied. 

Das Jahr 1775 war für den secbsundawanaigjfthrigen Dichter eine Zeit 
tiefster leidenschaftlicher Erregtheit Die abgeUfirte Ruhe später Bfick- 
scbau in »Dichtung und Wahrheit* giebt nicht gana den sturmischen 
Eindruck wieder, den wir aus den Briefen und Gedichten jener Zeit 



188 



B. Erdmaonsdörffer 



empfangen; ^as waren", schreibt er im Oktober an liür^'cr, ,die zerstreu- 
testen, vorworrensten, ganzesteo^ vollsten, leersten, kräftigsten und l&p- 
pischsten drei Vierteljalire, die ich in meinem Leben gehabt habe; was 
die menschliche Natnr nur Ton Widersprächen sammeln kann, hat mir 
die Fee Hold oder Unhold — wie soll ich sie nennen — zum Neujahrs- 
geschenk von 75 gereicht*. 

Im Mittelpunkt aller dieser Verwirrungen nnd Seelenkämpfe stand 
das YerhaltDis zu Lili SchOneroann. Im Dezember 1774 hatte Goethe 
sie kennen gelernt; ein Vierteljahr später folgto, durch eine vermittelnde 
Freundin in etwas forcierter Weise herbeigeführt, eine Art von halb- 
officieller Verlobun«^. Aber znr Lö-un'_r der äiij;s!eren nnd inneren Schwie- 
rigkeiten, die der Verbindung von An Inn .: im im Wei?e standen, führte 
dieser Schritt nicht: lange Monate kiim n \ »11 jalM r Wechsel zwischen 
hingerissenem Liebesglilck \iud zvliriinieiii Zwritrl. /wiM lirn KifV'isiicht 
und (ileichgiltigkeit. Flucht und Wipderk^br; 'lir- iln. h tielgegiündeie 
Loidonscbaft de;« Diclit^r« für dif «irlii'ble veiniüi lit." \\\,<^r das Gefühl 
nicht hiin\ i'Lr/iiknnimen. dass eine volle Harmonie des Daseins aus der 
Verbindung mit Lili ihm nicht erblühen könne. Neue befreiende Ein- 
drücke werden gesucht: die Sommerreise in die Schweiz') mit den 
Brüdern Stolberg und dem Grafen Haugwitz, an deren Stelle dann unter- 
wegs Passavant trat, war ein iM>ter Fluchtversuch — der Heimkehrende 
erlag dem alten Keiz und dem alten Zweifel. Dann wieder neue Wochen 
des Hangens und Bangens, des Anziehens und Abstossens, voll aufregender 
Zerstreuungen bei innerer Zerrissenheit, in vielseitigstem Henschenver- 
kehr, mit reicher dichterischer Produktion, den Faust und den Egmont 
gleichzeitig im Kopfe. 

Endlich erreicht doch der Prozess der langsamen liockerung und 
Losung sein Ende. Änsserlich, wenn auch noch nicht sogleich inneilicb, 
erfolgte die Trennung von Lili, und es erschien nun ange/eigt. durch eine 
längere Abwesenheit von Frankfurt die Überleitung in den gegebenen 
neuen Zustand zu erleichtern. Der Vater Goethe, dem ebenso wie der 
Mutter die Au>>irbt auf eine eheliche Verbindung des Sohnec» mit der 
,Staati?dame* aus einem anderen gesellschaftlichen Kreise von jeher 
wenig Vertrauen eingcflösst hatte, kam jetzt gern auf einen alten Lieb- 
ling^;.'* dank' n zurück: eine Heise nach Italien sollte Wolfjrane unter- 
nehmen, nacii dem Lande, das er wölbst einst in jnniren .Talireti gesehen 
und von dem eine Fülle Echimmeroder ErinnoruDgen ihn durch die 

1) Auch ftuf dieser R«ise, wenn wir vollBt&iidig sein wollen, TCTweOte Goethe 
dnen Tag in Heidelberg, 16./17. Hai 1775. 



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Kleine Beitrüge zur Gocthe-Bioj;rapbie 



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Einförmigkeit seines ganzen Lebens begleitet hatte; er eiitwail' uiiiua 
lieiseplan, für GeM und ivreiUlljiierü war gt^üorgt, auch eine kleine Keise- 
bibliothek 7iisamiiu>ngestellt, um unterwegs und au Ort und Stelle dio 
beste Information zur Uand zu haben. 

Wie hätte die Aussicht auf eiae erste Homfahrt den jungen Goethe 
nicht bestricken solleo ? Er begann sich ernstlich mit dem Gedanken an 
die italienische Reise zu beschäftigen. 

Aber es stand nicht in den Sternen geschrieben, dass seine Augen 
schon jetzt die Welt des Südens schauen sollten. An seinem Firmament 
war ein neues Gestirn aufgegangen, das nach Norden wies Karl August 
von Weimar. 

Die erste Begegnung Gocthe's mit ihm hatte im Dezember 1774 
in Frankfurt stattgefunden, als der Jui^endliclie Ihbiirinz mit seinem 
Bruder Konstantin und dessen Erzieher Knebel auf der iieise nach Paris 
dort verweilte; einige Monate später (Mai 1775) ein neues Zu^iammen- 
treöen in Karlsruhe, als Karl August von Paris zurückkehrte und Goethe 
auf der erwähnten Schweizerreise begriilen war. Schon liier erfolgte 
vielleicht eine Aufforderung zum Besuch in Weimar. Einige Monate 
später trat der achtzehnjährige Herzog die Begierung seines Landes an 
und begab sich gleich darauf nach Karlsruhe zur Feier seiner Hochzeit 
mit der Prinzessin Luise von Hessen; erneutes Wiedersehen in Frank- 
furt, und als am 12. Oktober Karl August mit seiner jungen Gemahlin 
auf dem Heimweg dort eintraf, wurde von beiden die Einladung nach 
Weimar dringend wiederholt und von Goethe bereitwillig angenommen. 
Es wurde die Verabredimg jretroflen. dass der Kammerjuuker von Kalb 
in einig:en Tagen mit einem herzoglichen Heisewagen in Frankfurt ein- 
treüen und den Onst nacii Weimar geleiten sollte. 

Damit schien nun die italienische Heise auf unbestimmte Zeit ver- 
tagt; sie trat im Geiste Goethe's zunächst zurück vor dem ßeiz einer 
neuen Welt anderer Art, die sich verheissungsvoU vor seinen Augen auf- 
tbat. Menschen, Verhältnisse aus einer bisher ungekannten Region solU 
teu in günstigster Nähe kennen gelernt, die Freundschaft eines anziehenden 
Ffirstenpaares genossen, das Leben eines Hofes erprobt werden, der schon 
jetzt an namhaften Persönlichkeiten reich war. Nicht auf dauernde 
Kiederlassimg war es abgesehen, sondern nur auf kürzeren oder längeren 
Besuch; so konnte die Fahrt nach Italien unbedenklich verschoben 
werden. 

Auch jetzt aber nneh neue Zweifel und Hindernisse, und eben sie 
waren es, die Goethe wieder in Üerührung mit Heidelberg brachten. 



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B. firdmamtidarfllHr 



Der Dichter selbst bat die Episode mit lebensvoller Ansfiihrliebkeit 
erzfthlt; seia Berieht dardber bildet den Sebluas von «Dichtung und 
Wahrheit*; es genügt, hier nur an die Hauptsilge tu erinnern. 

Durch eine Reibe von ZufUligkäten verzögerte sich das Bintieffen 
des mit der Geleitung Qoethe*s nach Weimar beauftragten Kammer 
Junkers von Kalb in Frankfurt. Der verabredete Termin verstrich, anf- 
khlrende Nachricht lief nicht ein, und besonders in den Augen des über 
die neue Eotsch Hessling des Sohnes überhaupt etwas missvergnüg^ten 
Vaters gewann es den Anschein, als \Yülle das Ganze auf eine gering- 
schätzige Mystifikation, auf einen „luftigen ilofetreich" liinauslaufen, den 
die hohen Fürstlichkeiten si< !i mit dem jungen Frankfurter Doktor, viel- 
leicht zur Strafe für begangene , Unarten", erlaubt hätten. Um dem 
peinlichen Zustand des Wartens, nach schon üherall genommenem Ab- 
schied, ein Zill zu setzen, verlangte er die Bestimmung einer Frist von 
einigen Tagen, nach deren Ablauf ohne eingetroffenen Bescheid dann 
sofort die Heise nach Italien angetreten werden sollte. Auch dieser Ter- 
min ging vorüber, ohne dass der Weimarische Hofmann oder irgend eine 
Botschaft von ihm er«<chien. und am folgenden Tag machte sich nun 
der Komfahrer wider Willen wirklich auf den Weg, nicht ohne ein Ctefuhl 
der Enttäuschung und der Empfindlichkeit^ aber doch noch immer mit 
der stillen Hoffnung im Herzen, dass die ganze Vervickelnng auf einem 
Missverständnis beruhe und rechtzeitig sich noch alles aufklären werde. 

Er beschloss daher noch einige Tage in Heidelberg Halt zu machen, 
wo er hoffen konnte, dem von Karlsruhe her erwarteten Kammerjunker 
mit dem Beisewagen zu begegnen ; aber einer Verwirrung entronnen, fiel 
er hier sofort in eine neue. 

Goethe pflegte, wenn er nach Heidelberg kam, Quartier zu nehmen 
bei einer alten Freundin der SchöneLuann'schen Familie, die neuerdings 
auch mit dem Goethe'schen Hause in freundschaftliche Beziehung ge- 
treten war, der ^Denioiscllc" Dorotliea JJelph, die hier Inhaberin eines 
kaufmännisiiien Geschäftes war. Ks war eben diese Freundin gewesen, 
die bei '!*'r \'erl(thiini^ mit Lili die Kolle der Vertrauten und Schicksals- 
maclieiiü g-espielt hatte; sie liatte iiin jetzt ausdrücklich nach Heidelberg 
einLjeladei), und der nocii immer herzwunde Dichter gedachte wohl mit 
ihr noch einmal alle die Freuden und Leiden der verflossenen Monate 
durchzusprechen. Aber für solche gefühlvolle Zwiesprache fand er bei 
der praktischen Dame keine Stimmung; sie hatte offenbar bereits ihren 
Strich gemacht unter das, was sie als abgethan betrachtete, und war viel- 
mehr auf die Zukunft ihres jungen Freundes bedacht als auf sentimentale 



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Kleine Beiträge zur Goethe-Biographie 



101 



Rückblicke. Sie hatte slIioii ilire fortigen Pliine im Kopf — wir kommen 
darauf weiteiiiin no(;h ziinkk — und war daher mit dem noch immer 
in halber llotViiiiiiir lo.st<re}i!iltenen \Veiinari*<chen Projekt ihres Selmtz- 
lings durchaus nicht einverstanden: zunächst sollte er die Heise nach 
Italien ausführen, sich dort als Kunstkenner ausbilden, und inzwischen 
werde .man* hier und in Mannheim für iho arbeiten, so dass bei seiner 
RückkuDfl: sich eine geeignete Anstellung, etwa am korpfälzischeo Hofe 
in Mannheim, wohl ergehen werde; auch einen angemessenen Krsatz far 
Lili, eine anmutige jwige Dame ans guter Familie, hatte die Sorgsame 
hereita ins Auge gefiisst. 

Es war Goethe offenbar nicht ga^z wohl dabei zu Mute, als die 
thatkräftitje Freundin so resolut die Sorge für seine Zukunft in die Hand 
zu nehüien sich anschickte. Auch der Venlacht stieg ihm wohl auf, 
dass ihr Eifer vielleielit nicht t^anz frei von dem iiinhliek auf eigene, 
ihm «^aiiz Iremde Interessen sein mr»ehte; aber er lehnte es nicht völlig: 
ab, sich mit den ihm vorgetragenen Plänen zu beschäftigen. Ein paar 
schöne Heidelberger Herbsttage — die Weinlese war eben im Gang — 
wurden so verbracht, ,elsas8idche Gefühle'* lebten wieder auf, und an 
angenehmer Geselligkeit fehlte es nicht — endlich musste doch an den 
Aufbruch gedacht werden. Noch am letzten Abend setzte die Delph ein« 
dringlich und ausfuhrlich Goethe ihre Zukunftsplftne für ihn auseinander, 
erst gegen ein Dhr Nachts trennte man sich. Bald darauf wurde er 
durch das Horn eines reitenden Postillons ans dem Schlafe geweckt, der 
vor dem Hause hielt und einen Brief überbrachte. Es war die so lange 
vergeblich erwartete Botschaft des Weimarauers: Kalb hatte unvorher- 
gesehene Veizögeningeu erfahren und war dann, ohne Heidelberg zu 
berühren, über Mannheim nach Frankfurt gereist; hier erfuhr er zu 
seinem .Sclireckeu, dass der junge Gastfreund seines Herzogs bereits ab- 
gereist war und beeilte sicli. ihn durch Brief und Stafette noch in Heidel- 
berg einzuholen, was auch glücklich gelang. 

Alle MissverstftndniBse der jüngstvergangenen Tage waren nun auf 
die einfachste Weise aufgeklärt. Nach kurzem Besinnen fasste Goethe 
seinen Entschluss; einen Augenblick noch lockte das Zauberwort Italien, 
aber als der stftrkere Magnet zeigte sich Weimar; er entschied sich, 
sofort dahin aufeubrechen. Einen harten Stranss hatte er noch mit der 
Freundin Delph zu bestehen, die durch den unwillkommenen Zwischen- 
fall dieser Botschaft alle ihre sorgsam aufgebauten Pläne zusammen- 
stürzen sah. Bis zum letzten Augenidick, als sclioii der Postwagen vor 
der Thür stand, suchte sie ihn zu üburredeu und zurückzuhalten; fast 



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192 



B. Gvdinanuiddrirer 



mit Gewalt riss Goethe sich los und rief ihr «leideoschaftlich und be* 
geistert* zuletzt die Worte Egmonts zu: »Kind, Kind! Nicht weiter! 
Wie von aosicbtbareD Geistern gepeitscht, geben die Sonnenpferde der 
Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts 
als, mutig gefasst, die Zflgel festzuhalten und bald rechts, bald links 
vom Steine hier, vom Sturze da die Bftder wegzulenken. Wohin es geht, 
wer weiss esP Erinnert er sieh doch kaum, woher er kam!* 

Mit dieser pathetischen Scene, die wohl nicht gerade streng histo- 
risch zu nehmen ist, scliliesst die Erzählung von „Dichtung und Wahr- 
heit" ; wir luibeii über den Vorgang keinen anderen Bericht. 

Dieser inhaltrt ii ht' Aufenthalt Goethe's in Heidelberg kann nur etwa 
ut'i Tage gewährt haben. Der Dichter war von Frankfurt am Morgen 
des 80. Oktober 1775 abirereist und >ch.»ii am 7. November traf er in 
\\ Ciiiiar (in; e» kuüüeu auf Heidelberg nur »'twa die Tage vom 30. Ok- 
tober abends bis zum Morgen das 4. Xoveniher laUeu (joethe selbst 
hat 8ie als wichtige Entscheidungstage in treuem Gedächtnis behalten; 
der warme Ton bezeugt es, womit in „Dichtung und Wahrheit** tob 
ihnen erzählt wird, und als im Herbst 1815 Goethe mit Sulpiz Boisseree 
von Karlsruhe nach Heidelberg fuhr, da trat ihm unterwegs die Erinne- 
rung an jene alten Tage wieder lebendig vor die äeele, und er erzählte 
dem Freunde, wie einst, vor nun gerade vierzig Jahren, Karl August 
ihn von hier durch eine Stafette habe abholen hissen*). 

In diesem Zusatnmenliang erscheint nun vielleicht der Wunsch nicht 
ungerechtfertigt, etwas Näheres fiber jene Heidelberger Freundin unseres 
Dichters zu erfahren, die bei seiner Verlobung eine wichtige Rolle ge- 
spielt hatte und die auch wieder in den geschilderten kritischen Tsgea 
den Versuch machte, einen massgebenden Einflnss auf die femei'e Ge- 
staltung seines Lebens auszuüben. 

Ich stelle im Folgenden zusammen, was ausser den Angaben Goethe*8 
in «Dichtung und Wahrheit** darüber ausfindig zu raachen war. 

Die Familie Delph hatte sich erst vor einigen Jahrzehnten in 
Heidelberg niedergelassen. Im Jahr 1748 richtete Georg Wilhelm DelplN 

1) l ic Chronologie crj^iebl sich aus dem Fragment des Rcisetacrcl'Ui h>. «Iis 
A. bchuil, IJrii f.' nnd Aufsjt^e von ^^ioethe aus den Jiihron !7(^*' Ins 17>i; J. Auf- 
lage ISüT; S. I.>7 Ii. zuerät niitf^cteilt iiui getzt auch iu der Weimar. Ausg. III. Abili. 1 
S.8ff.); UDsicher bleibt dabei, ob Goethe noch in der Nacht des 30. Oktober oder 
ent am folgenden Morgen nach Heidelbeig gelangte. 

2) Salpi2 Boiaserde I. 288, sum 5. Oktober 1815. 



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Klone Beiliige cur OoeUie-Biogmpbie 



aus dem Hessen-BheiDfelnschen St Goar gebürtig, an die Stadt das Ge- 
socbf ihn „bürgerlicli aufzunehmen**, da er die Absieht habe, »sich zur 
Krftmerei und Handelschaft zu qualificiren' ; und da er den dafOr vor- 
gesehriebenen Besits TOn 1000 Rtb. bar aufweisen konnte, auch Geburts- 
brief und Lehrbrief in Ordnung waren, so wurde das Niederlassungsgcsuch 
von dem Magistrat befürwortet und von der Regierung gewiilirt*). 

Es ist nicht ersichtlich, von welcher Axt das von Georg \\'ilhelm 
Delph eröffnete kaufmiinniseho Geschäft war. Im Anfang scheint es ihm 
nicht immer recht gut ergangen zu sein ; die Akten berichten wiederholt 
von eingelaufenen Klagen und vollzogenen Exekutionen wegen falliger 
Wechsel; einmal wird ihm von der kurfarstUcben Begierung ein Mora^ 
torinm bewilligt. 

Auch sonst war in der Familie nicht alles in Ordnung. Heben zwei 
TQchtern war ein, wie es scheint, missratener Sohn vorhanden, Bemard 
Thielmann Delpb, mit dem es ein schlimmes Ende nahm. Nachdem er 
den ihm zustehenden Vermögensanteil fast aufgebraucht hatte, kam es 

zwischen ihm und seinen Angehörigen zu einer durchgreifenden Abkunft, 
über die ein bezeichnendes Aktenstück vorliegt; in einer mit seiner 
Unterschrift bekräftigten ausführlichen Erklärung bekennt der verlorene 
Sohn, dass er , durch allerlei in meinem Leben mir zugestossene Fatali- 
täten nirgends mein auskömmliches etablissement habe tinden können*^, 
trotz der von Eltern und Geschwistern erhaltenen reichlichen Zuschüsse, 
mit denen sein rechtmässiger Anspruch an das Vermögen der Familie 
jetzt fast erschöpft sei — ,80 dass diese und andere considerationes 
mich zu dem reiflich überlegten Entscblnss gebracht haben, mdne 
Fortune anderwftrtig und wohl gar zur See in Ost-Indien zu suchen, 
von wannen ich menschlichen Ansehens wohl schwerlich zurückkommen 
dürfte' ; die Familie gew&hrt ihm zu diesem Zwecke das nötige „Keise- 
und Zehnmgsgeld", wogegen er auf alle weiteren Rechtsansprüche ver- 
zichtet*). Auf OninJ dieser Abmachung ist danu liernard Thielmauu ui 
der Tbat vom Schauplatz verschwunden mit Hinterlassung seiner Frau 

1) DiastQ und die folgenden Familiennacliriclitea äind den mir freundlich zur 
B«iiut2img Ttntatteten Heidelberger MagistrAtaakten entnommen, einer atatUichen 
weUgeordneten BlLndereihe mit gut gearbeiteten Regiatem« in der auch sonst man- 
cherlei interessante Notizen zur Geschichte des Heidelberger Stadtlebens sich Hndea. 

— Die richtifje Schreibwcisp des Namens ist Delph; dafür, dass die Familie (wie, 
vielleicht nur na« h (lern Xuincn. vermutet worden istj holländischen Ursprungs sei« 
finde ich nii^ends i'um BühtiitiLmiig;. 

2^ Diese FamilieuabkuuU wiirdu abschiiftlich der studtiächeu Behürdo uiitgeteiit 
und befindet sich ao bei den J!^lu^iätratsakten Tom 3. August 1761. 

HBUB HBIDBLB. MHBBDBCHER VL 13 



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194 



B. GidiiuuinidAfflRBf 



und zweier Kinder, über deren ferneren Verbleib nichts verlautet. Einige 
Jahre später findet sich in den Akten gelfigentUch die Notiz, daas er 
in Ostindien gestorben ist'). 

Um das Jahr 1760 starben — wie es scheint, kur« nacheinander — 
auch Tater und Mutter; das Geschäft aber blieb bestehen, und den beiden 
hinterlassenen unverheirateten Töchtern, Sibylle Elisabeth und Helena 
Dorothea, wurde die «Fortführung eines offenen Ladens' gestattet Von 
der älteren Schwester erfthrt man wenig; die eigentliche Vertreterin des 
Hauses und Führerin des Oeschftftes war offenbar Dorothea Delpb 
— die uns bekannte Freundin Goethe^s. 

In den städtischen Akten findet sich der Name von hier an sehr 
häufig. Man erhält den Eindruck, dass die «Handelsjungfer Delphio* 
ihr Metier verstand, dass sie das Ihrige zusammenzuhalten und das Haus 
in eiüeu gewissen Flor zu bringen vvusite. Neben dem Beirieb des Ladens 
macht sie allerlei andere Geldgeschäfte, leiht Gelder auf Pfand aus und 
geht säumigen Schuldnern sehr resolut mit Prozessen und Exekutionen 
zu Leibe. Auch über Heidelberg hinaus erstrecken sich ihre kaui- 
männischen Verbifidungen und l)esMnders mit den ^jrossen Frankfurter 
Handelshäusern, den Sehönemann. d'Orville, Dutay, liat sie geschätliiche 
Beziehungen, die dann wohl beim häutigen Besui h der Frankfurter Messe 
sich auch zu jtersönlichen und freundschaftlichen gestalteten. Sie war 
offenbar eine Person von tüchtigem, vertrauenerweckendem Wesen, prak- 
tisch, weitkundig in ihrer Sphäre, etwas derb und niännisch geartet; 
man würde, wenn ein Jiild von ihr zu Tage käme, sich nicht wundern, 
ein weibliches Schnurrbftrtcben darauf zu entdecken. 

Nach der Art solcher Frauen war es ihr ein Bedürfnis, neben den 
eigenen Geschäften sich auch allerlei Sorgen zu machen für andere Per- 
sonen und ratend, helfend, eingreifend sich um fremdes Schicksal zu 
mühen. Dass ihr der Lieblingssport solcher Naturen, das Heiratstiften, 
nicht fern hg, hatte Goethe an sich selbst zweimal zu erfahren. Aber 
auch in anderen Angelegenheiten wird ne, besonders in den späteren 
Jahren, von den befreundeten Kreisen als hilfreiche Autorität betrachtet: 
als im Jahr 1792 ein junger SchOnemann, ein Bruder Lili's, sich durch 
verfehlte kaufmännische Spekulationen ruiniert hatte und die Geschwister 
zusamuit'Utraten. um ihm eine neue Fxist enz gründen zu helfen, etwa 
durch ein anzideirendes Produktengeschäft, so wurde von Lili auf die 
Delpb, als die bei eineiu solchen Unternehmen sachkundigste Beraterin, 

I) Iiierna« h ist die Notis Aber diesen Bnider bei LOper, Hempel- Awisabe 33 

IG5 zü beiicliügen. 



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Kleine Beiliftge snr Qoethe^Biogn^hle 



195 



biDgewiesen >)• Auch andere Spuren laeseu erkennen, dass ihr Hat und 
ihre Hilfe in pralLtiacfaen Dingen ein weitverbreitetes Ansehen genossen. 



Stilbät mit Geschäften, die ao die hohe Politik streiften, machte sich 
die rührige Dame zu schallen. 

Mit dem Beginn des Jahres 1778 vollzog sich, nach dem Tode des 
Kurfürsten Mai Joseph von Bayern (30. Dezember 1777), die Vereinigung 
der bayrischen und pfälzischen Lande in der Hand des bisherigen Kur- 
fürsten Karl Theodor von der Pfalz. Es ist bekannt, dass dieser Fürsti 
schon l&ngst von den Künsten der österreirliisciten Diplomatie umgarnt, 
sich zu einem Tertrsg mit Joseph IL bereit finden liess, kraft dessen 
ein grosser Teil der kurbayrischen Lande in den Besitz von Österreich 
fibergehen sollte — dem Vertrag, der weiterhin durch das Eingreifen 
Friedrichs des Grossen den bayrischen Erbfolgekriog veranlasste. Be- 
greiflich, dass an das Bekanntwerden dieser Pltoe sieh sofort der leb- 
hafteste Parteikampf anschloss. In Bayern war die dffentliche Meinung 
und die Stimmung der führenden Kreise entschieden gegen die projek- 
tierte Zerstflckelnng des Landes, und an der Spitze der Opposition stand 
die tapfere Herzogin Marie Anna, die Witwe des Herzogs Clemens von 
Bayern, eine pfalz-sulzbachisehe Prinzessin. Aber auch in der Pfalz und 
in der niclisten l'mgebuug Karl i heodois beatauJ eine lebhafte olfene und 
geheime Gegneisciiuft, und als der Kurfürst, nachdem er in München 
die Besitzergreifung vollzogen liatte, im Sommer 1778 noch einmal für 
einige Monate in sein pfälzisches Stammland zurucKkehrte, war der Mann- 
heimer Hof der Schaiiphitz einer sehr erregten Agitation. Wer immer 
aber, in München wie in Maunlieim, noch die llotliiung hegte, dass das 
drohende Unheil abgewendet werden liönne, der richtete seine Blicke, 
neben dem berechtigten Zukunftserben von Pfalz-Zweibrücken, vornehm- 
lich nach Berlin: von dorther allein könne die Rettung kommen, und 
in der That war Friedrich der Grosse entschlossen, sich den drohenden 
Österreichischen Vergrösserungsplänen mit allen Mitteln za widersetzen; 
offene und geheime, direkte und indirekte Verhandlungen zwischen Berlin 
und Mannheim haben damals unzweifelhaft in sehr grosser Menge statt- 
gefunden, ohne dass man den sich zeigenden Spuren fiberall zu folgen 
vermöchte. 

1) Hrief Lili's vom 21). Juli 17Ü2: .La Delpb conuait ai bieu les productions 
du pays ainsi que les moyena k emplojer pour van cntreprise qnclconqae, que je 
ooit qo'elle pourrft ▼oaa donner lei raiMignements les plus prfids*. Jagel, Dm 
PnppenbatiB S. 351. 

18» 



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196 



Aber eine Spur (Ufart uns nmi wieder zu unserer TielgesehAftifsen 
Freundin zurück, die wir hier in einer, wenn auch sehr untergeordneten, 
politischen Bethätigung erblicken. 

Im An<;iii^t 1778 teilte Kurfürst Karl Theodor seinem politischen 
Vertraueiiöiuami. dem ftsterreicliisclieu Gesandten Lehrbach in Mannheim, 
„im engsten Vertrauen* mit, dass er in , sichere Krfahrunfr" gebracht 
habe, „dass verscliicdene sehr wichti'^e Briete, welche aus den küni":!. 
preiissischen Landen in die dahifsige (icgend abgeschickt werden, unter 
der Adresse: „Madame Dolf, Marchande renomraee a Heydelherg- ^'eheo 
und grösstenteils den Lauf über Duderstadt nehmen". Der Kurfürst 
sprach dem österreirhischen Diplomaten den Wunsch aus, „ob nicht auf 
einem der kayserl. Postämter zu Duderstadt oder Frankfurth oder auch 
sonsten dieser Correspondens näher nachgespührt werden könne*, aus 
deren £ntdeckung er ^anen grossen Teil seiner Beruhigung erwarte'; 
natfirlich mfisse die Sache im tiefsten Geheimnis betrieben werden und 
dfirfe niemand ausser dem Kurfürsten und Lehrbach davon erfohren. 

Dass diese , Madame Dolf" keine andere als die betrielisame Doro- 
thea Delph in Heidelberg sein kann, ludun keines Beweises. Lehrbach 
verfehlte nicht, über den Fall an seinen Chef, den Fürsten Kaunitz, zu 
bericliten; ob daraufhin Anstalttn irefroflen worden sind, um die ver- 
djichtigen Briefschafteu auf/ul'angfn, t-rfahren wir leider nicht. Jeden- 
falls aber behielt der Gesandte die Angelcirenhoit im An<?e, und einige 
Wochen später (11. Sei)tember 1778) kommt er in einem neuen Bericht 
an Kaunitz darauf zurück: es sei richtig, dass die betreifende Dame 
wirklich in Heidelberg existiere, eine , Madame Delit marchande träs 
renommf'e", und dass viele Briefe aus Preupsen an sie crelangcn. ,Xun 
habe ich annoch weiters in Erfahrung gebracht, dass die vorgedachte 
Kaufmännin wirklich in Heidelberg ansässig ist, der protestantischen 
Religion beipflichtet, den Ruf einer intriguanten und eigennütxigen Frau 
hat, sich mehrmalen in der Woche dahier in Mannheim einflndet und 
die Briefe, welche an sie eingeschlossen werden, selbsten der Behörde 
fiberliefert, unter diesen Briefen aber verschiedene sind, welche die Anf- 
Schrift an den ChurpHilzischen Conferenzminister Freiherm von Hompesch 
gerichtet ist (sie !), andere aber, wo die Aufschrift ganz ermangelt* ; 
der Kurfürst soll von allen diesen Umständen unterrichtet sein, und gaax 
ersichtlich erfällt es ihn mit Unruhe und Misstrauen, dass sein Minister 
Hompesch und andere Unbekannte aus seiner Umgebung hinter seinem 
Kücken eine geheime Korrespondenz nach Preu&äen hin unterhalten. 



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Kleiuc Beitrüge zur Goeihe-Biographie 



197 



So weit der Bericht Lehrbaclis ; uosere Quelle giebt uns leider Aber 

den etwaigen weiteren Verlanf der Sache keinen Aufschluss Die 
IWle, welche die Delph in diesen hochpolitischen Angelegenheiten spielte, 
ij.1 natürlich nur eine subalterne; handelte sich in der Hauptsache 
nnr um eine sichere Deckadresse ffir geheime Driefschaften, die man nicht 
(iurch direkte Postveriiiittelung nach Mannheim gelani^en lassen wollte. 
Jedenfalls aber geht daraus hervor, dass sie auch an anderen Stellen als an 
den bislier berührten, als zuverlässige Vertrauenspersnn galt, dass nie in 
den Kreisen des Mannheimer Hofes und des höheren Beamtentums ilne 
Verbindungen hatte und dass die von ihr geleisteten Dienste als im 
lutereiise der protestantisclien und der preuasiscli gesinnten Partei stehend 
angesehen wurden. 

Erinnern wir ans nun, wie drei Jahre früher die Delph sich mit 
dem Gedanken trog, Goethe eine Anstellung am Mannheimer Hofe zu 
versehaifen, so ist es jetzt ersichtlich, dass solche PIftne nicht völlig in 
der Loft schwebten. Sie war sich offenbar gewisser Beziehungen bewusst 
— mochten sie direkte sein oder über Hintertreppen fuhren — , durch 
die sie einen wirksamen Einfiuss auszuüben sich getraute; während Goethe 
in Italien reise, «wolle man indessen für ihn arbeiten**, und dann, so 
wird ihre Meinung gewesen sein, werde die bezaubernde Persdnlichkeit 
ihres Schützlings das übrige tbun. Wer die Mittelsmftnner in Mannheim 
waren, auf die sie dabei rechnete, und auf welche Art von Stallung es 
abgesehen war, ist leider nicht zu ergründen ; es liegt nahe, an Theater 
oder Akademie zu denken; gewiss aber hatte Goethe mit der ^'ermutuI)g 
Recht, dass neben der Freundschaft für ihn auch ein gewisses Partei- 
interesse mitspielte: man rechnete darauf, dass er am Hofe Gunst und 
Eiofluss gewinnen werde, «und weil der Hof katholisch, das Land aber 

1) Die oben mitgeteilten, bisher unbeachtet gebliebenen Notizen sind eotbalteo 
in zwei Berichten von Lebrbach an Kaunitz, dat. Mannheim, 15. Atitnist tind 11. Sep- 
tember 1778, die sich abgednickt finden bei Brnnner, Der Humor in der Diplomatie 
und Regioruogskunde des 18. Jahrhunderts (Wien 1872), 8.202 f., leider nur frag- 
mentaiiaeh, in der Wein dieses eeltsamen fiuebes. In dem Beriiner Stutsarddv 
finden eich, wie Herr Archivrat Dr. ßaillcu die Gflte hatte zu konstatioren, von einer 
solchen geheimon über Heidelberp i^ehcmlca Korrc^pondpnz mit Mannheim keinerlei 
Andentungpn. clieiisowenig in Kailsriilio-, naturlich kein Grund, nn der Rtcbti!:kiMt 
der Lehrbach'schen Mitteibiu^eu zu zweifeln. Der Minister von Hompesch, dessen 
durch die Delph vemittelte prenssiselie Korrespondens Karl Tiieodor offenbar be> 
sonders aufre^;te, fiel eben in jenen Wochen bei dem KuHtlrsten in Ungnade und 
wiirLio nach Düsseldorf versetzt (Du ^TolIlin Erk.irt, Biiycrn unter dem Mini- 
sterium ,Mont«?e!a5? I. 74): c-* lit ^t nahe, an einen Zusammenhang' zwischen dieser 
Strafversetzung und der Kiuüeckuag jenes geheimen Briefwechsels zu denken ; später 
wurde er wieder m Gnaden angenommen. 



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198 



Ii. Krdmauusdiirffer 



prolestantisfli war, so hatte die letztere Partei alle Ursache, sich durch 
rüstige und hoffnungsvolle Miiuiier zu verstärken". 

In die schwüle Atmosphäre des damaligen pfiil/.ischen Lebens, mit 
seinen reichen künstleriscbon Aspiniti nieü und simiioii trostlosen kirch- 
lichen Verhältnissen, sollte also üoethu als eine, wie inaii iK-llcn inoi lite, 
bald einflnssreiche Stüt/.e der i»iitt>'«tanti<'rhen Partei t intreteu. Wie weit 
von seinen eigenen Lebenszielen entfernt lai^ ein*» solche Kolie; aber mau 
kommt fast in die Versuchung, sich in Phantasien darüber zu ergehen, 
wie der Lebens- und Kntwickelungsgant,' des Dichters sich gestaltet haben 
Hürde, wenn sein fürstlicher Freund nicht Karl August^ sondern Karl 
Theodor von der Pfalz, wenn seine neue Heimat nicht Weimar, sondern 
Mannheim und München geworden w&re. 

Indem nnn die Delph gleichzeitig mit jenen Plänen auch ein neues 
Heirataprojelit in Aussicht nahm, so stand dieses natflrlich mit dem all- 
gemeinen Vorhaben in enger Verbindung. Goethe musste auch durch 
Familienbande an die Pfalz gefesselt werden. In „Dichtung und Wahr- 
heit* wird der Name der in Aussicht genommenen jungen Dame nur 
mit dem Anfangsbuchstaben von W. bezeichnet; es ist nach den Aus- 
fahrungen Löpers kaum zweifelhaft, dass damit eine Tochter des damals 
iu Heidelberg lebenden kurpfalzischen Oberamtmanns und speierischen 
Hofrats von Wrede gemeint war, dem Goethe dabei freilich einen falschen 
Titel (als Oberforstuiristerj bi'ilef:t'). Die Heirat koiiute für den jungen 
Fraiiktiirter Doktor als eine gute Partie gelten; die Familie gehörte zu 
den angesehenen im Lande, der Vater A\ rede hatte in Heidelberg die 
vornehmste Beanit»Mi>:ellung iime. niil lebte, wie es sebeint. in i:uten 
Verhältnissen in seinem stattlichen Amthause am Karlspiatze. in dem 
jetzigen sogenannten Grossherzogliciien Palais. Allerdings waren die 
W'rede's katholisch, aber wie manche andere katholische Familien hielten 
sie sich nicht zu der am Hofe herrschenden Partei, sondern standen mit 
der antijesuitischen und protestantischen Opposition in Verbindung, fiO 
dass auch in dieser Hinsicht die Kombination eine glückliche zu sein schien. 

Welche von den beiden Wrede'schen Töchtern damals die Aufmerk- 
samkeit Goethe*s auf sich zog, die ältere oder die jängere, ist nicht zu 

1) V. T>rippr f?. ^. '\ S. 229 f.: auch das Af1'^''^prr»dikat wrtro nnrli I,ii|ti'r für 
jene Zeit iiii lit rirhlitr. er sei erst 1790 Readolt; in weiterhin zu erwähnfiidi-n Urii tVii 
aus den Jaliren I775,C findet sich aber schon die Nameosforoi von Wreden in 
Gebrauch. 



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Kleine Beitrüge zur Goethe Biographie 



199 



ennittelD ; auf das Erwachen einer gewissen AlTektion kannte man viel- 
leicht daraus schliessen, dass er bei der einen eine ÄbnÜchlceit mit 

Friderike Brion von Sesenheim herausfand. Indess lie^t hier wohl einer 
von den Fällen vor, wo man ürimd zu haben scheint, an der völligen 
Genauigkeit der Goethe'schen Lebenserinnerungen zu zweifeln. Aus 
, Dichtung und Wahrheit" erhält man durchaus den Eindruck, dass 
Goethe damals zuerst in das Wrede sehe Haus eingeführt wurde und die 
Hekanntschalt der Familie machte. Offenhar aber ist dies nicht richtii,': 
unter den von C. A. H. Burkhardt gesammelten Briefadressen aus der 
Zeit vom 1. April bis 18. Oktober 1775 findet sich unter dem 19. Sep- 
tember ein Brief Goetbe's verzeichnet an ,Frl. v. Vreden" in Heidelberg^); 
es kann damit niemand anders gemeint sein, als eine von den Damen 
des Wrede'schen Hauses, die Bekanntschaft mit der Familie muss also 
schon älteren Datums sein. Es li^t am nächsten, daran zu denken, 
dass Goethe bei seinem kurzen Besuch In Heidelberg vor der ersten 
Schweizerreise im Mai 1775 (s. oben S. 188) von der Delph in das 
Haus eingeffthrt worden ist, und nehmen wir dies an, so gewinnt auch 
die Vermutung eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass das «liebe Aben- 
teuer'^ in dem Hause des Herrn Tfidou, von dem Goethe in den .Briefen 
aus der Schweiz* (Hempel- Ausgabe 16, S. 280) erz&blt, eine durch fingierte 
Namen verschleierte Reminiscenz an einen damals erlebten Wrede*8chen 
Familienabend sei*). Bei dem Heidelberger Besuch, der uns hier be- 
schäftigt, Anfangs November 1775, wäre also Goethe schon als ein seit 
einigen Monaten Wohlbekannter in da.s \\ rede'.sclie Haus gekommen; 
andere Spuren lassen erkennen, dass damals sogar schon gewisse intime 
Beziehungen zwischen Goethe s Mutter und einem Fräulein v. Wrede 
bestanden 

1) Goethe- Jahrbuch IX. 127; die Schrelbireise des Namens we«di8dt vielfitdi, 

Wrede, Wreden, Vreden. 

2) Vergl. V. Lüper, S. 230. 

3) Dies liebt herref aas dem Brief der Fnn Rat an den Lefbmediku* ZimmeT^ 
mann vom 16. Februar 1776 (Goethe-Jahrbudt XIII. 119), worin sie dieeem acberzend 

ihre geistigen Adoptivkinder aiif/ühlt, zuletzt als Töchter „Demoisellc Fablmer, 
Delph. von Wredc^n u. s. w." Ist mit dor letztircnannton eine von den liriden jungen 
Wrede'schen Töchtern gemeint? Es wäre :nuh eine andere Vertmitung möglich: 
wenn das in den „Briefen aus der Schweiz" geschilderte TUdou'schc Haus wirlcHch 
eine abbildliche Reminiscens an da» Wrede'ache Hans ist, ao wOrde es in diesem 
nelMn Vater. ^luttcr nnd Töchtern audi mebrere Tanten gegeben haben, von denen 
namentlifli eine .tIs f;lflrl\?irh lu'j^fiht horvorcyphohpn wird; sehr möglich, dass dies 
eine unverhcir.itete Frimlein v. Wrede war. eine Sdiwester lies Ilnnsherrn, mit der 
die Frau ilat in freuodachaftlicbcn Beziehungen btaiid; dies würde auch besser passen 
a der Zuaammenaldlnng mtt der Fablmer and der Delph; Tiellddit war es dann 



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200 



D. Erdmiuuisdürffcr 



Gewahren wir also in «Dicbtong and Wahrheit* an dieser Std]e 
einen kletneo Gedftchtnissfehlcr (oder richtiger sagen wir wohl, eine Be- 
thflti<riinir der zusammendrängenden und zureclitschiebenden künstle- 
rischen Technik des Dichters), iu diiiten wir vielleiclit noch einen Schritt 
weiter gehen. Erfuhr Goethe erst damals, im Xüvciiiber, wie es seine 
Dar>tellunf? annehmen lässt, von jenen fnr ilin gejikinten Mannheimer 
Aiibtellungsprüjekten? Es ist an sich niclit gerade sehr wahrsclieinlich, 
dass eine so wichtiire Angelegenheit nicht anrh brieflich vorlier sollte 
präpariert worden sein iin<l dass (loi'tlie die ersten ErulVnungen darüber 
in Heidelberg erhielt. Er war damals in der Lage, sich mit mancherlei 
Gedanken über eine feste bürgerliche Lebensstellung zu beschäftigen; 
neben der Frankfurter Anwaltspraxis kam die f hci tiahme einer politischen 
Agentur oder Residentschaft für auswärtige L'euMerungen in Betracht; 
auch die Frage des Eintritts in auswärtigen Justizdienst war anger^ 
worden und Kestner hatte ihm schon Ende 1773 den Vorschlag gemacht, 
eine solche Anstellung in Hannover zu suchen ; gewiss sind auch andere 
Möglichkeiten erwogen worden, und im März 1775 schreibt Goethe an 
Sophie la Boche: ,ich habe auch, Gott sei Dank, wieder Relaispferde 
för meine weitere Boute getrolfen* ; auch diese Worte scheinen sich auf 
irgendwelche AnsteUungspläne zu beziehen oder können wenigstens 
darauf bezogen werden'). Dass nun auch die Delph äber ihre Mami'^ 
heimer Projekte mit ihrem Schützling brieflich verhandelt hat, ehe er 
nach Heidelberg kam, ist allerdings nicht zu erweisen, von ihren Briefen 
an Goethe haben wir keine Kunde. Aber wenn es an sich uicht unwahr- 
scheinlich i(Jt. so liegt vielleicht eine Art von Bekräftigung doch in dem 
Umstand, dass jeilenfallf^ ein lobhafter Briefwechsel zwischen den Beiden 
im fSoiiinier und Herbst 177') erkennbar ist: in der schon erwähnten 
.Sammlung von Brie{adre>st'n aus dieser Zeit hnden sich vier Briefe von 
Goethe an die Delph und einer an Frl. v. Wrede verzeichnet*), und es 
ist wohl als sicher anzunehmeu, dass auch eine entsprechende Anzahl 

auch diese Dame, an die der oben erwähnte Briet (joethe's gerichtet war. — Als acht- 
jähriger Knabe lebte damals — bciläutig bemerkt — in dem Wrede'schen Eltern* 
baoB auch der nacbnuilige Feldmanchalt FOnt Karl Philipp v. Wrede (geb. 1767), 
dem König Ludwig I. von Daiern in Heidelberg eine Bildsäule errichton Hess und 
der also der Sdiw i^t r Goetbe's geworden wire, wenn die Plftne der Delph in Er- 
füllung gegangen wuren. 

1) V. Lnpfr. 1G6. 

5i H u i K Ii a rdt im Goethc-Jahrburlt IX. 1*25 f.; die verzeichneten Briefe an die 
Delph sind vom 31. Juli, 7. Auguät, 7, und 12. Oktober 1775, der au die Wrede vom 
19. September. 



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Kleiuti Deiträg« sur (JoethC'Uiographie 



201 



von Gegen biicl eil aus Heidelberg nach Fiauklurt ergangen sein >virJ. 
Von dum Inhalt der beiden Briefreihen wissen wir freilicli iiielits; es 
kann darin von den verschiedensten Dingen die Rede gewesen sein, von 
dem Verhältnis zu Lili Schönemaiin, von der Einladung nach Heidelberg 
u. s, w., aber ganz wird doch auch die Vermutung nicht von der Hand 
zu weisen sein, dass die itraktische Delph von ihren, schwerlicli von heute 
auf morgen entstandenen Plänen ihrem jungen Freund schon vorher 
Kenotüis gogeben haben wird und dass sie es nicht auf eine Improvi- 
sation oder Überrumpelung w&hiend seines kurzen Heidelberger Aufent- 
halts ankommen liess^). 

In .Dichtung und Wahrheit* freilich wird durchaus dieser Eindruck 
hervoigerufen; die ganze Angelegenheit Terläuft höchst dramatisch, in 
wenigen Tagen« mit lebhaften Eindrficken, eifrigen Qesprftchen und einem 
Wirkungsrollen Schlusstableau. Ob hierbei der Dichter manche Ante- 
cedentien vergessen, oder sie im Interesse der künstlerischen Erzfthlungs- 
tecbnik mit Bewusstsein bei Seite gelassen hat, oder ob die Sache wirk- 
lich gani so ▼orlief, wie er sie darstellt, darfiber und einstweilen nur 
Mutmassungen möglich; besflssen wir jenen Briefwechsel mit der Delph, 
so wflrde sich darms wahrschdnlich die erwünschte Aufklärung ergeben. 



Jedenfalls aber hatte unsere geschäftige Heidelbergerin hier ein 
missglficktes Unternehmen zu verzeichnen. Goethe ging seine eigenen 
W^e, und von den pMzischen Fl&nen war niemals wieder die Bede. 

Doch hat dies offenbar den bestehenden freundschaftlichen Bezieh- 
ungen keinen Abbruch gethan. Die Delph gehörte nach wie vor zu den 
guten Freundinnen der Frau Bat und Hess sich wohl von Zeit zu Zelt 
in Frankfurt sehen; es mag Zufall' sein, dass für die nächsten Jahre 
keine spezielle Bezeugung für die Fortsetzung des Verkehrs vorliegt. 
Goethe selbst wird zur Korrespondenz mit der alten Freundin wohl kaum 
Veranlassung gehabt haben; bei der Schweizerreise mit Karl August iiu 
Herbst 1779 wurde Heidelberg niclit berührt ; aber auf dem Heimweg 
von der Belagerung von Mainz im August 17*.)') >jirach er getreulicli bei 
der „alten treuen Freundin Delf" vor. bei dw er auch seinen Sclivvager 
Schlosser fand. Die Begegnung der beiden ^Schwäger war freilich keine 

1) In dem Reiseta^^ebiich vom 30. Oktober 177Ö, also dem Tage der Abreise 
von Frankfurt nach Hpidelberir (A. Scholl, Briefe und Aufsätze S. 160), schliesst 
der in leidenscliattlicher Krregting unterwegs uiedergescbriebene erste Abscbnitt mit 
den abgensaflntn Woitn: «Projekte, FIab« nnd Attssichtenl* Es ist viel- 
leicht nicht zu viel gewagt, wenn nsn diese dttoklcn WotI« mit der oben v(nge> 
traj(eiien Kombination in Verbindung setzt. 



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202 



B. ErdnuMmsdArffer 



sehr erquickliche; die skeptisch ablehnende Haltung Schlossers gegenflber 
Goethe'8 damaligen Plftnen für ein grosses wissenschaftliches Unter- 
nehmen zur Begründung seiner „Farbenlehre'* reizte die Empfindlichkeit 
des naturforschenden Dichters; es kam vi unangenehmen Auseinander- 
setzungen zwischen den beiden Männern, und die Delph hatte wieder 
einmal ihre alte Rolle als Vermittlerin zu spielen, um die streitenden 
.Schwäger nicht in vollem Unfrieden auscinaiKier gehen zu lassen*). 

Vier Jahre später, ab Uucthe uut der Reise nach dtn- Scliweiz wieder 
des Wpg-es kam (26. Augimt 1797>. diesmal allein, wurde no'^li einmal 
ein Ka^tta'_r in Heidellier*,' «jeinarlit, im rechten ( le^ensatz zu dtin V(*iigen 
ein Tag tiefsten besehauli< lien Friedens. Man erhält aus dor Erzäh- 
luDg von seinen Spaziergängen auf und nieder am Neckar, ,in Erinne- 
rung früherer Zeiten", den Kindruck, als habe der Dichter hier zum 
ersten male in stiller Seelenruhe den Reiz der schönen Landschaft voU 
auf sich wirken lassen, und er entwirft von ihr ein unvergleichliches 
stimmungsvolles Bild; »das alte verfallene Schioes in seinen grossen und 
ernsten Halbminen* wird hier zum ersten male von ihm erwähnt. Aach 
die Freundin Delph fehlte natfirlich nicht; doch wohnte jetzt Goethe 
nicht bei ihr, sondern in dem Gasthof zu den »Drei Königen' ; f&r den 
Abend aber war sie in alter Weise auf angenehme Geselligkeit bedacht 
und führte ihn bei Frau von Cathcart ein, die damals mit ihrer Tochter 
in Heidelberg lebte*). 

Dies war die letzte persönliche Begegnung Goethe^s mit ihr; Grüsse 
und Nachrichten werden noch oft hierüber und hinübergegangen sein*); 
aber als er das nächste mal nach Heidelberg kam, fond er die Delph 
niclit mehr unter den Lebenden. Norh in ihrem letzten Lebensjahre 
hatte sie Gelegenheit gehabt, die alte FreuiiUschaft für den Vater dem 
Sohne zu gute kommen zu lassen, als August v. Goethe im Sonuuer- 
semester 1808 Heidelberirer Student wurde*). Aber noch im Herbst 
dieses Jahres, ein paar Wm ht ii naeh der Frau Hat in Frankfurt, ist -je 
hochbetagt in Ili'iii. lhci'^ gestorben, am 20. Oktober 1808: „alt oiiii- 
gefahr achtzig Jahr"", wie das Kirchenbuch der reformierten Gemeinde 
zu St. Peter angiebt. 

1) Belag«Tttng vod Maini, am Schlnss. 

2) Reise in die Spliweiz, zum 26. August 1797, 

Kin Beispiel aus dem Jahre 1^0'^ in dem RnVf Hnotho's nn don in Heidel- 
berg lebenden Maler l'rimavesi, in der Weimarischen Ausj^ahe der Briefe Ud. IS S. 89. 

4) Der Verkehr Angnst v. Goethe'a mil ihr ist hezeu}^t in dem Brief der 
Frftu Rat vom 17. Mai 180B (SchrifteD der Ooethe^eeellscli. 4. 343); veriel. Goethe- 
Jahrbaeh X. 74 f. 



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Kleiue Beiträge xur üoeiho^Biogruphie 



203 



Das kleine Hans ist noch vorhanden, welches der Schauplatz der 
{geschilderten Hegegnungon war. und, wie es sclieint, wenig verändert. 
Ks liegt am Marktplatz, trilirt die Xummer 196 der Heidelbercfpr ..Hanpt- 
strasse" und gehört jetzt dem Kaulmann Kai l Henrici, der darin wie 
eiost die Familie Delph ein Ladeni^psdiiift tifiht. 

Ein schmales Gebäude von nur zwei Fenstern Front. Das Erd- 
geschoss nach dem Markte zu wird ganz von dem geräumigen Laden 
eiogenommeD, an den eine kleinere Hinterstube stöbst; daran scliloss 
sich früher ein offener Hof von massigem Umfang, der jetzt durch eine 
Glas&berdachtiDg zu einem Zimmer umgestaltet ist. Auf der Kflckseite 
anstossend, mit der Front nach der Mittelbadgaase, lag frQber das 
«reformierte Scholbaus'', das jetzt mit dem vorderen Grondstfick ver- 
bunden das Hinterhaus bildet Auf einer engen, etwas steilen Treppe 
gelangt man in das erste Stockwerk (nach hiesigem Brauch das zweite 
genannt), das die Wohnräume entb&it, ein grosses helles Yorderzimmer 
in der ganzen Breite des Hauses, mit der Aussicht auf den Markt, das 
Rathaus und die Heiliggeistkirche; ein kleineres Hinterzimroer daneben; 
im zweiten Stockwerk wiederholt sich die gleiche Einteilung. 

Es ist durch die Lage des Hauses und durch den augenscheinlieh 
altertümlichen Bestand seiner Aiila^'o ausgeschlossen, dass hier jemals 
wesentliche Veränderungen vorgenommen worden sein sollten ; so wie es 
sirli Jetzt im Innern darstellt, wird es in der Hauptsache auch gewesen 
sein, als Dorothea Delph hier schaltete und als Goethe ihr HansiMst 
war. Es lies^t nahe anzunehmen, dass im ersten Stockwerk sicii die 
^Vo})nnng dt-r Delph'schen Schwe'itern befand, und dass man Gäste iu 
den beiden Zimmern des zweiten (dritten) Stockes unterbrachte. 

Hier also wurde Goethe in jener Xovembernacht des Jahres 177.'> 
durch das Horn des reitenden Postillons, der ihm die ersehnte Botschaft 
überbrachte, aus dem Schlafe geweckt: hier fasste er den Entscbluss, 
der Qber die äussere Gestaltung seines Lebens entschied; von hier aus 
trat er am folgenden Morgen die Reise nach Weimar an. 

An diesem unscheinbaren kleinen Haus haften also gar bedeutsame 
Erinnerungen; es gehört zu den denkwürdigen Stätten von Heidelberg. 
Eine Erinnerungstafel würde hier wohl angebracht sein. Ich empfehle 
den Vorschlag den Instanzen, in deren Hand es liegen würde, ihn zur 
AusfQhrung zu bringen. 

1) Zur Zeit, als die r»p!ph das Haus besass, gehörte dieses HintcrhriMs noch 
nicht dazu: wurde (naclj Auswr-i«? do«! <:tRdtisclieu Gruadbuchsj erst von ihrem 
Nachfolger tavallini im Jahr 1S19 iiiiuugükautt. 



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204 



B. ErdmunadOrlhr 



Übrigens gehörte damals, im Jabre 1775, das Haus den Delph'schco 
Schwestern noch nicht eigentumlich an ; sie bewohnten es nur mietwelBe, 
und erst im Februar 1782 giug es durch Kauf in ihren Bedta über. 
Später, im Jahr 1794, trat die filtere Schwester Elisabeth, die hier zum 
letzten mal in den Akten erwähnt wird, dnrch Schenkung den AUeio- 
besitz an Dorothea Delph ab. Offenbar rjelan^te diese im Laufe der 
Jahre zu einem behaglicljen N erniöL^eiisstarul ; sie legte ihre Kaiütalien 
Lei dem iiaukhuus der Gebrüder dOrville in l'iankfurt an iiiid itii J;ihr 
1800 gab sie, wie es scheint, ihr Ladengesoli.ift atit ; das Haus verkaufte 
sie um den Prei^ von 6000 Gulden an einen jungen „ Handeliuiann" 
JiK ob Maria Cavallini, der eben damals im Beerriff stand, sich 7u ver- 
heiraten und sich kaufmännisch zu etablieren und der verniutlieh auch 
das Geschäft und seine Fortführung übernommen haben wird*). 

Wer die Erben der Dorothea Delph waren, vermag ich nicht m 
sagen, v. Löper, der vor Jahren in Heidelberg Nachforschungen über 
alle die hier berührten Personalien anstellte, giebt an, dass damals noch 
einige Verwandte von ihr lebten; ich habe nicht in Erfahrung bringea 
k()nnen, oh dies auch jetzt noch der Fall ist. 

1) In den .Magistratsakti n vom 23. Oktober 1800 findet sich das Protokoll über 
den Vollzug des Haiisverkauts u^iändelshaus"): das Original des Kautbriefs (dat 
11. Jnnl 1801), auf Pergament mit äm anhängenden Stadtsiegel in bOlseriMr Kapsel, 
mit der ei^eabflndigen Untenchriik der «Delphin" und mehreten Eintrtgen aber die 
erst nach Jahren erfolgte völlige .Vbtragiing des Kaufyf^ea, ist noch vorhanden IB 
Besitz des gegenwArtigen Hausiniuibers Uenrici. 



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Kleine Bdtrilise sor Qoethe<Biognip]iie 



205 



2. 

Goethe und Gagern 1794. 

In Band XYI des Goethe-Jahrbuchs (1895 S. 12 ff.) teilt Bernhard 
Sttphan das EoDzept dnes Briefes ,an einen unbekannten deutschen 
Patrioten' mit, in welchem Goethe »eine an ihn ergangene Mahnung, 
gegen raterlandsfeindliche Bestrebuogen mit dem Gewichte seines Namens 
einxatreten, bescheiden und bestimmt ablehnt** Äussere und innere, 
jeden Zweifel ausscbliessende Grfinde bringen den Herausgeber zu der 
Annahme, dass der von einer Scfareiberhand stammende, undatierte und 
nicht adressierte Entwurf in die neunziger Jahre gehört und jedenfalls 
Tor dem Oktober 17*J5 entstaiidt'ii ist. Indem Siiphan daim auch nach 
einem Adressaten sucht, für den der Brief bestimmt war, wirft er die 
Vermutung hin, dass es wohl Friedrich Gentz sein könne: „er allen- 
lalis konnte es sich damals herausnehmen, Goethe aul'xumahnen, etwa 
io der Neuen Deutschen Mouatssclirift, die er seit 1795 herausgab". 

Da Siiphan selbst auf diese Hypothese ollen bar nicht viel Gewicht 
legt — „Gentz oder wer es sonst sei" - so unterlasse ich es hier, die 
Gründe aufzuführen, aus denen ich sie tür nrnv^hrscheinlich halte, ganz 
abgesehen von dem Hauptgrund, dass ich kein Gentz'äcbes Schriftstück 
aus dieser Zeit ausfindig machen kann, das in die Situation passt und 
auf welches die Goethc'sche Antwort passen würde. Der unbekannte 
deutsche Patriot, der Goethe snr politischen Beth&tigung aufforderte« 
dürfte in einem anderen Kreise zu finden sein. 

Der unheilvolle Verlauf des Koalitions- und Beichskriegs gegen 
Frankreich im Jahr 1794 rief besonders in dem zunächst bedrohten 
deutschen Südwesten die lebhafteste Aufregung hervor; das wachsende 
Übergewicht der französischen Waffen, die vor Augen stehende Lockerung 
der Koalition, die verworrene Ohnmacht des Beichskriegswesens und nicht 
zum wenigsten auch die Angst vor unheimlichen Plftnen der beiden deut- 
schen Grossmäcbte brachte den Zustand verzweifelter Hilflosigkeit, in 
dem man sich befand, immer mehr znm Bewusstsein. Zu den äusseren 

1) Seitdem aach wieder abgednickt unter deo Hachtiigen xu der Weimarischen 
Amgabe der Briefe Bd. 18, S. 70. 



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206 



E. Erdmatmidöriii^r 



Gefahren gesellten sich die inneren: die schwunghaft betriebene repnbli» 
kaiiisdie Pi tpaganda der Franzosen gewann immer mehr Boden, reTO- 
lutionäre Ideen bemächtigten sich weiter Kreise der Bevölkerung, nichts 
schien mehr fest xu stehen. In solchen Stimmungen greift ratlose Ver- 
zweiflung wohl zu den abenteuerlichsten Rettungsversuchen: der Markgraf 
Karl Friedrich von Baden und der Landgraf Wilhelm von Hessen 
machten einen Versuch, einen neuen »Fürstenbund'' zum Schutz gegen 
äussere und innere Gefahren ins Leben zu rufen; in anderen Kreisea 
kamen ähnliche Gedanken auf — hier wie dort völlig wirkungslos. Be- 
sonders eifrig aber regt sich die publicistische Tbätigkeit; in den Zeit- 
ungen und in einer Flut von Brosehfiren werden die dflSentlicben Zustände 
besprochen ; man findet da drastische Scbilderungen, scharfe Kritik, ein- 
dringliche Katschläge, und in der allgemeinen Katlosigkeit wird manches 
vermeintlich neue iiiul unfehlbare Heilmittel aut den Markt )?ebrarht. 

Ein Scliriltstück dieser Art ist es wolil gewesen, welches üoelhü 
zu dem hier besprocheneu Briet' Veiiiiilaaauug gab. 

Im August 1794 erschien eine Broschüre: „Ein deutscher Edel- 
mann ao seine Landsleute*". Als Verfasser nennt sich der Frei- 
herr Hans Christoph Ernst von Gagern, der damals Nassau-Weilburgischer 
Geheimer I^at war und später als Diplomat und historisch-politischer 
Schriftsteller eine vielgenannte Persönlichkeit geworden ist (geb. 1766, 
gest. 1852}*). Der Aufruf ist warm und eindringlich gesehrieben: mit 
lebhaften Farben schildert er das Elend und die Zerfahienbeit der Öffent- 
lichen Zustände im Reich: »sollte es dann unmöglich sein, gegen den 
Enthusiasmus der Anarchie und des Zerstdrens den Enthusiasmus der 
Ordnung und der Beschirmung anzufachen? Ruhe, Verfassung, Eigentum, 
Religion, Leben und Daseyn selbst ^ Alles, alles steht auf dem Spiel! 
und wir zaudern noch, und sind nicht einigt Koch sind die Kräfte 
des deutschen Volkes keineswegs erschöpft ; wir haben Menschen, haben 
Geld; was uns fehlt, ist nur die Einigkeit, ohne die der Gebrauch dieser 
Kräfte uumöglich ist j es lohiL m Deutschland an tiuem „Toiut de reuuion", 

1) Sefaw bekannteste Schrift ist die poHtttdie SeMMtbiographie .Mein An* 
tbeil sn der PoHtik* (6 Bde. 1833—1844), hi der er auch die oben genannte 
BroBchflre trwihnt (I. 56); vergl. über ihn den Artikel von Wippermann in der 
ADgcm. Deutschen Biograph io VI II. 30:'. ff., wo indess iHe Angabc zu berichtigon ist, 
dass die Broschüre durch den Basi ier Frieden (lidö) veranlasst seij einige weitere 
Notinn aber li« habe ich gegeben in der «Polit. Cotrespondens Karl Fried- 
richs Ton Baden* 11. 175. — Ich benutse, da mir der Originaldraek nicht rar 
Hand ist, hier den noch in demselben Jahre 17t>4 erschienenMi Abdnick der Bnh 
schare bei Girtannor Polit. Annalcn VIII. lü»— llti. 



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Elflin» BdtrSge sor Ooethe-BIogmphle 



207 



von dem die rattende Wirkung ausgehen kann; die beiden deutschen 
Qiossmichte, durch wechselseitige Eifersucht entzweit, können ihn nicht 
abgehen, noch weniger der entartete Beichstsg in B«gensburg -~ ea bleibt 
nichts übrig, als dass die „deutschen Grossen* durch fruwilligen Ent- 
scbluss XU einem «grossen Bund der Eintracht* zusammentreten und die 
Bettung des Vaterlandes in die Hand nehmen. 

So kommt Gagern auf dem Wege dieses mehr wohlgemeinten als 
originellen Baisonnements zu dem Vorschlag, einen neuen „deutsehen 
Ffirstenbund* anfzurichten, und er begegnet sich in diesem Gedanken 
mit den Plänen, die eben damals auch in Karlsruhe und in Kassel ver- 
handelt wurden Kine Anzahl patriotischer deutscher Fürsten sollen 
persönlich in Frunkfuit a. M. zusammenkommen und den Grund des 
neuen Bundes Iq'^qh. An erster Stelle wird der Kurffirst von Sachsen 
genannt (ohne hesoudere Motivierung und Enipfehliiiig). Dann der Herzog 
von Braunschwei^f, der freilich durch den Feldzug iu der Chanipague an 
Ansehen verloren hat, ,von dem man aber, seitdem er von dem grossen 
Schauplatz abgetreten ist, allmählig und langsam wieder zu mutmassen 
anfängt, dass er wohl doch ein grosser Feldherr, ein kluger Staatsmann, 
ein woiser Fürst sein möchte" (sie!). Weiter der Herzog Karl August 
von Weimar, ^ein munterer, kühner, tapferer Herr*; der Landgraf von 
Hessen-Kassel, „der einzige, der als Färst mit wahrer Energie gehandelt 
hat* ; der Markgraf Karl Friedrich von Baden, ,der schon mild handelte, 
wie das Mildseyn noch nicht so Ton nnd Sitte war**; dann der Prinz 
von Hoheolohe-Kirchberg, als tapferer Ifilitftr, der Goadjutor Dalberg, 
„ein dem grosseren Theil von Deutschland theurer Name*, und als letzter 
in der seltsam zusammengestellten Bdhe der mit Unrecht in seiner 
Grösse und Genialit&t verkannte — General Mack. 

Im weiteren Verlaufe der Schrift werden dann einige der wichtigsten 
Programmpunkte fBr die Aktion des neuen Bundes aufgestellt, alles nur 
andeutend, anregend, ohne jedes Rinfj^ehen auf das Detail der Ausführung; 
auch Uli naive Wunsch fehlt nicht, da?s Kai.>ci i laiiz und König Fried- 
rich Wilhelm von I'reussen, die nicht wohl persönlich erscheinen können, 
wenigstens durch Komuiissare sich an den Heratungen über den zu 
gründenden Hund beteiligen möchten. Dazu kommt weiter der Vorschlaif 
des Verfassers, daas ausser den Füihteu und ihren Ministern auch eino 
Anzahl von Vertretern der Wissenschaft und Litteratur für die Zwecke 

1) In Kftrlerahe war der Minister v. Edelsheim sogar geneigt, bei der Gagcrn» 
sehen HroscbOrc an ein indiskretes Plagiat zu denken; ein wohl xu weit gehender 
Verdacht} s. Polit Cenreepondenx Karl Friedrichs IL 175. 



208 



B. EidiiiMioidOrfliBr 



des Bundes gewonnen werden sollen, „die kernhaft, blühend und deutlich 
schreiben und, wenn sie in solchem Wirkungskreis ihre Kenntnisse und 
ihre Feder der guten Sache und der Wahrheit ununterbrochen widmen 
wollten, bald die elende Schaar der Aufwiegler zum Schweigen bringen 
würden' ; es wird in Aussicht genommen, dass aus diesem Kreis »be* 
lehrende Volksschriften*', vorher ,wohl gepriüt', ausgehen sollen, und 
diese so entstandenen Schriften würden dann .nicht ephemere Produkte 
unbedeutender oder gar veidtcbtiger Privatpersonen sein, sondern die 
Korrespondenz des angesehenen und denkenden Teils der Nation zu den 
Minderunterrichteten*, äagem macht eine Anzahl von Hftnnem nam- 
haft, die für diese litterarische Thätigkeit gewonnen werden mflssten, und, 
auch hier mit wunderlicher Auswahl, schlägt er zunächst vor: Goethe, 
W i 0 1 a II (1, M e i n c r s, K u Ii b er\;; eine weitere Motivierung für die 
Nennung dieser Personen wird nicht gegeben. 

Für die aus hier beschäftigende Frage kommt mir in Betracht, dass 
an erster Stelle Goethe genannt wird. Es ist als selbst vcrstrindiich 
anzunehmen, duss Gagorn, indem er Goethe die bezeichnete Mission zu- 
wies, ihm seine Schrift persönlich überdaudte, so dass dieser also jeden- 
falls Kenntnis von ihr gehabt hat. 

Und vergleichen wir nun den Inhalt der Gagern'schen Jliroschüre 
mit dem in Frage stehenden Ooethe'schen Briefconcept, so kann kaum 
ein Zweifel darüber be.^teiien, dass beide Stucke zusammen gehören. 
Goethe spricht seinen Dank aus für die ihm erwiesene Ehre, „indem Sie 
mich auf eine Weise vor unserm Vaterland nennen, welche zugleich Zu* 
traun in meine Talente und meinen Charakter zejgt* ; gUicbts wünschens- 
werteres g&be es für einen Schriftsteller, der sidi schmeicheln darf, ein 
geneigtes GehOr bey seiner Nation zu finden, als [als] Organ des thfttigen, 
anführenden, rettenden Tbeils der Nation aufzutreten*. Aber er bekennt 
zugleich seinen auf Erfahrung beruhenden Zweifel, und „dass es noch eher 
m^iglich seyn möchte, die gebietende Classe DeutscbUnds zu dnem über- 
einstimmend wirkenden Vertheidigungsplao zu bewegen, als ihnen Zutrauen 
gegen ihre Schriftsteller einzuflössen* ; er erklärt sich völlig einverstanden 
mit Gagerns Beurteilung der Lage, aber es ist geratener zu schweigen, 
„um nicht, wie Cassandra, für ^saiiuMhuig gehalten zu werden, wenn 
man das weissagt, was schon vor der 'iiuir ist*. 

Noch auf^enf;illip:pr ist die Bezugnahme des ( Joethe'fchen Briefes auf 
die Gagern'srlie Broschüre an einer amieren Sielle. Gagern fülnt am 
Schluss (S. 1 16) ans. weshalb er sirh für i)erechtigt halte, (inV'ntlieh das 
Wort zu ergreifen; »weil ich ein Deutscher biu^ weil ich ein Edelmann 



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KMne Beftiftgc rar Goethe-Biognpliie 



209 



bin, der zum Kriege gesteuert und Subsldien bewilligt hat; weil ich der 
Erbe eines Landguts bin, das schon zweimal vom Feinde geplfindert und 
zerstdrt worden ist; weil ich im Dienste eines Fürsten, an der Spitze der 
Verwaltung dnes kleinen Landes stehe, dessen schönste Tbeile an der Saar 
dem Französischen Staat anmasslich einverleibt, am Donnersberg nun 
schon geraume Zeit best&ndigee Kriegstheater sind und von einem hohen 
Grad des Wohlstandes in Armuth und Elend versinken*. Offenbar nimmt 
Goethe auf diese Ausführiingen Bezug, indem er zustimmend erwidert: 
,nur der aufgeopfert oder dor aufznopforn liat, sollte eine Stimme haben, 
die alsdann, wie nun die Ihrige, mit Ernst und Würde sich hören lassf" ; 
mit einer feinen Wendung erkennt er den durch die dargebrachten Opfer 
wohlbegründeten Anspruch Oagerns auf thätige Teilnahme an dem ge- 
planten patriotischen WerKe an, um damit /.ugleich seine eigene Üetoi- 
ligung als unmotiviert hin-zustellen und abzulehnen. 

Ich trage hiernach kein l^idonken, als Adressaten des Goethe'schen 
Briefes Gagern zu bezeichnen; das Schreiben sollte die Antwort sein 
auf die Übersendung der Broschüre und fallt demnach in den August 
oder September 1794. Suphan zweifelt, ob der Brief, da er weder datiert 
noch durchkorrigiert ist, in der vorliegenden Gestalt wirklich abgesandt 
worden sei; ich stelle dahin, ob jenes formelle Bedenken zur Begründung 
dieser Vermutung ausreicht; sachlich wenigstens ist der Entwurf mit 
grosser Feinheit und Überlegung abgefasst, und jedenfalls schliesst die 
Persönlichkeit und die Stellung Qagerns die Möglichkeit aus, dass die 
Sendung unbeantwortet blieb. 

So trat an Goethe noch einmal im Jahr 1794 die alte Fflrstenbunds* 
idee heran, die in seinen Beziehungen zur Politik eine gewisse, allerdings 
nicht zu fiberschätzende Bolle gespielt hat. Vor langen Jahren (1778) 
hatte er selbst einmal, in bewusster oder unbewusster Begegnung mit 
ähnlichen vorangegangenen Plänen, den Gedanken einer Union deutscher 
Mittel- und Kleinstaaten, zum Zwecke der Abwehr grossmächtlicher 
Übergrille, hingeworfen. Dann hatte er an der Seite Karl Augusis an 
den Fürstenhundsverliandlungen von 1785 intimen Anteil genommen. 
Die Anregung, die jetzt die Gagern'sche Broschüre bot, konnte Goethe 
nichts weseutlich Neues bringen; zu allen diesen Gedanken war er schon 
veranlasst gewesen Stellung zu nehmen und die Erfahrung hatte ihn 
skeptisch gestimmt. Auch der Vorschlag einer Mitwirkung iitterarischer 
und wissenschaftlicher Kräfte war nicht originell und lief in der Haupt- 
sache auf die nämliclien Gedanken hinaus, wie sie schon vor Jahren 
zwischen Karlsruhe und Weimar verhandelt worden waren und in dem 

RBUS BBtDSLD. MBBBUECBER VI. 14 

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210 B, ErdnanasdArffer, Kloine B«itrlc* Ooetha-Biognphie 

bekannten Herder'schen Projekt eines Instituts für den Ailgeraeingeist 
Deutschlands Ausdruck gefunden batten (1787). Wie hätten solche Pläne, 
die man in jenen ruhigen Jahren unausfülirbar befunden hatte, in dem 
jetzigen Zeitensturm Bestand und Erfolg haben soHuu ? So lehnte Goethe, 
indem er auf seine entsprechenden Bemühungen im kleinen Kreiae hin- 
wies, seine litterarische Beteiligung an einem grossen Gesamtnnternehmen 
ab. Den Grundgedanken aber, organisierte Selbsthilfe zur rechten Zeit, 
Usst er doch gelten« und so m()ge, hofft er, auch der Gagern'sche Auf- 
ruf dazu dienen, «die Mensehen zu demjenigen nach und nach vorzu- 
berdten, dem sie doch nicht ausweichen kOnnen". 

Gerade ein Jahr später schrieb Goethe das rätselvolle Lilienmärchen; 
da legt er dem Alten mit der Lampe die Worte in den Mund: ^tsa 
Einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit Vielen zur rechten Stunde 
Toreinigt; aufschieben wollen wir und hoffen'. 



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über die In Briefform ergangenen Erlasse 
rt^miscUer Kaiser* 

Von 
0. Kiirluwa« 

Bei der ErOrterang der Frage, ob von kaiserlichen Briefen an Be- 
hörden oder PriTEtpersonen das Original dem Adressaten zuging, oder 
oh dieses in dem betreffenden amtlichen Archir aufbewahrt wurde und 
dem Adressaten nur eine beglaubigte Abschrift zuging, ist wohl die 
Möglichkeit, dass es von einem solchen Brief mehrere authentische Exem- 
plare gegeben habe, nicht in Betracht gezogen. Nun waren aber seit 
Hadrian, seit welchem fiberhaupt die kaiserlichen Reskripte erst wahre 
Bedeutung erlangten, die Gehilfenstellungen a libellis und ab epistolis 
zu öft'entlichen Ämtern, Stiatsämtern, umgewandelt wonlen, und ebenso 
hatte das erst später aufgekommene scrinium a meiuoriu den Charakter 
einer öffentlichen Ikliünl«'. Diese öüeiitlichen Ämter waren mit der Aus- 
l'ertijj^iinj,' und Ansc'aho der in Rrirfform er*;».' Ii enden kaiserlielicn Erlasse 
lit'traut. Wenn ihrerseits ein kaiseriielies Ke.skrijtt in nielirtachen Kxem- 
]daren ausgel'ertij^'t wnnie, so hatten diese gleichiDüssi-r die Bedeutung 
von authentischen Ausfertigungen, mochte nun der Kaiser auf alle diese 
Ausfertigungen seinen Gruss an den Adressateu geschrieben haben, oder 
das eine Exemplar eine Abschriit des anderen sein. Einer besonderen 
Beglaubigung des einen Exemplares als einer Abschrift des anderen 
bedurfte es nicht: dafür, dass sowohl das dem Adressaten zugesandte 
als das im Archiv niedergelegte Exemplar den kaiserlichen Bescheid 
wortgetreu wiedergebe, genoss die mit der Ausfertigung betraute Be- 
hörde öffentlichen Glauben*). Solche Ausfertigungen eines kaiserlichen 

1) Mommscn sagt schon in dem HericLt über die Verlinnd!ung<'n der K. S. 
Gcsellsch. d. Wissenscb. Pbil. II. Kl. III (1851) S. 37Ü: „und darf man wohl annehmei], 
dtM die in den Archiven der höchsten Behörden reponiertrai Excnphm schon durch 
ihren Auf bewabmngeort »1e hlnfciehend bej^aublgt galten*. 

14* 

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212 



0. Karlo«a 



Schreibens in duplo oder gar in noch mehr Exemplaren wurde ja auch 
dann notwendig, wenn dasselbe ganz gleichlautend an mehrere hohe Be- 
amten za versenden war, wie das in den Subskriptionen zu den Kon- 
stitutionen des Theod. Codex nicht selten erwähnt wird, x. H. L. 8 C. Th. 
de princ. ag. in rebus 6, 28 (adressiert Vnli rin ^fagistro olficiorura), wo 
es am Schluss heisst: Eodem exemplo Isidoro Pf. P., Hegino Pf. P. 
lUyrici, LeoDtio Pf. U.» Theodoto Comiti Aegypti, Abthartio Ciomiti Ori- 
entis, Cleopatro Praefecto augostali, Hesycbio Proconsuli Acbigae, Eu- 
stathio Vicario Asiae, Nectario Vicario Ponticae Diese Terscbiedenen 
Aiisfertigungen des gani gkichlautenden Schreibens unterschieden rieh 
nur durch die Adresse'). — Wenn also ein Erlass Diocletians vom Jahre 
292 an Crispinus, den Statthalter von Phoenice (L. 3 G. de diTcrs. 
rescr. 1, 28: Sancimae ut authentica atque originalia rescripta et nostra 
mann snbscripta, non exerapla eorum, insinuentur) vorsehreibt, dass den 
Parteien das Originalreskript insinuiert werden solle, so ist darin aller- 
dingi keine Neuerung /u selien : es beweist aber der Erlass andererseiti 
auch nicht, dass im Arcliiv der das Keskript ausstellenden Behörde nur 
eine dem Original nicht gleichstehende beglaubigte Abschrift aufbewahrt 
sei, es ist durch den Erlass keineswegs die Annalime ausgeschlossen, dass 
die Reskri])te gleich in duplo ausgefertigt wurden, bezw. docli eine, wie 
das Original, als authentisch geltende gleichzeitige amtliche Abschrift 
im Archiv des betr. kaiserlichen scriniuni aufbewahrt wurde. Das Re- 
skript will nur dem Missbrauch entgegentreten, dass von den Provinzial- 
statthaltern das ihnen zur weiteren Beförderung an die betreffende Privat- 
person zugesandte Originalreskript für ihr Archiv zurückbehalten und 
der Partei nur eine anf ihren Befehl gefertigte Abschrift desselben in- 
sinuiert wurde. 

Anders verhielt sich nun die Sache, wenn später von einer Korpo- 
ration oder einem Privatmann Abschrift von einem kaiserlichen Schreiben 
zu nehmen gewOnsobt wurde. Die Bureaubeamten durften ohne höhere 
Genehmigung solche Abaehrift nicht gestatten'). Nach erfolgter Er- 
laubnis wird dann aber nicht etwa eine amtliche Absdirift durch das 
scrinium epistolarum, libdlomm u. s. w. ausgestellt, sondern es wird von 
einem Schreiber der betreffenden Beh<)rde der Codex, in welchem das 

1) Vgl. viele audere von Hänel in der Voned« sum Cod. TJicod. S. XLI A. 246 
angeführte Beispiele. 

8) Zar Vergleidiiins kann man henundeheDf dass die forma der Kohmie anf 
dem Markte der Kolonie öffentlicb angeschlagen and im Dnpiieatorigiaal Im kaiier- 

lichen Archiv aiifbi wabrt wurde. Hygin, de limit. p. 203 L. 

'i) Vgl. die von Mommacn a. &. 0. & 378 A. '2 gogebenen Belege. 



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über die in Bricffonn ergaogunuu Erlasse römiscbvr KMser 



213 



fragliche Schreiben sich befindet, dem hetrelVenden Petenten vorgelecft. 
Der Petent, der die Abschrift benutzen will, lasst dieselbe anfertigen. 
Es wird nun wohl immer die Abschrift durch den das Originalsebreiben 
vorlegenden scriba besorgt sein. Kr bezeugt, dass er Abschrift genommen 
und diese Abschrift noch einmal mit dem Original verglichen und als 
richtig befunden habe, durch den darunter gesetzten Vermerk: Rescripst 
Beci^noTi. Aber der blosse scriba geniesst nicht, wie unsere heutigen 
Notare und die Behörden selber, öffentlichen Glauben. Um der Abschrift 
Glauben m Terscbaffen, mussten sieben Zeugen zugezogen werden, von 
denen sich jeder von der Richtigkeit der Abschrift überzeugen konnte, 
und diese Zeugen mussten dem Bescripsi Becognovi des scriba ihre Signa 
hinznfflgen. Es ist dieselbe Art der Beglaubigung, welche schon seit 
republikanischer Zeit ffir verschiedenartige Erklftrui^ gebräuchlich 
war Über den ganzen Akt der Yorlegnng der Originalurkunde u. s. w. 
wurde dann auch ein Protokoll aufgenommmi. Der Vermerk rescripsi 
recognovi auf kaiserliche Schreiben enthaltenden Urkunden findet sich 
bis jetzt nicht häufig, nur vier mal: zuletzt auf einem im Bulletin de 
correspondance hellenique XVII (1893) S. 501 11'. von Ob. Diebl veröffent- 
lichten Erlass der Kaiser Justin und Justinian vom 1. Juni Ö27, dessen 
lateinischer Text am Schluss die Worte liat: m i rescripsi -|- reeognovi -f • 
Die eine oder andere dieser Urkunden lässt das eine oder andere 
in der obigen Darstellung angefiihrte Moment deutlicher hervortreten. 
Die Antwort des Antoninus Pius in der smyrnaischen Urkunde vom 
Julire 139 zeigt, dass der Kaiser dem Petenten das Nehmen einer Ab- 
schrift des älteren Reskripts gestattet (desrribnre tibi permitto), nicht die 
Anfertigung einer amtlichen Ahschrift anordaet, und dass demnächst die 
(nicht amtliche) Abschrift »lurch signatores hestärkt wird. Die Antwort 
des Pius selbst wurde in der amtlichen Ausfertigung wohl vom Ver- 
treter des smyrnaischeo Gemeinderats dem letzteren ubersandt, er selbst 
nahm dann, um sich bei den Bureaubeamten, welche das ältere Reskript 
Hadrians zur Abschrift vorlegen sollten, legitimieren zu kOnnen, eine 
Abschrift dieser Antwort des Pius. Das Schreiben Gordians an die 
^ptoparener vom Jahre 2S8 zeigt am deutlichsten, dass zu der (nicht 
amtlichen) Abschriftnahme und der EoUationierung der Abschrift mit 
dem Original Zeugen zugezogen wurden, welche ihre Signa neben das 
rescripsi recognovi setzten. Dass in diesem Fall der Vertreter der 
petitionierenden Dorfschaft keine amtliche Ausfertigung des kaiserlichen 
Bescheides erhalten luibe, ist m. 1.. nicht anzunehmen. Die Dorfschaft 

1) Ygl meine BttchUgeschichte I ä. 780.. 



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214 



0. Kariowa 



bezw. ibr Vertreter Dabm sp&ter nocb eine Abschrift des kaiserlicbeo 
Bescheides, um denselben auf die aufznstelleDde Tafel zu fibertrageo, die 
ihr zugegangeoe amtliche Ausfertigung wurde bei der Yerhandluog vor 
dem Tbrakischen Statthalter gebraucht. 

Mommsen bat in seinen neueren Äusserungen über die Bedeutung 
der Worte rescripsi recognovi dieselben nicht in ganz gleicher Weise 
aufgefasst. Nach der ersten (Zeitschr. d. Savignystiftung XII 8. 253 ff.) 
steht das recognovi auf dem Originalreskript und beglaubigt nur die 
Thatsache der Abschriftnahme selbst, „wie dies ja nothwendig geschehen 
musstc, wenn die Eintragung in das Kopialbiicb für die Geltung der 
Urkuiido oilüiderlicb war*. Recognovi soll «lain.uli bedeuten: (den 
vorstehenden Erlass) habe ich verglichen (mit der Abschrift). Mir scheint 
diese Deutung nicht möglich. Wo re( o^Miovi eine A'cr^Hrichnng bedeutet, 
da kann immer nur dasOrlGrinal das Mustor sein, mit dem veri^liclien wird. 
Auch ist mir niHit klar i^'evvorden, wie es lür die Geltung des Original- 
reskripts erforderlieii seiu konnte, dass davon eine Abschrift für das 
kaiserliche Areliiv genommen war. Abweichend davon ist die in der 
zitierten Zeitschrift Bd. XVI S. 197 ('nth:iU( iie neueste Äusserung Momm- 
sens. Hier stellt er nicht Original und Abschrift, sondern Konzept und 
Keinschrift einander gegenüber. Namentlich auf Grund eines von ihm 
im neuen Archiv für deutsche Geschichtskunde (II, 368) herausgegebenen 
Schreibens des Papstes Felix IV. vom Jahr 530 nimmt er an, dass als 
Subjekt des recognovi nicht der mit der Ausfertigung beauftragte Officiale, 
sondern der Beamte selbst, also bei kaiserlichen Schreiben der Kaiser 
selbst anzusehen sei. Dem Beamten seien, wie die Konzepte selbst, so 
auch die Heinschriften vorgelegt und beide von ihm unterzeichnet worden: 
das rescripsi sei unter das (regelmässig von fremder Hand entworfene) 
Konzept, das recognovi unter die Beinschrift gesetzt, jenes habe das 
Konzept als authentisch, dieses die Reinschrift als dem Konzept konform 
bezeichnet. Im kaiserlichen Archiv seien die Konzepte zurückbehält«!, 
die mit recognovi unterzeichneten Kein Schriften seien den Adressaten 
ausgehändigt oder Oftentlich ausgehängt. Ain h dieser Auflassung gegen- 
über lassen .sich die Hedtaktiu tiiclit unterdrücken. Auch nacii di.'ser 
Auflassung steht das recocynovi in keiner 15«'/!<'hung zum rescripsi. Wenn 
recognovi aber ht deuteii >ull; ich haln' vi rirlichen, so muss elwu> vor- 
hergehen, woraus hervorgeht, was verglichen und womit es verglichen 
werden soll, wie in der sub-?criptio des Testator : quod illi dictavi et re- 
cognovi (L. 1 }<. 8, L. 15 §. 3 D. de leg. Corn. 48, 10), ebenso in dem 
bekannten descriptum et recognitum facere. Weiter aber: ist denn die 



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über die in Briefform crgaugeui-u Erlasse rümiscbcr Kaiser 215 



Urkunde, welche eine Schrift als vom Kni«?er herrührend bezeidiuet, 
noch Konzept? Wn^ vor des Kaisers Genehmigung vorliegt, ist Ent- 
wurf. Das Schriftstück aber, das seine Genehmigung, die sich äusserlich 
in der Unterschrift vollendet, erhalten, ist nicht mehr Konzept oder 
Entwurf, sondern das fertige kaiserliche Schreiben. Sodann aber: man 
kann es doch nicht als Aufgabe des Kaisers bezeichnen, die Beinschriften 
mit den Konzepten zu vergleichen und die Konformit&t der ersteren mit 
den letzteren zu prüfen. Von allem anderen abzusehen, wie h&tte der Be- 
herrscher des rdmiscben Beichs daför die Zeit gewinnen wollen? Mussto 
er dies aber seinen Beamten überlassen, so konnte er auch nicht jene 
Konformität durch sein auf die Reinschrift gesetztes recognovi konsta- 
tieren. Die in dein Krlass Justins und Justinians vom 1, Juni 527 den 
Worten reseripsi -|- recognovi -|- vorausgehenden Biich.-^taben m i sind 
wn))l nicht aufzulösen: mauu inijieratoris, sondern: manu inferiore, wo- 
durch (las reseripsi recognovi ebenso wie am Schluss des Sehreibens des 
Com modus durch das Kt alia manu von dem vorhergehenden kaiserlichen 
Schreiben abgesondert wird. Wie könnte auch, wenn als Subjekt des 
recognovi der Kaiser zu denken wäre, das in der smjrnaischen Urkunde 
auf recogD(oTi) folgende undevicensimus erklärt werden ? Kach den ver- 
schiedenen Arten der Briefe haben wir uns das Zustandekommen der- 
selben wohl so zu denken: Die als subscriptiones (oder adnotationes) 
bezeichneten Antworten auf libelli von Privaten wurden von dem be- 
trelTenden Beamten, später dem Beamten a memoria, mündlich beantrasft, 
und auch die kaiserliche Entscheidung erfolgte mündlich. Diese hatte 
dann jener Beamte aus seiner Erinnerung in schriftliche Fassung zu 
bringen. Das ist das (ad menioriain) dictare adnotationes, welches die 
notitia dignitatum dem inagister des scrinium menioriae zuschreibt. In 
dieser schriftlichen Fassung wurde dann die auf den libellns gesetzte 
kaiserliche Entscheidung dem Kaiser zur Untersetzung seines Grusses 
vorgelegt. Bei den durch selbständige Schreiben zu beantwortenden Ein- 
gaben von Privaten oder Behörden u. s. w. wurde dem Kaiser wohl gleich 
ein schriftlicher Entwurf der Antwort von dem Beamten^ in dessen Ressort 
die Sache fiel, also je nach Umständen von dem Beamten a libellis oder 
dem ab epistolis, dann auch dem a memoria vorgelegt. Befohl er nach 
geschehener Beratung darüber Änderungen, so unterschrieb er gewiss 
nicht den korrigierten alten Entwurf, sondern es musste ihm dann ein 
dem Befehl gemäss abgeänderter neuer Entwurf vorgelegt werden, dem 
er dann durch seine Unterschrift (die kürzere oder längere Grussformel) 
seioe GenebmiguDg erteilte. 



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216 



0. Kwlowa 



Die Erteilung der kaiserlieheQ ünterschiift durch das Wort re- 
ecripai ist uoerweislieb. Drei der Schreiben, unter denen wir das re- 
scripsi reeognovi finden, nämlich das des Antontnus Pius auf die Eingabe 
des smymaischen Stadtrats, das des Commodus an die afrikanischen 
Kolonen und das des Gordian an die Skaptoparener sind auf die Ein> 
gäbe gesetzte subscriptiones. Hier hfttte also, wenn der Kaiser die Ent- 
scheidung durch ein Wort als authentisch bezeichnen sollte, besser sub- 
scripsi als rescripsi gepasst. Das tritt iiiinientlich deutlich im I all der 
Skaptoparener hervor: der Kaiser hescheidet hier den Bittsteller, er solle 
sich eher an den Statthalter mit seiner IJe.schwerde wenden, quam re- 
scripto {triiuipali certam forma m reportaro debeas. Er verweigert also 
Erteilung einer jirinzipiellen Ent-ciieidun<i: (einer eerta forma) durch ein 
eigentliclies Reskript. Wenigstens aiitVfilli_[^ wäre dann die Unterschrift 
mit rescripsi. Der Erlass aber des Justin und Justinian hätte nicht mit 
rescripsi, sondern mit rescripsimos unterschrieben werden müssen. Auch 
steht in dieser Urkunde das rescripsi -j- reeognovi -f erst hinter dem 
Datum, mit welchem der kaiserliche Erlass selbst schliesst. Wäre re- 
scripsi auf den Kaiser zu beziehen, so mässte es vor dem Datum stehen. 

Nicht mit dem an das rescripsi sich anschliessenden reeognovi darf 
m. E. das in dem Schreiben des Papst Felix IV. vom Jahre 530 (von 
Mommsen im N. A. der 0. fär ältere deutsche Geschichtskunde 11, 368 
herausgegeben) sich findende reeognovi zusammengestellt werden. Durch 
das Schreiben bestimmt Felix letztwillig den Archidiakon Bonifatius zu 
seinem Nachfolger und sagt zum Schluss: qui et hanc voluntatem meam 
et domnis et filiis nostris regnantibus indicavi. quam etiam reeognovi. 
Felix erkennt also nochmals jene Bestimmung als seine voluntas an. 
Damit darfiber kein Zweifel bleibe, unterschreibt er eigenhändig noch (Et 
manu Felicis Papae : Kecognovi). Das recognoscere hat hier also die lie- 
deutung des Anerkennens einer Willensäusserung. 

Der Einwand, den man gegen meine Auffassung des rescripsi. re- 
eognovi geltend maclien wird, ist, dass re.-^cribere gewöhnlich nicht 
„abschreiben"* bedeute, und dnss in der Aulwort des Pius auf die Hitto 
der Smyrnaer describere für .abschreihen". pben«o in über Ahf^rlirifteii 
aufgenommenen Protokollen immer ,«N's< riptum et recognitum factum", 
nicht „rcscriptum et recognitum factum" gesagt sei. Indessen rescribere 
bedeutet niclit bloss zurückschreiben", sondern auch „von neuem, noch- 
mals schreiben". Es bedeutet auch nicht geradezu absclireiben, sondern 
, wieder, nochmals schreiben*', wie relegere in ähnlicher Anwendung, .wie- 
der lesen*" bedeutet. Das tritt besonders klar hervor in Cic. ad Att XVI, 



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über die in briefforiu ergaugeiieu Erlasse röiniäcber Kaiser 



217 



2, 1 : — qui de residuis ('('(!C H-S, CC praesentia solveriiniis, ixliqua 
lesi-ribanius. Ein Teil der Schuld wird bar bezahlt, der Kest durch dem 
früheren korrespondierenden Bucheintrag als noch geschuldet verzeichnet. 
Das rescribere ist hier ein dem fräheren scribere korrespondierendes, 
wiederholtes scribere. Solches früherem scribere korrespondierendes scri- 
bere kann als abschreiben verstanden werden, und muss im Zasammeohang 
mit dem recognoscere so verstanden werden. Beides zusammen bildet 
erst den vollständigen Akt: das wiederholte Schreiben und die Ver- 
glMchung desselben mit dem früher Geschriebenen. Später war das 
rescribere in dieser Bedeutung nicht mehr gebräuchlich, der alte znnA- 
mässige Ausdruck hat sich aber bei den Absebriftnahmen durch die 
zähe Schreibertradition durch die Jahrhunderte liuuiurch erhalten. 

Auch die Art, wie die in BriefTorm errol^'teii Erlasse mitgeteilt 
i»e/.w. veröffentliclit sind, nniss liier nocli ins Xw^fe <^etasst werden. Wenn 
Briefe „ihrer Natur nach nicht für die Uttentlichkeit, sondern nur für 
diejenigen bestimmt sind, an die sie gerichtet sind", so ergiebt sich aus 
dieser Natur mit Notwendigkeit, da.ss sie zur Kenntnis derjenigen, an die 
sie gerichtet sind, gebracht werden, ihnen mitgeteilt werden müssen. 
Wenn Briefe gldchzeitig oder später veröffentlicht werden, so ist das 
eine Überschreitung ihrer Natur, wozu eben nur besondere Gründe fuhren 
werden. Wenn nun in neuerer Zeit festgestellt ist, dass der hinter so 
vielen kaiserlichen Reskripten in der Unterschrift sich findende Vermerk 
P. P. = proposita auf den öffentlichen Ausbang des Reskripts hin- 
lieutet^), Äö muss dies öffentliche Anschlagen, diese besondere Veröffent- 
lichung der Reskripte ihren besonderen Grund jrehabt haben: aus dem 
Wesen des Briele-^ allein, auch des kaiserlichen Briefes, erklärt sich diese 
Veröffentlichung nicht. Mommsen ist der Ansicht, dass durcli die Propo- 
sition der Antwort die Insinuation derselben an die Partei überflüssig ge- 
macht werde. Man habe es den Parteien fiberlassen, sich von dem öffentlich 
anfgestellten £rlass auf dem hergebrachten privaten Wege die beglaubigte 
Abschrift zu beschaffen. Das sei nicht für die Parteien, aber wohl fSr 
die Regierung eine nicht geringe Erleichterung gewesen. Die Bescbeide 
nebst Anlagen seien nach genommener Abschrift einfach an den Stadt- 
prftfekten geschickt. Dass die Froposition an die Stelle der Insinuation 

1) In der HcrHrn r Sniniiilnni,' dt r ri;iyptisfli( n T^'rktindt ii aus il n Kon. Museen 
M. I findet sich ein Erlass der Kaiser Srvrius und Antttniuus vom 29. Dec. 199 
nit dttsubteripdo: ftpo^Mi^ iv itXs&H'dosca r^c. 'Hßi ' ' y. Siescigt also, dass 
Plroposltion der Bcskripte auch am Orte des Empfangs derselben stattfinden 
konnte, wie das ja h&ufig nachweisbar ist bcsOglich der in Brieffonn ergangenen 
Icges edictales der spateren Zeit. 



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218 



0. Kariowa 



habe traten können, soll die thrakisclie Urkando über das fieskript Gor- 
dians an die Skaptoparener zeigen. Indessen, dass in dieser Inschrift 
das regelmässige Data oder Scripta mit Angabe des Datums fehlt, ist 
doch kein Beweis dafür, dass es sich unter der subscriptio Gordians 
nicht gefunden. Fehlt doch auch das P. P. unter derselben. Nur aus 
dem über die Abschrift genommenen Protokoll entnehmen wir, dass auch 
dieser Bescheid Gordians durch öffentlichen Aushang in porticu Ther- 
marum Tiajaoannu TerSffentlicht ist. Der Band, auf Grund dessen die 
Alwchrifl gemacht ist, wird bezeichnet als über libellonim rescriptoruni, 
a doniino iiostro — Gord'uino et propositorum Komae ii. f. w. Unter dem 
Ausdruck libelli reacri|iti i>t die Beisetzung des Data oder Scripta oder 
Suscripta hinter die kaisorliche Entscheidung schon inl.oirri!lVii. denn sie 
gehörte ohne Zweifel 7i\m voll^'tSndi^en Reskript. Wa^ Ijütte es ül*pr- 
haupt für einen Sinn, falls das Schreiben dem Uitt<!teller nicht /.iigescliickt 
wäre, dass die Adresse L'el'afjst wäre; — vikanis per l'yrrum mil. com- 
possessorem. Der Zusatz per Pyrrum u. 0. w. hat doch nur Bedeutung, 
wenn diesem der kaiserliche Bescheid für die Skaptoparener zugesandt 
wurde. Träte die Proposition an die Stelle der Insinuation, so h&tte er 
keinen Zweck, der Jvaiser konnte dann einfach vikanis antworten. Für 
einen grossen Teil der den Kaiser um Rechtswei^uDg bittenden Privaten 
w&re der kaiserliche Bescheid, falls er nur durch Proposition in Rom 
veröffentlicht wäre, gänzlich rerloren gewesen, denn wie viele in ent- 
fernten Provinzen Wohnende werden nicht in der Lage gewesen sein, einen 
Vertreter nach Born zu senden, oder einen in Rom Lebenden zum Ver- 
treter zu ernennen, um sich eine Abschrift des kaiserlichen Bescheides 
anfertigen zu lassen. FQr die RegieruDg lag aber keine Schwierigkeit 
vor: sie sandte ohne Zweifel die epistolae, Reskripte n. s. w. den Statt- 
haltern der Provinzen, in welchen die Petenten wohnten, zu. Natfirlich 
mussten die Petenten in ihrer Eingabe dafür Sorge tragen, ihren Namen 
und Wohnort so genau anzugehen, dass sie ohne zu grosse Miilie von den 
Provin/.ialstattlialtern ermittelt werden konnten. 

Für die Verwendung des Reskripts im Keskriptsprozess erscheint 
det Ii die Insinuation desselben an den Kläger unumeünglieli. da da>selhe 
prozessualische AVirkuiif^en lialien soll und dem Kit bter vorgelegt werden 
muss. Das kann doeh nii lit \ on dem Zufall abliiingig gemacht sein, dass 
es der Partei möglich war, sicii eine beglaubigte Abschrift desselben zu 
verschaflen. Auch wäre der Krlas-s Diocletians (L. 2 de div. res. 1, 23), 
wonach die originalia rescripta insinuiert werden sollton, nieht verständ- 
lich, wenn die Insinuation in grossem Umfange durch die Froposition 



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über die iu Briefform erguiigcuen Erlasse rümisclifir Kaiser 



219 



ersetzt wäre, der Partei also doch nw eine privatim beglaubigfte Ab- 
schrift in die Hände gekoiii:!>( m wäre. Dass die Insinuation in grossem 
Umfange durch die Proposition ersetzt sei. wird auch durch die Angabe 
des notitia dignitatuni über (\cn Gesciiaiiskreis der majrister memoriae 
widerlegt: annotationes omnes dictat et emittit, denn unter dem eniittore 
ist eben die Zufcrtigung an die Parteien, die Adressaten verstanden, wie 
denn ja auch bei einzelnen uns erhaltenen Kaiserbriefen darunter neben 
dem data noch besonders das emissa sc. epistola angemerkt ist. Wenn 
nun die Proposition die Mitteilung des Briefs an den Fetenten nicht er- 
setzt haben kann, so mnss sie einen anderen Grund gehabt haben. Dieser 
kann nur darin gefanden werden, dass die Reskripte legis vicem hatten. 
Schon der unter Hadrian lebende Gaius sagt J. 1 5: — nec unquam dubi- 
tatnm est, quin id (nämlich auch was d«;r imperator epistula constitnit), 
legis vicem optineat, cum ipse imperator per legem impcrium accipiat — . 
Das gilt auch von den subscriptiones, nach TJlp. lib. 1 institutionum in 
Ii. 1 § 1 D. de c jnst. pr. 1, 4: Quodcunque — imperator per epistulaui et 

subscriptionem statuit , legem esse constnt. Dass die einen Reehts- 

satz aussprechende epistola oder adnotatio gesetzgleiciie Kraft bat, einen 
Rechtssatz ausspricht, ist der besondere die Yeröfifentlichung veranlassende 
Grund, mag der Recbtssatz streitig oder ganz unbestritten geltend sein. 
Das kaiseriiche Reskript, welches für einen bestimmten Prozess erging, 
bot eine doppelte Seite dar. Um für den betreffenden Prozess Giltigkeit 
zu baben, musste es insinuiert sein. Als Quelle eines Rechtssatzes, 
welcher auch in anderen Fällen Anwendung finden sollte, bedurfte es der 
Proposition. Ohne dieselbe konnte es eben nur Geltung für den Fall, 
für welchen es erlassen war, heanspruchen. Auch wenn das Reskript 
einen feststehenden Rechtssatz aussprarh. hrauclite man im Falle ge- 
höriger rroposiuon desselben nicht auf andere Kechtsquollen /.urückzu- 
jrehen. sondern konnte sich einfach auf dns kaiserliche Keskript be- 
rufen, welches ihn ausgesprochen und nun auch als Quelle desselben 
dienen konnte. Die Juristen gewöhnten sich mehr und mehr, auch für un- 
streitige Reohtäsätze sich auf kaiserliche Reskripte zu berufen. Wenn nun 
auch im allgemeinen die Grenze gezogen sein wird, dass die einen Rechts- 
satz aussprechenden Reskripte proponiert, die andern, welche vielleicht 
nur Gnadenerweisungen für ein Individuum enthielten, nicht proponiert 
wurden, so mag doch im einzelnen manche Willkürlichkeit vorgekommen 
sein. Auch der Erlass an die Skaptoparener spricht keinen Rechtssatz 
ans: er mochte sich aber deshalb für die Proposition eignen, weil er, 
was vuü allgemeinerem Interesse war, aussprach, eine solche qucrela sei 



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220 



0. Kariowa 



nicht der Art, um daffir durch kaiserliches Reslnript eine certa forma zu 
erlangen. 

Es mag sich der Mühe verlohnen, rficksichtlich der Art and Mit- 
teilung eine andere Art von kaiserlichen Erlassen der späteren Zeit zur 
Yergleichung heranzuziehen, welche nicht zu den Reskripten und adno- 
tationes gehören. Bekanntlich sind seit der Begründung der absoluten 

Monarchie inanclie ^^^i'tieiales leges in der Form von Erlassen uu liohe 
Beamte, in dorun Ju'ssort oder Gebiet der betreffende Gegenstand tiel. 
gegeben worden. Diese Gesetze sind zwar materiell Kdikte, ihrer Form 
nacli aber nicht: ihrer Form nach sind sie Briefe an die betretVenden 
Beaujten, und diese 1 orm mag denn auch wohl von den Kcskriiitcn ent- 
nommen sein. In den \\m im Tbeodosianischen Codex, den posttlieo- 
dosischen Novellen und anderen Kechtssammiungen häutig ziemlich genau 
erhaltenen Subskriptionen treten nun die verschiedenen bei der fiehand- 
luDg kaiserlicher Briefe beobachteten Momente deutli» her hervor, als in 
den nicht so vollständig erhaltenen Subskriptionen der eigentlichen Re- 
skripte. Häufig giebt die Subscriptio nur das Data sc. epistola unter 
Hinzufiigung des Orts^ des Tags und Jahrs. Nicht selten erscheint neben 
dem Data bezw. Proposita das Accepta (sc. epistola) des Adressaten eben- 
falls mit BeifSgung von Ort, Tag und Jahr') (wobei die durch Ver- 
gleichung von Datum des Briefs und Empfangszeit zu ermittelnde Zeiif 
welche der Brief bis zur Ankunft beim Adressaten brauchte, nicht ohne 
Interesse ist). Da der den Empfang bezeugende Vermerk nur von dem 
Beamten, an den der Brief gerichtet ist, bezw. dessen Officium herrähien 
kann, so kann man daraus wohl entnehmen, dass die betreffenden Erlasse 
ans den Archiven dieser Beamten entnommen sind, wahrend die aus den 
Archiven der die kaiserlichen Schreiben ausfertigenden Beamten ent- 
nommenen Erlasse nur das Data, nicht das Accepta anmerken konnten. 
Es finden sich auch, wenngleich nicht häufig, Erlasse, welche nur das 
Accepta, nicht das Data bieten*). Ob dieses nur auf Willkür oder Nach- 
lässigkeit der späteren Sammler zurück/u tuhren sei, i^t mir doch zweifel- 
haft. Auch diese KoDstitutionen müssen aus den Archiven der Adressaten 

1) L. 1 ( . Iii. de nittuil. pr. 1, L. 10 C. ih. de oflf. pr. u. 1, G. L. 3 C. Th. de 
jnrifld. 9, 1. L. 1 C. Th. de dcnontiat. 2, 4. L. 18 G. Tb. de feriis S, 8. L. 6 C. Th. de 

•pons. 3, 5. L, 1 C. Th. de prai f. pr. 6, 7. L. 1 C Th. de (iua<'3tor. 6, 9. L. 2 C. Th. ih. 
primiccrio G, 10. L. 1 ('. Tb. do mafT. ^rr. 6, 11. L. 1 ('. Th. de proximis 2G. L. 1 
C. Th. de curiosis fi, 20. L ! C Th. de ril. mil. a. 7, 22. L. 1 C. Th. d. i.riv. api». 8. 3. 
L. 1 C. Th. de concuss. 8, 10. L. 2 C. Th. de mat. b. 8, 18. L. 6 C, Th. l od. tit. u. a. ui. 

9) z. D. L. 3 C. Tb. de extraord. ». «. m. 11, 16. L. 24 C. Th. de deeor. 12, 1. L. 
2 C. Th. de niiifrag. 13, 9. GcmsalUt 1, 6. 



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über die in ßriefform eiisitngeiieo EiIwb« römitelier Kaiser 221 



flotnommen sein, denen vielldebt das Schreiben nachl&ssiger Wdse ebne 
den DataTermerlc zugegangen war. Selten ist in den Sabskriptionen auch 
das emissa sc. epistola yermerlit Gar nicht selten ist neben dem Data 

auch das Proposita angemerkt, und zwar aucli mit Angabe des Tages, 
der Stadt und der Stelle der Proposition. Dabei fiiidot sich dann noch 
der Unterschied, dass die Proposition entweder in der Stadt, in welcher 
der kaiserliche Erlass ergangen war*), oder in der Stadt, in welcher der 
Adressat seinen Sitz hatte, erfolgt ist'). Neben der Froposition kommen 
hie und da auch andere Weisen der Veröffentlichung vor, wie Verlesung 
in einem GerichtsIokaP) (Lecta apnd acta, allegata in basilica u. s. w., 
in secretario). 



1 ) Ii. 0 C. Th. (lo ag. in rcb. fi, 27. L. 3 C. Tb. de nnmorar. 8, I. L. II C. Tb. do 
div. off. ö, 7. L. 112 ('. Th. de docur. 12, 1, Nov. Val. XVllI, 1. 

2) L. 1 V. Th. de off. mag. offic. 1,9. L. 2 ('. Th. de spon. 3, 5. L. 6 C. Th. ad 
Sc. Claud. 4, II. L. 5 C. Th. de fil. m. a. 7, 22. L. 3 C. Th. de uxsec. 8, 8. Nov. Val. III 
XI, 1. XIX, 1. XX, 1. 3. XXn, 1. XXIV, l. XXVI, 1. XXX, 1. 

S) L. 2 C. Th. de iüt. rest. 2, 16. L. 11 C. Th. de tironib. 7, 18. L. 41 C. Th. 
8, 5. L. 1 r. Th. (1.- infirm. poon. 8, 16. L. 3 C. Th. ad Ipr. .Tul. 9, 7. L. 5. 6. C. Th. 
de appoll. 11, ao. L. lö C. Th. eod. tit. L. 25 ii. 28 C. Th. cod. tit. 1.. 1 C. Th. de privi- 
leg. corp. 14, 2. L. 5 C. Th. de Judaeis 16, 8. L. 1 C. Th. Ne Christianiim 16, 9. Coost. 
Sirro. IV. XII. 

4) L. 1 C. Tb. de cognü % 12. L. 2 C. Tb. fin. »g. 9, 26. L. 4 n. 6. G. Tb. de 
indnlgent. 9, 3^. L. 3 r. Th. de hon. vac. 10, 8. L. 2. 4. C. Tb. d<« i xtraord. s. s. m. 
11, 16. L. 1 J C. Th. pod. tit. L. ?,0 r. Th. du H})!.. 11, 30 L. ."0 f. Th. vo6. tit. L. 2 
C. Th. de naufrag. 13, 9. L. 14 C. Tb. de epiacop. IG, 2. ConbulU 9, 2. 9, 4. 



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Zur Hygiene der Arbeit.^ 

Von 

E. Kraepelia. 



In den sebnBüchiigen Eindheitsträmnen der Ydlker begegnen wir 
öfters der VorBtellung eines längst entschwandeneo, reinen Glfieksxn- 
standes, eines Zeitalters sorglosen Genusses in ungebrochener Jugendkraft, 
frei von Scbmen und Krankheit, frei auch von den Mflhen der Arbeit. 
So schildert die Schöpf ungssagc der Bibel das Olfick des Paradieses als 
ein tbatenloses Geniessen ; erst naeh dem Sfindenfalle kommt mit andern 
Übeln die Arbeit in die Welt. „Im Scbweisse Deines Angesichts sollst 
Du Dein Brot essen", spricht der Herr strafend zum ersten Menschen 
und drückt dadurch der Arbeit den Stempel seines Fluches auf, den die 
Menschheit unter der Herrschaft der Sünde zu tragen verdammt ist. 
Kein Wunder daher, dass aucli die sfläubi^'e HolVnung auf ein liimin- 
lischos Paradies in ihm der Arbeit keine Stätte hat einräumen können! 
Noch heute i^t diese ans dem Grunde der Volkssei le (^ehorene Anschau- 
ung von dem Fluche der Arbeit unter uns lebendig. Ks hat einen tiefen 
Sinn, wenn der vierte Stand das Klend seiner Lage nicht besser zu kenn- 
zeichnen versteht, als durch seine Verkettrmcf mit der Arbeit. Wie der 
Sklave zum Freien, so soll der Arbeiter in Gegensatz gestellt werden 
zum Geniessenden, die Mühsal des täglichen Kampfee ums Dasein zum 
sorglosen Nichtsthun des Schlaralfenlebens. 

Der Wahrheitskern, der in diesen Vorstellungen steckt, ist unschwer 
aufzufinden. Jede Arbeit ist mit der Überwindung von Hindernissen und 
Schwierigkeiten verknüpft; sie fährt zurErmfidung, zum Gefühle der 
Schwache und Mattigkeit, und zerstört damit das frische Behagen am 
Dasein. Ja, sie verbraucht unsere Kräfte, zehrt an KOrper und Geist 
und kann uns dem Siechtume in die Arme treiben. Zudem fordert sie 
von uns die wertvollste Zeit unseres Lebens und zwingt uns in ein 

1) Vortrag, gehalten am 19. Aognst 1896 anf der GewerbeautateUiing ia Beriin. 



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£. KnepclIOf Zur Hygiene der Aibeit 



228 



Joch, dem wir nur zuweilen und nur YorAbeigehend zu entrionen yer- 
mOgen. So wird es begreiflieb, dass sie uns ab die Strafe des erzfimten 
Gottes erscheint, dass die Arbeit das Wabrzeichen der Mühseligen und 
Beladenen geworden ist. 

Und doch regt sich aucli heute schon in den Rittern der Arbeit 
weit nielir, uls das Gefühl, Stiefkinder des Glücks zu sein. Ein trotziges 
Selbst bewusstsein hat den Namen des Arbeiters zum Ehrentitel gemacht, 
indem es den thatkrüftigen Trl^^er und Schöpfer menschlicher Gesittung 
in Gegensatz stellt zum nutzlosen Schmarotzer. Die Arbeit ist nicht 
mehr die schwere Bürde, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, 
sondern sie ist der eigentliche und wesentliche Inlialt unseres Da- 
seins, der allein ihm Wert und Berechtigung zu geben im Stande ist 
Auch diese Auffassung ist uralt. Sie musste sich dem Menschen auf- 
drfingen, sobald ihm die handgreiflichen Frflchte seines Fleisses vor 
Augen standen, sobald die. Arbeit ihm Quellen des Wohlbehagens er- 
sdiloss, die ihm bis dahin unzugän^ch gewesen waren. Befestigt und 
Tertieffc wurde sie durch jene Befriedigung, welche die glückliche Über- 
windung von Schwierigkeiten, den Erfolg unserer Anstrengungen begleitet, 
durch diis lluchgefülil des eigenen Wertes, wie es aus dem Bewusstsein 
höchster Leistungsfähigkeit entsiuiiigt. Wir dürfen es aber mit Stolz 
ausspreciien, dass schwerlich irgend eine Zeit den Segen und den Adel 
der Arbeit lebendiger empfunden und höher geschätzt hat, als unser 
Jahrhundert ; hat doch auch niemals der sinnende und schaffende Fleiss 
derartige Umwälzungen in unseren gesamten Lebensbedingungen hervor- 
gerufen, wie sie uns zu erleben beschieden waren. Mit wachsender Macht 
durchdringt daher unser Geschlecht die tiefe Überzeugung, dass die 
Arbeit nicht das traurige Verhängnis der Unterdrückten, sondern dass 
sie das köstliche Vorrecht des Gesunden ist. Zu den Zeiten desTacltus 
galt dem freien Deutschen jede Arbeit ausser dem Waffenhandwerk als 
Unehre. Vielleicht haben sich hie und da noch Beste solcher Anschau- 
ungen erhalten, aber es giebt heute keinen Stand mehr, der es wai^en 
kuiuite, die ehrlielie Arbeit als unter seiner Würde zu bctracliten. Viel- 
mehr sehen wir Tiin/en und gekrönte Häupter in den Wettstreit der 
Kräfte auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Technik eintreten, 
und auch in der Frauenwelt ist mächtig der Widerwille gegen das thaten- 
leae Liliendasein erwacht, gegen die verlogene Vornehmheit des standeS' 
gemässen Mflssigganges. Stetig mehrt sich die Zahl derer, denen die Ar- 
beit nicht mehr Erwerbsmittel ist, sondern Lebensbedfirfnis und zugleich 
reinste und unversieglichste Quelle menschlichen Glfickes überhaupt. 



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224 



KKneptOn 



Ein Doppelantlitz ist es demnach, welches die Arbeit trägt. Fluch 
und Segen liegt in ihr beschlossen. Au uns ist es, der Arbeit ihreo 
Stachel zu nehmen, sie so zu gestalten, dass wir ans ihrer Segnungen 
fienen können, ohne Leid und Not des Lebens zu mehren. Je rückhalt- 
loser und einmütiger unser Volk seine ganze Kraft zu gemeinsamer 
Arbeit einsetzt, desto dringender tritt an nns die Mahnoog heran, Sorge 
au tragen, dass nicht das Werkzeug denjenigen verletse oder gar ver- 
nichte, der es im Dienste menschlicher Gesittung handhabt 

Die Lösung der hier sich erhebenden Fragen ist nicht leicht Wohl 
kennen wir in den gröbsten Umrissen die Oe&hren der Arbeit, wie sie 
uns die Er&hrung des tftglichen Lebens zeigt. Eine genauere Erforschung 
der Bedingungen jedoch, welche die Arbeitsleistung beeinflussen, ist kaum 
jemals versucht worden. Die fruchtbare Wissenschaft der Hygiene 
hat uns bis in die kleinsten Einzelheiten vorgeschrieben, wie wir uns 
kleiden und nilhreii, wie wir Hauser und Städte einiichten und an- 
steckende Krankheiten verhüten sollen, über sie lehrt uns nichtü darüber, 
welches Mass efeistio:pr und körperlicher Arbeit wir zu ertragen ver- 
mögen, wo die (ktiihren der Überarbeitung beginnen und wie wir im 
Stande bind, ihnen zu begegnen. 

Das Mittel, diese Lücke auszufüllen, ist der Versuch. Wenn es uns 
gelingt, ein Mass für die Grösse der Arbeit.sU'istunf,' in einer bestimmton 
Zeit aufzufinden, so können wir auch die Änderungen feststellen, welche 
sich unter den verschiedensten Bedingungen des täglichen Lebens er- 
geben. Ks wird möglich sein, zu prüfen, unter welchen Verhältnissen 
Menge und Wert der Arbeitsleistung sich am günstigsten gestalten, 
namentlich aber auch, welche Umstände eine Herabsetzung der Leistungs- 
filhigkeit, eine Schädigung der Arbeitskraft herbeiitifähren geeignet sind. 
Der hier angedeutete Weg ist seit einer Beihe von Jahren beschritten 
worden'). Zur Messung der geistigen Leistungs&higkeit wurden vor- 
zugsweise fortlaufende einfache Bechen- und Lemaufgaben, zur Prfifung 
der Muskelarbeit regelmässige Hebungen ron Gewichten nach einem tod 
Mos so angegebenen Yerfiihren benutzt. Man wird es verstehen, dass diese 
Untersuchungen erst an einigen wenigen Punkten haben angreifen können; 
gleichwohl lassen sich schon heute einzelne wichtige Beziehungen zwischen 
Leistungsföhigkeit und Arbeit.-bL'<iin2rungen deutlich genug übersehen. 
Vor allem aber dürlle dureh die Lrgebiiiöbe der bisherigen Versuche der 
vollgiltige Beweis dafür geliefert sein, dass wir in ihnen und nur in 

1) die von mir heraoBg^benen wl'sychologischen Arb«Uea*, Leipsigi 

Eagelmaoo. 



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Zur Hygiene dnr Arlieit 



225 



ihnen ein snverlftssiges Mittel in der Hand hüben, die Grandlagen fDr 
eine wirldicho Hygiene der Arbeit %a schaffen. 

Das wesentliche Ziel dieser jungen Wissenschaft ist der Kampf 
gegen die Ermfidnng. In der ErmQdung liegt der Fluch, liegt 
die Oefahr der Arbeit. Was die Ermädiing bedeutet, ist noch nicht ganz 
gekliirt. Wir dürfen indessen annehmen, dass hei derselben zwei ver- 
schiedene Vor^Mnge sich nebeneinander abspielen. Jede Arbeit in mi.sorcm 
Körper beruht auf der Zerlegun*^' /iisiinimengesetzter Stoffe in ihre ein- 
facheren Bestandteile; jed. r Ls'istunj^ in Uehirn oder Muskeln entspricht 
demnach ein Verbrauch von Kra t tvor rüten, welche den Heiz- 
stolFen vergleichbar sind, die unsere Dampfmaschinen im Dienste ver- 
brennen. Soll die Arbeit lange Zeit hindurch von Statten gehen, so 
muss für das Verbrauchte Ersatz ^ox li iflt werden; sonst wird am Ende 
der Fortbestand des arbeitenden Gewebes in Frage gestellt oder doch 
seine Leistungsfähigkeit für längere Zeit erheblich vermindert. Weitoriiin 
aber wirken manche der Zerfallstofte, welche die Arbeit erzeugt, auf die 
Gewebe unseres KOrpera giftig, ver&ndero sie und setien damit ihre 
Arbeitskraft herab. Zum Teil werden diese Stoffe im arbeitenden Gewebe 
selbst zerstört, zum Teil vom nimmer ruhenden Blutstrome ausgewaschen 
und besonderen St&tten in unserem Körper zugeführt, an denen sie un* 
schädlich gemacht werden. Schon eine kurze Buhe oder die einfache 
I>urchstrOmung eines Muskels mit -Kochsalzlösung genügt unter Um- 
standen, um diese Giffcwirkungen wieder zu beseitigen. Sie gewinnen nur 
dann grössere Ausdehnung, wenn angestrengte Thfttigkeit so betr&chtliche 
Mengen von Zerfullstoft'en erzeugt, dass sie nicht schnell genug vernichtet 
oder fortgesehalft werden können. Ebenso wird aueh der Vorhraueli an 
Krallvorräicn erst dann zu einer Herabsetzung der Arbeitsfähigkeit führen, 
wenn der gleichfalls durch den Blutstrom bewirkte Ersatz erheblich hinter 
dem Bedarfe zun'ukhleiht. 

Es ist leicht verstüudlieli, dass die Zer>törung oder die Auswaschung 
giftiger Stolle aus den Geweben im allLrenieiiieii ra>^ch bewerkstelligt 
werden kann. Ungleich langsamer dagegen vollzieht sieh der lusatz der 
Kraftvorräte und die Aufnahme neuer Bestandteile in die Gewebe. Wir 
werden daher erwarten dürfen, dass ein Teil der Arbeitsschädigung sich 
sofort ausgleicht, während ein anderer Teil jener Wirkungen nur ganz 
allmählich, innerhalb längerer Zeiträume wieder versehwindet. Diese Er- 
wartung wird durch die Erfahnmg bestätigt. Wir wissen, dass nach 
kQrzerer Arbeit die firmfldungserscheinnngen sehr bald nachlassen, dass 
aber wiederholte, wenn auch kurze Arbeitszeiten nach und nach eine 

HBDB HEIDBLB, JAHBBUaCHBR VI* 15 



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226 



fortschreitende Rrmüduiig erzengen, welche bisweilen am nächsten Tage 
oder selbst spater noch nachweisbar ist. Ja, wir können sagen, dass im 
Gehirne des ^lenschen und der höheren Tiere der VerbraiuMi iinti r allen 
L'iiistanden während des Wachens tlauernd liöher sein inuss, als Uer 
Krsatz, da auch bei völlißroin Nichtsthun schon am Ende jedes Tages 
ein Zustand von Ermüdim^'' cireiclit wird, der niclit inolir diircli einfaches 
Ausruhi'ii, sdiidtM ii nur not h durch den Schlaf beseitigt werden kann. 

Wi-' aus diesen liarlcuunL^tn ]ier\ orLTrlit. ist die Ermüdung, mag 
man auf den einen oder uul den anderen der geschilderten Vorgänge das 
Gewicht legen, ein unzertrennlicher Begleiter, nichts, als die naturnot- 
wondige Folge der Arbeit. Streng genommen beginnt die Ermüdung 
daher mit der Arbeit selbst. .Icd» nfalls lassen sich durch geeignete Ver- 
suche die ersten leisen Spuren der Ermüdung schon sehr früh nachweisen. 
Freilich sind sie oft längere Zeit hindurcii recht geringfügig und werden 
gelegentlich durch entgegengesetzte Einflösse äusserlicb ToUkommen ver- 
deckt, so dass sie nur durch besondere Kunstgriffe Oberhaupt dargestellt 
werden können. Bei der Muskelarbeit gelingt das im allgemeinen viel 
leichter, als bei geistiger Thätigkeit. 

Das wichtigste Zeichen der Ermüdung ist ein fortschreitendes 
Sinken der Arbeitsleistung. Einfache Herabsetaung der Leistungs- 
fühigkeit berechtigt noch nicht zur Annahme von Ermfidungswirkungen ; 
sie kann durch eine f^ia» Reihe von andersartigen Ursachen tn Stande 
kommen, von denen hier zunächst nur körperliches Unbeliagcn, gemüt- 
liche Verstimmung. ALleiikuiig durch äussere oder innere Vorgänge er- 
wähnt werden sollen. Ebensowenig dürfen wir jedes vorübergehende 
Sink»'!! der Arbeitswerte schon als KriiuiduiigsZcMcboii aulVas^:en. Abge- 
sehen davon, dass die ver.>Ni:hit.'deuarti*^sten StörnriL^cn eine sulehe .Schwan- 
kung licriti'iliiliren können, liandelt es sich vielfach gar nicht um eine 
wirklirhe Herabsetzung der Arbeiti^leistung, sondern nur um das Schwinden 
einer voraufgehenden, durch besondere Einflüsse hervorgerufenen Steige- 
rung, um die lüickkelir von beschleunigter oder .selbst iil^erhasteter 
Arbeit zum gewöhnlichen /eitmasse. Wo wir aber die Leistungsfähigkeit 
bei fortgesetzter Tluitigkeit dauernd und '"\ ifnmor verstärktem Qrade 
almehmen sehen, da kann über die Deutung der Erscheinung kein Zweifel 
mehr bestehen — da handelt es sich bestimmt um die Wirkungen der 
Ermfldung. 

Hit der Berabsetzung der Arbeitsmenge vorbinden sich regelmftssig 
auch Verftnderungen ihrer Beschaffenheit im Sinne einer Verschlechte- 
rung der Leistung. Natürlich sind diese eben so mannigfaltig wie 
die menschliche Arbeit selbst, und nur wenige Formen solcher Verftnde- 



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Zur Hygiene der Arbeit 



227 



rungen haben bicli bis lioute messenden Bestiraniiin^en zugänglich or- 
wicson. F^ine der wirlüifjsten Ursachen für die Minderwertigkeit der 
Knimdunfjsarbeit ist oliiie /wcilVl die Herabsetzung der Auttnerksam- 
keitssjiannung, welche die Krniüdiing begleitet. Wir werden -/evstreut, 
können unsere Gedanken nicht mehr recht sammeln, scliweilen ab. In 
Fol^'e dessen werden wir zunächst unfTihig zu solchen Leistungen, welche 
die höchste Anspannung unserer geistigen Kräfte erfordern, wie die 
schöpferische Thätigkeit auf künstlerischem oder wissenschaftlichem Ge- 
biete. Aber auch bei sehr einfachen Arbeiten machen sich deutliche 
Störungen bemerkbar. Stellen wir etwa Jemandem die Aufgabe, auf/u- 
gcriifeDO Worte jeweils die erste Vorstellung zn nennen, die in ihm auf- 
taucht, so lässt sich zeigen, dass mit dem Eintritte der Ermfidnng diese 
VorsteUtingen einförmiger werden und in immer ftusserlicherer Ver- 
knüpfung mit den zugerufenen Worten stehen. Vielfach kehren dieselben 
Vorstellungen wieder, auch wo sie gar nicht passen, oder es werden an 
das ersto Wort einfach Silben und Ergänzungen angehängt, ohne Be- 
ziehung zu dem eigentlichen Sinn. Diese Erscheinung, die uns aus ge- 
wissen Krankheitszuständen wohl bekannt ist, bedeutet eine Verflach- 
u n g des Oedankenganges. Wir erinnern uns hierbei jener Stunden, 
in denen wir beim Sprechen oder Schreiben trotz aller Anstrengung 
inuuerlbrt dieselben Wendungen gebrauchen und ausser Stande sind, 
unsere Gedanken zusammenhängend darzustellen. 

Ferner wird unsere Arbeit, wie die alltägliche, z. T. durch den Ver- 
such bestätigte Erfahrung lehrt, unter dem EinHusse der KrniüilnnL^ iin- 
gleichmässiger, unzuverlässicrer. Wir fassen äussere Eindnii ke uiisiclierer 
auf, vermenfren fie mit eigenen Zuthaten, irren uns h.'iehter bei seliwie- 
rigen Uechnungen, prägen uns den LcrnstoÖ" unvollkommen und feliierhaft 
ein. Es scheint, dass auch die Spuren solcher Arbeit, wie sie sich in 
der fortschreitenden Übung nachweisen lassen, weniger fest haften; ihr 
Übungswert ist ein geringerer. Auf körperlichem Gebiete verlieren die 
Bewegungen nicht nur an Kraft, sondern namentlich auch an Sicherheit 
und Feinheit; sie werden plumper und ungeschickter; bei stärkerer Er- 
müdung tritt geradezu Muskelzittern ein, welches alle verwickeiteren 
Leistungen unmöglich macht. 

Von grösster Wichtigkeit sind die nahen Beziehungen, welche 
zwischen körperlicher und geistiger Ermüdung bestehen, wie zuerst Mosso 
angehender dargelegt hat. Starke geistige Anstrengung setzt auch die 
Grösse der Mnskelleistnng herab, nnd umgekehrt lässt sich zeigen, dass 
längere körperliche Arbeit ein sehr deutliches Sinken der geistigen 

15* 



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228 



K Kraepolin 



Leiatongsfilhigkeit zur Folge hat. Die Erkläroog dieser Tbateachen liegt 
einmal darin, dass auch die Mushekrheit nur doreb die Bewegnogs* 
antriebe zu Stande kommt, die vom Nervengewebe aasgeben. Bei körper- 
licher Tfa&tigkeit wird also dieses letztere immer gleichzeitig mit ermüdet, 
nnd andererseits wird auch Ermüdung des Qehirns allein recht wohl eine 
Erschwerung jener Bewegungsantriebe bewirken k^^nnen, wenn nun mr 
Muskelarbeit übergegangen werden soll. Es ist jedoch auch möglich, 
dass durch geistige und körperliche Tliätigkeit in gleicher Weise giftige 
Zerfallstolfe gebildet werden, welche bei stärkerer Anhäufung im Körper 
nicht nur am Orte ihrer Entstehtinjr, sondern violleiclit allgemein 
jene Herabsetzung der ArbeitstUhigkeit herbeiführen, die wir als Ermü- 
dung bezeichnen. 

Ottenbar ist tlie hier berührte Frage, ob jeder Abschnitt unseres 
Körpers gesondert ermüdet, oder wie weit die Ermüdung auf einem Gebiete 
andere Leistungen in Mitleidenschaft ziehen kann, von grosser wissen- 
schaftlicher und praktischer Bedeutung, doch vermögen wir sie leider 
heute noch nicht mit .Sicherheit zu beantworten. Nur soviel sei ange- 
deutet, dass nach den mir vorliegenden Versuchen der Wechsel zwischen 
verschiedenartiger geistiger Arbeit niemals so günstig wirkt wie das Ein- 
schieben entsprechender Ruhepausen. Demnach muss eine Art geistiger 
Thfttigkeit auch auf anderen Gebieten unseres Seelenlebens Ermfldnnge- 
Wirkungen zu erzeugen im Stande sein, wenn auch wahrscheinlich in ge- 
ringerem Grade. Die tägliche Erfahrung würde diesen Satz offenbar 
bestätigen. Wir wollen indessen darauf hinweisen, dass bei Versuchen 
mit ausgedehnten Spaziergängen die Ermüdung von einer Erleichterung 
der Bewegungsantriebe hegleitet war, welche nach einfacher geistiger 
Anstrengung vollkoiiiiiieii fühlte. Hier würden wir ciuei) Triterschied in 
der körperlielieri und geistigen Ermüdung vor uns haben, doch liegt der 
(leduiike nahe, dass jene Erscheinung eine Nachwirkung der körperlichen 
An!=?treiigu!iir darstellt, die an sich mit th-r Ermüdung nichts zu tlmn hat; 
sie pllo<;t >i( h auch weit scimeller zu verlieren, als die Jieeintrilchtigung 
der Arl»eitsläliigkeit. 

Der eigenen Wahrnehmung kündigt sich die Ermüdung sehr deut- 
lich durch das Gefühl der Müdigkeit, Ermattung, Abgespanntheit an, 
welches allmählich zu einem immer stärker anwachsenden Kuheliedürf- 
nisse und endlich zum Schlafe fuhrt. Dazu gesellt sich eine Erhöbung 
der gcmütliclien Reizbarkeit, namentlich wenn wir an der Befriedigung 
des Ruhebedurfnisses gehindert werden. Wir künnen das Gefühl der 
Müdigkeit vielleicht als eine Art Schutzeinrichtung betrachten, ähnlich 



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Zur Ilygione der Arbeit 



229 



dem Scbmene. Wie dieser ans Teranlasst, leidende Teile unseres Körpers 
zu schonen« so werden wir durdi die MQdlgkeit gezwungen, die Arbeit 
abzubrechen, sobald die Gefohr einer stärkeren Sclilldigung durch dieselbe 
nahe liegt. Indessen derartige Schutzgefühle sind nicht unter allen Um* 
stünden untrüglich. Ein (Ilietl kann schmerzen, ohne iSit/. eintir Krank- 
heit /u sein; wir kennen Hunger empfinden, uline thiss ein eigentliches 
Nahrungsbedöifnis bestünde, uml wir können müde werden, oline wirk- 
lich ermüdet zu sein. Den schlagendsten iieweis für diese Mögliclikcit 
liefert das Entstehen der Müdigkeit durch einfaclies Einreden in der 
Hypnose; weitere Beispiele sind die Müdigkeit am Morgen nach dem 
Erwachen und Mittags nach der Mahlzeit Wenn hier nicht zufällig 
besondere Anstrengungen , vorhergegangen sind, wird von einer Ermüdung, 
einer Verminderung des verfügbaren Kraftvorrates in der Hegel keine 
Kede sein. Trotzdem besteht bei sehr vielen Menschen sowohl unmittelbar 
nach dem Aufstehen wie oaeh der Hauptmahlzeit das deutiicbe Gefflbl 
der Abspannung und BuhebedQrftigkeit, welchem auch eine Herabsetzung 
wenigstens der geistigen Leistnngsflkhigkeit zu entsprechen pflegt. Allein 
während bei wirklicher Ermüdung durch fortgesetzte Thätigkeit die Ar- 
beitsleistung rasch immer tiefer gescbUdigt wird, stellt sich hier im 
Gegenteil ein allmäbliges Ansteigen der Arbeitswerte ein; zu- 
gleich verschwindet die Müdigkeit. 

Ganz fthnUche VerhftUniBse haben wir bei der Langweile vor uns, 
die so häufig mit der Ermüdung verwechselt wird. In Wahrheit ist die 
Ähnlichkeit eine ganz äusserliclie. Die Langweile tritt bei einl'Oniiiger 
Arbeit auf, aiieh wenn sie nicht anstrengend ist, ja wir beobachten sie 
häufig gerade dann, wenn wir gar keine Arbeit leisten. Die Arbeits- 
fähigkeit ist daher, wie die Messung lehrt, bei der Langweile aiudi keines- 
wegs lierabgesetzt. Namentlicii dann, wenn wir aus irgend einem Grunde 
Geschmack an der langweiligen Arbeit Hnib n oder die Thätigkeit wechseln, 
zeigt sich trotz fortgesetzter Anstrengung vielfach ein Ansteigen der 
Leistung, in völligem Gegensatze zu dem Verhalten der Ermüdung, die 
unter allen Umständen nur durch ttuhe wieder beseitigt werden kann. 

Auf der anderen Seite kennen wir hochgradigste Ermüdung ohne 
eine Spur von Müdigkeit. Wir sehen öfters Tobsüchtige viele ^lonitte 
lang in unaufhörlicher schwerster Aufregung bei fiist völliger Schlaflosig- 
keit und ganz ungenfigender Emfthrung ihre Gräfte bis zum ftusseraten 
erschöpfen, ohne dass sie dabei irgend welche Mfldigkeit empfänden. In 
kleinerem Massstabe ist uns das Ausbleiben oder Verschwinden der 
Müdigkeit bei lebhaften gemütlichen Erregungen aus dem geaunden Lehen 



230 



iS.KrMpt]i]i 



bekannt Eine Arbeit, die uns fesselt, verscbeuclit das Schlafbedürfnis, 
ja es kommt nicbt selten vor, dass die gewohnheitsmässig zn bestimmter 
Stunde sich einstellende Mfidigkeit einfach wieder versehwindet, wenn 
wir derselben nicht naeli{,a>i)on. Auch die körperliche Ermattung kann 

jiich ganz plötzlicli verlieren, wenn die Lage eine let/.te grosse Kraft- 
anstrongiing von uns fordert oder die Aussicht aut glückliches Gelingen 
eines schweren Werkis uii^ in iVcudigc Eneirimg versetzt. Eine Besei- 
tigung der tiiatsiichlichen Krniüdung findet in allen diesen Füllen durch- 
aus nicht statt. Die Müdigkeit pfieet unter fjow.ijiniit hci) Vt ihfilt- 
nis.soii bereits zu eiiit'm /fit jiiinktc -i<-h rin/'ii>tt'll<'ii. an wcleiiem der 
verlugharo Kraftvorrat noch ein ri'< lit ln'<l''ut»Mnifr ist. .^li<^;lchte^ wir 
das Warniingszeichen, so sind wir immerhin im .Stunde, längere Zfit 
hindurch unsere Arbeit fortzusetzen, wenn auch mit stetig sinkender 
Leistungsfähigkeit. Diese Abnahme der Arbeitswerte lässt sich durch 
die Messung auch dann nachweisen, wenn keinerlei Mädigkeitsgefülil vor* 
banden ist. Freilich vermögen gemütliclie Erregungen und Willens- 
anstrengungen die Arbeitsleistung wieder zu steigern, aber stets nur 
ganz vorübergehend; nach einer solchen Steigerung erfolgt dann 
der Abfall um so schneller. 

Aus allen diesen Thatsachen geht unwiderleglich hervor, dass Mödig- 
keit und Ermüdung zwei ganz verschiedene Zustände sind, 
die sich zwar häutig, aber durchaus nicht immer mit einander verbinden. 
Es giebt Mensclien, bei denen das Warnungszeichen der Müdigkeit zu 
ihrem grossen Schaden trotz zweifelloser Ermüdung ausbleibt, namentlich 
am Abend, wo es den notwendigen Schlaf einleiten sollte. Aber es 
kommt ;iuch vor. dass ein quälendes Gefühl von Abspannung ohne wirk- 
liche Ermüdung last ständig die Arbeitsfreudigkeit erstickt und zu einer 
zaghaften Selbstsclionung führt, welche die Leistungshihigkeit empliniliich 
schädigt und «las I ii. ! noch zu verschümincrn pflegt. Gerade für solche 
Fälle, in (b^it ii uns «iic nat iniii lini \\'i'L;w» iM'r im Stiche laf^en. wird 
nur ciiii' LM'uaiie Kenntnis der Kiiinnlunu^lM'dingungen uns It'hren, wie 
wir die Gefahren der Arbeit beseitigea können, ohne doch ihres vSegens 
verlustig zu gehen. 

Die Grösse der Ermüdung hängt eiut i MÜ-, ab von der Art und Dauer 
der Arbeit, anf1<^rorseit3 von den beson lt ii n iliL^^rtisi liaften des Arbeiters, 
Wie die tägliche Erlalirung lehrt, tritt die Ermüdung um so rascher 
und deutlicher hervor, je liöber die Anforderungen sind, die eine Arbeit 
an unsere geistigen oder körperlichen Kräfte stellt. Beim Lernen sinn- 
loeer Silbenreihen ist die Ermüdung vielfach schon nach 15—20 Minuten 



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Zur Hygieiie der Arbeit 



231 



sehr in die Augen fallend, während sie beim Kechnen oft erst gegen 
das Ende der ersten Stunde die Leistung merklicher herabsetzt. Sobald 
aber einmal die Ermfidung deutlich wird, wächst sie immer rascher imd 
rascher an. Sie muss also bei fortgesetzter Arbeit notwendig zu vdlüger 
Lähmung f&hren. Beim Muskel tritt dieser Zeitpunkt ziemlich bald 
ein. Nach 50^60 Hebungen eines Gewichtes von fünf Kilogramm im 
Secundentact war bei einer Reihe ?on Personen die LeistungsiUliigkeit 
der Fingerbeiiger durchaus ersch5pfb. Bei geistiger Thätigkeit kommt 
es nicht so rasch zu einem vollständigen Versagen, vielleiclit woil dort 
die Arbeitsgebiete weniger scharf abget^nenzt sind, als bei den Hewoguiigcn 
unserer Glieder. Die Schnelligkeit, mit welcher sich die Ermüdungs- 
wirkungen einstellen, ist zu verschiedenen Zeiten nicht immer die gleiche. 
Das allgemeine körperliche Befinden, A\ itterung und Jahreszeit, der 
Tageslauf, allerlei gelegentliche Kintlüsse, Schlfifstörnnt^en, Ausscbweifun- 
gea vermögen die Ermüdharkeit erheblich zu beeinUussen. 

Trotz derartiger Sciiwankungen jedoch bildet ein bestimmter Grad 
von Krmüdbarkeit einen allgemeinen Grundzug der persön- 
lichen Eigenart. Wenn wir eine Gruppe von Personen nach dem 
Grade ihrer Ermüdbarkeit ordnen, so erhalten wir, abgesehen von krank* 
hallten Störungen, bei den verschiedensten Arbeiten immer dieselbe Keihen- 
folge. Dass die Unterschiede in der persönlichen Ermüdbarkeit sehr be- 
trächtliche sind, lässt sich schon jetzt sagen, obgleich die Yorliegenden 
Messungen höheren Anforderungen an Genauigkeit noch nicht genfigen. 
Kinder sind unvergleichlich stärker ermüdbar, als Erwachsene, aber auch 
bei ihnen bestehen ungemein grosse Verschiedenheiten, die um so leichter 
verkannt werden können, als sich grosse Ermüdbarkeit häufig mit grosser 
Übungsiahigkeit zu verbinden pdegt. Manche Erfahrungen deuten darauf 
hin, dass beide Kigenschaften möglicherweise nur verschiedene Seiten einer 
und derselben allgemeinen Grundeigenschaft der Persönlichkeit sind, einer 
grösseren oder <^eriugcrea Kiadrucksfahigkeit unseres Nervengewebes. 
Je rascher und ausgiebitrer dasselbe durch äussere und innere Keiz- 
unstüsse beeinliiisst wird, desto leichter werden sich ihm jene bleibenden 
Spuren der Arbeit einprägen, die wir als Hbung bezeichnen, desto stärker 
aber auch werden die Umsetzungen seiu, welche den Zustand der Ermü- 
dung herbeiführen. 

Suchen wir nach dieser Hüchtigen Bekanntschalt mit dem Feinde 
unserer Arbeitsfähigkeit in der Küstkammer unseres Seelenlebens nach den 
Werkzeugen, mit denen wir ihn bekänipfen können, so ist es klar, dass 
nur solche Waffen für uns dauernden Wert haben können, die das Übel an 



232 



HKiMpelia 



seiner Wurxel angreifoDf also die Unaclien der RrmfiduDg selbst beseitigen. 
Als gelegcDtlicbe dfirflige Notbehelfe müssen jene Hilfimiittel angesehen 
werden, welche die Erscheinungen der Brmfidung zurfichdrängen, ohne 
doch den gesunkenen Kraftvorrat KU erhöhen. Dabin gehören vor allem die 

Willensanstrengungen und die Qemfltsbewegungen. Beide 

können uns zu einer Missachtung der Warnungszeichen und zu rficksichts- 
loser Ver\veinliiii<4 dfr letzten verfügbaieu Kräfte hinreissen. Die Arbeit^j- 
leistung vviid uut' diese Weise gesteigert, al-er mir ;iiir Kostt ii des rasch 
zusammenschmelzenden Kraftvorrates. Audi «'iae sulciie Versuch wendung 
kann unter Umständen geboten, ja sie kmiii lür den Augenl»lirk unend- 
lich viel zweckdietilichc-r sein, als das vorschrittsmfissiL,^? Ifiitisliiiltt'n. aber 
sie darf immer nur titie seltene und zi"'ll't-'nu>>lo Ausualuueuiassregel 
bleiben, wenn sie nicht zu tiefgreifenden Schädigungen führen soll. Zu- 
dem ist ihre Wirkung regelmässig eine ganz vorübergebende; ihr folgt 
die Erschöpfung nach, die nanmehr eine doppelt vorsichtige Schonung 
der Kräfte ootwendig macht. 

Unter ganz fthnlichen Gesichtspunkten zu beurteilen sind wabrscbein- 
)ich jene Arzneien und Qennssmittel, denen man mit mehr oder 
weniger Recht einen günstigen Einfluss auf die Arbeitsfilhigkeit nachrühmt 
In erster Linie haben wir hier des Alk6hols zu gedenken, der in grÖ«js- 
tem Massstabe zur Erhöhung der Arbeitskraft genossen wird. Wie sieb 
durch ausgedehnte Versuche und genaue Messungen hat zeigen lassen, 
haben wir es dabei wenigstens für das Gebiet der geistigen Tbätigkeit 
mit einem überaus folgenschweren Irrtume zu tbun; alle eigentliche 
Denkarbeit, namentlich höherer Art, wird schon durch verhftltnism&ssig 
kleine Mengen geistiger Getränke sofort und nachhaltig er- 
schwert. Der Gedankengang erleidet eine ganz ähnliche, nur weit 
stärkere Verflacliuiig wie durch die Ermüdnnu'. lu etwas LTrössereo 
Gaben ist der Alkoliol geradu/u als ein Selilalinittel zu betrachten und 
also nicht im niiüde.<ten geeignet, der Enniidunt; entgegen zu arbeiten. 
Ein wviii«,' anders lie<^t die Sache hiiisirlitlirli dt-r Muskelarbeit. Zwar 
wird die Kraft Iristung iin/.wfitrlhaft hei;tlit:»'-et/t. ;ilier wir sind unter 
dem Eintiusse des Alkohols im Stande, längere Zeit liintereinander- fort- 
zuarbeiten. Zur Erklärung dieser Ersclieinung hat man an die ernäh- 
renden Eigenschaften des Alkohols gedacht; ich selbst bin jedoch geneigt, 
dafür mehr jene erleichterte Auslösung von Bewegungsantrieben verant- 
wortlich zu machen, die uns in der Inrnieihlm Erregung des Kausches 
80 deutlich entgegentritt. In diesem Falle würde — und die tägliche 
Erfahrung scheint mir das zu bestätigen — der sp&tere Rückschlag nicht 
auableiben können. 



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Zur Hygiene der Arbeit 



233 



Über Uiü luiueren Wirkungen des Morpliiiiin uiid <lei' ('oeu, welciie 
let/.tere in ihrer Heimat vielfacli als iiinüdiiiigswidrigus Mittel benutzt- 
wird, sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlosisen. Soviel aber 
ätelit auch jet 't schon fest, dass beide Mittel riiijis< isi Lref;i]nliche Gifte 
sind, die im günstigsten Falle nur ganz, vorübergehend die Leistuogs- 
lahigkeit nach dieser oder jener Richtung hin tu steigern vermögen, 
dafür aber mit nahezu unfehlbarer Sicherheit das Lehensglfick derjenigen 
vernichten, die m ihnen ihre Zuflucht nehmen; sie übertreffen in dieser Be- 
ziehung fast noch die verhängnisvollen Wirkungen des Alkohols. Sehr viel 
harmloser sind Kaffee und Theo, welche einerseits die geistige Arbeit 
erleichtern, andererseits auch die Kraftleistung unserer Muskeln steigern. 
Ob dabei wirklich eine bessere Ausnutzung der vertügbaien Kralle oder 
eine Verschleudeninf: derselben stattfinflet. die bich späterhin räciit, ist 
zur Zeit noch uniiekannt. Man wird iii(ie.s;>eM gut thun, allen künstlichen 
Eingrilleii in unsere Arbeitskraft mit einigem Misstrauen zu begegnen, 
auch dann, wenn sich bleibende Nachteile zunächst nicht erkennen lassen, 
wie beim Genüsse der letztgenannten Stoffe. Insbesondere ist solche 
Vorsicht geboten g^nfiber dem Tabak, von dem übrigens noch nicht 
einmal feststeht, ob er irgend eine erleichternde Wirkung auf die geistige 
oder körperliche Arbeit auszuüben vermag. 

Jedenfalls ist das natürlichste und daher weitaus wirksamste Kampf- 
mittel gegen die Ermüdung die Ruhe. In der Ruhe wird der Verbrauch 
ein^escbrftnkt und zugleich die Beseitigung der Zerfallstoffe wie der Er- 
satz der Kräfte erleichtert. Wir seilen datier den Muskel, den wir soeben 
bis zur völligen Leistmi^suniiiliigkeit angestrengt haben, nach einer Pause 
von 5 — 10 iMirmten die Arbeit mit voller Kraft wieder aufnehmen. Auch 
bei geistiger Thätigkeit wird durch das Einschieben von liuliepausen im 
allgemeinen die Leistungsfähigkeit gesteigert. Allein es hat Bicli hier 
bei Versuchen die merkwürdige Thatsache herausgestellt, dass wenigstens 
bei leichter und nicht zu lange fortgesetzter Arbeit kurze Pausen gün- 
stiger zu wirken scheinen, als längere. Dieses sehr auffallende Verhalten 
erkl&rt sich einfach dadurch, dass jede Pause nicht nur als Ruhe, son- 
dern zugleich als Unterbrechtmg der Arbeit wirkt. In unserem Seelen- 
leben spielen sich fortwährend eine solche Menge von Vorgängen ab, dass 
jede bestimmte Richtung unserer Thfttigkeit, jede einseitige Arbeit erat 
nach einer gewissen Zeit die volle Herrschaft über alle anderen Kegungen 
zu gewinnen vermag. Auch ganz abgesehen von den Übungseinflüssen 
steigert sich daher unsere Arbeitsleistung hu Anfange, bis wir einmal 
i^iit der Tiiütigkeit so reclit im Zuge sind. Wir dürfen uns dabei an 



I 



> alliii.ililit-lie Alllassen einer Mascliiuc i i iiiin.'i ii. DicM- , A n rc l' iiug*, 

tiif »Im< h <iif Aihcil M'llt>L oDtstclit. i^rht in der Kuli«' racjch wieder 
,i>m\. Sddi kiüzui Pause i-t iioi h i-m <;ros>L'r Teil derselben Vör- 
den; die Maschine ist no< li nirlit <:;m/. uitJer zur liulie tjekomnieu. 
lert die Arbeitisunterbrechung aber iii.,lir. ah 10 — 15 Minuten, üo 
teen wir uns von neuem in die Arbeit hineinfinden. War die Arbeit 
z und wenig anstrengeud, so wird der Ausgleich der geringfögigeo 
.müdungswirkuDgen nur einen uobed«utenden Ausschlag geben. So kaoo 
£ konimeo, dass die Verbesserung der Leistung durch die Erholung 
mehr ab fiberwogeo wird durch den Verlust der Anregung. Haben wir 
jedoch schon lange und mit grosser Anstrengung gearbeitet, so wirkt 
gerade die längere Pause gQnstiger, weil die Besserung der starken Er- 
müdungserscheinungen gegenüber dem Verluste der Anregung weit stärker 
ins Gewicht l&Ut. Daher empfinden wir auch im täglichen Leben eine 
längere Unterbrechung ermüdender Arbeit als willkommene Kuhepau^e, 
während sie uns im Anfange als unliebsame Störung erscheint; darum 
macht es uns wenig ans, zwischen der Arbeit eine knrze Anfrage zu be- 
antworten; da;4< i^t !i reisst uns ein unvorhergesehener Besuch in ärger- 
lichiLer Weise uu.s dem Zusanimenliauge. 

Hinsichtlich der Länge der Pausen, welche für eine vollständige Er- 
jjuhuig nötig sind, h;it Maggiora f»\stgest**]lt. dass bei der regelmässigen 
Hebun^,^ eines üewichtes von sechs KUogiamui zehn Secundeu Hube 
/.wischen den einzelnen Hebungen ausreiclien, um auf absehbare Zeil da- 
Eintreten von Ermüdungszeiclien zu verhüten. Addieren wir wiederiioit 
je eine halbe Stunde einstellige Zahlen und schieben zwischen die ein- 
zelnen Arbeitsabschnitte halb- oder ganzstündige Pausen ein, so zeigt 
sich, dass dieselben höchstens einmal genügen, um die Ermüdungs- 
wirkungen vollständig auszugleichen. Nach der zweiten Pause sinkt die 
Leistung fortschreitend, schneller natürlich bei halbstündiger, ahi bei 
einstündiger Kuhe. Der Grund fär dieses ungünstige Ergebnis ist höchst 
wahrscheinlich in dem Umstände zu suchen, dass die Pausen fBr unser 
Seelenleben, anders als für den Muskel, keineswegs wirkliche Buhe be- 
deuten. Wenn schon das völlige Nichtsthun allein genügt, um eine 
wachsende Ermüdung im Laufe des Tages zu erzeugen, so kann es uns 
nicht Wunder nehmen, dass die einfache Ruhe nicht im Stande ist, die 
einmal vorhandene Ermüdung wieder völlig zu beseitigen. In noch 
höherem Masse niuss das von jeder andersartigen Ausfüllung der Pausen 
gelten. Wir werden kaum erwarten dürfen, dass ein Wechsel der Thätig- 
keit mehr leisten kann, als eine Verlangsamung im Fortscbreiten der 



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Zur il^gieuu dur Arbeit 



235 



Eruiüdung. Selbst die leichteste Zerstreuung wird iiit iiial.> dw Spureu 
voraufgejijanirener Kriini'iuiig ganz, zu verwischeu veruiogeu, uucli wenn 
sie vielleiclit das Gelüiil der Müdigkeit durch ihre Kiuwirkuug uut' die 
Stimmung verscheucht hat. 

Vielmehr ist ein vollkommeaer Ausgleich der £rm&duog ausschliess- 
lich durch den Schlaf zu erreichen. Die ganz ausserordentliche 
Wichtigkeit der Dauer und Tiefe des Schlafes liegt daher auf der Hand. 
Die Tbatsache des Schlafes beweist uns unwiderleglich, dass wir auch 
ohne eigentliche geistige Thatigkeit dauernd mehr ausgeben, als wir 
einnehmen. Darum bedfirfen wir in kurzen Zwischenzeiten immer wieder 
eines Zustandes, in welchem unsere Ausgaben auf ein Mindestmass ein- 
geschränkt und unsere Kiiuiahmen vielleicht noch gesteigert sind, in 
welchem jedenfalls dem N'i'i veni^ewebe die Möglichkeit zur AüÄuniinluni,' 
neuer KralLvonate gegeben ist. Nach ausreii-lioiidem Schlafe ist daher 
im allgemeinen unsere Leistungsfähigkeit auf geistigem wie auf körper- 
lichem Gebiete völlig wieder hergesteilt. Nur dann, wenn die Anstren- 
j^uncfen des vorhergehenden Tages zu gross oder der Schlaf nach Dauer 
oder Tiefe ungenügend war, kann sich die Nachwirkung der Ermüdung 
Uber den nftchsten Tag hinaus erstrecken. So konnten wir die Spuren 
einer durcharbeiteten Nacht in abnehmender Stärke noch vier Tage lang 
erkennen. Genfigt der Schlaf längere Zeit hindurch nicht, um die täg- 
liche Arbeitsschädigung auszugleichen, so entwickelt sich ein Zustand 
von dauernder Übermüdung, welcher durch Herabsetzung der 
Leistungstahigkeit und L'rössere Ermüdbarkeit, ferner durch Steigerung 
der gemütlichen Reizbarkeit, durch Verstimmung, Schlatstörung und eine 
Keihe anderer nervöser Erscheinungen gekennzeichnet wird, (jeistige 
ÜberaihL'itunt; führt diesen Krankhrit.szustand, namentlich wenn sie mit 
lebhaften gemütlichen Erregungen verbunden ist, viel leichter herbei, 
als körperliche Überanstrengung, weil sie ungleich rascher und nach- 
haltiger den Schlaf zu schädigen pflegt. Beseitigt wird eine solche 
nervöse Erschöpfung durch längeres Ausruhen, durch behagliches Nichts- 
tbun unter sorgßiltiger Pflege des Schhifbedfirfnisses. 

Der Ersatz der verbrauchten Kraftvorräte in Gehirn und Muskel 
geschieht zunächst ans den im Blute verfügbaren Beständen. Bei weiterem 
Bedarfe können andere Gewebe, insbesondere das Fett, zur Lieferung 
neuer Nährstotle mit herangezogen werden. Das Gehirn scheint das 
letzte Organ zu biein, welches bei hungernden Tieren erheblich an Cle- 
wielit einbüssi. In der Kegel jedoch ergfinzen sicli die arbeitenden 
Gewebe unmittelbar durch die N ahruugiiaufuahme. Einige Zeit 



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) dem Rssen, besonders nach der Zufuhr ruscli aufsaiigbarer iiah- 

Flüssigkeiten, pflogt sich daher dne ZuDahme der Arbeitskraft 
stellen. Allerdings ist die geistige Leistungsfithigkeit gerade un- 
dbar nach einer reichlichen Mahlzeit zunächst sogar deutlich herab» 
Kt, vielleicht deswegen, weil die Verdauangsarbeit dem sehr blut- 
rfligen Qebirne zu viel EmährnD^nssi^eit entzieht. Wir- sind 
/ nach Tisch meist träge, selbst wenn wir vorher durchaus nicht 
.üdet waren. Setzen wir uns nun an die Arbeit, so ist die Leistung 
länglich gering, aber sie steigert sich, um etwa drei bis vier Stunden 
-ach der Mahlzeit ihre Höhe zu erreichen. Die körj)erliche Arbeitskraft 
eiliihrt viel früher eine i-iJujbliclie Zuiiiiliiijc. Wenn wir uns derselben 
nicht bewusst werden, so liegt das nur an dem nach Tisch eintretenden 
Kuhcbedürliiisse, welches uns zunächst von der Verwertung der frii>ch 
gewonnenen Kräfte abliält. 

Hei der prakti.-M'lR'ii Messung der Knuüdungserscheiuuugeii btusben 
wir übi'iall aiil" ciiieu EinHuss, der in besonders wirksamer Weise jener 
»Schädigung entgegenarbeitet — das ist die Übung. Lange Zeit hindurch 
kann der stetige ÜbuDgsfortächritt die allmählich anwachsende Ermüdung 
vollständig verdecken; bei sehr langer Fortsetzung der Arbeit wird er 
allerdings schliesslich immer von jener letzteren überwunden. Indessen 
der Einfluss der Ermüdung ist ein vorübergebender; er kann durch Hube, 
Schlaf und Nahrung verhältnismüssig sehr schnell spurlos verwischt 
werden. Die Übung dagegen erhalt sich längere Zeit, wenn auch ein 
beträchtlicher Teil derselben bald wieder verloren geht So kommt es, 
dass die Wirkungen der Übung sich nach und nacb steigern können, 
während diejenigen der Ermüdung zumeist den Tag nicht überdauern. 
Auf diesem Wege kann die Übung zu greifbaren Umwandlungen im 
arbeitenden Gewebe führen, geradeso wie es vielleicht die Ermüdung 
ihnt, wenn sie zum bleibenden Zustande wird. Wir können es mit leichter 
Mühe wahrnehmen, wie der tlei^^il: geübte Muskel nicht nur an Kraft, 
sondern auch an Umlaiii; ziiiiijuiui, uiid wir werden uns vorstellen dürfen, 
dass auch die geistige Arheit ihre Spuren in den körperlichen Trägern 
unseres Seelenlebens auszuprägen vermag. Nicht mit Unrecht sprechen 
wir davon, dass eine häufig wiederholte Thatigkeit uns schliesslich in 
Fleisch und Blut übergeht; die Verrichtung übt einen lormendeo Ein- 
äusä auf das Gewebe. 

Nur durch diese Annahme wird uns die bleibende erleichternde 
Wirkung der Übung recht verständlich. In der dauernden Veränderung 
der Leistungsfähigkeit haben wir den weitaus mächtigsten Bundes- 



I 

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Zur Hygiene der Arbeit 



237 



genossen im Kampfe gegen die Ermfidan^ vor uns, da sie nichts anderes 
bedeutet, als eine Herabsetzung der Ermüdbarkeit. Je «in- 
geübter ein Vorgang ist, desto leichter geht er von statten, und desto 
geriiigliigiger sind lYw durch ilin liervorgerufenen Ermüduiigseischei- 
nuugen. Alle iVülier von uns besprochenen Massregeln waren geeignet, 
die einmal entstandene Ermüiiung jeweils in möglichst volikoranioner 
Weise wieder unschädlich zn machen. Die Übung dagegen vermiii,^ /war 
im Augenblicke die Wirkungen der Ermüdung nur zu verdecken; dafür 
aber beschränkt sie deren Entstebungsbedingungen. 

Die hu hierher aus Versuchen abgeleiteten Ergebnisse bieten nns 
im wesentlichen ein geläutertes und durch Massbestimmiingen bereichertes 
Bild der tftglichen Erfalirung. Diese Übereinstimmting, die den Wert des 
Vefsacbes am deutlichsten darthnt, berechtigt uns weiterhin» die gefun- 
denen Sfttxe zur Grundlage praktischer Vorschriften für die Ge- 
staltung unserer Arbeit, für den tftglichen Kampf mit der Ermüdung 
zu wählen. Wir dürfen hoffen, dass wir auch auf diesem Gebiete fiherall 
die enge Fühlung mit dem Leben behalten. Zugleich aber erwarten wir, 
dass die Kergliedemde und klärende Kraft des Versuches unseren Auf- 
stellungen eine grössere Folgerichtigkeit und Zuverlässigkeit verleihen 
wird, als sie den widerspruchsvollen, vielfach getrübten persönlichen Ein- 
drücken erreichbar ist. 

Die ürsto Frage, die wir zu beantworten liaheii, ist diejenige nach 
der Menge und Kintcihing der tä [glichen Arbeit. Wir müs- 
sen wissen, wie lange wir ohne Schaden durdischnittlich jeden Tag unsere 
Kräfte einsetzen dürfen. Kant hat diese Frage dahin beantwortet, dass 
wir vernünttiger Wei^e je acht Stunden der Arbeit, der Erholung und dem 
Schlal^j widmen sollten. In unserer Zeit ist geradezu eine staatliclie Fest- 
setzung der zulässigen Arbeitszeit in den verschiedenen Gewerbebetrieben 
gefordert und teilweise auch zugestanden worden. Der zehnstündige, 
der achtstündige, gelegentlich auch wohl noch kürzere Arbeitstage haben 
ihre eifrigen Verteidiger gefunden, während die Brotherren ohne grosse 
Bedenken selbst 16- und mehrstündige tägliche Leistungen sich gefallen 
lassen. Leider ist die Wissenschaft nicht im Stande, mit einiger Sicher- 
heit in diesem Kampfe der Wünsche und Ansichten tn entscheiden. Die 
Umstände, welche die Ermüdungswirkungen einer Arbeit bestimmen, sind 
so verwickelte, dass sich allgemein giltige Grenzen für die zulftssige 
Arbeitsdauer schwerlich jemals werden abstecken lassen. Nicht nur die 
Art der Arbeit an sich ist es, die in Betracht kommt, sondern auch die 
Kraft des Arbeitenden, seine Ermüdbarkeit, sein Ernährungszustand, seine 



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238 



fi. KnepeMn 



ganzen Lebensgewohnheiten, der Eifer, mit dem er die Werk angreift 
und fördert. Eine Arbeitsdauer, die von dem krflftigen, nüchternen, 
gemütsrnhigen Arbeiter mit Leichtigkeit ertragen wird, kann ffir den 
erregbaren, zu Ansschweifungen geneigten Schwächling eine dauernde 
Überanstrengung bedeuten. 

Die Pestsetzung einer täglichen Arbeitszeit, selbst für die mehr 
gleirliartigen Verhältnisse eines bestimmten Betriebes, wird daher stets 
(Jelalii- laufen, trotz sorfrfdltigor Abwimnii'^ ullci Voriiältnisse einen Teil 
der Arbeiter zu stark zu belasten. Eine andere Grupjie d.isregen wird 
gehindert sein , ihre Ar!>eitskraft in vollem Masse aiisziinut/en. Die 
wirtsclinftlitlir Iavj.c «lii-scr letztereii geataltet üicli dadurch weniger 
günstig, als bei freier, unbeschränkter Thiitigkeit. Auch in der Si hiile 
muss sich der Betrieb aus naheliegenden Gründen den Kräften der 
Schwächeren anbequemen, während die leistimgsfiihigeren Schüler ohne 
dieses Hemmnis weit rasclier fortschreiten könnten. Den natürlichen 
Verhältnissen wurde es daher entsprechen, die Arbeiter eines Betriebes 
nach ihrer Leistungsfähigkeit in Gruppen einzuteilen, denen man eine 
verschiedene Arbeitszeit zugestehen kdnnte. Eine derartige Massregel 
würde sich wenigstens so lange empfehlen, als der Arbeiter durch 
seine Lage genötigt ist, unter allen Umständen die möglichst voll- 
ständige Verwertung seiner Kräfte zu Erwerbszweeken anzustreben. 
Thatsächlich sehen wir uberall dort^ wo der Gewinn sich nicht nach der 
Arbeitszeit, sondern nach der Leistung bemisst, freiwillige Arbeitstage 
von erschreckender Länge entstehen. Das ist eine Wirkung des Erwerbs- 
triebes oder der wirtschaftlichen Not. Ebenso pflogt die Arbeit auch 
dann, wenn sie zum höchsten Lebenszwecke geworden ist, sich weit über 
die von Kant gezogenen Grenzen hinaus auszudehnen. In allen diesen 
Fällen ist die Gefahr der Übtiarbeitnng ohne Zweifel vorhanden, l lei- 
lirli wird ihr weniger dincli staatliche Anordnungen, als durch Besse- 
rung der Lebensverhälinisse und durch sachgomässe Belehrung m be- 
gegnen sein. 

Jede Arbeit leidet unter den Kintlüssen der Krmüduni?. je höhere 
Anforderungen sie stellt, desto mehr. Wir werden daher die st hwierigste 
Arbeit regelmässig an den Beginn unserer Thätigkeit zu legen und sie 
in unermüdetem Zustande zu erledigen suchen, andererseits das Auftreten 
der Ermüdung überhaupt nach Möglichkeit vermeiden. Um jedoch sichere 
Grundlagen für die Bemessung zweckmässiger Arbeitstage zu gewinnen, 
wäre es notwendig, fBr eine Reilie von Gestaltungen menschlicher Thätig- 
keit die Schnelligkeit und Grösse der Errandangswirkungen genau zu 
kennen. Im Allgemeinen wird nicht das Auftreten deutlicher Ermfidangs- 



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2ur Hygiene der Arbeit 



239 



zeirlicn an sich, sondorn erst die unvollkommene AusgleiLhnni:^ dtMsolhpii 
am nächsten Tage uns aiizpicren, dass die zulfissifro Ail)oitsli('lastniiL( 
fihersrhrittpn wurde. Natürlich wird sich das im ( M.'trit'ho «los täf^lii hon 
Erwerbslebens nicht immer veniieiilen lassen. Mit Uecht haben daher 
weise Gesetzgeber und Religion Stifter der verschiedensten Völker jene 
regelmässig wiederkehrenden Kuhetage eingesetzt, an denen sich die 
Schädigungen wieder ausgleichen können, welche die Anforderungen der 
Woche etwa erzeugt hatten. Für das jugendliche Gehirn und fflr an- 
strengendere Thfttigkeit genügen vielfach diese kurzen Unterhrechungen 
nicht mehr, oder es fehlt doch die Möglichkeit, sie voll auszunutzen. 
So werden als weitere Sicherung gegen die Gefahren der ÜberarbeitRng 
Schulferien und Erliolungsurlaub notwendig, um die letzten haftenden 
Spuren von Krmüduug zu beseitigen. Wer in geregelter Thätigkeit 
dauernd unter dem Masse seiner Arbeitslaliigkeit iileilit und dio Sonn- 
tagsruhe beschaulich «^^Miiessen kann, wird die wachsende Last der Über- 
bürdung nicht kennen lernen; es ist aber gewiss kein Zufall, dass die 
Forderung nach zeitweiser Ausspannung im aufreibenden Daseinskämpfe 
unserer Tage immer dringender und allgemeiner sich geltend macht. 

Im Rahmen unserer Tagesarbeit wird die Thätigkeit derart zu ver- 
teilen sein, dass wir einen möglichst grossen Arbeitserfolg in möglichst 
kurzer Zeit erreichen. Wir werden daher die Ermfidnng nur soweit durch 
Einschieben von Erholungspausen bek&mpfen, als der Nutzen schnellerer 
Arbeit nicht durch den Zeitverlust der Erholung fiberwogen wird. In 
einem bestimmten Beispiele stellte sich heraus, dass eine Vermehnmg des 
Zeitaufwandes um ein Drittel eine Verbesserung der Arbeit um etwa 5"/„ 
zur Folge hatte. Hier wäre es otleiihar unzweckmässig gewesen, die Kr- 
müdung zu vermeiden, da der Arbeitsgewinn in sehr ungüirstiijfem Ver- 
hältnisse zum Zeitverluste stand. Allein dieses Verhältnis ändert sich 
mit der Dauer und der ScViwere der Arbeit. Bei länger fortgesetzter 
oder sehr anstrengender Thätigkeit kommt unfehlbar ein Zeitpunkt^ an 
welchem die Leistung so stark gesunken ist, dass ihre Aufbesserung 
durch eine Erholungspause den Mehraufwand an Zeit reichlich lohnt. 
Leider sind die Beziehungen zwischen Ermfidungsgrösse und Erholungs- 
gewinn im Einzelnen fast gänzlich unbekannt. Wir kommen daher einst» 
weilen kaum Uber die alltägliche Wahrheit hinaus, dass Arbeitspausen 
erst nach längerer Thätigkeit vorteilhaft sind, und dass sie bei schwerer 
Arbeit häufiger und hmger sein müssen, als bei leichter. 

Es ist selbstverständlich, dass gerade an diesem Pimkto die jiersön- 
liche Krmüdharki'it wcsriitlirh mit in Frage kiHiunoii muss. Wer h'icht 
ermüdet, soll häutigere, wenn auch kurze Pausen machen, sobald er seine 



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240 



E.Kraepe1fn 



Arbeitskraft mit mdglicbst^m Notzen verwerten will. Bei geringer Er- 
nifidbarkeit dagegen dürfte selteneres, aber dann längeres Aussptnuen 
sweckmftssiger sein. Jedenfalls aber rnnssen die Arbeitspausen, dem Gange 
der Ermüdung entsprecbend, fortscbreitend wachsen, oder die Arbeit 
moss leichter werden. In einem Versuche mit halbstündigem Wechsel 
Kwiscben Arbeit und Ruhe genügte die Pause das erste mal, um die Er* 
müdiiiiGr fast vollstilndig zu beseitigen; in den folgenden Arbeitsab- 
scliiiitlen »auk die Leistung trotz gleichbleibender Pause /.nnachj«t um 5, 
dann um 15^* ,,. Die Kulie verliert also imiiit r mebr an Erholungswir- 
kung, vi'lh'icht so lange, bis die Leistuui,' durch ointaches Ausruhen 
überliaupt nicht mehr nennenswert verbessert wt'rden kann. 

Allerdings ist bei dieser Betrachtung die Wirkung der Krnuldung 
auf den Wert der Arbeit ganz ausser Anschlag geldiehen. Ourcli diese 
Küeksicbt kann unter Umständen das Einschieben einer Pause weit früher 
geboten werden, als im Minblicke auf die Arbeitsmenge. Es giebt auf 
geistigem wie auf körperlichem Gebiete Leistungen, die überhaupt nur 
im Zustande höchster Steigerung der Arbeitsfähigkeit möglich sind. Die 
wirklich schöpferische Tbätigkeit des Gelehrten und Künstlers, anderer- 
seits alle fein durchgebildeten Geschicklichkeiteleistungen, erfordern so 
ToUkommene Herrschaft über die geistigen oder körperlichen Kräfte, dass 
sie schon durch die ersten Spuren der Ermüdung empfindlich gestört 
werden. Hier wird daher nicht der Gewinn an Zeit, sondern an Güte 
der Arbeit für die Anordnung und Dauer der Arbeitspausen massgebend 
sein müssen. 

Da die vollstündige Beseitigung der Ermfldungswirkungen durch den 
Schlaf geschieht, so werden in Übereinstimmung mit dem alten Sprich- 
worte die ersten Stunden nach dem Schlafe als die beste Arbeitszeit 
angesehen werden tltirten. Dabei sind jedoch gewisse persönliche Ver- 
schiedenheiten zu beachten, die mit dem Verhalten des Schlafes in naher 
Heziehung stehen dürlten. Versucbe haben gezeigt, dass hei inanelien 
P*M <"ii('u der Sclihif sehr ItaM nach dein Kinschhifen seine grösstü Tiefe 
erreiclit, um dann gegen Morgen, langt* vor deni lirwachen, ganz ober- 
flächlich zu werden, l mgekehrt tritt bei Anderen die grösste Tiefe erst 
nach mehreren Stunden ein; sie pflegt sich hier bis zum Morgen ver- 
hältnismässig wenig zu vcrllachen. Diesen Beobachtungen entspricht 
die alltägliche Erfahrung, dass jene Personen, die abends bald müde 
werden und rasch einsclilafen, sich am iMorgen zumeist früh und in völ- 
liger geistiger Frische erbeben. Sie sind die Morgenarbeiter im Gegen- 
sätze zu der zweiten Gruppe, den Abendarbeitern, deren Hegsamkeit am 



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Znr Hyt^ene der Arbeit 



241 



Morgen zunächst durch Müdigkeit beeintrftchtigt wird, fis soll nicht 

geleugnet werden, dass die beiden aliraälilich ineinander übergehenden 
Gnii)i»en durcli besondere Lebensverhältiii^se erheblich beeinilufcst werden 
können : in der Huuptsac.lie aber dürfte es sich um angeborene Eigenart 
handeln, welche die Lebensgewobuheiten formt, anstatt ¥on ihnen be- 
stimmt zu werden. 

Durch diese Erfahrungen erleidet der Satz von dem Worte der 
Morgenstunde eine gewisse Einschränkung. Bei den Abendarbeitem er* 
schwort die erst ailmäblich schwindende Müdigkeit zunächst die höchste 
geistige Sammlung und Anspannung. Späterhin aber steigert sich die 
Leistungsfähigkeit, ein Zeichen dafür, dass wir es nicht mit wirklicher 
Ermüdung zu thun haben. Die Vormittagsstunden sind daher auch für 
sie in der Kegel eine fruchtbare Arbeitszeit; nur liegt der Höhepunkt 
bei ihnen später, als für die eigentlichen Morgenarbeiter. 

Die <:egen Mittag :sicli einstellende Steigerung der Ki uiudbarkcit mahnt 
zur Nahrung^au^llahme, durch die sie zum grössten Teile beseitigt wird. 
Nach dem Essen verführt die Müdigkeit häufig zum Schlafe. Versuche 
haben indessen gelehrt, dass dieser Schlaf unter Umstanden geradezu die 
Arbeitsfähigkeit herabsetzen kann. Persönliche Unterschiede, vielleicht 
auch die Gewöhnung, scheinen hier eine Holle zu spielen. Der Verdaunngs- 
thätigkeit ist jedoch Kube nach dem £ssen förderlich. Die nächsten 
Stunden bis zum Abend bringen eine neue Steigerung der ArbeitsMig* 
keit, namentlich für den Abendarbeiter, der hier oft die beste Leistmig 
aufzuweisen hat, während sich bei dem ausgeprägtoi Morgenarbeiter die 
Zeichen der Tagesermüdung schon zu zeigen beginnen. Nach dem Abend- 
essen findet sich dasselbe Verhalten wie nach der Mittagsmahlzdt, nur 
in schwächerer Ausbildung. Spiiterliiu werden die Zeichen wachsender 
Ermüdung immer deutlicher: nur bei sehr starker Neigung zur Abeud- 
arbeit beobachten wir noch eiu ueues Ansteigen der Arbeitsleistung. 

Wir kennen nicht daran zweifeln, dass die Neigung zur xVbendarhoit 
als eine Verschiebung der natürliehen Arbeitsbedingungen anzusehen ist. 
Im allgemeinen scheint die Leistungsluhigkeit der Morgonarbeiter eine 
grössere und gleichmässigere /n sein. Dafür spricht auch die durch Vei^ 
auche gefundene Thatsache, dass die Abkürzung des Schlafes Tom Morgen- 
arbeiter besser vertragen wird, als vom Abendarbeiter. Wer erst gegen 
Morgen seine grdsste Schlaftiefe erreicht« bietet bei frohem Aufstehen 
die deutlichen Zeichen der Ermüdung dar, Herabsetzung der Leistung 
und Verflachung der Oedankenverbindungen. Vom Standpunkte der Ge- 
sundheitspflege dürfte daher die Entwicklung der Morgenarbeit so viel 

NEUE UbIUbLU. JAUKUUECUEU VI. 16 



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E. Knepeliii 



wi6 möglich zu begfinstigen sein. Das gescliielit vor allem durch die 
8oige fir rasches ErreicheD der grössten Schlaftiefe. Freilich kennen 
wir die Mittel noch nicht, die uns diesem Ziele n&her bringen, aber wir 
wissen doch, dass die Tomefamlichste Bedingung fSr das Eintreten des 
Schlafes Tollkommene Seelenruhe ist Alle Einflösse, welche gemfitlieh 
erregend wirken, wftren daher Tor der Schlafenszeit xu vermeiden. Dahin 
gehören ausser gewissen Formen der Arbeit selbst gerftuschyolle Ver- 
gnügungen, grosse körperliche AnstrenguDgen, unzweckmtesiger Lesestoff. 
Namentlich das Lesen im Bette kuns Tor dem Einschlafen schallt eine 
künstliche Erregung, die mit Notwendigkeit Verzögerung der Schlaf- 
tiefe zur Folt^e haben muss. Auch späte und sehr reichliche Abendmahl- 
zeiten, ferner Mis^at Ilten der Ermüdungszeichen scheinen leicht eine 
Verflachung des Schlafes /.u liuwiiken. Allerdings wird im allgemeinen 
die abendliche Abkürzung des Schlafes von Abend- und Morgenarbeit^rn 
durch grössere Schlaftiefe ziemlich gut wied<)r ausgeglichen, aber nur 
dann, wenn keine Krre<.nine das rasche Einsclilafen verhindert. Eine solche 
Erregung stellt sich namentlicli leicht bei rberniüdung mit Scliwin'lon 
der Müdigkeit ein. Es ist daher ein folgenschwerer Fehler, die Stunde 
des Schlafengehens immer weiter hinauszuschieben, weil sich der Schlaf 
wegen Übermüdung nicht einstellen will. Im Gegenteil führt hier oft 
recht frühzeitige Nachtrulie, bisweilen auch das Einschieben eines Nach- 
mittag<^srhlafes zum Ziele, indem nun die natürliche Einleitung des 
ScUafes, die Müdigkeit, wiederkehrt, die so hioge durch die Erregung 
fem gehalten wurde. 

Die nahen Beziehungen der Arbeitsfthigkeit zur Nahrungsaufnahme 
weisen uns auf die Wichtigkeit einer zweckmässigen Verteilung 
der Mahlzeiten hin. Da die Nahrung die Ermfldbarkeifc herabsetzt, 
werden sehr ermüdbare Personen gut thun, in kfirzeren Pausen kleinere 
Mengen Nahrung zu sich zu nehmen. Auf diese Weise wird die un» 
günstige Wirkung sehr reichlicher Mahlzeiten vermieden und doch eine 
Förderung der Arbeitsleistung erreicht. Ferner arscheint es zweckmftssig, 
am Morgen bald Tor der Arbeit einen kräftigeren Imbiss zu nehmen. 
Wie uns Versuche gezeigt haben, wird dadurch die Leistungsfähigkeit 
nicht nur bei körperlicher, sondern auch bei geistiger Arbeit nachhaltig 
gesteigert. Gerade in dieser Beziehung dürfte die englische Sitte vor 
der unserigen den \ orzuij: verdienen. Dagegen möchte ich auf Grund 
der Versuchserfah runden die Verlegung der Hauptmahlzeit in die Mitto 
des Tages für vorteilhafter halten, als die Verschiebun«,' dei-i ll rn an 
das Ende der Arbeit, im letzteien Falle kommt die günstige »Spät- 



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Zur Ejifin» 4« Aiirait 



24a 



Wirkung der Mablsat unserer Arbat überhaupt nicht mehr zu Gute; 
zugleich ermöglicht die Trennung des Arbeitstages in zwei mehr ans- 
einanderliegende Abschnitte ein vollkommeneres Ansrnhen nach der 

MorgenleistuDg ; die Nachmittagsarbeit wird also in grösserer geistiger 
Friscli e d u reli gef ü h rt. 

Von der grössten Bedeutung für die Gestaltung der Arbeitsleistung 
ist ondlicli ohne Zweitel die Auafüllung der Ruhepausen, die 
Art der Krliolung. Nur dann wird die Arbut /um Vergnügen werden, 
wenn das Vergnügen niclit zur Arbeit wird. Wer seine Arbeitskraft zu 
ernsten Zwecken ausnutzen will, darf sie nicht in den Pausen vergeuden. 
So lange wir daher noch schwierigere Aufgaben zu lösen haben, müssen 
die Zeiten zwischen den Arbeitsabschnitten wirklicher Erholung gewidmet 
sein. Als solche ist in erster Linie die völlige geistige und körperliche 
Buhe anzusehen, dann aber auch gewisse leichte Beschäftigungen, welche 
wenigstens ann&bernd einen Ausgleich der Ermüdungswirkungen ermög- 
lichen. Dabin gehört das Lesen unterhaltenden Stoffes, einfache Spiele, 
behagliches Plaudern, ein kurzer Spaziergang u. dergL Sobald diese Be- 
schäftigungen erheblichere Anforderungen an unsore Leistungsfähigkeit 
stellen, können sie nicht nur das Schwinden der Ermüdung verhindern, 
sondern dieselbe geradezu stdgem, auch wenn wir uns selbst dessen 
zun&chst nicht bewusst werden. So waren wir nicht wenig erstaunt, als 
wir durch Messung entdeckten, dass ein zweistftndiger Spaziergang die 
geistige Leistungsfähigkeit in demselben Masse herabsetzte wie einstfin» 
diges Addieren. Wenn das höchste geleistet werden soll, lassen sich 
ernste Lektüre, anstrengendere künstlerische Genüsse, weite Wanderun- 
gen nur an den Schluss der Arbeit oder an solche Tage verlegen, an 
denen wir keine sonstigen Pflichten zu erfüllen liaben. 

Auch dann aber sollen sie keine Ermüdungswirkungen erzeugen, 
welfiie die Nacht überdauern. Diese fiefalir droht entweder bei zu an- 
strengender oder bei zu aufregender Beschäftigung. Im ersteren Falle 
genügt der Nachtsciihif niclit. um iiire Spuren zu verwischen; im letzteren 
wirkt er niclit rasch und tief genug. Wer mit voller Tiiatkraft das 
Spiel betreibt, sei es das königliche Schach, seien es Bewegungsspiele, 
sei es endlich der Sport des Iluderns, Schwimmens oder Kadfahrens, wird 
davon gewiss grossen Genuss, unter Umstünden auch wesentliche Vor- 
teile für seine Gesundheit haben. Nur darf er nicht glauben, dass er 
in solchen Besch&fbigungen Erholung von der Arbeit finden wird. Jede, 
auch die zweckloseste Th&tigkeit, kann zur Arbeit werden, sobald sie 
uns anstrengt und ermüdet. 

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£. Kraepilin 



Wir Wörden daher der Erholungsarbeit nur innerhalb ganz bestimm- 
ter Grenzen einen günstigen Etnilass auf unsere Leistungsfähigkeit zu- 
schreiben dürfen. Allein dieselbe bat noch ganz andere Zwecke im 
Hausbalte unseres Seelenlebens zu erfüllen, auch da« wo sie nicht be* 

rufen oi^eheint, die Emifldiing zu bekämpfen. Indem sie die KinfiHrmig- 
keit der Arbeit verwischt, erhält p'nMin.serc Arbeitsfreudis:keit. Jedu 
pleit'hartio^e Tl)äti};keit erzeugt Lei längerer Dauer ein »itlülil dr- IJber- 
diubises, iiikli weiHi sie an sich nifht besonders ermüdend wirkt. In den 
ArbeitswtM teil IX^st sich die Entwickliinij dieses Zustandes daran erkennet?, 
d:iss dur Arbeitsantriid» durch den Willen, wie er sieh in «:<'wi>sea 
von'iher^'t'henden Steigerungen litT T.eisttincf kundgieht. seltener und un- 
deutiieber wird. Freilich braucht bei einfacher Tiiätigkeit die Durch- 
schnittsleistung durch das Gefühl des Überdrusses nicht erheblich zu 
leiden, im Gegensätze zu den Wirkungen der Ermüdung; die Arbeits- 
lust kann bis zu einem gewissen Grade durch Pflichttreue ersetzt werden. 
Allein für die höheren und schwierigeren Arbeiten spielt die Freudig- 
keit, mit der wir bei dem Werke sind, doch unzweifelhaft eine wesent- 
liche Bolle, ja es giebt Aufgaben, die wir ohne den rechten Schwung 
überhaupt nicht zu VUsea TermOcbten. Diese Arbeitsstimmung aber 
bleibt auf die Dauer nur erhalten, wenn wir Abwechselung in unsere 
Thätigkeit bringen. Völlig einseitige Beschäftigung macht uns geistig 
unfrei und gedankenarm; sie führt zu einer Erstarrung und Verkfimme- 
rung unserer Persönlichkeit Wohl ermöglicht sie die höchste maschinen- 
mässige Vollendung der einzelnen Leistung, aber sie ertötet die selbst- 
ständige Fortentwicklung. 

Aus diesen Gründen darf die Beurteilung der Erholungsbeschäfti- 
gung nicht allein ihre l^rmüdungswirkung berücksichtigen; sie wird 
vielmehr auch die iiedeutung derselben für die Aiiriiischuug der Ar- 
beitsfreudigkeit, für die reichere Ausbildung der körperlichen, geistigen 
oder sittlichen Persönlichkeit ins Auffo m fassen haben. Wir werden 
auf Kunst und Spiel, auf kni-jicrlidie Ul>uii[:t'ii und gei.-tiu'cs ( leiiioscii 
neben der Berufsarbeit niemals verzichten k unnn. wenn wir vollent- 
Avickelte Menschen und nicht Arbeitsmaschinen heranziehen wollen, 
deren Wert nur in der Zahl nutzbarer Pferdekräfte liegt. Aber Jedes hat 
seine Zeit. Als unmittelbare Vorbereitung für die Arbeit taugt nur die 
Kuhe; wer das höchste leisten will, bedarf für sein AVerk der vollen 
Verfügung ülter seine gesamte Kraft. Dagegen ist für die dauernde Er- 
haltung der geistigen und körperlichen Frische die Nebenbeschäftigung, 
die Zerstreuung, das Vergnügen keine entbehrliche Zugabe, sondern un- 



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Zur iiygieuo dur Arbeit 



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erl&sdiebe Bedingung. Am meisten bedarf ihrer derjciiige, der unter 

der Last des Tagewerks am schwersten leidet, nnd dessen Arbeit am 
wenigsten geeignet i^st, ihm die eiiiebeiide Befriedigung schöpferischer 
Thätigkeit zu gewähren. 

Wenn somit unsere gesamte LelienstülininEr unter höherem Gesichts- 
punkte dem grossen Ziele der Krlialtuni; mid Förderung unserer Arbeits- 
kraft dienstbar wird, so kann uns diese Kücksicht auch die We^re weisen, 
die wir gehen müssen, wenn wir die Mitfjift der Natur getreu verwalten 
wollen. Allerdings hängt die Gestaltung der Lebensbedingungen nur zum 
kleinen Teile von dem Willen des Einzelnen ab. Die Ernähr ungs Ver- 
hältnisse, vielfach auch die Dauer der Erholung und des Sclilafes werden 
wesentlich von der wirtschaftliclien Lage des Arbeiters bestimmt. Hier 
bestehen innige Berührungen zwisclion der Hygiene der Arbeit und der 
soziaien Frage. Wollen wir die Arbeitsluraft unseres Volkes erhalten und 
vergrOssern, so dörfen wir keinen ßaubbau treiben. Nicht nur die Bibel, 
sondern schon die ein&chste Nfitzlichkeitsrecbnung weisen uns darauf 
hin, dass jeder Arbeiter seines Lohnes wert sein muss. Die Sorge för 
ausreichende Ernährung und Erholung des Arbeiters, för gesunde Woh- 
nungen und Verringerung der Arbeitsgefabren ist daher nicht nur eine 
sittliche Pflicht, sondern eine Massregel der Selbsterhaltung. Unsere 
Yolkskraft wftrde versinken in Not und Siechtum, wenn wir nicht die 
Bedingungen schaffen wollten, unter denen allein sie gedeihen und sich 
fortentwickeln kann. 

Aus dem (^deichen Gruiidü hüben wir dringenden Anlass, mit allen 
Mitteln den Kampf gegen einen der geftUiiliehateu Feinde unseres Volkes 
aufzunehmen, der in immer wachsendem Masse an unserem Marke zehrt, 
das ist der Missbrauch des Alkohols. Die Verlieeruiigon, welche 
die Wirkunc: ^md Nachwirkung dieses tücki^eheIl <iiltes in un!?erer Ar- 
beitskraft anrichtet, sollten genugsam bekannt sein. Gleichw*)lil wird 
der gewohnheitsmässige Genuss geistiger Getränke niclit nur geduldet, 
sondern von der Gesetzgebung wie von der öffentlichen Meinung liebevoll 
gepflegt. Vergebens sprechen Irren- und Idiotenanstalten, GefUngnisse 
und Zuchthäuser, Spitäler und Armenpflege ihre beredte Sprache; ver- 
gebens sehen wir alljährlich im deutschen Reiche 12000 Menschen im 
arbeitsrähigen Alter dem Alkoholsiechtume verfallen — die grosse Menge 
wie die gebildeten Kreise gehen achtlos an dem Abgrunde vorüber, der 
unberechenbare Summen von Wohlstand und Arbeitskraft verschlingt. 

Auch sonst müssen wir bekennen, dass unsere Lebensgewobnheiten 
in vielen Punkten noch recht weit davon entfernt sind, die Erhaltung 



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E.KrMpelln 



der Arbeitsfähigkeit zur Richtschnur zu nehmen. Die zanefamende Üppig- 
keit in unseren pers^inlichen Bedflrfnissen, die Jagd nach dem Erwerb, 
die künstliche Züchtung einer anstrengenden und nutzlosen Geselligkeit^ 
die Häufung gerftnschroller Vergnfignngen, das Nachtlehen — das altes 
sind Erscheinungen, welche die Kraft m ernster Arbeit untergraben und 
zahlreiche gute Ansätze zerstören, die bei rechter Pflege zur Frucht hätten 
heranreifen kOnnen. Strenge Selbstzucht ist hier unerlAssIich für alle 
Diejenigen, welche nicht an ihrem Besten Schaden leiden wollen, an der 
Fähigkeit, den grossen Aufgaben unseres Volkes zu dienen. Nicht beim 
üppigen .Maltie, nicht beim Becher, nicht auf JkiIUmi und prunkenden 
Festen werden die srrossen Schlachten des Geistes und der Tluitkraft ge- 
schlagen, sondern im stillen Arbeitsziuiraer und im rastlosen betriebe der 
Werkstatt. 

Darum mii?« es unsere vornehmste Sorsre sein, uns selbst und das 
herdinvüclix'iidd Geschlecht planniiissi;:- und geui?.<fnhaft zur Arbeit 
zu erziehen. Nur durch die Übung wachsen (ii»' Kiält»'; alle geistigen 
und körperlichen Gaben verkümmern, wenn wir sie nicht entwickeln und 
pHegen. Unendlich schier ist der Weg, der zum fernen Ziele führt und 
allzu kurz die Spanne Zeit, die uns das f^i liicksal gewährt. Jeder Still- 
stand in unserer Arbeit, der nicht durch die Uücksicht auf die Erhaltung 
der Arbeitsfähigkeit geboten ist, bedeutet einen unersetzlichen Verlust, 
da wir nur diejenigen Kräfte wirklich besitzen, welche wir uns in stetem 
Ringen von neuem erwerben. Schon in der Jugend muss diese Erziehung 
zur Arbeit beginnen, und sie muss beide Geschlechter in gleichem Masse 
darauf Torbereiten, dass wir beim Mahle des Lobens nicht bloss Gäste, 
sondern auch Wirte sind. So verschieden die Anldgen und Neigungen 
des Weibes von denen des Mannes sein, so weit ihre Bethätigungsgebiete 
auseinanderfallen mögen — dasRechtaufArbeit, auf die volle Ent- 
faltung ihrer Kräfte, haben beide. Bs ist daher eine kurzsichtige Ver- 
geudung kostbarer Volkskraft, wenn noch heute unsere sogenannten 
hüheit'ü .Staudt' ihre Töchter vielfach zu uiitVfiwillij^i'ni J )roliueiitum er- 
ziehen, wenn der Jugend I rix he Drai);^ nach Thätigkoit in dem hohlen 
Kinerlei geselliger Pflichttii, nichtii^vr 'J audt lcicu oder allenlaüs im kleinen 
Dienste des elierlichen Haushaltes erstickt wird. 

Meu«t'h «oin heilst Kämpfer, Arbeiter <*']n: kA^tlich wird unser 
Leben erst dann, wenn es Mühe und Arbeit gewesen ist. Darum soll 
schon das Spiel des Kindes seine Kräfte üben, seine Widerstandsfähigkeit 
steigern, seinen Willen entwickeln. Auch von der Schule werden wir 
fordern, dass sie die Jugend vor allem zur Arbeit tüchtig macht Hicht 



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Znr Hyitieiie der Arbeit 



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die EenntDisse siod der wertrollate Gewinn, den der Schüler ins Leben 
mit sieb nimnit, sondern die gefestigte und erprobte Arbeitskraft; 
sie bleibt ibm, wenn der mübsam erlernte Ged&ebtniakram Iftngst seiner 
Erinnerung entschwunden ist. Diejenige Schule wird daher den nach- 
haltigsten und segensreichsten Einfluss auf ihre Zöglinge ausüben, die am 
rücksichtslosesten Erweckung und Übung aller schlummernden Er&fte 
über die Anhäufung gelehrten Wissens stellt Freilich kann sie nur den 
Grund legen ; die erziehenden Mächte des Lebens haben auszubauen, was 
sie begonnen bat. Das augenfällige Bestreben unserer Zeit, überall an 
die Stelle der reinen Belehrung die Schulung?, die tiiätige Ausbildung der 
eigenen Leistungsfjlhi;^'k('il zu setzon. ist nur ein Zeichüu dafür, dass mit 
dem Wachsen der Anforderungen ;iuch die rechten Mittel gefunden werden, 
denselben zu genügen. Genuk' unter diesem Gesichtspunkte dürfen wir 
die militärische Erziehun«? als ein besonders wertvolles Hilfsmittel für 
die Kutwickhinf^ unserer Volkskraft l)etrachten. Sollte die riesige Fort- 
hildungsschule, die unser Heer darstellt, einmal nicht mehr zu unserer 
Sicherheit nötig sein — wir raüssten eine neue, ähnliche Einrichtung er- 
finden, um die gleiche Durchbildung der allgemeinen körperlichen und 
geisügen Leistungsfähigkeit zu erreichen. Tielleicht würde dann auch 
einmal das weibliche Geschlecht der Segnungen teilhaftig werden, welche 
die planmässige Übung im harten Dienste, unter straffer Zucht för das 
Können und Wollen in sich schliesst» 

Jetst tragen wir die schwere Rüstung der Kriegsbereitschafk. Aber 
auch im Medlichen Wettkampfe der Völker ist das Ringen ums Dasein 
ein erbittertes. Wer schwach ist, wird auch hier unterliegen. Nicht 
Pniver und Schwert allein bestimmen die Geschicke der Völker, sondern 
ebenso die emsige Forschung und die Werte schaffende Thatkraft. Ihr 
Wirken ist Tielleicht unscheinbarer, als die Grossthaten unsei'er Heere, 
aber sie einigen, was jene trennten; sie sind es, die erhalten, was durch 
Blut und Eisen gewonnen ward. Wir müssen auch auf diesem Felde 
Sieger bleiben, und wir werden es, wenn wir die Zeichen sorgfaltig be- 
acliten. Au» der Arbeit quillt der Jungbrunnen, der unsere Glieder 
stählt und unsereu Geist beflügelt. In sich selbst trägt sie das Heil- 
mittel für die Wunden, die sie schlägt; dem rechten Arbeiter wachsen 
die Kräfte, indem er sie wirken lässt. 



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